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November 07 2012

ARD Satire-Gipfel vom 05.11.2012: Neues vom toten Pferd

Satire im Ersten west dahin wie das tote Pferd an der deutsch-österreichischen Grenze in dem bekannten Gottschalk-Witz. Doch anders als die Grenzbeamten beider Nationalitäten scheuen sich beim Satire-Gipfel die Verantwortlichen auf beiden Seiten, den Kadaver mit einem wehmütigen „in memoriam Scheibenwischer“ endlich zu verscharren. Weder gelingt es dem bestallten Moderator, Dieter Nuhr, den einst zugkräftigen Gaul des politischen Kabaretts im Ersten zu reanimieren, noch macht die Programmdirektion Schluss mit der Schinderei.
Es blähen sich die Nüstern im Neid auf den Satire-Säuregrad und die analytische Sprungkraft von „Neues aus der Anstalt“. Mit Zweiten sieht man Satire nicht nur besser; man wiehert auch herzhafter. Von Karin Burger

Mit dem Vitalitätsgrad einer Pferdeleiche agiert Dieter Nuhr am seichten Strand der ARD-Abendunterhaltung: arrogant, satt, arriviert, FDP! Zu Schande geritten durch den Erfolg, dem ihm die Privatsender als Comedian verpasst haben. So verkommt im Öffentlich-Rechtlichen politisches Kabarett zur witzelnde Cavaletti-Arbeit anstelle eines Sprungs über einen satirischen Doppeloxer. Er sagt es selbst: „ […] geht mir am Arsch vorbei!“ Das merkt man dann auch: apolitische Gags über Hurrikan Sandy und das Ozonloch. Die Friedhofs-Assoziation (für gescheiterte Weltuntergangsphantasien) muss man einem toten Pferd wohl nur noch nachsehen.

Quotenstute

Was den Gaul der ARD-Satire unter wechselnden Etikettierungen so tot geritten hat, ist die komplette Abwesenheit des politischen Witzes und des zornigen satirischen Bisses in alles was faul ist im Staate Deutschland. Da tröstet auch die gelungene Performance von Gerburg Jahnke nur wenig. Apolitisch auch sie, wenngleich die unterhaltsame Beschreibung der Dynamik weiblichen Bindegewebes im Klimakterium vielleicht noch eine gewisse Bindungskraft für müde Hausfrauen entfaltet haben dürfte. Wenn das aber der Gipfel der ARD-Satire sein soll, dann möchte keiner ins Tal schauen müssen!

Auch im zweiten Moderationsblock leidet der Satire-Gipfel unter der bremsenden Kandare der schieren Witze-Stapelei Nuhrs, der über die Sprunghöhe eines Comedian nicht mehr hinaus kommt: von japanischen Forschern über die viel zu kurz getaktete Medienkritik hin zum Dobermann und zur argentinischen Ruderente. Nuhr ist nur noch doof.

Marc-Uwe Kling: politisch und atemberaubend

Die anspruchsvolle Last des politischen Kabaretts müssen die Nuhr-Gäste ganz alleine tragen. Bescheiden, leise, kraftvoll dabei Marc-Uwe Kling. Ein satirischer Parforceritt durch die schiere Umsortierung von Spruchweisheiten zu deren Emittenten: Merkel, Euro-Rettungsschirm, Standard & Poors, Afghanistan und ein Syrien-Diktum, dessen zutreffender Zynismus dem Zuschauer das Lachen in den Hals zurückstopfte; „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute: aus dem Abschlussbericht der UN-Beobachter in Syrien.“ Gipfel-Arbeit!

Max Uthoff: aktuelle Referenzen

Gute Zugarbeit auch von Gastgaul Max Uthoff, dem man sofort glauben würde, den Scheibenwischer noch selbst gesehen zu haben. Die eher außenpolitischen Orientierung Klings gleicht er mit dem innenpolitischen und bayernzentrierten Blick auf Seehofer, Söder, Dobrindt aus. Hier verdichten sich Gags zu roten Fäden, die immer wieder durchschimmern. Dynamik in der politischen Analyse und Kreativität in deren Darstellung kulminieren in dem herrlichen Spiel „Des traust di net“ des Seehofer-Umfelds. Der Zuschauer wird mitgerissen von der nicht digitalen Interaktion aus seinem Wissen: Der bayerische Ministerpräsident traut(e) es sich doch!

Andreas Rebers: artikulatorische Meisterleistung

Es gehört zu den ewigen Ungerechtigkeiten auf dem Pferdefriedhof der ARD-Satire, dass Rebers zwar fast in jedem Gipfel einen Auftritt hat, ihm aber nicht schon längst und verdient die Moderation übertragen wurde. Die Schmerzhaftigkeit seiner verlässlichen satirischen Huftritte ist so nachhaltig, dass ihm die apolitische Performance in diesem Satire-Gipfel auch nicht gegen den Strich striegeln kann. Dafür war die artikulatorische Meisterleistung, mit perfektionierten Sprachfehlern zu singen, zu beeindruckend.

Die Zuggäule leisteten also durchgehend ehrliche und den Anspruch des politischen Kabaretts streckenweise gut deckende Arbeit, die wie im Falle von Kling punktuell Schramm-Schärfe erreichte.
Aber auf dem Kutschbock kaspert Nuhr nur herum, der matte Satte, dem das alles, wir erinnern uns, am Arsch vorbeigeht. Dem Kind im Nuhr-Manne brennt nur noch an einer Stelle der Gaul durch, als er seine Bier-App vorführen darf. In vergleichbar mühsamen Runden wie beim Ponyreiten führt er sie wieder und wieder vor. Und er kann die Faszination an dieser Technik auch begründen: „Denken ist eine Wahrnehmungstäuschung.“
Das wäre dann die zutreffende Diagnose auf dem Totenschein des ARD-Satiregauls!

January 27 2011

Über den Niedergang von Satire, Kritik und Kabarett im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Klaus Ulrich Spiegel, NachDenkSeiten-Leser, Aktivist in Sachen Kultur und früher einmal in der Politik aktiv, hat uns auf die Entwicklung beim Satiregipfel aufmerksam gemacht und eine kurze Analyse der Entwicklung geschrieben. Interessant auch sein Hinweis auf die ungenierte Partnerschaft von öffentlich-rechtlichen Medien und den kommerziellen. Die öffentlich-rechtlichen als Steigbügelhalter des Kommerzes, würde ich sagen. (Unseren Beitrag zum letzten Satiregipfel finden Sie übrigens hier) Albrecht Müller.

KLAUS ULRICH SPIEGEL:
Ungeordnete Bemerkungen zur Programmtendenz in den Öffentlich-Rechtlichen

– am Beispiel „Kultur im Programm“ aus Anlass des sog. „Satiregipfels“

Kultur im Fernsehen, und als deren Nebenfeld: die TV-Satire: Vor langem waren das Lichtblicke im immer flacher werdenen Programm. Und heute ist sie in vollem Wandel zum nurmehr Unterhaltungs- und Seichtposten, also auf dem Weg ins weite Meer medialer Ärgernisse. Kultur war in den Öffentlich-Rechtlichen mal eine gesellschaftlich wirksame Bildungs- und Ermutigungsquelle – etwa als (um nur ein Beispiel zu nennen) allein im Bereich dramatische Literatur die Bevölkerung vor allem außerstädtischer Lebensbereiche mit Fernseh-Inszenierungen wichtiger Bühnenwerke „kulturiert“ wurde. Fernsehen nicht als endlose Talkquatschbude, sondern als vielfältige Anregung zu Aufklärung+Anspruch+Reflektion im Allgemeinen. Und öffentlich-rechtliches Fernsehen auch ein Mittel der Zugangsvermittlung und Verbreitung von Kultur, Kunst, Literatur, Musik, Diskurs, Aufklärung, Entzündung von Neugier und Impulsen.

Dazu zählten nicht zuletzt Satire, Kritik, Kabarett. Der Niedergang ist offenkundig. Seine Anfänge lassen sich recht genau datieren auf die Einführung der privaten Kommerz-Sender. Der kritische Medienbeobachter von heute braucht kaum weiterführende Darlegungen – weder dazu noch zu anderen inzwischen untergegangenen Formen einer TV+Radio-Kultur mit Informations-, Ermutigungs- und Bildungs-Auftrag/-Anspruch.

Es gibt ja durchaus noch Kultur im TV, und darauf verweisen die Verantwortlichen in jeder Debatte: die Literatur- und Kulturmagazine wie etwa „Lesezeichen“, „aspekte“, „ttt“, „druckfrisch“ etc. Die haben ihre Nischen, aber durchwegs erst gegen Mitternacht, zumeist auf 30-40 Minuten begrenzt, wenn nicht ohnehin in die Regional- oder Nachtprogramme verwiesen (wie “kulturzeit”, ein leider rechtslastiges, aber immerhin werktägliches 3sat-Magazin). Dagegen und davon überlagert steht aber längst der immer irrsinniger werdende Wahn, die marktbeherrschenden Privaten, vor allem RTL und SAT1, nachzuahmen, im Quotenrennen mitzulaufen – und so die Teller zu zerschlagen, von denen man auf lange Sicht noch speisen müsste, wenn man ans eigene Daseinsberechtigtsein dächte.

Diese Haltung und ihre Umsetzung – bestätigt soeben in einem nichts als taktisch-opportunistischen Interview der WDR-Intendantin als ARD-Vorsitzende in der Süddeutschen Zeitung – enthüllt sich in besonders abstoßender Weise in Person von Anpassern und Mittelmaß-Repräsentanten wie (unter vielen) etwa Herres und Baumann: Meine Güte, was für ein Personal gelangt auf solche wichtigen, einflussstarken, maßsetzenden Posten! In deren Folge Intendantenbesetzungen mit Parteigängern, demonstrativ auffindbar etwa im BR und HR, dazu Chefredakteure vom Zuschnitt Gottlieb. Und inhaltlich in zwei erschreckende Trends:

  1. Im Programm ausgedrückte Kooperation mit der Profitwirtschaft.
    Allüberall, doch am Offensichtlichsten mit den Medienriesen. In der ARD: Burda und Bertelsmann. Zum Beispiel mit der in mehreren Terminen abendfüllend und abfotografierten Bambi-Verleihung, das Burda-Logo stundenlang auf dem Bildschirm, Hubert Burda + Gattin (ihrerseits Tatort-Kommissarin) und das Paar Riekel-Markwort. Vorläufig noch (!) nicht ganz so aufdringlich Bertelsmann mit Zulieferungen von Sendematerial, Konzepten, “Formaten”, neuerdings ganz demonstrativ auch Personen. Im ZDF die Benefiz-Show “Ein Herz für Kinder”, mit Medienprominenz bis ins britische Königshaus überladen – eine Werbeveranstaltung für BILD und die sonstige Springer-Macht, dazu GiGi- und Neureich-Typen wie Maschmeier mit Groupies. In steter Folge Millionenshows zur Feier des Großkapitals und ihrer Käuflinge, gefüllt mit Firmen-PR per Party-Wohltätigkeit oder Preisverleihungen wie etwa Springers „Goldener Kamera“. Dazu immer neue so überflüssige wie zumeist peinliche “Entertainment”-Shows, “Event”-Quize, Hit-Präsentationen, voll mit “Prominenten” nicht zuletzt aus der Blödel-Comedy – und offenbar ohne alle Geschmacks-, Anstands- oder Selbstachtungsgrenzen: mit Personal aus den Kommerzsendern. ARD+ZDF als Verbreiter der Profit-Programme! Mittlerweile bilden sie ein nahezu flächendeckendes Mosaik.
  2. Ungenierte Partnerschaft mit Repräsentanzen des Kommerz-TV.
    Beispiele: Die Selbstpreisgabe und Selbstauslieferung an den Kirch-Sender PRO7 im “Neukonzept” des (ohnehin sinnfreien) Song-Contest “Grand-Prix de la Chanson” mit der Schöpfung einer deutschen Tralala-Biene, vor allem aber der Integration des dümmlich-frechen Kommerz-Moderators und Privatsender-Machthabers Stefan Raab als Programm-Macher der ARD. Oder, noch skandalöser, das Engagement des Quizmasters Jauch als angeblicher “Doyen des deutschen TV-Politikjournalismus” ins Prime-Program der ARD. Dies für unverantwortlich schamlose Gebührenmillionen und dazu noch Produktionsverträge mit dessen privat-eigenen Sub-Unternehmen – und dies bei weiterdauernder Top-Position des (in seiner drögen Provinzialität m.E. ohnehin unerklärlich hochgejubelten) Moderators als Star-Quizer bei Bertelsmanns RTL. Und das bedeutet: Ein langfristig substanzzerstörendes Go-In des Bertelsmann-Konzerns übers “Erste” in den Verbund der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten.

Ein empörter Nachdenkseiten-Leser hat dazu unlängst einen so berechtigten wie fruchtlosen Briefwechsel mit der ARD-Programmdirektion auf die Nachdenkseiten stellen können. Seine Argumente, von Zorn getränkt, kann man inhaltlich nur unterstreichen.

Diese Vorgänge verkörpern eine Tendenz, die längst zum Trend geworden ist. Wenn man sie auf die seit langem herrschende Veränderung des Gesamtprogramms bezieht, so etwa: in den Primetimes immer dümmer, immer primitiver, niedriger, erbärmlicher, niveuloser und meist ohne Zeitlimit sich ausbreitende Massen-”Formate”, registriert man eine erscheckende Abkehr vom Sinn, Auftrag und Konzept des Fernsehens in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft. Diese gekennzeichnet durch Sendeformen von Quiz bis Stadl, Zeit-Kürzungen der Politik-Magazine um ein Drittel, Inflation der sog. Talkshows = Bequatschereien des Immergleichen und der Vielfach-Verwurstung jeweiliger „Aktualitäten“ durch die immergleichen Dumm- und/oder Frechschwätzer (Henkel, Baring, Sinn, Jordan, Broder, Matussek & die ganze Neoliberal- wie auch Wendegewinner-Lobby, mit ein paar Minderheits-Alibis), rechtslastige Dokumentationen (à la “Die Akte Gysi”), nicht endende Schicksals-Schnulzenfabrikation und Denunziations-„Reports“ zum Dauerstoff DDR-SED-Stasi: Dann unterscheiden sich bereits heute weite Teile des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (im Rundfunk sieht es etwas besser aus – Minderheitenprogramme längst) kaum noch von der Springer- + Bauer- + Burda-Presse.

Im Ganzen: Eine ständige Verletzung des gesetzlichen Auftrags der Öffentlich-Rechtlichen.

Dazu nun auch die Sparte Politisches Kabarett: In den hier beschriebenen Programmveränderungen scheint es mir kein Zufall, wenn der (m.E. unverständlich überschätzte) Kreischkasper Richling, auch er ein substanzarmer, lärmender Linkenverächter, im übrigen bloßer Perücken+Kleider-Clown, den ein Urban Priol mithilfe weniger Stimm-Umfärbungen als Parodist deklassiert (nicht zu reden von den politischen Aufklärern Schramm und Pispers) den Hildebrandtschen “Scheibenwischer” unter dem grotesk anspruchsverfehlenden Titel “Satiregipfel” zur Comedy-Klamotte herunterwirtschaften konnte – um ihm nun an einen RTL+SAT1-Comedian der zynisch-denunzierenden, also rechtsgelagerten Sorte übergeben zu dürfen. Bemerkenswert, dass dieser Herr Nuhr, genau wie Jauch mit ganzen Auftritts-Serien in den Privatsendern weitermachen kann. Auch hier also klare Vorzeichen einer weiter eskalierenden Abwärts-Entwicklung bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Eine Flut von Eindrücken – und doch nur eine begrenzte Belegsammlung zu Zustand und Tendenz im Öffentlich-Rechtlichen, somit nur ein Ausschnitt des Gesamtgeschehens. Vielleicht zeigen sie aber eine Richtung auf, in der fundierte Kritik + Analyse anzusetzen hätten. Auf Abhilfe, Gegentrends, Hilfe mag man ohnehin kaum hoffen.

Tags: Satiregipfel

January 21 2011

In Deutschland ein beschönigender Satiregipfel, in Frankreich Hessels „Empört euch“

In letzter Zeit wird Frankreich des Öfteren mit Deutschland verglichen – dort die aufmüpfige Stimmung und das Engagement der Bürger, hier bei uns verschlafene Trägheit. Diesem Schema neige ich normalerweise nicht zu, weil ich in der Nähe des Elsass wohne und durch eigene Anschauung und von Freunden die politische Trägheit dieses Teils Frankreichs kenne. Aber gestern sah ich den „Satiregipfel“ mit dem neuen Moderator Nuhr und seinen Gästen; zur geistig-moralischen Erholung las ich dann Auszüge aus Stéphane Hessels Schrift „Empört euch!“ bei FAZ.Net. Welch ein gewaltiger Unterschied! Albrecht Müller.

Hierzulande verkommt eine früher einmal „Scheibenwischer“ genannte und von Dieter Hildebrandt geprägte Kabarettsendung zu einem dümmlichen Produkt von Spindoktoren der herrschenden Kreise in Politik und Wirtschaft. Dort in Frankreich gewinnt die Schrift eines politisch und für Humanität und Gerechtigkeit engagierten Aufklärers eine große Aufmerksamkeit. Es lohnt sich, beides nacheinander anzuschauen und zu lesen, wenn Sie am Wochenende ein bisschen Zeit haben. (Bisher ist allerdings der Satiregipfel als Video noch nicht abrufbar; vermutlich aber bald. Hier die Vorschau.)

Einige Anmerkungen zum Satiregipfel mit Nuhr:

Es war die erste Sendung mit Dieter Nuhr als Moderator und Nachfolger von Richling. Sie war angefüllt mit unglaublich flachem Zeug.

Die Sendung ist offensichtlich eingebunden in den beginnenden Landtags- und Bundestagswahlkampf. Dieter Nuhr und Gäste hielten sich in weiten Teilen der Sendung an das, was an Botschaften im Dienste der Schwarz-gelben Regierung und der dahinter steckenden Finanz- und Wirtschaftsinteressen vermittelt werden soll:

  • Grundtenor: Es geht uns wunderbar. Nuhr findet es blöd, sich zu empören und säuselt einem stattdessen den neoliberalen Blödsinn ins Ohr. Beispiel: “… Deutschland geht es gut, so gut wie lange nicht mehr; alle beneiden uns, die ganze Welt, aber wir meckern und laufen mit hängenden Schultern und Mundwinkeln durchs Leben….” Großes Gelächter.
    Es ist bemerkenswert, dass diese derzeitige Hauptbotschaft von Schwarz-gelb jetzt auch zentraler Inhalt einer angeblichen Satiresendung geworden ist und vermutlich weiter sein wird. Auf der Basis permanenter Penetration dieser Botschaft werden sich die Umfragewerte von Schwarz-gelb verbessern.
  • Nuhr polemisiert gegen den Sozialstaat. Jeder Dritte Euro werde für Soziales ausgegeben. Das ist die übliche, manipulierende Rechnung der Sozialstaatsgegner. Sie rechnen die Sozialversicherungsleistungen und -beiträge zu den sozialen Transferleistungen.
  • Er polemisiert gegen öffentliche Verantwortung.: “… manche (!!!) Mitbürger meinen, der Staat muss her. Klar, der kann es ja auch viel besser, vor allem bei den Banken …”
  • Er unterstützt in diesem Kontext die von Ackermann und Co. zu ihrer eigenen Entlastung gestreute Parole, wonach die Landesbanken quasi die Hauptverantwortlichen für die Finanzkrise sind und am meisten Geld versenkt haben.
  • Nicht fehlen durften auch in dieser Sendung Elemente der Dauerkampagne gegen die Linken, insbesondere die Linkspartei und den Kommunismus. 80-100 Mio. Tote habe der Kommunismus auf dem Gewissen. – AM: Man kann das schlecht nachzählen, aber man wird davon ausgehen können, dass zum Beispiel die 20 Millionen toten Russen des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs großzügig eingerichtet worden sind. Allein schon die Tatsache, dass in einer Kabarettsendung solche Zahlen eingeführt werden, ist bemerkenswert. – Dass sogar im Satiregipfel nun die Antikommunismus-Debatte wie in den fünfziger Jahren wieder belebt wird, ist ein Beleg dafür, dass man uns das allen ernstes in den nächsten Wahlkämpfen zumuten wird. Ein Rückfall in die fünfziger, das hätte ich mir auch in schlimmen Träumen nicht ausmalen können.

Fazit eines NachDenkSeiten-Lesers: Der Satire-Gipfel ist zu einem reaktionären Propagandainstrument verkommen. –

Ich kann dem nicht widersprechen. Wirklich bemerkenswert ist die Gleichschaltung mit den erkennbaren Wahlkampfthemen und Parolen von Schwarz-gelb. Dass die ARD das mit sich machen lässt, liegt auf der Linie der Anpassung an die Methoden der kommerziellen Sender, und es zeigt, wie sehr auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender inzwischen mehrheitlich von konservativem und rechtem Gedankengut durchdrungen sind. Erstaunlich ist in diesem Kontext, dass die verantwortlichen Sender – der WDR und RBB – in sozialdemokratisch regierten Ländern liegen. Daran kann man sehen, dass die Sender inzwischen wirklich staatsfern sind, soweit ein eher fortschrittlicher Einfluss betroffen sein könnte. Man kann weiter sehen, dass von Rotfunk wirklich keine Rede sein kann.

Einige Anmerkungen zu Stéphane Hessels Schrift „Empört euch!“

Zunächst nur einige der wichtigen Aussagen. Sie sind zentral anders als die Parolen im Satiregipfel:

  • „Wir alle müssen darüber wachen, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft bleibt, auf die wir stolz sein können“. Er empört sich, dass in seinem Land die soziale Rente infrage gestellt wird, dass Misstrauen gegen Immigranten gesät wird, dass sich die Medien in den Händen der Reichen befinden, dass das gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften der Resistance auf dem Spiel steht.
  • „Man wagt uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungenschaften nicht mehr tragen.“ Hessels verweist mit Recht darauf, dass unsere Produktivkräfte beträchtlich gewachsen sind, seit Europa in Trümmern lag. Er verweist darauf, dass im Unterschied zu damals die Macht des Geldes gewachsen sei, „anmaßend und egoistisch“. Bis in die höchsten Ränge des Staates hinein verfüge sie „über eigene Diener“. – Das ist ein deutlicher Hinweis auf die politische Korruption. In den NachDenkSeiten sprechen wir davon, die Politik sei in den Fängen der Finanzindustrie.
  • „Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Geistesleben und die ganze Gesellschaft dürfen nicht abdanken und sich von der Diktatur der internationalen Finanzmärkte beeindrucken lassen, die den Frieden und die Demokratie bedrohen.“
  • „Gleichgültigkeit ist die schlimmste Einstellung“. Das wäre ein treffender Kommentar zum Satiregipfel. Dessen Hauptziel ist offenbar die Verbreitung von Gleichgültigkeit gegenüber den sozialen Verhältnissen in Deutschland. Hessels stattdessen macht sich Gedanken darüber, dass die Gründe für Empörung heute nicht mehr so deutlich zu erkennen seien. Er wünscht jedem einzelnen ein eigenes Empörungsmotiv. –

    AM: Das klingt etwas seltsam, wird aber verständlicher, wenn man die Sorge Hessels, junge Menschen könnten die Fähigkeit zur Empörung und zum Engagement verlieren, ein bisschen übersetzt und auf hiesige Verhältnisse im Ablauf der letzten 60 Jahre überträgt. Es bedurfte auch bei uns immer wieder verschiedener Ereignisse, um daran politisches Engagement und politische Sozialisation und Interesse anknüpfen zu können. Das war der Zustand unserer Hochschulen in den sechziger Jahren, das war die verkrustete Politik Adenauers, das war die Ost-West-Konfrontation und der Vietnamkrieg und die Umweltzerstörung und die gedankenlose Nutzung der Kernenergie. Hessels: „Den jungen Leuten sage ich: schaut euch um, dann werdet ihr die Themen finden, die eure Empörung rechtfertigen … Ihr werdet auf Situationen stoßen, die euch drängen, euch gemeinsam mit anderen zu engagieren. Wenn Ihr sucht, werdet ihr finden.

  • „Die Zukunft gehört der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der unterschiedlichen Kulturen. Das ist der nächste Schritt, den die Menschheit wird tun müssen.“ Man dürfe nicht zulassen, dass sich allzu viel Hass aufstaut.
  • Hessels zitiert aus einer Erklärung von 2004 zum 60. Jahrestag des Programms des Nationalen Widerstandsrates: „Der Nazismus ist besiegt worden dank der Opfer unserer Brüder und Schwestern aus der Resistance und der im Kampf gegen die faschistische Barbarei verbündeten Nationen. Doch die Gefahr ist nicht vollständig verschwunden, und unser Zorn auf die Ungerechtigkeiten ist immer noch da.“ Er ergänzt: „Nein, die Gefahr ist nicht vollständig verschwunden und auch weiterhin rufen wir auf zu einem friedlichen Aufstand gegen die Massenmedien, die unserer Jugend keine anderen Ziele anbieten als Massenkonsum, Verachtung für die Schwächeren und für die Kultur, eine allgemeine Amnesie und eine maßlose Konkurrenz aller gegen alle“.

Amnesie kann man mit Wahrnehmungsstörung übersetzen. Das trifft so übersetzt genau auf den Macher des Satiregipfels Dieter Nuhr und seine Partner zu. Sie nehmen die Wirklichkeit unserer Gesellschaft nicht mehr wahr und machen stattdessen in guter Stimmung – entweder entsprechend den Wünschen ihrer Auftraggeber oder entsprechend der eigenen Disposition. Gut, dass es in Frankreich einen alten Mann gibt, der geistig um mehrere Dimensionen jünger ist als diese Sorte von deutschen „Satirikern“.

Tags: Satiregipfel
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