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November 20 2013

Hans-Werner Sinns Propaganda zum Rentensystem

Für die BILD-Zeitung ist Hans-Werner Sinn „Deutschlands klügster Professor“ und das FAZ-Ökonomenranking bescheinigt dem ifo-Chef den ersten Platz bei der medialen Resonanz. Dieser Spitzenplatz ist hart erkämpft. Auch wenn Sinn von seinen internationalen Kollegen bestenfalls belächelt wird, beherrscht er doch die Klaviatur der Meinungsmache perfekt. Hans-Werner Sinn entwirft mit Vorliebe düstere Untergangsszenarien, die sich nur durch größtmöglich radikale Reformen abwenden lassen. In diese Kategorie passt auch Sinns jüngster Vorschlag zur Reform des Rentensystems: Nur wer drei Kinder oder mehr in die Welt gesetzt hat, soll demnach noch die volle Rente bekommen. Alle Anderen sollen nur noch eine gesetzliche Minirente bekommen und zwangsweise dazu verdonnert werden, die Lücke durch eine Riesterrente auszugleichen. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Rentenkürzungen für mehr als 80% der Bevölkerung

Ginge es nach Hans-Werner Sinn, würden künftig nur noch Menschen, die drei oder mehr Kinder in die Welt gesetzt haben, Anspruch auf die volle gesetzliche Rente haben. Kinderlose Haushalte hätten nach Sinns Vorschlägen de facto nur noch den Anspruch auf die halbe Rente. Zusammen mit den Ein- und Zweikinder-Haushalten sollen sie vom Staat zwangsweise dazu verpflichtet werden, sechs bis acht Prozent ihres Lohns in eine Riesterrente einzuzahlen. In der wundersamen Welt des Hans-Werner Sinn soll dieser Anteil genügen, um die von ihm prognostizierte Lücke zur vollen gesetzlichen Rente auszugleichen. Alleine diese viel zu optimistische Milchmädchenrechnung wäre schon Anlass genug, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen.

Es ist relativ komplex, die Auswirkungen einer solchen Reform umfassend zu beziffern. Bei den heute 30-34-jährigen Frauen liegt der Anteil mit drei oder mehr Kindern bei 4,6% (Ost) bzw. 8,5% (West). Da Frauen dieser Altersgruppe jedoch ihre Kinderzahl noch erhöhen können, ist davon auszugehen, dass der Anteil noch leicht ansteigt. Bei den 50-54-jährigen Frauen, bei denen aus biologischen Gründen die Kinderzahl stagniert, liegt der Anteil bei 15,1% (Ost) bzw. 18,8% (West). Mit anderen Worten: Nach Hans-Werner Sinns Vorstellungen müssten mehr als 81% der künftigen Rentner mit massiven Abstrichen rechnen und daher gesetzlich in eine Riesterrente getrieben werden, von der unter dem Strich nur die Versicherungsgesellschaften profitieren.

Sinns böses Spiel mit den „Steuerzuschüssen“

Da stellt sich natürlich die Frage, wie Hans-Werner Sinn überhaupt auf einen Maximalabschlag in Höhe von 50% des Rentenanspruchs kommt, den er kinderlosen Haushalten wegnehmen will. Hier äußert sich Sinn – wie meist – kryptisch und wenig überzeugend. Neben einem „Einfrieren“ des jetzigen Beitragssatzes schlägt Hans-Werner Sinn noch ein „Einfrieren“ des prozentualen Steuerzuschusses in das Rentensystem vor. An dieser Stelle wird es interessant. Um Sinns Propaganda zu durchschauen, muss man zunächst einmal klarstellen, was diese Steuerzuschüsse überhaupt sind.
Seit es die Rentenversicherung des Bundes gibt, muss sie auch versicherungsfremde, also nicht beitragsgedeckte, Leistungen übernehmen. Der Katalog dieser Leistungen ist lang und reicht von Ersatzzeiten (z.B. Wehrdienst), Anrechnungszeiten (z.B. bei Krankheit oder Schwangerschaft), Kriegsfolgelasten und Frührenten bis hin zur Witwenrente. Für alle diese Leistungen gibt es einen guten politischen Grund, sie sind Bestandteil des Sozialstaats. Allen diesen Leistungen stehen jedoch keine Beiträge der Rentenversicherten gegenüber. Aus diesem Grund sollen diese Leistungen auch über den sogenannten Bundeszuschuss aus dem Steuertopf getragen werden. Verschiedene Untersuchungen ergaben jedoch, dass die Summe der Bundeszuschüsse konstant weit unter den tatsächlich erbrachten versicherungsfremden Leistungen liegt. Bezogen auf die Rentenversicherung ergab beispielsweise eine DIW-Studie [PDF - 528 KB] aus dem Jahre 2005 einen Fehlbetrag von 39,2 Milliarden Euro. Das DIW beziffert die zusätzliche Belastung der gesamten Sozialsysteme durch nicht aus Steuermitteln ausgeglichene versicherungsfremde Leistungen auf neun Beitragspunkte – bei der paritätischen Finanzierung der Sozialsysteme könnten also sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber Bruttolohnanteile von jeweils 4,5% einsparen, wenn die versicherungsfremden Leistungen ordnungsgemäß über die Steuern finanziert würden.

Ginge es nach Hans-Werner Sinn, soll also die Rente künftig um 50% sinken, wenn der Staat den heutigen prozentualen Anteil der Steuerzuschüsse einfriert. Dies impliziert, dass in Zukunft wesentlich höhere Steuerzuschüsse anfallen müssten. Diese Prognose ist – vorsichtig ausgedrückt – mutig. Zunächst einmal sollte man sich die Frage stellen, ob der Anteil der versicherungsfremden Leistungen in Zukunft überhaupt steigt. Und schon hier sind Zweifel angebracht. Durch den Wegfall der Wehrpflicht und die biologische Reduzierung der Kriegsfolgelasten und Witwenrenten ist hier mittel- bis langfristig – ganz im Gegenteil – sogar eine Entspannung der Lage zu erwarten. Sinns Horrorszenario von der „halben Rente“ für Kinderlose entbehrt also jeglicher Grundlage.

Horrorszenarien aus dem konservativen Wolkenkuckucksheim

Wenn man Hans-Werner Sinn für einen Ökonomen hält, müsste man sich spätestens an dieser Stelle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch auch wenn seine Horrorszenarien samt der Reformvorschläge stets ein größtmögliches Fremdschämpotential haben, wirken sie in der öffentlichen Debatte. Was bleibt beim unbedarften Leser bei Sinns Rentenreformvorschlag hängen?

  1. Der demografische Wandel führt dazu, dass die Rente unbezahlbar wird, wenn nicht jeder Haushalt mindestens drei Kinder in die Welt setzt.

Diese Debatte ist – wenn auch in anderer Form – abgestandener Kaffee. Früher hatte die „deutsche Frau“ die gesellschaftliche Pflicht, dem Kaiser oder später dem Führer möglichst viele Kinder zu schenken, so dass der Nachschub an Kanonenfutter nie ausgeht. In konservativen Kreisen hält sich bis heute hartnäckig die Vorstellung, dass „die Deutschen“ aussterben könnten, wenn die Geburtenraten nicht schon bald kräftig ansteigen. Hierbei spielt auch die konservative Urangst vor einer Überfremdung eine gewichtige Rolle. Auch Hans-Werner Sinn geht es um nichts weniger als um die „Zukunft der Deutschen“ und nicht um die Zukunft Deutschlands. Selbst wenn man es als Problem sehen sollte, dass eines der am dichtesten bevölkerten Länder der Welt wieder ein „Volk mit Raum“ werden könnte, so ließe sich dies mit einer intelligenten Einwanderungspolitik ausgleichen. Davon wollen Konservative jedoch nichts wissen. Dem Rentner ist es jedoch egal, ob die Beiträge der Rentenversicherung nun vom jungen Paul oder von Aischa und Wladimir getragen werden.

Hier wird das komplett überschätze Problem des demografischen Wandels in den Dienst erzkonservativer familienpolitischer Vorstellungen gedrängt. In weniger als der Hälfte [PDF - 1.1 MB] aller Familien, die drei oder mehr Kinder haben, ist auch die Mutter berufstätig. Die Frau, die daheim am Herde scharenweise blonde Kinder versorgt, mag ein Lebensentwurf von vielen sein –zeitgemäß ist dies jedoch nicht.

  1. Die Steuerzuschüsse steigen so stark, dass künftig ein Großteil der gesetzlichen Rente aus Steuermitteln bezahlt werden muss.

Schon heute decken die Steuerzuschüsse den Anteil der versicherungsfremden Leistungen nicht. Das geschieht natürlich vor allem vor dem Hintergrund, die gesetzliche Rente schlechter zu machen, als sie eigentlich ist. Vordergründig könnte man natürlich sagen, dass es schlussendlich doch egal ist, aus welchem Topf diese Leistungen bezahlt werden. Das ist jedoch falsch, da die Finanzierung aus Steuermitteln auf einer wesentlich breiteren Basis steht, als die Finanzierung aus den Sozialkassen. In die gesetzliche Rentenversicherung zahlen beispielsweise weder Beamte noch Selbstständige, die nicht freiwillig versichert sind, ein. Ferner gilt hier die sogenannte Beitragsbemessungsgrenze – Einkommen oberhalb von 5.800 Euro brutto (West) werden für die Rentenversicherung nicht mehr herangezogen.

Die Finanzierung sozialpolitischer Leistungen ist jedoch Aufgabe der Allgemeinheit und nicht nur der sozialpflichtig versicherten Arbeitnehmer. Wenn die Politik das Problem ernst nehmen würde, könnte sie beispielsweise die Rentenversicherungsbeiträge senken und im Gegenzug die Bundeszuschüsse um den Differenzbetrag erhöhen. Um dies zu finanzieren, könnte beispielsweise die Einkommenssteuer erhöht werden, was in toto den sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern zugute käme. Hans-Werner Sinn würde dies natürlich kategorisch ablehnen. Stattdessen entwirft er lieber – ohne jegliche ernstzunehmende Grundlage – ein Horrorszenario, um die Steuerzuschüsse zwischen den Zeilen als etwas ganz anderes darzustellen, als sie eigentlich sind: als Deckung einer Differenz zwischen den eingezahlten und ausgezahlten Versicherungsleistungen der gesetzlichen Rentenversicherung. Wenn man die Steuerzuschüsse – bar jeder Grundlage – derart missinterpretiert und dann auch noch ein komplett realitätsfernes demographisches Szenario anlegt, muss man natürlich zu dem Fehlschluss kommen, dass die Steuerzuschüsse in Zukunft förmlich explodieren. Hans-Werner Sinn ist zwar ganz sicher nicht „Deutschlands klügster Professor“, aber so dumm ist er auch nicht. Schlussendlich geht es ihm bei seiner unsäglichen Propaganda vor allem um den dritten Punkt:

  1. Die Riesterrente ist eine attraktive Alternative zur gesetzlichen Rentenversicherung, mit der sich kommende „Rentenschocks“ ausgleichen lassen.

Genau dies ist die Riesterrente eben nicht, wie wir bereits in zahlreichen Artikeln dargelegt haben. Die Riesterrente war bereits seit ihrer Einführung eine verkappte Rentenkürzung zum Wohle der Versicherungs- und Bankenbranche. Seit in Folge der Finanzkrise die Zinsen massiv gesunken sind, ist der Teil der Riesterrente jedoch auch für die Anbieter zu einem Problemkind geworden. Sinns – zum Glück – realitätsferne Forderung, die Riesterrente für einen Teil der Bevölkerung zu einer Pflichtversicherung zu machen, wäre das wohl beste Konjunkturprogramm, das sich die Versicherungswirtschaft wünschen könnte. Aber auch darum geht es dem Münchner Professor wohl nicht. Ihm geht es vielmehr darum, die Riesterrente als positiven Kern eines Horrorszenarios einzubetten und so populistische PR-Arbeit im Sinne der Finanzbranche zu betreiben.

Genau dies ist die eigentliche Stärke von Hans-Werner Sinn. Er ist und bleibt ein Populist, dessen Botschaften von den Medien liebend gerne weiterverbreitet werden. Nicht weil sie so „schlau“ oder wissenschaftlich bahnbrechend wären – ganz im Gegenteil. Sinn wird geliebt, weil er gekonnt an die niederen Instinkte appelliert. Seine Äußerungen sind streng genommen anti-wissenschaftlich. Stets schwingt ein wenig Weltuntergangspathos mit, stets präsentiert er einfache und im wahrsten Sinne des Wortes radikale Reformen, mit denen der Weltuntergang gerade noch einmal abgewendet werden könne. Mit Ökonomie hat das Ganze freilich nicht sonderlich viel zu tun. Früher nannte man so etwas Propaganda.

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August 27 2013

The Best Map Ever Made of America's Racial Segregation

The Best Map Ever Made of America’s Racial Segregation
http://www.wired.com/design/2013/08/how-segregated-is-your-city-this-eye-opening-map-shows-you
Wired hyper enthousiaste pour ces cartes
http://www.wired.com/design/2013/08/how-segregated-is-your-city-this-eye-opening-map-shows-you/?viewall=true

Drawing from the 2010 Census, it shows one dot per person. White people are shown with blue dots; African-Americans with green; Asians with red; and Latinos with orange, with all other race categories from the Census represented by brown. Here: Atlanta.

Par exemple :
Los Angeles
http://www.wired.com/design/wp-content/uploads/2013/08/la.jpg

ou cet aperçu d’un quartier de #detroit
http://www.wired.com/design/wp-content/uploads/2013/08/DETROITINLINE.jpg

The racial dot map :
http://demographics.coopercenter.org/DotMap/index.html

#cartographie #segregation #etats_unis #demographie #groupes_ethniques #urbanisme

June 04 2013

Der Zensus und der Schwanengesang vom aussterbenden Volk

Die bislang veröffentlichten Ergebnisse des Zensus 2011 haben es in sich. Deutschland hat nun auch offiziell mehr als 1,5 Millionen weniger Einwohner als bislang angenommen. Das ist für sich genommen erst einmal recht unspektakulär, doch mit der neuen Bevölkerungszahl ergibt sich ein ganzer Rattenschwanz von direkten und indirekten Effekten auf andere statistische Größen. Der wohl bedeutsamste davon ist, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen geringer ist, als bislang angenommen. Der neoliberale Schwanengesang von der überalterten Gesellschaft sollte damit einen gehörigen Schuss vor den Bug bekommen. Und auch die – ohnehin höchst angreifbaren – Langzeitprognosen zur Bevölkerungsentwicklung, die von interessierter Seite mit dem negativen Beiklang des „aussterbenden Volkes“ versehen werden, sind mit den neuen Zahlen nicht mehr haltbar. Von Jens Berger.

Zum Thema siehe auch: Albrecht Müller – Demographie – eine ziemlich nutzlose und vielfach missbrauchte Wissenschaft

Wenn Deutschland weniger Einwohner hat, als bislang angenommen, ist dies kein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft schrumpft. Die alten offiziellen Daten basieren auf der letzten großen Volkszählung aus den Jahren 1987 (West) und 1981 (Ost). Seitdem wurden die Daten mit dem Melderegister fortgeführt. Vor allem vor der Reform des Melderegisters im Jahre 2005 war dieses System jedoch höchst fehleranfällig. Wer sich an seinem neuen Wohnsitz angemeldet hat, ohne sich bei seinem alten Wohnsitz abzumelden, wurde doppelt gezählt. Seit die Anmeldungen mit den Abmeldungen automatisch gekoppelt und abgeglichen werden, hat sich dieser Effekt abgeschwächt. Als größter Fehler bleibt jedoch immer noch die unzureichende Meldegenauigkeit bei in Deutschland lebenden Ausländern erhalten. Wenn ein Ausländer das Land dauerhaft verlässt und sich nicht an seinem alten Wohnsitz hierzulande abmeldet, bleibt er all zu oft über Jahre und Jahrzehnte in den Registern der Behörden erhalten.

Es war seit jeher bekannt, dass die offiziellen Einwohnerzahlen massiv durch zahlreiche „Karteileichen“ aufgebläht sind. Es fehlt jedoch jegliche Anreizstruktur für die Gemeinden, ihre Register möglichst genau zu führen. Je weniger Einwohner eine Gemeinde hat, desto weniger Geld bekommt sie über diverse Finanzierungsschienen. Und dies setzt sich auf Kreis-, Landes- und sogar Bundesebene fort, da die offiziellen Einwohnerzahlen auch für die Verteilung der EU-Gelder eine Rolle spielen.

Dieser „statistische Fehler“ hat sich mit der Zeit verstärkt. Deutschland hatte also seit 1987 schon immer weniger Einwohner als offiziell angegeben. Daher darf man die jetzt vorgenommene Korrektur auch nicht als eine „Schrumpfung“ oder einen „Bevölkerungsrückgang“ interpretieren, da die weiter zurückliegenden Zahlen, gegenüber denen es einen Rückgang hätte geben können, ebenfalls zu hoch angesetzt waren. Deutschland ist kleiner als bislang angegeben – dies war jedoch auch bereits in der Vergangenheit so.

Falsche Sterbetafeln, falsche Lebenserwartung

Anders als die Zahl der offiziell in Deutschland lebenden Einwohner ist jedoch die Zahl der verstorbenen Einwohner pro Jahr recht präzise. Diese „Genauigkeitsdiskrepanz“ hat Auswirkungen auf die sogenannten Sterbetafeln. Bei den Sterbetafeln wird dokumentiert, wie groß der jeweilige Anteil einer Altersgruppe ist, der in einem bestimmten Zeitraum verstirbt. Die Verstorbenen sind dabei der Zähler, die Gesamtheit der Altersgruppe ist der Nenner. Wenn Deutschland weniger Bewohner hat, wird der Nenner unweigerlich kleiner, während die Zahl der Verstorbenen recht präzise ist und kaum angepasst werden muss. Sterbetafeln, die mit den neuen Daten überarbeitet werden, müssten demnach auch eine höhere „Mortalität“ ausweisen. Es sind also in jeder Altersgruppe mehr Menschen im Verhältnis zu ihrer jeweiligen Altersgruppe gestorben als bislang angenommen. Dadurch sinkt die statistische Lebenserwartung, die mit diesen Sterbetafeln errechnet wird.

Datengau für Miegel, Raffelhüschen und Co.

Die demographischen Horrorszenarien der neoliberal geprägten Auftragsstudien von „Wissenschaftlern“ vom Schlage eines Meinhard Miegel oder eines Bernd Raffelhüschen basieren allesamt nicht nur auf falschen Grundannahmen und fragwürdigen Rechenmethoden, sondern auch auf einer deutlich gestiegenen Lebenserwartung. Wenn die wirkliche Lebenserwartung nun aber geringer ist als angenommen, sinkt dadurch auch die prognostizierte Zahl der „Über-X-Jährigen“ im Jahre Y. Je nach Größe des statistischen Fehlers bei der Berechnung der Lebenserwartung wird die Anzahl der „Alten“ bzw. „Rentner“ in der prognostizierten Zukunft daher geringer ausfallen. Die vermeintliche „Vergreisung“ der Republik ist also – womöglich deutlich – überzeichnet.

Die These vom aussterbenden Volk ist – so unsinnig sie auch ansonsten ist – dabei noch durch einen weiteren Nebeneffekt der Zensusdaten unter Beschuss. Denn neben den Todesfällen sind auch die Geburten relativ präzise dokumentiert und auch bei der Berechnung der „Geburtenquote“ steht eine zu hohe Bevölkerungszahl im Nenner. Sowohl die Geburtenziffer als auch die Fruchtbarkeitsziffer müssen nun an die neuen Daten angepasst werden und werden dabei nach oben korrigiert werden müssen. Es werden also in Deutschland pro Jahr Babys pro Einwohner geboren und gleichzeitig sterben mehr Menschen pro Einwohner als bislang angenommen. Dadurch verlieren die Horrorszenarien einer alternden und aussterbenden Gesellschaft ihre Berechnungsgrundlage.

Schlechte Neuigkeiten für die Versicherungsbranche

Die neuen Daten haben auch eine indirekte Auswirkung auf die Rechenmodelle der Versicherungswirtschaft. Diese werden jedoch nicht an den offiziellen Sterbetafeln ausgerichtet – Basis sind hier vielmehr die eigenen Sterbetafeln der Versicherungsgesellschaften. Die genauen Rechenmodelle sind für Außenstehende jedoch nicht ersichtlich. Fest steht jedoch, dass die Versicherer mit viel zu hohen Lebenserwartungen kalkulieren. Je stärker das einkalkulierte Todesalter vom realen Todesalter abweicht, desto höher die Margen und Renditen für die Versicherer.

Da die Menschen durch die neuen Zensusdaten ja nicht länger oder kürzer leben, ändert sich an den Margen und Renditen freilich nichts. Durch die neuen Daten wird jedoch klar, wie sehr die Versicherer ihre Kunden durch fragwürdige intransparente Rechenmodelle benachteiligen. Die Benachteiligung fällt umso größer aus, je höher die Differenz zwischen der realen und der von den Versicherern kalkulierten Lebenserwartung ausfällt.

Man darf also gespannt sein, welche Auswirkungen die neuen Zensusdaten auf die offiziell errechnete Lebenserwartung haben. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Miegel, Raffelhüschen und Co. nun auch ihre Rechenmodelle an die neuen Daten anpassen. Auch in der Vergangenheit wurden von diesen Herren alle Faktoren ausgeblendet, die nicht zum gewünschten Ergebnis passen wollen.

Siehe dazu: Jens Berger – Bernd Raffelhüschen bläst zur Lobbyisten-Polka

Im Gegenteil – es ist sogar zu erwarten, dass die neoliberalen Auftragsschreiber die Zensusergebnisse mutwillig falsch zu ihren Gunsten umbiegen. Dass die nun korrigierten Datenfehler nichts mit einem Schrumpfen der Bevölkerung zu tun haben, sondern diese These in Wahrheit sogar schwächen, weiß schließlich kaum jemand. Woher auch? Die Medien haben die Zensusergebnisse nicht unter diesem Gesichtspunkt analysiert und es wäre überraschend, wenn sich daran etwas ändert. Die Mär vom schrumpfenden und vergreisenden Deutschland wird uns noch lange erzählt werden.

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June 03 2013

Demographie – eine ziemlich nutzlose und vielfach missbrauchte Wissenschaft

Das Statistische Bundesamt hat auf der Basis des Zensus 2011 die bisherigen Ziffern zu den Einwohnern in Deutschland und ihrer Altersstruktur korrigiert. Siehe hier.
Auf das Ergebnis sind wir im Hinweis Nr. 1 vom 3.6.2013 schon eingegangen: Es leben rund 1,5 Millionen Menschen weniger Deutschland als bisher angenommen; es gibt weniger Ältere als bisher vermutet und auch die Zahl der Ausländer ist geringer. Diese Erkenntnisse reizen zu einigen Anmerkungen über die in den letzten fünfzehn Jahren modisch gewordene demographische Debatte. In dieser Debatte über den so genannten demographischen Wandel musste man den Eindruck gewinnen, die Wissenschaft von der Demographie habe eine zentrale Bedeutung. Das ist eine bemerkenswerte Fehleinschätzung. Ihre Bedeutung ist vergleichsweise unbedeutend; umso größer ist die Bereitschaft von Demographen, sich für private Interessen einspannen zu lassen und zu diesem Zweck die Entwicklung maßlos zu übertreiben. Albrecht Müller.

  1. Der systematische Missbrauch des so genannten demographischen Wandels zur Durchsetzung von Einzelinteressen

    50 Jahre lang lebten die Menschen in Deutschland und auch die Politik ohne große demographische Debatte. Wir lebten vergleichsweise gut damit. Seit Ende der Neunziger Jahre ist diese Ruhe zu Ende. Seit dem kommt keine große Politikerin und kein bedeutender Politiker mehr aus, ohne von der großen Herausforderung des demographischen Wandels zu sprechen. Den gab es auch früher. Aber die Politik hatte damals erkannt, dass sie an diesem Wandel wenig ändern kann und außerdem dieser Wandel wie etwa die Zuwanderung, die niedrige Geburtenrate oder der Anstieg der Lebenserwartung keine dramatischen Folgen hat.

    Den Anstoß zu einer wahren Orgie der demographischen Diskussion mit unendlichen Folgen von Fernsehwochen zum demographischen Wandel, immer neuen Studien und Foren der diversen Stiftungen, mit der Gründung von Initiativen zur Rettung der jungen Generation vor der Überforderung durch die Alten und unzähligen Sitzungen von Gemeinderäten über die Folgen des demographischen Wandels für ihre Kommune und und und gaben nach meiner Erinnerung die interessierte Versicherungswirtschaft und die Banken. Sie intervenierten im Wahlkampf 1998 mit vielen ganzseitigen Anzeigen und paralleler Lobbyarbeit zu Gunsten einer Umstellung bzw. Ergänzung der sozialen Sicherungssysteme durch Privatvorsorge.

    Das Studium der demographischen Veränderungen kann eine gewisse Bedeutung haben. Das wird hier nicht bestritten. Wenn junge Leute aus einer Region wie aus Teilen von Mecklenburg-Vorpommern oder aus dem nördlichen Ruhrgebiet oder aus der Westpfalz abwandern, dann folgen daraus demographische Veränderungen, weil infolgedessen auch weniger Kinder geboren werden und zur Schule gehen wollen. Da können demographische Studien helfen.
    Es ist auch ganz nett zu prognostizieren, wie die Lebenserwartung steigt.
    Aber diese Veränderungen sind langsamer Natur. Und oft sind – wie im Falle der Abwanderung junger Menschen aus Regionen jenseits der Metropolen – andere Faktoren wie etwa die wirtschaftliche Strukturpolitik oder die Konjunkturentwicklung entscheidendere Einflussfaktoren.
    Für die wenigen relevanten Erkenntnisse der Demographie brauchen wir jedenfalls kein Heer von Demographen und schon gar nicht die medialen Schlachten, die seit gut zehn Jahren in Deutschland veranstaltet werden.

    Der eigentliche Zweck der demographischen Debatte und der zu Grunde liegenden demographischen Studien ist offensichtlich die Durchsetzung ökonomischer Interessen und die parallel verlaufende Profilierung von Politikern und Politikerinnen. Dazu drei Beispiele:

    1. Die demographische Debatte ist angeschoben worden, um die solidarischen Sicherungssysteme zu schwächen und um Platz zu schaffen für Privatvorsorge.
      Die Hauptbotschaft der Strategen der Versicherungswirtschaft war und ist: „Wir werden immer älter. Immer weniger Arbeitsfähige der jungen Generation müssen für immer mehr Ältere sorgen. Die gesetzliche Rente vermag die Probleme nicht mehr zu lösen. Wir brauchen die Privatvorsorge.“
      Diese Botschaft ist mit propagandistischer Gewalt in die Köpfe und Herzen der Menschen gehämmert worden. Das ist so massiv geschehen, dass jede Hinterfragung der Logik dieser Argumentation schon nicht mehr möglich ist. Versuchen Sie es einmal, stellen Sie Journalisten und Politikern und anderen von der Demographie verleitete Mitmenschen nur eine Frage:
      Werden aufgrund der Teilumstellung auf Privatvorsorge mehr Menschen geboren oder sind die Vorhandenen plötzlich sehr viel leistungsfähiger? Ihr Gegenüber wird stottern und keine Antwort finden, dafür aber vielleicht auf die allgemeine Meinung verweisen.
    2. Zur Durchsetzung des Elterngeldes wurde eine demographische Erkenntnis erfunden: die überdurchschnittlich hohe Kinderlosigkeit der Akademikerinnen.
      Im Vorfeld der politischen Entscheidung für das Elterngeld wurde penetrant die Behauptung verbreitet, Akademikerinnen seien mit 40 oder gar 43 % weit überdurchschnittlich kinderlos. Deshalb müsse man etwas tun, um ihrem Kinderwunsch Raum zu geben. Also wurde das Elterngeld, bei dem sich die Höhe der Unterstützung für die Kinder nach dem Gehalt der Eltern richtet eingeführt. Hinterher wurde dann festgestellt, dass die Behauptung der Demographen nicht stimmt. Im Spiegel gab es damals eine fast schon lustige Einlassung der heutigen Familienministerin Kristina Schröder. Sie bezog sich auf eine neue Studie darüber, dass die Akademikerinnen-Kinderlosigkeit bei ungefähr 25 % läge und stellte fest, man sei offenbar einem Phantom aufgesessen. (Siehe Anlage 1 mit einschlägigen Abbildungen aus meiner PowerPoint Präsentation) Aber das Phantom der Demographen hatte seine politische Wirkung dann schon erzielt.
    3. Die Anhebung des Renteneintrittsalters wurde mit spektakulären Erkenntnissen über die Vergreisung unterfüttert.
      Zum Beispiel: Franz Müntefering sprach, um die von ihm propagierte Erhöhung des Renteneintrittsalters besonders dringlich erscheinen zu lassen, von einem dramatischen Anstieg der Zahl der Hundertjährigen.
      Wie wir jetzt aus der Revision der Zahlen durch das statistische Bundesamt sehen, ist die Zunahme der Lebenserwartung bisher überschätzt worden.
  2. Die Debatte um den demographischen Wandel ist gespickt von primitiven Vorurteilen. Sie werden auch an der benutzten Sprache sichtbar:

    Zum Beispiel: jung ist gut, alt ist bedrohlich. Deshalb das Jammern über den
    Anstieg der Lebenserwartung, wir würden immer älter, klagte man. Und man nutzte gerne Begriffe wie Überalterung und Vergreisung. Gäbe es eine Neuauflage des Wörterbuchs des Unmenschen, die Demographiedebatte wäre eine ergiebige Quelle.

    Zum Beispiel: Rücksichtslos wird suggeriert, die Alten lebten auf Kosten der Jungen, und man heizt gewissenlos den Generationenkonflikt an. Die Bild-Zeitung mobilisiert in diese Richtung schon seit 2006. (Siehe Anlage)

    Zum Beispiel: Mehr ist nach den Vorstellungen jener, die sich in der demographischen Debatte tummeln, immer besser als weniger oder gleich viel.
    Es wurde darüber gejammert, wir würden immer weniger. Ja einige der Diskutanten steigerten sich in die Behauptung, die Deutschen stürben aus. Wir seien ein Sterbendes Volk. „Der letzte Deutsche“ lautete der Spiegeltitel vom 5.1.2004. Abgedruckt war ein kleiner Junge, der eine Stange hoch stemmt, auf der eine Gruppe von Alten bequem Platz genommen hat. (Siehe Anlage 1)

    Der Wandel der Vorurteile

    Die Nazis machten mobil für den Krieg mit der Behauptung, wir seien ein Volk ohne Raum. Der Spiegel macht mobil für die Dramatisierung der demographischen Entwicklung mit der Behauptung, hier gäbe es „Raum ohne Volk“. (Siehe Anlage) . Diese Geschichte stammt schon vom Oktober 2010, ein Indiz dafür, wie früh dieses angebliche Informationsmagazin schon in die Kampagne zum demographischen Wandel eingespannt war.

  3. Was Demographen und den mit ihnen zusammen spielenden Politikern und Journalisten nicht passt, weil es beruhigt statt zu dramatisieren, wird nicht behandelt.

    Haben Sie in der allgegenwärtigen Debatte zur Bevölkerungsentwicklung und der wegen der Geburtenentwicklung angeblich so dramatischen Situation schon einmal vergleichende Studien über die Bevölkerungsdichte gesehen? Wahrscheinlich nicht
    Deutschland ist mit etwas unter 230 Bewohnern pro Quadratkilometer fast doppelt so dicht besiedelt wie Frankreich (118).

    Darüber spricht man nicht, weil der Vergleich der Bevölkerungsdichte die Dramatik aus der Debatte um das Schrumpfen nehmen würde.

    Andere Veränderungen in unserem Land sind um vieles wichtiger als der demographische Wandel.

    Dazu ein paar Beispiele, stichwortartig:

    • die immer einseitiger werdende Einkommensverteilung
    • die immer einseitiger werdende Vermögensverteilung
    • der Anstieg der Zahl junger Menschen, die nie eine Chance hatten, einen Beruf zu erlernen und geregelter Arbeit nach zu gehen
    • der Anstieg der Zahl von Menschen ohne gesichertes Arbeitsverhältnis
    • die gewollte und betriebene Verringerung der sozialen Sicherheit und die parallel verlaufende Verunsicherung vieler Menschen – bis hin zur Lebensangst und seelischen Krankheiten.
    • die Veränderung des Verhältnisses von Chefs zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
    • der Schwund von Mitgliederzahlen und Macht der Gewerkschaften
    • die Gewaltbereitschaft auf deutschen Straßen

    Sie, liebe Leserinnen und Leser könnten diese Liste ohne Schwierigkeiten verlängern. Auch ihnen werden viele Entwicklungen und Probleme einfallen, die um vieles gefährlicher und problematischer sind als der demographische Wandel. Und dennoch beherrscht dieses Thema neben einigen anderen die öffentliche Debatte.

Anlage 1 – Abbildungen aus der Debatte zum demographischen Wandel:





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January 16 2013

Die „demografische Entwicklung“ entpuppt sich als Kaffeesatzleserei

Nach neuesten Schätzungen des Statistischen Bundesamtes hat die Bevölkerungszahl in Deutschland auf 82 Millionen Personen zugenommen. Nach den bisherigen politischen Annahmen über die „demografische Entwicklung“ hätte es einen Bevölkerungsrückgang und eine Verschiebung im Altersaufbau geben müssen. Das „Geburtendefizit“ bleibt zwar bestehen, doch es wird durch die Zuwanderung junger und – gemessen am Bevölkerungsdurchschnitt – deutlich höher qualifizierter Menschen vor allem aus europäischen Ländern mehr als ausgeglichen.
Die von der Politik zum Naturgesetz erhobenen Modellrechnungen über die Bevölkerungsentwicklung stellen sich als „moderne Kaffeesatzleserei“ heraus. Die „Prognosen“ dienten vor allem als ein politischer Hebel für einen radikalen Sozialabbau.
Nehmen wir also jetzt aufgrund der neuen Bevölkerungszahlen, die aufgrund der „demografischen Entwicklung“ politisch als „alternativlos“ betrachteten Einschnitte in die Rente oder das Gesundheitswesen wieder zurück? Oder machen wir so weiter wie bisher und benutzen die beruflich gut qualifizierten Zuwanderer nur als „Reservearmee“, damit die Löhne weiter gedrückt werden können? Von Wolfgang Lieb

„Deutschlands Bevölkerung nimmt seit 2003 ab. Dieser Rückgang wird anhalten und sich verstärken. Ende 2008 lebten circa 82 Millionen Menschen in Deutschland. 2060 werden es zwischen 65 Millionen (bei jährlicher Zuwanderung von 100 000 Personen, Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) und 70 Millionen (bei jährlicher Zuwanderung von 200 000 Personen, Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) sein. Auch nach der Variante mit der maximal zu erwartenden Bevölkerungszahl – sie unterstellt eine steigende Geburtenhäufigkeit, einen hohen Anstieg der Lebenserwartung und einen jährlichen Wanderungssaldo von 200 000 Personen – würden 2060 in Deutschland etwa 77 Millionen Menschen leben und damit weniger als heute.“

So hieß es in der jüngsten „Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009 (S. 12) [PDF - 1 MB].

Solche und teilweise noch mehr dramatisierende frühere Vorausberechnungen bestimmten jahrelang die politische Agenda. (Zur Verteidigung des Statistischen Bundesamtes muss man dazu sagen, es sind Modellrechnungen und eben keine Prognosen, sie wurden nur immer von der Politik und von interessierten Kreisen als unveränderbare Naturgesetze dargestellt.)

Diese „Berechnungen“ wurden als Untergangszenarien missbraucht. Sarrazin prognostizierte sogar, Deutschland schaffe sich ab. Für den politischen Mainstream war der Rückgang der Bevölkerung und dabei vor allem das geringe Nachwachsen junger (erwerbsfähigen) Menschen der tragende Grund und der politische Hebel für den „Umbau“ der sozialen Sicherungssysteme. Der Abbau der gesetzlichen Rente wurde damit begründet und die Rente mit 67. Auch die sog. Gesundheitsreformen basierten auf den Kalkulationen, dass der Bevölkerungsrückgang und die „Überalterung“ (!) zwingend zu Einschnitten bei den Versicherungsleistungen und zu mehr „Eigenverantwortung“ (sprich: Eigenbeteiligung) führen müssten.

Die Einwohnerzahl nimmt zu

Und nun wird gemeldet: „Die Einwohnerzahl Deutschlands hat nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Jahr 2012 erneut zugenommen. Am Jahresanfang lebten 81,8 Millionen Personen und am Jahresende voraussichtlich etwa 82,0 Millionen Personen in Deutschland. Nach acht Jahren Rückgang wird die Bevölkerungszahl damit das zweite Jahr in Folge steigen.“

Dabei hätte doch – wie die nachstehende Kurve zeigt – die Bevölkerungszahl spätestens ab 2005/6 deutlich absinken müssen.

Bevölkerungszahl von 1950 bis 2060

Quelle: destatis.de [PDF - 1 MB]

Was ist passiert?

Nein, die Deutschen sind nicht wesentlich gebärfreudiger geworden. Die für 2012 geschätzten Geburten zwischen 660.000 und 680.000 könnten zwar etwas höher liegen als im Vorjahr mit 663.000 Geburten. Aber nach wie vor sterben mehr Menschen (860.000 bis 880.000) als geboren werden. Es wird 2012 sogar mit mehr Sterbefällen gerechnet als im Jahr zuvor.

Die frühere Modellrechnung liebt jedoch bei der Zuwanderung von Menschen nach Deutschland deutlich neben der Wirklichkeit.

Das wird zwar Eugeniker wie Sarrazin, die nichtdeutschen Volksgruppen genetisch geringere Intelligenzleistungen unterstellen (siehe zur Kritik an diesem Vorurteil „Thilo Sarrazin hat grundlegende genetische Zusammenhänge falsch verstanden“) nicht davon abbringen, weiter zu behaupten, dass Menschen mit deutschem Blut aussterben. Aber den Sozialdarwinisten werden ihre rassistischen Schreckbilder entrissen. Es sind eben nicht „Araber und Türken …, (die) keine produktive Funktion“ haben oder „kleine Kopftuchmädchen“ (Zitate Thilo Sarrazin), die zu uns kommen, es sind vor allem (zu 80 Prozent) Zuwanderer aus EU- und dabei vor allem aus den Euro-Krisenländern. Eine starke Zuwanderung gab es aus osteuropäischen Ländern wie Polen (89.000), Rumänien und Bulgaren. Vor allem nahmen die Zuwanderer aus Griechenland (16.000 = plus 78% gegenüber 2011), Spanien (11.000 = plus 53%) und Portugal (6.000 = plus 53%) nahm im vergangenen Jahr deutlich zu.

Deutschland: Mehr Zuwanderer aus Europa

Quelle: Institut der Deutschen Wirtschaft IW

Bedeutsam ist dabei, dass der Anteil der Zuwanderung mit hoher Bildungsqualifikation in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Nach einer Veröffentlichung [PDF - 510 KB] des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) hatten 2009 44 Prozent einen akademischen Abschluss und weitere 24 Prozent eine abgeschlossene Berufsausbildung, weitere 5 Prozent befinden sich bei uns in Ausbildung oder Studium.

Laut dem Bildungsbericht der Bundesregierung (S. 44) [PDF - 12 MB] haben in Deutschland gerade mal 30 Prozent der 30 bis unter 35-Jährigen einen tertiären Abschluss, im Durchschnitt sind es gar nur 18 Prozent Die Akademikerquote der Zuwanderer liegt also erheblich über dem Durchschnitt.

Veränderung der Bildungsstruktur von Neuzuwanderern

Quelle: Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) [PDF - 510 KB]

In der Regel sind es auch jüngere Menschen, die ihre berufliche Zukunft in Deutschland suchen.

Statt eines demografischen „Aderlasses“ müsste man vielmehr umgekehrt sagen, dass Deutschland nicht nur ökonomisch sondern auch demografisch Europa eher ausbeutet. Die Zuwanderer heben somit den Bildungsstand in Deutschland.

Die „Akademikerflucht“ dürfte angesichts der hohen (Jugend-)Arbeitslosigkeit und der schlechten Arbeits- und Einkommensbedingungen in den Südeuropäischen Staaten eher zunehmen, zumal die Einwanderungsbedingungen für Fachkräfte nach Deutschland erleichtert werden. 2011 verließen 300.000 spanische Akademiker ihr Land und im Jahre 2010 sind fast 10 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter italienischer Universitäten emigriert. In Portugal stehen 110.000 Akademiker auf der Straße.

Fazit:

Die wie ein Naturgesetz eingestuften Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamts dienten der Politik als sichere Prognosen für die „demografische Entwicklung“ und als politischer Hebel für die Zerstörung der gesetzlichen Rente und für die Einschnitte im Gesundheitswesen. Immer weniger (jüngere) Erwerbstätige müssten immer mehr Alte versorgen, an diese unausweichliche Entwicklung müssten die sozialen Sicherungssysteme angepasst werden, so wurde ständig behauptet.

Wir haben auf den NachDenkSeiten oft begründet, dass wenn man den Modellrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung eine prognostische Qualität verleiht, dies zumal über eine längere Zeitspanne gesehen, „moderne Kaffeesatzleserei“ (Gerd Bosbach [PDF - 185 KB]) ist. Strukturbrüche wie jetzt z.B. die Euro-Krise sind eben nicht vorhersehbar und schon immer waren Modellannahmen durch (gesellschafts-)politische Entscheidungen (früher etwa die Antibaby-Pille, jetzt z.B. einer erleichterten Zuwanderung) beeinflussbar.

Die Modellannahmen sämtlicher Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes mussten auch in der Vergangenheit ständig korrigiert werden. Und wenn der derzeitige Trend anhält, müssen sie im Hinblick auf die Bevölkerungszahl und die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland in nächster Zukunft erheblich korrigiert werden.

Nehmen wir aber jetzt aufgrund der neuen Bevölkerungszahlen, die früher aufgrund der „demografischen Entwicklung“ politisch als „alternativlos“ betrachteten Rentenkürzungen, die Rente mit 67, die staatliche Subventionierung der privaten Altersvorsorge, die Einschnitte bei der Gesundheitsvorsorge und die höhere Selbstbeteiligung der Patienten bei der Krankenversorgung wieder zurück?

Müssen wir angesichts der Alters- und Qualifikationsstruktur der Zuwanderer etwa sogar bald neue Frühverentungsprogramme auflegen, damit die gut qualifizierten jungen Menschen überhaupt einen Arbeitsplatz finden? Oder machen wir so weiter wie bisher und benutzen die beruflich gut qualifizierten Zuwanderer als „Reservearmee“, damit die Löhne weiter gedrückt werden können?

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Tags: Demographie

November 08 2012

Altersarmut in einem reichen Land

Die Logik eines scheinbaren Widerspruchs haben Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff analysiert.
Altersarmut erscheint in der öffentlichen Diskussion oft als unausweichliche Folge der gesellschaftlichen Alterung. Ein Blick ins vergangene Jahrhundert zeigt allerdings, dass eine solche Entwicklung nicht zwangsläufig ist: Die Lebenserwartung stieg in Deutschland von 1900 bis 2000 um über 30 Jahre, der Anteil der Über-65-jährigen stieg von unter 5 auf über 17 Prozent und zugleich halbierte sich der Anteil der Jugendlichen. Gleichwohl nahm die Altersarmut in dieser Zeit nicht zu, sondern sank sogar rapide; auch wuchs der Wohlstand der Erwerbstätigen, und das trotz kürzerer Arbeitszeiten. Wer ohne Scheuklappen in die Zukunft schaut, wird erkennen: Altersarmut ist keine Folge der demografischen Entwicklung, sondern einer gesellschaftlichen Umverteilung von unten nach oben. Das belegen wir in diesem Aufsatz mit zwei einfachen, leicht nachvollziehbaren Überlegungen…

Reallohnsteigerungen bei einem Rentenbeitrag von 40 Prozent?

Bis zum Jahr 2030 gilt ein Beitragssatz von 22 Prozent in der GRV als Schallgrenze, die nicht überschritten werden darf. Die Arbeitnehmer/innen sollen die daraus resultierenden Leistungskürzungen bei der gesetzlichen Rente durch private Vorsorge ausgleichen. Man begründet die Kürzungen mit der These, dass Rentenbeiträge von 26, 28 oder gar 30 Prozent unweigerlich die realen Nettolöhne in den Abgrund reißen würden. Im Extremfall, so drohte der damalige Bundesarbeitsminister Franz Müntefering seinen SPD-Genoss(inn)en, müsste der Beitragssatz sogar auf über 40 Prozent steigen, wenn die Rente ab 67 nicht eingeführt würde. Er folgte dabei einer älteren Modellrechnung des Bielefelder Bevölkerungsforschers Herwig Birg, der als Dramatisierer bekannt ist. Das „Geklingel“ der hohen Zahlen hat Öffentlichkeit und Parteipolitiker so stark beeindruckt, dass Leistungskürzungen wie die „Rente ab 67“ als Folge der gesellschaftlichen Alterung akzeptiert werden.

Die Gegenrechnung

Wir haben uns durch die großen Prozentzahlen nicht bluffen lassen, sondern nachgerechnet, ob dadurch wirklich die Reallöhne sinken müssten. Dazu benutzen wir den gleichen Prognosehorizont von 50 Jahren, wie er in den dramatisierenden Zukunftsszenarien üblich ist. Nehmen wir weiterhin ein nur geringes Produktivitätswachstum von durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr an, so wächst das Produkt einer Arbeitsstunde in 50 Jahren wegen des Zinseszinseffekts real um gut 64 Prozent. Übersetzen wir diese Entwicklung auf den ausbezahlten Anteil für einen Arbeitnehmer, den Lohn. Bekommt er heute 2.000 EUR brutto und diese 1 % Wachstum darauf jährlich hinzu, ergibt das in 50 Jahren einen Lohn von knapp 3.300 EUR. Bezahlt der Arbeitnehmer heute rund 10 % Beitrag für die gesetzliche Rente, verbleiben ihm 1.800 EUR für die restlichen Ausgaben. Betrachten wir jetzt die Verhältnisse in 50 Jahren bei verschiedenen Beitragssätzen zur Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV).

Das Ergebnis überrascht. Selbst wenn wir ein extremes Negativszenario annehmen: Aufgrund des gestiegenen Rentneranteils braucht die GRV 40 Prozent vom Lohn; der Arbeitgeberanteil bleibt bei 10 Prozent; der Arbeitnehmeranteil steigt also auf 30 Prozent – selbst dann steigt das reale Einkommen der Arbeitnehmer noch um knapp 30 Prozent! Die gesetzliche Rente erweist sich eben doch als armutsfest, wenn, ja wenn die Produktivitätssteigerungen ausbezahlt werden und die gestiegenen Einkommen sozialversicherungspflichtig bleiben.

In dieser Rechnung ist keine Umverteilung zugunsten der Arbeitnehmer/innen versteckt, weil sich das 1-prozentige Produktivitätswachstum nur auf „seinen“ Anteil auswirkt. Auf den Unternehmeranteil wirkt das Produktivitätswachstum analog (verteilungsneutrale Entwicklung).

Aber werden sich die Arbeitnehmer/innen nicht weigern, in Zukunft so viel für die Rente zu zahlen? Dieser Einwand unterstellt unausgesprochen, dass die Löhne nur die Preissteigerung ausgleichen dürfen, dass der Gewinn aus den Produktivitätssteigerungen komplett bei den Unternehmern bleibt und dass der Arbeitnehmer zusätzlich noch 4 Prozent und mehr für die Riester-Rente ausgeben soll. In diesem Szenario hat der Arbeitnehmer als Lohn real viel weniger in der Tasche als dann, wenn ihm sein Anteil am Produktivitätsfortschritt ausgezahlt wird und die ungekürzte gesetzliche Rente bleibt. Und später hätte er zusätzlich eine sichere umlagefinanzierte Rente. Würde über diese Fakten offen informiert und diskutiert, wäre die Wahl der meisten Arbeitnehmer/innen wohl eindeutig. Deshalb werden ideologische Nebelkerzen geworfen, die wir uns näher anschauen. (…)

Prognosen mit absurden Annahmen

Die meisten demografischen Horrormeldungen, mit denen Altersarmut direkt oder indirekt entschuldigt wird, betreffen weder die Vergangenheit noch die Gegenwart, sondern die fernere Zukunft. Mit gutem Grund, denn bei Aussagen über Vergangenheit und Gegenwart sind die wirklichen Armutsgründe viel leichter zu sehen. Vor allem niedrige Löhne, hohe Arbeitslosigkeit und fehlende sozialversicherungspflichtige Stellen lassen Geld in den Kassen der GRV fehlen und erzwingen so Rentenkürzungen. Interessengeleitete Experten „berechnen“ deshalb lieber, warum die Zukunft nur unter der Bedingung rigider Kürzungsmaßnahmen bei Arbeitnehmer(inne)n, Arbeitslosen und Rentner(inne)n zu bewältigen sei. Dazu verwenden sie scheinbar komplizierte Methoden, um sich so der Überprüfung ihrer Rechnung zu entziehen.
Zuweilen ist es aber schlichte Dummheit, die für ein demografisches Zerrbild verantwortlich ist: „Im Osten droht extreme Alterung – Studie: 2050 in Brandenburg 90 Prozent Rentner“ – so oder ähnlich lauteten im Juli 2009 die Schlagzeilen, etwa in der Frankfurter Allgemeinen vom 1.7.2009. Eine groteske Vorstellung: Auf einem ganz normalen Marktplatz sind samstags 100 Menschen unterwegs; davon sind 90 Rentner/innen, 2 Kinder und 8 jüngere Erwachsene. Auf einen jüngeren Erwachsenen kommen über 11 Rentner/innen. Wie kam es zu dieser Horrormeldung? Der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ hatte im Rahmen einer Langzeitprognose für Brandenburg im Jahr 2050 einen Altenquotienten von 90 angenommen. Das bedeutet: Auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen 90 Senior(inn)en. Selbst unter der unrealistischen Annahme, dass es 2050 in Brandenburg kein einziges Kind mehr gibt, wäre der Anteil der Senior(inn)en an der Bevölkerung dann 90 von 190, also 47 Prozent. Das wäre nicht schön, aber ewig weit von den behaupteten 90 Prozent Rentner(inne)n entfernt! Verantwortlich für diesen Unsinn waren die „Demografie-Experten“ vieler großer Zeitungen, die eine fehlerhafte dpa-Meldung zu eigenen, namentlich gekennzeichneten Artikeln aufgebauscht haben.
Auch wenn wir von solch peinlichen Pannen der Schwarzmaler absehen, ist es ein bekanntes Phänomen, dass gut bezahlte Experten genau jene Annahmen in ihren Rechenmodellen verwenden, die zu dem vom Auftraggeber gewünschten Ergebnis führen. Da aus Erfahrung bekannt ist, dass sich kaum jemand die Annahmen genauer anschaut, werden die „Katastrophenrechner“ frech:

  • Der Präsident der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, ließ im Mai 2011 errechnen, dass 2025 in Deutschland 6 bis 7 Mio. Fachkräfte fehlen. Um das hinzubekommen, mussten seine Experten u.a. annehmen, dass es keine Wanderung mit dem Ausland und keine Änderung des Erwerbsverhaltens der Frauen gibt, und dass sich die Rente mit 67, die verkürzte Gymnasialzeit sowie der Aussetzung von Wehr- und Zivildienst nicht auswirken. Angesichts des vermeintlich riesigen Fachkräftemangels von 6 bis 7 Mio. sind diese Annahmen geradezu grotesk. Trotzdem hat diese Zahl seitdem die Diskussion bestimmt.
  • Prof. Fritz Beske, Leiter des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) in Kiel, „ermittelte“ 2007 eine Verdopplung des Ausgabenanteils für Krankheitskosten bis 2050. Wesentliche Annahme dabei: Die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) steigen jährlich um 1 Prozent. Mit anderen Worten: Beske hat herausgefunden, dass dann, wenn die Gesundheitskosten steigen, die Gesundheitskosten steigen. Da er jährliche Kostensteigerungen von vornherein in sein Modell eingebaut hat, bekommt er sie hinten für 40 Jahre natürlich dramatisch heraus. Die gleiche Rechnung bot er auch für eine zweiprozentige jährliche Steigerung an. (…)

Bei vielen Zukunftsstudien weisen die Autoren wichtige Annahmen für die Zukunft gar nicht oder sehr verklausuliert aus. Damit ist jede Überprüfung ihrer Glaubwürdigkeit von vornherein unmöglich, eine rechentechnische Kontrolle ebenso. Doch ein derart unseriöses Vorgehen schadet der Verbreitung der „Ergebnisse“ nicht, weil interessierte finanzkräftige Unterstützerkreise für die wohlwollende Öffentlichkeit sorgen. Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen und sein Institut für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tun sich hier besonders emsig hervor.

Steigende Lebenserwartung ohne gesundheitliche Fortschritte?

In puncto Pflegekosten hat sich Raffelhüschen wohl zum meistzitierten Experten Deutschlands gemausert. Nach seiner jahrelangen (und aus seiner Sicht: erfolgreichen) Lobbyisten-Tätigkeit für die private Rente haben er und sein Institut viele Studien zu den zukünftigen Kosten für Altenpflege bis 2050 oder gar 2060 erstellt.
So titelte Focus Online am 28. Juli 2007: „Pflegebeitrag: Raffelhüschen warnt vor Vervierfachung/Die Pflege älterer Menschen wird nach Berechnungen des Sozialexperten Bernd Raffelhüschen in den kommenden Jahren drastisch teurer werden.“ Das Ergebnis klingt auf den ersten Blick plausibel: Je mehr ältere Menschen es gibt, desto mehr Pflegebedürftige sollte es geben. Gleichwohl beruht die Argumentation auf einem schwerwiegenden methodischen Denkfehler. Zur Verdeutlichung erläutern wir diesen anhand von aktuellen Zahlen.

Die Vermischung von dynamischer und statischer Betrachtung

Die Anzahl der Pflegebedürftigen entspricht zurzeit etwa der Hälfte der Anzahl der Über-85-Jährigen. Da sich nach den Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes der Anteil der Über-85-Jährigen – auch Hochbetagte genannt – bis 2050 etwa vervierfacht, wird vielfach für diesen Zeitpunkt mit einer Vervierfachung der Pflegekosten gerechnet. Um den methodischen Fehler aufzuzeigen, übernehmen wir hier die Annahmen des Statistischen Bundesamtes zur Alterung (Anstieg der Lebenserwartung um ca. 7 Jahre bis 2050), obwohl es auch hier Gründe zum Zweifel gibt. Bei der Lebenserwartung ist Raffelhüschens Denkweise dynamisch: Er vollzieht eine Veränderung bis 2050 nach. Die Altersgrenze jedoch, bei der er die Gruppe der Hochbetagten beginnen lässt, bleibt konstant bei 85 stehen. An dieser Stelle rechnet Raffelhüschen plötzlich statisch! Wenn das stimmen würde, hieße dies, dass die Älteren im Jahr 2050 alle sieben Jahre, die sie an Lebenszeit hinzugewonnen haben, in Krankheit und Pflegebedürftigkeit verbringen. Das widerspricht nicht nur allen historischen Erfahrungen, es ist auch schlicht unlogisch: Denn warum sollten wir sieben Jahre älter werden, wenn unsere Gesundheit keine Fortschritte macht?

Die Älteren unter uns wissen, dass sie heute mit 60 in der Regel erheblich rüstiger sind, als es ihre Großeltern mit 60 waren. Einige Mediziner versuchen diese Erfahrung in Zahlen auszudrücken und schätzen, dass heute ein 60-Jähriger im Schnitt die physische Konstitution eines 50-Jährigen aus der Zeit vor 30 Jahren hat. Auch die Statistiker des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock ziehen aus den Daten der Jahre 1991 bis 2003 den Schluss: „Steigende Lebenserwartung geht mit besserer Gesundheit einher.“ Raffelhüschen kennt die Problematik seines Vorgehens. Da er wegen der großen zahlenmäßigen Wirkung aber nicht auf diesen „Denkfehler“ verzichten will, versteckt er sein Vorgehen unter Formulierungen wie „konstante altersspezifische Pflegewahrscheinlichkeit“.

Weil der methodische Fehler, eine Vermischung von dynamischen und statischen Modellen, nicht so leicht zu begreifen ist, sei er hier noch an einem anderen Beispiel erklärt: Das ist so, als würde man bei den Olympischen Spielen trotz der ständigen Steigerung der Leistungsfähigkeit der Athleten die Qualifikationsgrenzen für die Teilnahme der Sportler/innen stets auf einem bestimmten Stand, beispielsweise von 1960, stehen lassen und sich dann wundern, wenn die Olympiamannschaften so groß werden, dass in die Stadien überhaupt kein Publikum mehr hineinpasst. (…)

Zusammenfassung

Die gesellschaftliche Diskussion wird oft durch Negativbilder über die zukünftige Entwicklung geprägt. Die Demografie, genauer: die vermeintlich viel zu hohe Anzahl der älteren Menschen, soll an allem Übel schuld sein. Gesellschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne, Umverteilung von unten nach oben und soziale Ungleichheit werden dadurch verdeckt. Sinkende gesetzliche Renten und Armut im Alter sollen als zwangsläufig erscheinen. So konnten die an Umverteilung interessierten Kreise leicht verständliche volkswirtschaftliche Betrachtungen wie die Wirkung selbst von geringen Produktivitätssteigerungen systematisch aus der Debatte ausblenden. Zu Experten emporstilisierte Wissenschaftler schrecken in ihren unterstützenden Studien selbst vor den absurdesten Annahmen für die Zukunft nicht zurück: kein Bevölkerungsausstauch mit dem Ausland trotz hohem Fachkräftemangel; sieben Jahre länger leben, aber alle komplett in Krankheit und Pflege… Da sie diese Annahmen der Öffentlichkeit gegenüber weitestgehend verschweigen, gelten die Ergebnisse solcher Rechnungen als „realistischer“ Blick in die Zukunft. Willfährige Journalisten verkürzen die Botschaft zu eingängigen Schlagzeilen, die sie als „Fakten, Fakten, Fakten“ verkaufen. Aufklärung, das sei abschließend betont, ist schwierig, aber möglich!

Im vollständigen Buchbeitrag finden Sie nicht nur Belege für alle Aussagen, sondern auch weitere Beispiele: die volkswirtschaftliche Betrachtung, dass ein wachsender „Kuchen“, aufgeteilt auf weniger Gäste, nicht kleinere, sondern größere Kuchenstücke für jeden ergeben müsste; historische Belege für die These, dass die Reallöhne auch bei steigenden Rentenbeiträgen steigen können; absurde Annahmen in der Propaganda für Riester-Fondssparpläne, seinerzeit vorgebracht von der angeblich seriösen Zeitschrift „Finanztest“; eine Beispielrechnung, die die gravierenden Folgen von Raffelhüschens „Denkfehler“ bei der Pflegebedürftigkeit belegt; sowie mehrere Beispiele für die beliebte Täuschungsmethode, kleine Veränderungen über lange Zeiträume aufzuaddieren.

Den gekürzten Artikel entnehmen wir dem heute bei Campus erscheinenden Buch „Armut im Alter – Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung“ (hg. v. Christoph Butterwegge, Gerd Bosbach und Matthias Birkwald). Das Buch gibt einen kompetenten und wissenschaftlich fundierten Überblick über zahlreiche Aspekte der Altersarmut und mögliche Alternativen. Dafür bürgen neben den Herausgebern Autoren wie Gerhard Bäcker, Annelie Buntenbach, Ernst Kistler, Daniel Kreutz, Anton Schaaf, Winfried Schmähl, Jutta Schmitz, Ottmar Schreiner, Hans-Jürgen Urban oder Diana Wehlau. Für die freundliche Genehmigung für den Abdruck danken wir den Autoren und dem Verlag.

Ein kurzer Blick ins Inhaltsverzeichnis

  • Christoph Butterwegge untersucht die Entwicklung des Sozialstaates.
  • Winfried Schmähl fragt nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gesetzlichen Rentenversicherung.
  • Gerhard Bäcker seziert die Fallstricke der einseitigen Rentenreformdebatte.
  • Ernst Kistler und Falko Trischler sehen nach, wie die Senkung des Rentenniveaus mit demografischen Mythen begründet wird.
  • Diana Wehlau stellt das Lobbying der Finanzbranche am Beispiel der Riester-Rente dar.
  • Annelie Buntenbach, Adolf Bauer, Hans-Jürgen Urban, Anton Schaaf, Ottmar Schreiner, Wolfgang Strengmann-Kuhn, Matthias Birkwald und andere präsentieren Alternativkonzepte, die in den Gewerkschaften, Sozialverbänden, der SPD, bei den Grünen und bei den Linken diskutiert werden.

Christoph Butterwegge (Hg.), Gerd Bosbach (Hg.), Matthias W. Birkwald (Hg.):
Armut im Alter. Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung
Kartoniert, 393 Seiten, zahlr. Tabellen und Grafiken
EAN 9783593397528, € 19,90
Mehr zum Buch beim Campus-Verlag

September 07 2012

Veraltetes und angepasstes Denken in jungen Köpfen – Typisch: die 10 Punkte der niederländischen G500, hier in deutscher Übersetzung

Wir sind schon zweimal – hier und hier – auf die niederländische Bewegung G500 eingegangen. Einige Leser der NDS haben Übersetzungen des 10-Punkte-Plans gefertigt. Danke vielmals. Weil diese für die aktuelle Debatte auch in Deutschland relevant sind, kommen wir darauf zurück. Siehe Anlage. Die jungen Niederländer sind so vergreist, angepasst und unkritisch wie ihre deutschen Altersgenossen aus ähnlichen Kreisen. Glücklicherweise gibt es auch viele aufmüpfige intelligente junge Menschen. Von Albrecht Müller

G500 und ihre Verwandten in Deutschland gehören nicht dazu:

  • Sie beten die angebliche Dramatik des demographischen Wandels nach.
  • Sie behaupten, die Altersversorgung sei nicht mehr bezahlbar.
  • Sie setzen auf Kapitaldeckung bei der Altersvorsorge wie bei der Pflege.
  • Sie behaupten, die junge Generation sei benachteiligt.
  • Sie nutzen den diffamierenden Begriff „Vergreisung“ (Punkt Nr.2) und merken nicht, dass ihre Texte viel zu oft debiles Denken offenbaren – wenn sie z.B. aus der Tatsache, dass die junge Generation kleiner ist als die Ältere, ableiten, die junge Generation könne die Kosten für die Alten nicht aufbringen. Die entlastenden Faktoren wie die Steigerung der Produktivität, der Erwerbstätigkeit, etc. wird außer Acht gelassen.
  • Sie beten zur Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt das Übliche nach.
  • Die Bedeutung der sozialen Sicherheit und von gesicherten Arbeitsverhältnissen gerade für die junge Generation erkennen sie nicht.
  • Sie übernehmen den Begriff der Manipulatoren zur Kennzeichnung der Krise: Schuldenkrise. Ohne An- und Abführung! Welch ein angepasster, unkritischer Verein von Jungen!
  • Bei der Klage über die Schulden kein einziger Hinweis auf die Ursache: Rettung der Banken und Spekulanten.
  • Übernahme der Maastricht-Kriterien als Heilsbringer.
  • Sie behaupten, die Tätigkeit als Selbständiger bringe dem Ganzen wichtige Vorteile.
  • Die Anmerkungen zur Nachhaltigkeit sind positiv zu würdigen. Ebenso jene zur Verwendung der Erlöse aus dem Öl der Niederlande.
  • Ansonsten ein ziemlich „ältliches“ Programm einer Bewegung von Jungen.

Anlage A:

G500 Zehn-Punkte-Plan

Übersetzung von www.g500.nl/themas/ durch einen Leser der NachDenkSeiten:

Unsere zehn Punkte

Bei der Initiierung von G500 haben wir zehn Punkte eingeführt. Bei einem Großteil der Punkte ist eine weitere Ausarbeitung erfolgt – klicken Sie auf die Überschriften, um mehr Information zu erhalten! (Anm. d. Übersetzers: Es sind nur die Kurzversionen der Seite übersetzt. Bei sechs der zehn Punkte folgen eigene Seiten mit ausführlicherer Erläuterung der Vorstellungen).

  1. G500 zu Renten

    Die Pensionen für kommende Generationen sind in Gefahr. Durch die demografische Entwicklungen wird die AOW-Unterstützung (Anm. d. Ü.: Grundaltersversorgung, s. hier, Text in deutsch) unbezahlbar, während gleichzeitig durch einseitige Solidarität und Kurzfristpolitik die Rentenfonds aufgebraucht werden. G500 steht deshalb für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters, um die Versorgung bezahlbar zu halten, die Abschaffung der Durchschnittsprämie, um der einseitigen Solidarität Einhalt zu gebieten, und das Festhalten an einer stabilen und konservativen Rente, um zukünftiges Funktionieren sicherzustellen. G500 findet auch, dass der Wechsel zwischen Rentenfonds einfacher werden muss, und will individuelle Rentenberechnungen einführen, so dass Werktätige mehr Kontrolle über ihr eigenes zukünftiges Geld haben.

  2. G500 zu Pflege

    [Ausarbeitung wird schnellstmöglich online gestellt!] Sorgt dafür, dass neben den Rentenbeiträgen ein Pflege-Spartopf aufgebaut wird, und lasst Ältere nach Möglichkeit beitragen. 50 bis 75 Prozent aller Pflegekosten entstehen in den letzten fünf Lebensjahren. Das ist natürlich nicht schlimm; jeder verdient eine gute Pflege, besonders Alte! Aber die Kosten werden sich in den kommenden zwanzig Jahren gut verdoppelten wegen der Vergreisung. Es ist auch immer mehr möglich, aber an der Innovation hängt ein Preisschild. Unsere Generation, die kleiner ist als die anstehende Generation Älterer, kann die Kosten schlichtweg nicht aufbringen. Führen Sie deshalb vermögensabhängige Pflege für die letzten Lebensjahre ein, so dass aufgebautes Kapital, z. B. auf dem Immobilienmarkt, eingesetzt werden kann, um Pflege bezahlbar und solidarisch zu halten. Wer es sich leisten kann, soll weniger oder gar nicht aus der Staatskasse schöpfen dürfen.

  3. G500 zu Bildung

    Es muss schnell in Bildung investiert werden. In Grund- und Mittelschulen muss die Qualität der Lehrer erhöht werden. Perverse Leistungsbehinderungen, verursacht durch den Mangel an Investitionen, vergiften die Qualität der höheren Bildung.

  4. G500 zu Nachhaltigkeit

    Wir tasten in zunehmendem Maße das Produktionenvermögen unserer Erde an, dadurch dass wir an allen Enden über unsere Verhältnisse leben. Mit unserem heutigen Energieverbrauch erschöpfen wir die natürlichen Quellen, und die dadurch verursachte Erderwärmung droht die natürlichen Ökosysteme auf eine unvorstellbare Art zu beschädigen. Nachhaltigkeit ist ein herausragendes zukunftsgerichtetes Thema, weil es sich um die Wohlfahrt und das Wohlergehen der heutigen und zukünftigen Generationen dreht.

  5. G500 zu ZZZP (= Zelfstandige zonder Personeel; Selbständige ohne Personal) und soziale Sicherheit

    Immer mehr Menschen arbeiten als Selbständige ohne Personal (ZZP). Großteils freiwillig, aber durch die Krise auch immer öfter notgedrungen. Das Arbeiten als ZZP bietet nicht nur ihnen, sondern auch dem Zusammenleben als Ganzes, wichtige Vorteile. Momentan haben ZZP allerdings ungenügende Möglichkeiten, um sich gegen soziale Risiken abzusichern wie Berufsunfähigkeit oder Alter. Deshalb muss der Staat dafür sorgen, dass ZZP Zugang zu bezahlbarer sozialer Sicherheit bekommen.

  6. G500 zu Arbeitsverträgen

    Fest ist zu fest und flexibel ist zu flexibel. Das fasst die Sicht von G500 auf den Arbeitsmarkt zusammen. Arbeitgebern und Arbeitnehmern nutzt mehr Flexibilität, so dass mehr Menschen in Arbeit kommen können. Auf der anderen Seite haben Arbeitnehmer Bedürfnis nach Sicherheit und Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Dies könnte durch Einführung lang dauernder befristeter Arbeitsverträge von maximal 5 Jahren erreicht werden.

  7. G500 zu Wohnen

    Der Wohnungsmarkt ist geschlossen. Einsteiger haben es am schwersten. Führen Sie eine Starterprämie für den Häuserkauf ein. Mietwohnungen sind knapp und deshalb zu teuer. Lockern Sie das starre Mietrecht, so dass ein Mietvertrag auf fünf Jahre geschlossen werden kann, G500 will den Hypothekenzinsenabzug beschränken auf den Prozentsatz der ersten Belastungsscheibe: 33%. Keine Zweiteilung: Dies soll auch rückwirkend für heutige Hauseigentümer gelten.

  8. G500 zu Zukunftsinvestitionen

    Ausgangspunkt: Stecken Sie die Erdgaserträge in einen Nationalen Investitionsfonds. Die Erdgaserträge sind zu lange verjubelt worden und verbraucht, um die Staatsausgaben zu bezahlen und Subventionen zu verteilen. Dieses Kabinett will mit den Erdgaserträgen die Staatsverschuldung dämpfen. Die Rendite ist aber zu niedrig und verlockt, neue Schulden zu machen, sobald die Politik als gewünscht gesehen wird. Stecken Sie sämtliche aufkommenden Erlöse in einen nationalen Investitionsfonds und gebrauchen Sie den, um strategische Beteiligungen an vielversprechenden niederländischen Unternehmen zu finanzieren, wie man es in Norwegen mit den Öl-Erlösen tut. Auch für Notsituationen kann der Nationale Investitionsfond genutzt werden.

  9. G500 zu Staatsverschuldung

    Ausgangspunkt: Wir müssen die Staatsverschuldung so gering wie möglich an folgende Generationen weitergeben. Kreditaufnahmen des Staats müssen deshalb innerhalb zehn Jahren zurückbezahlt werden. Die europäische Schuldenkrise hat klar zu Tage gebracht, dass das Haushaltsdefizit nicht über 3% betragen und sich die Staatsverschuldung nicht auf mehr als 60% des BIP belaufen darf. In den letzten vier Jahren hat sich die Staatsverschuldung aber beinahe verdoppelt! Es besteht kaum Aussicht auf Abzahlung. Lassen Sie uns miteinander eine Grundvereinbarung treffen, dass Schulden, die durch den Staat (d h.: durch uns als Bevölkerung!) aufgenommen werden, innerhalb von zehn Jahren abbezahlt werden müssen. So werden Schulden abbezahlt, ehe sie die folgende Generation erreichen können.

  10. G500 zum Grundgesetz

    Ausgangspunkt: Verteilung von Wohlstand muss auch zwischen Generationen im Grundgesetz verankert werden. Wir plädieren deshalb für die Anpassung von Artikel 20 des Grundgesetzes: ‘Die Existenzsicherheit der Bevölkerung und die Verteilung von Wohlstand innerhalb und zwischen Generationen sind Gegenstand der Sorge des Staats.’ Die Verteilung von Wohlstand ist in den Niederlanden ein Grundrecht.

    Das bringt eine Umsetzungsverpflichtung für den Staat mit sich. Der Staat muss die Umsetzungsverpflichtung auch für die Verteilung von Wohlstand über die Generationen hinweg angehen. Bestehende Gesetze müssen entsprechend einer solchen Grundgesetz-Weisung angepasst werden.

June 08 2011

January 10 2011

Leidet die junge Generation unter dem demographischen Wandel oder unter vielen anderen politischen Fehlentscheidungen?

Die öffentlich-rechtlich betriebene Volksverdummung in Sachen Demographie geht weiter. Morgen, am 11. Januar um 20:15 Uhr, also zur besten Sendezeit, läuft im ZDF der Film „2030 – Aufstand der Jungen“ Im Ankündigungstext (siehe Anlage) ist von „Verlierern der Gesellschaft“ die Rede, die „die immer schwerer wiegende Last, die ihnen der demographische Wandel aufgebürdet hat, nicht mehr schultern können“. Sie seien Opfer eines Staates, der keine ausreichende Vorsorge getroffen habe. Die hohen Kosten für Renten-, Alters und Gesundheitsversorgung nehme den Jungen die Luft zum Atmen. – Das sind Glaubenssätze, die vermutlich viele Menschen und darunter auch solche, die sich für besonders intelligent halten, glauben. Albrecht Müller.

Es besteht für mich kein Zweifel, dass die Generation der heute Jungen – wie es 2030 sein wird, weiß keiner, auch nicht das ZDF – in vieler Hinsicht schlechter dran ist, als meine Generation in den sechziger Jahren war:

Ihre Berufschancen sind oft geringer als zum Beispiel 1965 mit einem guten Ausbildungs-Abschluss.

Sie erhalten oft keinen sicheren und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Leiharbeit und Niedriglöhne sind an der Tagesordnung.
Die solidarische Sicherung gegen die Risiken des Lebens ist merklich eingedampft.

Insbesondere ist die Leistungsfähigkeit und das Vertrauen in die Arbeitslosenversicherung zerstört worden und durch die Hartz-IV-Regelung ersetzt worden.
Die Gefahren ökologischer Belastungen und der Klimaveränderung sind gewachsen.

Öffentliche Leistungen sind in einigen Bereichen zurückgefahren worden. Darunter leiden insbesondere Familien und noch mehr Menschen, die finanziell gleichgestellt sind.

Wir führen wieder Krieg.

Viele Privatisierungen öffentlicher Unternehmen und öffentlichen Eigentums sind uns teuer zu stehen gekommen und belasten über wachsende Gebühren der privaten Unternehmen auch künftige Generationen.

Die Einkommensverteilung und Vermögensverteilung hat sich weiter verschlechtert. Die Spaltung unserer Gesellschaft ist markant.

Politische Beteiligung scheint sich nicht zu lohnen. Das Vertrauen in die demokratischen Verhältnisse schwindet – mit einem gewissen Recht.

Wenn Jüngere ehrlich sind, dann gestehen sie ein, dass sich auch manches zum Besseren verändert hat. Die Bildungssysteme sind immer noch durchlässiger als in den Fünfzigern. Der Umgang unter den Geschlechtern hat sich wesentlich verändert, positiv, wie ich meine. Der durchschnittliche Lebensstandard ist gestiegen und nicht gesunken. Die Arbeitsproduktivität ist beträchtlich gewachsen. Die Chance, sich außerhalb des eigenen Landes zu bilden und fortzubilden ist vermutlich sehr gestiegen. Usw.

Dennoch, die jüngere Generation lebt heute und möglicherweise auch in 20 Jahren, wenn die politischen Fehler weitergemacht werden, in geringerer sozialer Sicherheit und mit größeren Sorgen um den Arbeitsplatz. Ob sie „eine immer schwerer wiegende Last“ zu tragen haben, wie es im Ankündigungstext heißt, ist ungewiss und eher zu bezweifeln. Es ist auch deshalb zu bezweifeln, weil die heute arbeitende und die Rentnergeneration insgesamt in Deutschland eine so hohe Sparrate hinlegen, dass man keinesfalls behaupten kann, diese Generationen lebten auf Kosten der nachwachsenden Generation. Diese gesamtwirtschaftliche Betrachtung ist den öffentlich-rechtlichen Filmemachern offenbar völlig fremd.

Aber einmal unterstellt, die Behauptung von der „schwerer wiegenden Last“ der künftig Jungen stimme, zu behaupten, diese werde ihnen vom „demographischen Wandel aufgebürdet“, ist schlicht Unsinn. Sie ist durch nichts belegt. Sie ist Ergebnis einer primitiven Denkweise. Es wird eine partielle Veränderung diagnostiziert und dieser dann die gesamten Missstände zugeschrieben. Es wird außerdem völlig ausgeblendet, wie der demographische Wandel zu andern Zeiten war.

Der demographische Wandel war im letzten Jahrhundert rasanter als heute. Die Alterung nahm gewaltig zu. Die Relation von arbeitender Bevölkerung bzw. arbeitsfähiger Bevölkerung zu der Rentnergeneration und der Kindergeneration hat sich laufend zulasten der arbeitsfähigen Generation verändert. Hinzu kamen die beiden Weltkriege und die Vereinigung beider Teile Deutschlands mit speziellen Belastungen bzw. Verschiebungen. Es kamen Flüchtlingsströme und Aussiedlerbewegungen. Es ist nicht absehbar, dass in den nächsten 20 Jahren nun gerade aus dem demographischen Wandel besondere Belastungen hervor wachsen sollten. Und dennoch wird dieser Unsinn offensichtlich von Drehbuchautoren, Filmemachern und einem weiten Teil der Medienverantwortlichen und Medienmachern geteilt. Irgendwie haben wir neben dem Schwund der Arbeitsplatzsicherheit auch einen Schwund des geistigen Vermögens und der kritischen Kraft. Andernfalls müssten die Programmverantwortlichen des ZDF und die Macher eines Stückes wie „2030 – Aufstand der Jungen“ doch merken, dass ihre Verknüpfung von Schwierigkeiten der Jungen mit dem demographischen Wandel hinten und vorn nicht stimmt:

Die Verschlechterung der Arbeitsplatz- und Berufschancen junger Menschen folgt nicht aus dem demographischen Wandel, sondern aus der Unfähigkeit und dem Unwillen zu einer makroökonomisch vernünftigen Politik. Die Politik hat versagt. Sie hat den Aufbau einer Reservearmee an Arbeitslosigkeit zugelassen und damit das Gewicht der Arbeitssuchenden auf dem Arbeitsmarkt durchgehend zugunsten der Arbeitsplatzanbieter geschwächt.

Die Stagnation der Löhne und die Verschiebung der Einkommensverteilung zu Gunsten der Vermögens- und Gewinnseinkommen folgt aus der Weigerung der politisch Verantwortlichen, anzuerkennen, dass die Löhne mindestens im Rahmen des Produktivitätsfortschritts steigen dürfen und sollten. Die skandalöse und folgenreiche Auseinanderentwicklung der Löhne und der Lohnnebenkosten in Europa ist doch nicht die Folge des demographischen Wandels, sondern die Folge einer irren Fixierung der deutschen Bundesregierung auf Exportüberschuss.

Die Erosion der Normalarbeitsverhältnisse, der Ausbau des Niedriglohnsektors und der Leiharbeit sind die Folgen bewusster politischer Entscheidungen, deren sich Politiker wie Gerhard Schröder sogar noch rühmen und von denen Politiker wie Wolfgang Clement profitieren.

Die enorme Last, die auf die junge Generation durch den Bankenrettungsschirm zukommt, hat nicht einmal ein Fitzelchen mit dem demographischen Wandel zu tun.

Die gesetzliche Rente und die anderen solidarischen Sicherungssysteme sind bewusst der Erosion preisgegeben worden, damit den privaten Interessen der Versicherungskonzerne und der Banken Geschäftsfelder eröffnet werden. Ich verweise in diesem Kontext auf den Film Rentenangst der ARD, wo gezeigt wird, dass sich der einschlägige Interessenvertreter Professor Raffelhüschen dieser bewussten Erosion des Vertrauens in die gesetzliche Rente durch Minderung ihrer Leistungsfähigkeit auch noch rühmt. Und ich verweise auf die am 12. Januar laufende Dokumentation in der ARD über die Machenschaften des Finanzdienstleisters Maschmeyer und seiner Helfer in Politik und Wissenschaft. Siehe hier.

Niemand hat die Bundesregierung dazu gezwungen, den sozialen Sicherungssystemen versicherungsfremde Leistungen aufzubürden, wie das Anfang der Neunzigerjahre massiv geschehen ist. Niemand hat die Bundesregierung gezwungen, den Beitragssatz der gesetzlichen Rente unter 20 % festzuhalten. Wäre das nicht geschehen, dann hätte die jetzige Generation einen etwas höheren Beitrag für die sozialen Sicherungssysteme geleistet, statt in die Privatvorsorge gezwängt zu werden.

Diese politischen Fehlentscheidungen haben mit dem demographischen Wandel nichts zu tun. Ihm wird das Elend zugeschrieben. Das ist aber schlicht die Folge von mangelnder Übersicht, von mangelnder Intelligenz oder von Einbindung in die Interessen der Versicherungswirtschaft und der Banken. Sie haben ein Interesse an der Verbreitung von Unsicherheit, sie haben ein Interesse daran, den Jüngeren jeden Tag neu einzutrichtern, sie würden von den Alten benachteiligt und ihnen bliebe nur noch die Chance, privat vorzusorgen. Vielleicht ist das auch die direkt ausgesprochene Botschaft des Films im ZDF. Das werden wir sehen. Der Ankündigungstext reicht jedenfalls für einen lauten Protest gegen diese Dummheit und für eine laute Klage über die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er sollte aufklären, statt einer dumpfen Dummheit nachzulaufen. Dass diese Dummheit weit verbreitet ist, gebe ich zu.

Anlage:

Original Ankündigung des ZDF

2030 – Aufstand der Jungen
Berlin im Jahr 2030. Ein junger Mann schleppt sich schwer verletzt über den Gendarmenmarkt. Eine Passantin ruft einen Krankenwagen und in einer Not-Operation versucht man, das Leben Tim Burdenskis (Barnaby Metschurat) zu retten. Wenig später wird er jedoch für tot erklärt. Die junge Journalistin Lena Bach (Bettina Zimmermann) beginnt zu recherchieren, denn der 30-jährige Tim Burdenski war kein Unbekannter. Viele kennen ihn als “Millenniumskind”. Sein Leben – und das neun weiterer Kinder – wird seit der Geburt am 01. Januar 2000 vom Fernsehen in einer Langzeitdokumentation begleitet.

Nach Tims Tod teilt die Staatsanwaltschaft der Öffentlichkeit mit, dass er beim Versuch, in den nationalen Datenserver einzudringen, ertappt und auf der Flucht erschossen wurde. Was könnte Tim zu dieser Tat bewogen haben? Noch mysteriöser wird das Ganze, als ein weiteres Millenniumskind auftaucht: Tims langjährige Freundin Sophie Schäfer (Lavinia Wilson) behauptet, Tim sei gar nicht tot, sie habe einen Anruf von ihm erhalten. Als Lena zudem erfährt, dass Tims Leiche ohne Obduktionsbericht dem Krematorium übergeben wurde, beschließt sie, den Fall weiter zu verfolgen.

Mit Hilfe der Langzeitdokumentation versucht sich Lena ein Bild von Tims Leben zu machen und stößt dabei auf immer mehr Ungereimtheiten. Zusammen mit Sophie findet sie heraus, dass Tim, entgegen der Darstellung im Fernsehen, offenbar in bedrückender Armut lebte und hoch verschuldet war. Sophie, eine erfolgreiche junge Unternehmerin, ist schockiert. Sie und Tim waren als Jugendliche ein Liebespaar.

Während Sophie sorglos im Ausland studierte, konnte sich Tim ein Studium nicht leisten. Als Grafikdesigner hatte er zunächst eine Festanstellung, wurde dann aber, wie so viele andere auch, betriebsbedingt gekündigt und hielt sich mit zahlreichen Nebenjobs über Wasser. Offenbar schämte er sich und vertuschte seine Mittellosigkeit. Als schließlich Tims geliebte Oma zum Pflegefall wurde und die Familie einen großen Teil der Pflegekosten tragen musste, schnappte die Schuldenfalle endgültig zu. Wie konnte es soweit kommen?

Als Lena und Sophie immer mehr Hinweise erhalten, Tim sei möglicherweise doch noch am Leben, beginnt eine verzweifelte Suche, die die beiden Frauen in das Ghetto “Höllenberg” führt. Hier haben sich die Verlierer der Gesellschaft gesammelt, Menschen, die die immer schwerer wiegende Last, die ihnen der demografische Wandel aufgebürdet hat, nicht mehr schultern können.

Als gewalttätige Unruhen ausbrechen, wird das Schicksal Tim Burdenskis in seinem ganzen politischen Ausmaß sichtbar. Er wurde, wie so viele Menschen seiner Generation, Opfer eines Staates, der keine ausreichende Vorsorge getroffen hat und jetzt, im Jahr 2030, durch die hohen Kosten für Renten-, Alters- und Gesundheitsversorgung den Jungen die Luft zum Atmen nimmt.

Mit “2030 – Aufstand der Jungen” zeigt das ZDF seine zweite Produktion des Doku-Fiction-Formates. Schon der preisgekrönte Dreiteiler “2030 – Aufstand der Alten” hatte für ein beachtliches Medienecho gesorgt. Die fiktive Geschichte spielt in einer Zukunft, deren Rahmenbedingungen von Fakten der gesellschaftspolitischen Forschung untermauert sind und auf wissenschaftlich fundierten Prognosen beruhen. Ein Spiel mit Fakten also, das ein politisch brisantes Dauerthema spannend und informativ aufbereitet.

Film von Jörg Lühdorff
 
Sendungsinformationen

Regie: Jörg Lühdorff

Kamera: Konstantin Kröning

Musik: Oliver Biehler

Darsteller:

  • Lena Bach – Bettina Zimmermann
  • Sophie Schäfer – Lavinia Wilson
  • Tim Burdenski – Barnaby Metschurat
  • Paula Burdenski – Kathrin von Steinburg
  • Vincent Fischer – Ralph Herforth
  • - u.a.
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