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September 09 2013

Im Dickicht der Daten: Was der „Tatort” lehrt

Die Cloud hat Einzug im „Tatort” gehalten. Zwischen Funkzellenabfrage, Handy-Bildern im Laptop-Backup und Überwachungskameras zapften die Ermittler am Sonntagabend im Ersten alle denkbaren Datenquellen an. Des Rätsels Lösung lag nicht darin.

Kaum etwas macht ein Thema so zur gesellschaftlichen Realität wie der „Tatort”. Ob Zwangs-Prostitution, assistierte Selbsttötung oder schlichtweg das Wort „Scheiße“: Der Sonntagabend-Krimi etabliert gesellschaftliche Realität in deutschen Wohnzimmern. Dass sich die Berliner Tatort-Ermittler diesmal ganz auf Datenberge und die Cloud konzentrierten, setzt zumindest neue Maßstäbe in der Welt der deutschen Polizei-Serien.

Der eigentliche Fall ist schnell erzählt und passt zu den Boulevardschlagzeilen der letzten Jahre: Betrunkene Jugendliche pöbeln in der U-Bahn, greifen Passanten an und erschlagen am Ende einen Mann im U-Bahnhof, während die Passanten wegsehen. Als die Täter schließlich ermittelt werden, stehen die Ermittler vor der Frage: Wer von ihnen ist der Mörder?

Eins zu Null für Fahndung 1.0

Damit die digitalen Spuren so richtig zur Geltung kamen, konstruierte Autor und Regisseur Stephan Wagner den Fall sehr sorgfältig um die klassischen Ermittlungsansätze herum: So war der U-Bahnhof vor Eintreffen der Spurensicherung gereinigt worden, Fingerabdrücke oder Blutspuren vernichtet. Um die Täter zu finden, werteten die Berliner Ermittler zuerst die Kameras an der U-Bahn-Station aus, um schließlich über eine Funkzellenabfrage Täter und Zeugen zu identifizieren. Ohne Erfolg: Der Haupttäter stellte sich selbst, als ein unscharfes Bild von ihm in der Presse veröffentlicht wurde. Eins zu Null für die Fahndung 1.0.

Im Verlauf der anderthalb Stunden machten die Ermittler eine um die andere Datenquelle aus: Die Smartphones von betrunkenen Touristinnen in Partystimmung, die Kamera eines entgegenlaufenden Zuges. Dann die GPS-Ortung des Smartphones des Opfers; schließlich sogar die Fotos, die das Opfer in der Cloud abgelegt hatte. Schritt für Schritt wird dem Publikum präsentiert, wo wir überall Daten hinterlassen und wie jeder Schritt digital nachvollzogen werden kann, wenn man nur genug Datenquellen abgreift. Sekundengenau.

Wo die Ermittler gar zwei Datenquellen – wie Handydaten und Personalausweis-Register – abgleichen, lassen sich Zeugen recht zuverlässig identifizieren. Selbst wenn die staatlichen Datenbanken versagen, gibt es genug private Daten – man muss nur nach ihnen suchen. Das alles hielten die Tatort-Macher auf laientauglichem Niveau, angefangen mit der Frage: „Cloud-fähig – was war das nochmal?“

Im Wald vor lauter Daten

Die Tatort-Macher wollten sich klar nach allen Seiten absichern. Um nicht in unkritische Cloud-Begeisterung zu verfallen, zeigten sie Polizisten, die beim Auswerten der Bilder feiernder Asiatinnen in hysterisches Kichern verfallen; ein Sondereinsatzkommando stürmt dann versehentlich die falsche Wohnung.

Auch juristisch hatte Wagner den Fall abgesichert: Die Kommissare erzählen so oft vom Richtervorbehalt bei der Abfrage der Daten, dass die Dialoge an Anfang geradezu hölzern wirkten. Nicht einmal der Tatort-Watch-Account der Grünen hatte große Einwände. Spannung hingegen kam kaum auf, ein Motiv blieb das Drehbuch achselzuckend schuldig.

Lehrreich scheint vor allem die Verwirrung der Beamten, die sich in den digitalen Daten schlichtweg verfangen und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Denn die Lösung des Falls lag weder in den Daten aus der Cloud noch in Überwachungskameras – der Anrufbeantworter der Geliebten des Toten hatte die Tat aufgezeichnet. Das aber hätte er schon im analogen Zeitalter gekonnt.

Reposted bykrekkpharts

February 08 2013

Hi-Tech im Gerichtssaal

Letzte Woche habe ich für meinen urlaubenden Kollegen ein paar Termine als Nebenklagevertreter in einem Strafverfahren wegen zweifachen Mordes wahrgenommen, was für mich aus verschiedenen Gründen eine interessante Erfahrung war.

Weil man ja oft den Eindruck hat, die Ermittlungsbehörden würden technisch etwas hinterherhinken, war ich dann doch davon überrascht, wie die Spurensicherung heutzutage arbeitet. Die Drehbücher aktueller Krimis bilden das bislang zumeist noch nicht ab.

Die Spurensicherung des bayerischen LKA fertigt mittlerweile zumindest für bedeutendere Verfahren einen 3D-Scan des Tatorts – im konkreten Fall eines Wohnhaus – an, dessen filmische Umsetzung man dann per Beamer im Gerichtssaal vorführt. So wird wirklich jedes Detail festgehalten, wie man es ansonsten auch mittels tausender Fotos und herkömmlicher Filmaufnahmen nicht gekonnt hätte. Im Gerichtssaal erlebt man dann einen auf die Leinwand geworfenen Rundgang durch das Tatgebäude und die Betrachtung einzelner Gegenstände und Spuren aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Mich hat das durchaus beeindruckt, vermutlich vor allem deshalb, weil man immer überrascht ist, wenn die Polizei dann doch mit moderner Technologie arbeitet.

Und auch das Verhalten der Medien war interessant. Am ersten Prozesstag waren verschiedenste Fernsehteams und Vertreter großer überregionaler Tageszeitungen und Magazine vor Ort und haben die Prozessbeteiligten förmlich belagert, während am dritten Verhandlungstag allenfalls noch ein oder zwei Journalisten anwesend waren. Zur Urteilsverkündigung wird die Medienmeute mit Sicherheit zurückkehren, aber eine Hintergrundberichterstattung, die tatsächlich den ganzen Prozess beleuchtet, scheint nicht (mehr) gefragt zu sein. Den mithilfe eines 3D-Scanners erzeugten Film vom Tatort haben die Medien jedenfalls verpasst.

Reposted byphintech phintech

October 08 2010

Tatort Internet: Noch Luft nach unten

Wenn man gelegentlich in das Programm des Senders RTL 2 reinzappt, denkt man sich zumeist, dass der qualitative Boden bereits erreicht ist und keine Luft mehr nach unten besteht. Das ist freilich ein Irrtum, wie die gestern erstmals ausgestrahlte Sendung “Tatort Internet” belegt. Auch die flankierende Berichterstattung früherer (Stern) und vermeintlich aktueller (FAZ) Qualitätsmedien lässt sich auf der nach unten offenen Niveauskala nicht lumpen. Denn schließlich geht dieses der Aufklärung verpflichtete neue Format auf die Jagd nach Kinderschändern und zwar im natürlich größten Tatort der Welt, nämlich dem Internet.

Dass dieses Format den Missbrauch von Kindern zu Quotenzwecken instrumentalisiert, haben andere bereits dargelegt. Deshalb möchte ich mich hier auf einige juristische Aspekte beschränken.

Der Beitrag suggeriert teilweise, dass der Versuch des sexuellen Missbrauchs von Kindern oder der Verbreitung kinderpornografischer Inhalte nicht strafbar sei. Dem ist nicht so.

Was in der Sendung letztlich gefordert wurde, ist die Einführung einer Strafbarkeit des sog. “Grooming”. Gemeint sind damit Vorbereitungshandlungen wie das bloße Ansprechen von Kindern oder Jugendlichen in Chats o.ä. mit sexuellem Hintergrund. Die Schaffung einer solchen Strafbarkeit hätte zumindest den Vorteil, dass damit auch Sendungen wie “Tatort Internet” unzulässig werden. Denn was die Journalistin Beate Krafft-Schöning da vor laufender Kamera macht, ist letztlich natürlich auch nichts anderes als die Förderung von “Grooming”.

Gegen das Format wurden aber noch weitere rechtliche Bedenken geäußert. Denn das heimliche Mitschneiden der Gespräche der angelockten potentiellen Täter durch RTL 2 dürfte gegen § 201 StGB verstoßen. Das unbefugte Aufnehmen des nichtöffentlich gesprochenen Worts, wie auch das Gebrauchmachen von einer solchen Aufnahme, ist danach grundsätzlich strafbar. Die Hobbyermittler von RTL 2 haben eben keine polizeilichen Befugnisse. Bei diesem Format werden also möglicherweise auf beiden Seiten der Kamera Straftaten begangen.

Sollte aufgrund der Angaben, die zu der Person der gefilmten Täter gemacht werden, eine Identifizierbarkeit möglich sein, kommt außerdem eine Persönlichkeitsrechtsverletzung hinzu. Man sollte die Ermittlungsarbeit deshalb der Polizei überlassen.

Dass die Ehefrau des Verteidigungsministers, Stephanie zu Guttenberg bei einem derart fragwürdigen Format mitwirkt, ist eine andere Geschichte. Dem vielbeschworenen Schutz der Kinder, dient das jedenfalls nicht.

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