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October 14 2011

Warum interviewen die Tagesthemen den Unternehmensberater Berger zu Griechenland? Damit er die Privatisierung des griechischen Volksvermögens fordern kann!

Gestern Abend in den Tagesthemen ein Interview mit Roland Berger zu Griechenland. Er sagte einiges Vernünftiges. Zum Beispiel, dass es jetzt darauf ankomme, die griechische Wirtschaft wieder ans laufen zu bringen. Dann aber wörtlich bei Minute 5 und 45 Sekunden: „Das geht nur, wenn man das große staatliche Vermögen … privatisiert.“ Wieso geht das nur bei Privatisierung? Wieso nicht mit öffentlichem Beschäftigungsprogrammen usw.? Albrecht Müller.

Ich verdanke es einem (traurigen) Zufall, darauf gestoßen worden zu sein, wie Berger und Kollegen von der Privatisierung in Deutschland profitiert haben. In Plauen im Vogtland gibt es eine ehedem in öffentlichem Besitz befindliche Klinik, die Vogtland Klinik, heute Helios. Sie wurde jedoch nicht direkt vom früheren Eigentümer, dem Kreis, an Helios verkauft, sondern über eine Zwischenstation. Roland Berger und die von seiner Roland Berger Strategy Consultants mitbesessene Humaine Kliniken GmbH, damals mit Sitz in Aschheim in Bayern, haben in einem Zwischenschritt von der Privatisierung profitiert. Diese GmbH hat bis zum Jahr 2006 gleich mehrere Kliniken erworben und betrieben, zum Teil im Zuge der Privatisierung der ehemaligen öffentlichen Betriebe der DDR. Nähere Informationen siehe zum Beispiel hier: Zukunfstorientierte Behandlung der Patienten steht im … – Plauen [PDF - 170 KB]

2006 wurde die Humaine Kliniken GmbH dann an Helios bzw. Fresenius verkauft. „Fresenius schluckt Humaine-Kliniken“, hieß es damals im Münchner Merkur.

An anderer Stelle konnte man lesen, dass der „Strategieberater“, wie es hier heißt, damals als neues Mitglied in den Aufsichtsrat von Helios einzog. In dieser Quelle heißt es auch: „Prof. Dr. h.c. Roland Berger: Die Gesundheitsbranche, und insbesondere der Klinikmarkt, sind Zukunftsfelder der deutschen Wirtschaft … HELIOS wird in diesem dynamischen Marktsegment seinen Wachstumskurs weiter fortsetzen.“

Jetzt wird das unwürdige Spiel in Griechenland weitergespielt: Öffentliches Vermögen wird als Schnäppchen verscherbelt, aufmöbliert und teuer weiter verscherbelt. Vielleicht kennen einige unserer Leser die jeweiligen Preise. Zu welchem Preis hat Humaine gekauft? Zu welchem Preis weiterverkauft? Wer hat zwischendurch investiert? Mit wie viel öffentlichem Geld usw.?

Die Tagesthemen bieten das Forum, um Druck darauf auszuüben, dass jetzt auch den Griechen widerfährt, was uns in Deutschland bei der Privatisierung öffentlicher Einrichtungen und vor allem im Zuge der deutschen Vereinigung widerfahren ist: Private bereichern sich zulasten der Allgemeinheit.

Alles was ich recherchiert habe, konnte auch die Redaktion der Tagesthemen wissen. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Redaktion willentlich die Geschäfte der Privatisierungsprofiteure betreibt. Wahrscheinlich ist dieses seltsame Interview mit einem Unternehmensberater zu einem volkswirtschaftlichen Problem über PR Agenturen eingefädelt worden. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die Moderatorin Mioska sich als Stichwortgeberin betätigte. Dass es Streiks in den öffentlichen Betrieben Griechenlands gibt, was ja nichts wohl verständlich ist, wurde als die Privatisierung erschwerend dargestellt.

Wieder einmal ein tolles Stück eines öffentlich-rechtlichen Senders.

P.S.: Wer „Machtwahn. Wie eine mittelmäßige Elite uns zugrunde richtet“ liest, kann darin viel über die politische Korruption im Umfeld der Privatisierung nachlesen, und damit auch darüber, wie man schnell zu viel Geld kommt. Die Tagesthemen helfen dabei.

September 06 2011

„Märkte“, „Anleger“, „Schuldenkrise“, „Schuldensünder“, „Schuldenstaaten“, „Herdentrieb“ und andere Irreführungen

Gestern waren die Tagesthemen mal wieder finsterstes Mittelalter – wie viele andere Einlassungen von Wissenschaftlern, Politikern und Medien ein Ausbund an Gegenaufklärung. Die in der Überschrift genannten Begriffe werden besonders gerne benutzt. Sie führen in die Irre oder sie sind nur die halbe Wahrheit. Albrecht Müller.

Der Erfolg des Begriffs „Schuldenkrise“ ist einer der neueren Belege für die Möglichkeit, die Menschen einschließlich der Medien umfassend zu betrügen. Die Krise ist eine Krise der Banken und der gesamten Finanzwirtschaft. Wie wir jetzt den Einlassungen von Herrn Ackermann zu den faulen Forderungen in den Bilanzen vieler Banken entnehmen können, hat die Finanzkrise ursprünglich wenig mit Staatsverschuldung zu tun. Die Banken und anderen Finanzinstitute haben sich gründlich verspekuliert. Und dies nicht erst jetzt.

Schon im Jahr 2003 war zum Beispiel offenbar geworden, dass sich einige Banken und Versicherungen in Deutschland maßlos vergaloppiert und verspekuliert hatten. Sie klopften im Februar 2003 bei Schröder und seinen Ministern Clement und Eichel an die Tür, um die Unterstützung des Bundes für die Gründung einer oder mehrerer Bad Banks zu erreichen. Die HypoVereinsbank gründete, nachdem der begehrte Deal mit der Bundesregierung bekannt geworden und nicht zustande gekommen war, die HypoRealEstate und lagerte dort ihren Schrott ab. Andere Banken bedienten sich der Unterstützung des Bundes über die KfW, um ihren Schrott bei der IKB abzuladen. Das war alles lang vor dem Scheitern von Lehman Brothers.

Wie im NDS-Beitrag „Die Eurokrise in Zahlen (I) – Wie Musterschüler zu Problemkindern wurden“ beschrieben, war die Staatsverschuldung weder hier noch bei den meisten Mittelmeerländern ein erkennbar großes Problem. Dennoch wird mit den Begriffen „Schuldenkrise“ und „Schuldensünder“ heute massiv und folgenschwer Meinung gemacht.

In den erwähnten Tagesthemen gab es gleich eine Serie von einschlägigen Sprüchen, die auf der falschen Analyse aufbauen, wörtlich:

  • Die Märkte zweifeln an der Reformfähigkeit der Schuldenstaaten.
  • Euro-Schuldensünder
  • Die Märkte glauben immer weniger, dass Europa seine Schuldenprobleme überhaupt lösen kann.
  • Griechenland spart nicht wie versprochen
  • Das Verhalten Griechenlands ist an der Grenze der Provokation (Brüderle)
  • Die Schuldenkrise der Mittelmeerländer ist auch eine Ursache für den Dax-Absturz.

Mit dem Gebrauch der Begriffe „Märkte“ und „Anleger“ wird der Eindruck erweckt, dort seien vernünftig handelnde einzelne Menschen tätig und die Hauptakteure seien solche, die Geld anlegen, investieren, als etwas nützliches und Werte schaffendes tun. Das ist nicht einmal eine Halbwahrheit. Damit wird verdeckt, dass das Geschehen auf den Finanzmärkten und auch auf den Rohstoffmärkten weit gehend von Spekulation und Spekulanten geprägt ist – auch von dem Gebrauch neuer Finanzprodukte, von Wetten und abenteuerlichen Verbriefungen.

Das müssten wir eigentlich wissen: angefangen bei den Übernahmeschlachten um Mannesmann und die Deutsche Börse oder VW/Porsche, über die Spekulationen und Machenschaften um die HypoAlpeAdria bis hin zu den gezielten Spekulationen um die einzelnen Euro-Länder – immer waren einzelne Akteure, Spekulanten, tätig, die das Marktgeschehen, also die Entwicklung der Kurse, der Zinsen und der Währungen wesentlich beeinflussten.

Ein neues sehr gutes Beispiel kommt gerade auf den Tisch: „Goldman Sachs empfiehlt Wetten gegen Europa“ titeln die Mittelstandsnachrichten mit Berufung auf das Wall Street Journal vom 1. September 2011 . (Einstieg siehe Anlage)

Die Menschen, die Aktien, Devisen oder Rohstoffe bzw. entsprechende Fonds kaufen, haben, wenn sie sich gleichgerichtet verhalten, sicher einen gewissen Einfluss auf die Preis- und Kursentwicklung. Insofern kann man von Herden und Herdentrieb sprechen. Aber dies ist wirklich auch nur die halbe Wahrheit. Denn für das Herdenverhalten mit und oft maßgeblich entscheidend sind die Strategien und Empfehlungen einzelner Großspekulanten einschließlich der einschlägigen Investmentbanken wie Goldman Sachs.

Noch eine Anmerkung zu die Folgen des Gebrauchs der oben erwähnten Begriffe zum Umgang mit Griechenland und zu den Tagesthemen:
Offenbar führt der Gebrauch der Worte „Schuldensünder“, „Schuldenstaat“ etc. dazu, dass unsere Kommentatoren in Politik, Wissenschaft und Medien auf das Mitdenken verzichten:

  • Der Kommentator des Bayerischen Rundfunks Gottlieb erweckt den Eindruck, als würden die Griechen gemütlich unter dem Euro-Rettungsschirm liegen. Er hat keine Ahnung vom Geschehen in Griechenland und schon gar nicht von der sozialen und finanziellen Lage der Mehrheit der Menschen.
  • In den Tagesthemen wird eine Diskussion in einem griechischen Privatsender dokumentiert und dabei auch zu vermitteln versucht, dass die griechische Regierung ihrer Verpflichtung zur Privatisierung von Staatsvermögen nicht zügig genug nachkommt. Die dort interviewte Abgeordnete der Regierungspartei versucht zu erläutern, dass die Privatisierung auch deshalb stockt, weil die Preise so schlecht sind. – Für dieses Argument müsste jeder vernünftige Mensch ein offenes Ohr haben. Denn es ist einem Volk wirklich nicht zuzumuten, seine Vermögenswerte weit unter Preis not-zu verkaufen. Wer das nicht nachvollziehen kann, versteht dieses nicht oder er vertritt die Interessen jener, die mit der ablaufenden Schockstrategie wieder einmal ein Schnäppchen machen wollen. Wie schon bei der Plünderung der Vermögenswerte in der DDR und in anderen Ländern Osteuropas und heute in Afrika. Rund um.
  • Auch die schon erwähnte Anmerkung Brüderles, die mangelnde Sparbereitschaft der Griechen sei eine Provokation, zeigt nur, wie eingelullt und vernebelt bei uns maßgebliche Personen sind, wenn es um gravierende Entscheidungen für die Zukunft eines gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraum. Beim Fraktionsvorsitzenden der FDP ist noch nicht einmal angekommen, dass wie von den NachDenkSeiten und einigen anderen Beobachtern immer wieder vorhergesagt, die den Griechen aufgedrückten Sparbeschlüsse gar nicht zum Sparerfolg führen werden, weil damit die Konjunktur kaputt gespart wird. Das alles wusste man. Das alles kann man begreifen, wenn das Gehirn nicht von Schlagworten wie den eingangs erwähnten vernebelt ist.

Es fiel übrigens in dieser Tagesthemensendung auf, dass der Unverstand in der Redaktion der Tagesthemen in Hamburg und beim dortigen Moderator Tom Buhrow um einiges ausgeprägter zu sein scheint als beim Börsenbeobachter Michael Best vom Hessischen Rundfunk.

Anlage:

SEPTEMBER 1, 2011 Uhr
Goldman Takes a Dark View
A Private Note to Hedge-Fund Clients Gives a Strategist’s View; Ways to Gain From Global Pain
BY SUSAN PULLIAM AND LIZ RAPPAPORT
A top Goldman Sachs Group Inc. strategist has provided the firm’s hedge-fund clients with a particularly gloomy economic outlook and suggestions for how these traders can take advantage of the financial crisis in Europe.
In a 54-page report sent to hundreds of Goldman’s institutional clients dated Aug. 16, Alan Brazil—a Goldman strategist who sits on the firm’s trading desk—argued that as much as $1 trillion in capital may be needed to shore up European banks; that small businesses in the U.S., a past driver of job production, are still languishing; and that China’s growth may not be sustainable.
Among Mr. …
Quelle: Wall Street Journal

Schwache US-Volkswirtschaft – Eisiger Herbst
Die USA strahlen derzeit wenig Zuversicht im Kampf gegen die Schuldenkrise aus. Zu dieser kommt noch eine schwache Konjunktur, weil die Menschen wenig einkaufen. Die Arbeitslosenquote verharrt, anders als von vielen Experten erwartet, bei hohen 9,1 Prozent, hieß es am Freitag. Zudem korrigierte das Land offiziell die Erwartungen für das Jahr 2011 – und senkte die Wachstumsprognose drastisch um fast einen Punkt auf nur noch 1,7 Prozent. In Folge sausten die Aktienkurse nach unten. Für die Weltwirtschaft ist die amerikanische Leistungsschwäche ein herber Ausfall. Noch immer handelt es sich um die größte Volkswirtschaft der Welt. Je schneller sie sich berappelt, umso besser für andere Länder. Woher soll Hoffnung kommen?
Quelle: Süddeutsche Zeitung

Reposted bykrekk krekk

June 26 2010

Sie sind alle gleichgeschaltet – ZDF, ARD, Spiegel Online usw.

Kaum war mein Beitrag über die verwirrende Debatte ums Sparen im Netz, erhielt ich folgende interessante Mail: „Sie haben am 24.6. wohl die Tagesthemen nicht gesehen, sonst hätten Sie es wohl erwähnt. Dort sagt Tom Buhrow tatsächlich: ‚Und da geht es um die Gretchenfrage: Sparen oder Prassen?’ (Siehe Tagesthemen 11:56 min).“ Ob heute journal oder Tagesthemen, [...]

December 22 2009

Börse im Ersten - die permanente Imagebeschädigung der ARD

Einer unserer aufmerksamen Leser macht uns auf Anja Kohls Stück von gestern aufmerksam. Das war nicht nur ein neoliberal und von Interessen gefärbtes Stück, es war auch einfach dumm und durcheinander. Höchste Zeit, dass die ARD diese Sendung streicht oder auf nachts um 0:45 Uhr legt. Albrecht Müller
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Schweinderl