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February 07 2014

„Überwachtes Netz“ – Ein wichtiges Kompendium für ausdauernde Leser

Der Sammelband „Überwachtes Netz“ bietet sich an als eine Art erster Untersuchungsbericht zur NSA-Überwachung. Trotz aktualisiertem Wissensstand ist das Buch auch aus heutiger Sicht eine zwar voreingenommene, gleichwohl notwendige Bündelung kluger Analysen, oft mit Willen zu Entrüstung und Gegenwehr.

„Überwachtes Netz“ erschien Mitte November, also vor gerade einmal drei Monaten. Das ist normalerweise keine große Zeitspanne bei einem Buch. Normalerweise. Doch dieses Thema, die Aufdeckung der NSA-Überwachung, ist keineswegs normal, sondern der „größte Überwachungsskandal der Geschichte“ – so der superlative Untertitel des Buchs. Während dieser drei Monate ist viel passiert: Es wurde mehrfach auf allen politischen Ebenen über die Abhöraktionen beraten, US-Präsident Obama gab mehrere Versprechen zu Bändigung und Reform der NSA, die neue Bundesregierung ließ ihre diesbezügliche Agenda verlauten, die Internet-Konzerne bemühten sich, ihre unklare Rolle beim großen Lauschangriff zu erklären. Edward Snowden stellte sich in dieser Zeit persönlich den Fragen eines Politikers, der Internet-Öffentlichkeit und schließlich eines Fernsehteams. Und dieser Tage erscheint das erste Buch über ihn.

Das Cover des Sammelbandes, Titelbild: Laura Poitras / Praxis Films. CC BY 3.0

Kurzum: Im Licht permanenter Aktualisierung sieht so mancher der über 50 Texte des vorliegenden Buches ziemlich alt aus, denn die meisten sind im Herbst vergangenen Jahres entstanden. Macht aber nichts, denn gerade weil der Geheimdienst-Skandal seit Veröffentlichung von „Überwachtes Netz“ praktisch nicht ein einziges mal vom Herd der gesellschaftlichen Erregung genommen wurde, sondern dort bei mittlerer politischer Hitze weiter und weiter köchelt, verschafft das diesem Buch nicht nur weitere Aufmerksamkeit, sondern auch mehr Notwendigkeit.

Wichtiger noch: den Herausgebern Markus Beckedahl und Andre Meister war die Dynamik des Themas durchaus bewusst. Sie strebten schon im Herbst keine Chronik der Ereignisse an, sondern begriffen die spektakulären Enthüllungen vielmehr als bedeutende, global wirksame Zäsur mit weitreichenden Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Sehr treffend formuliert das Arne Hintz in seinem Beitrag: „Wenn die Leaks ein Wendepunkt hin zu einem kritischeren Umgang mit sowohl sozialen Medien als auch Regierungsverlautbarungen sind, dann ist auch dies ein historischer Moment.“ Eine Einschätzung, die sich als Grundthese durch fast alle Texte zieht und sie gewissermaßen eint.

Die Intention: Entwicklungen reflektieren und Schlüsse ziehen

Tatsächlich ist „Überwachtes Netz“ weit mehr als ein „Was bisher geschah“ zu einer noch lange nicht zu Ende erzählten Geschichte. Es bietet ein extra dickes Bündel an Bewertungen, Analysen und Einordungen, Konsequenzen, Lösungs- und Handlungsansätzen. Dem ambitionierten Werk geht es deutlich erkennbar um zweierlei: Die Leserschaft nicht nur aufklärerisch durch dichte Nebelschwaden von geheimdienstlicher Überwachung und Datensammlung zu navigieren, sondern zugleich auf Fernlicht zu schalten, um weitblickend auszuleuchten, wohin die Wege, die uns Edward Snowdens Enthüllungen zeigen, womöglich führen.

„Überwachtes Netz“ ist eine umfangreiche Zusammenstellung von Aufsätzen und Betrachtungen gemeint, in die drei Abschnitte „Politische und gesellschaftliche Auswirkungen“, „Wer überwacht die Überwacher? Geheimdienste außer Kontrolle“ und „Wie die Überwachung funktioniert“. Diesen Hauptteil ergänzen eine Reihe Experten-Interviews sowie ein „Bonustrack“-Abschnitt mit Petitionstext und Menschenrechtsgrundsätzen. Herausgegeben wurde „Überwachtes Netz“ von Netzpolitik.org, eine als Verein organisierte „Plattform für digitale Bürgerrechte“, sowie der Agentur newthinking.

Breites Spektrum, aber Schwächen im Lektorat

Für dieses ebenso facettenreiche wie komplexe Thema ist diese Aufteilung allerdings recht grob. Und es zeigt sich – um dies voran zu schicken – , dass die Texte zwar ein breites Spektrum an Perspektiven und Ansätzen abdecken, sich aber leider auch häufig überlappen, weil sie diesbezüglich nicht konsequent genug lektoriert sind. Die einzelnen Beiträge sind zwar ordentlich redigiert und konsistent formatiert, redaktionell aber oft nicht hinreichend aufeinander abgestimmt beziehungsweise überarbeitet.

Statt sich den inhaltlichen Staffelstab zu übergeben laufen die Texte, um im Bild zu bleiben, häufig eine Zeit lang nebeneinander her: Einige Sachverhalte zu Snowden, zu seinen Enthüllungen, zu seinem darauf folgenden Werdegang überschneiden sich unnötig, bestimmte Erläuterungen und Argumentationen kommen doppelt oder auch mehrfach vor. So sammelt sich im Laufe des (komplett) Lesens etwas Ballast im Kopf an. Ebenso fehlen direkte Querverweise zwischen den Texten oder Abstimmungen beim verwendeten Wortschatz und bei der Sprach-Ebene – Arbeitsschritte, die ein gutes Lektorat leistet. So gesehen erinnert „Überwachtes Netz“ eher an einen Reader, wie ihn Studenten kennen: ein geheftetes Bündel von Texten zu einem Seminar, die aus zahlreichen Büchern, Zeitschriften, Magazinen und weiteren Publikationen stammen.

Fast erschlagend ausführlich, aber analytisch hervorragend

Gleichwohl kann der textmächtige, ja, fast erschlagend ausführliche Sammelband punkten, vor allem durch viele analytisch hervorragende Texte von ebenso kompetenten wie ausdrucksfähigen Experten. Die fast 50 Autoren und befragten Experten – darunter viele aus den USA und weiteren Ländern – nehmen auch mal die persönliche Perspektive auf das Thema ein. Sie messen die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Geheimdienst-Spähereien aus, sie ordnen diese historisch ein und stellen sie auf den technischen Prüfstand. Manchen Autoren scheint es vor allem um Empörung zu gehen, um anklagende Plädoyers oder um Anstiftung zu (mehr) Gegenwehr und digitalem Ungehorsam.

Für Constanze Kurz und Frank Rieger beispielsweise – beide vom Chaos Computer Club – offenbart sich im NSA-Skandal eine neue Ebene datenpolitischer Auseinandersetzungen: „Der alte Kampf der Geheimdienste gegen die Verschlüsselung, die ihren Anspruch einschränkt, jede Kommunikation lesen und auf alle Daten zugreifen zu können, (ist) in eine neue Phase getreten. Die »Crypto Wars 2.0« werden mit geheimen Abhör-Anordnungen, mit geheimdienstlichem Hacking und dem Einsatz von Trojanern ausgefochten. Auf der Strecke bleiben Privatsphäre und Rechtsstaat, geopfert auf dem Altar eines nebulösen Sicherheitsversprechens, das nur noch das Feigenblatt zur Machterhaltung der Geheimdienste ist.“

Nicht als Utopie gemeint: „Es sind Gesetze auf globaler Ebene zu erlassen“

Angesichts dieser apokalyptischen Zustände plädiert Georg Greve in seinem Beitrag für nicht weniger als ein globales Verständnis von Datenschutz und Netzpolitik und für eine Art neues, weltweites Datensicherheits- und Datenzugriffsregularium. Und meint das gar nicht als Utopie, sondern sehr ernst.

Annette Mühlberg schreibt in die gleiche Richtung und konkretisiert: „Es sind also zum einen Gesetze zu erlassen und Vereinbarungen auf möglichst globaler Ebene zu treffen, um die rechtsstaatliche Kontrolle über die in eine Parallelwelt entfleuchten Spionagegroßmeister wiederzuerlangen und funktionstüchtig zu gestalten.“

Diese und andere Autoren sehen in den NSA-Leaks durch Edward Snowden so etwas wie ein Erdbeben-gleiches Ereignis, nur dass hier nicht kontinentale Gesteinsmassen aneinander geraten, sondern multinationale gesellschaftliche Kräfte.

Gestus vieler Texte  ist nicht der erhobene, sondern der ausgestreckte Zeigefinger

In diesem Duktus sind viele Texte verfasst: Die mehrheitliche Grundhaltung ist eine gut begründete Entrüstung. Ihr Gestus ist nicht der erhobene, sondern der ausgestreckte Zeigefinger, gerichtet auf die politisch Verantwortlichen, vor allem in den USA, in Großbritannien und in Deutschland. Text für Text entsteht so beim Lesen des Sammelbands der Eindruck, hier eigentlich einen dicken, schweren „Untersuchungsbericht“ eines vielköpfigen Ausschusses vorliegen zu haben, der Politikern und Geheimdienstlern demonstrativ vor die Füsse geworfen wird, damit das ordentlich Staub aufwirbelt.

Doch es ist genau diese, in der Summe aller Texte zu konform und mitunter zu gewollt wirkende Anklagehaltung, die das Werk, wenn auch nur stellenweise, etwas schwerer verdaulich macht und Distanzierung auslöst.Etwa, wenn der Kryptografie-Experte Bruce Schneier seine Agitation auf eine ziemlich platte Formel reduziert: „Die US-Regierung hat das Internet verraten. Wir müssen es uns zurückholen.“ Oder wenn Richard Stallman, US-amerikanischer Aktivist und Entwickler Freier Software, dem Staat grundsätzlich misstraut: „Kurz gesagt, sind die Daten erstmal erfasst und der Staat hat Zugriff auf selbige, wird es immer möglich sein, diese Daten mit maximalem Schaden zu missbrauchen.“

Adressiert eine Leserschaft, die zu Datenschutz und Netzdebatten vorgebildet ist

Die Texte verlangen nicht unbedingt ausgeprägtes Vorwissen, etwa zu digitaler Privatsphäre oder Datensicherheit. Doch wird im Laufe des Bandes deutlich, dass er eine Leserschaft adressiert, die zu Datenschutz und Netzdebatten vorgebildet ist, und dass sich eine Idee durchzieht: netzpolitische Sammlungsbewegungen mit Argumenten, Rhetorik und Agitation auszustatten.

Das funktioniert immer dann besonders gut, wenn sich eine, vielleicht realpolitisch zu apostrophierende Sachlichkeit zeigt. Etwa bei Thilo Weichert, Landesbeauftragter für Datenschutz Schleswig-Holstein, der schreibt: „Der Kampf um eine demokratische und freiheitliche Informationsgesellschaft ist noch lange nicht verloren. Dieser Kampf hat gerade erst begonnen. Bei diesem globalen Kampf stehen uns moderne autoritäre Staaten wie Russland und China gegenüber. Die USA müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen. Wir sollten uns darauf einstellen, eine lange Auseinandersetzung zu führen.“

Je weiter man sich durch die, durchgängig von Sachverstand geprägten Texte liest, desto mehr stellt sich jedoch die Frage, ob es auch andere Grundhaltungen gibt, als die der beinahe kompromisslosen Entrüstung? Ob es auch andere Ansätze gibt, als die des mehrheitlich geforderten „Tabula Rasa“, bei den Geheimdiensten und deren Kontrolleuren, bei den Gesetzen und Regulierungen, bei den politischen Machthabern und Strippenziehern? Manche Autoren lassen durchaus erkennen, dass sie eine etwas andere Perspektive suchen, indem sie beispielsweise nach konkreten Handlungsoptionen suchen.

Experten-Interviews für „internationalistische“ Horizonterweiterung

Die sechs Interviews mit Experten aus mehreren Ländern, die zum Ende des Bandes hin etwas „hinzuaddiert“ wirken, holen übrigens die Leser mit nicht so viel Vorwissen beziehungsweise mit nicht ganz so ausgeprägter netzpolitischer Grundhaltung etwas besser ab. Aus diesem Grund wären sie womöglich am Anfang besser platziert, sozusagen als Ouvertüre. Im Kontext der vielen anderen Beiträge betrachtet sind sie allerdings nicht wirklich nötig, Doch zumindest sind die vor-Ort-Einblicke zum Umgang mit der NSA-Affäre in den Ländern Österreich, Holland, Dänemark und Guatemala sehr aufschlussreich für die internationalistische Horizonterweiterung.

Die sprachliche Qualität und der Lesegenuss der Texte schwanken, doch ihre rhetorische Güte beziehungsweise die Überzeugungskraft der Analysen sind meist auf einem hohen Niveau. Etwas misslungen sind die Übersetzungen aus den englischen Textvorlagen, weil diese in ein etwas hölzernes, gestelztes Deutsch gewandelt wurden.

Wie eine netzpolitische Agenda

Alles in allem ist „überwachtes Netz“ ein ebenso ausdauerndes, wie Lese-Ausdauer erforderndes Kompendium. Es liest sich über weite Strecken wie eine netzpolitische Agenda, wie das Statut einer Bewegung, die sich Datenschutz und digitale Bürgerrechte auf die Fahnen schreibt und daraus auch ein Programm zu internetbezogener Außen- und Sicherheitspolitik, innere Sicherheit und Datenethik entwickelt.

Das mag zwar nicht verwundern, stehen doch mit Netzplitik.org und Newthinking zwei entsprechend engagierte (und eng miteinander verzahnte) Organisatonen hinter dem Werk, die damit zeigen, wie gut sie mittlerweile auch international vernetzt sind. Mit diesem Sammelband leisten sie ein wichtiges Fixieren und Bündeln von Aufklärung und Analyse, Entrüstung und geistiger Mobilmachung. Das ist, bei aller Kritik am voreingenommenen Duktus, durchaus gut so, weil notwendig. Es muss und wird ja vermutlich nicht dabei bleiben.

Nahezu alle Beiträge von „Überwachtes Netz“ stehen übrigens unter der Creative Commons 3.0 DE: Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen (3.0 Deutschland), und können somit frei weiter verwendet werden.

Überwachtes Netz – Edward Snowden und der größte Überwachungsskandal der Geschichte
Herausgeber: Markus Beckedahl und Andre Meister
ISBN-13: 978-3-8442-7366-3 (eBook)
ISBN-13: 978-3-944622-02-6 (Taschenbuch)

January 17 2014

Krystian Woznicki: „Wie könnte Selbstermächtigung in Zeiten der digitalen Kontrolle aussehen?“

Am 25. und 26. Januar findet in der Volksbühne Berlin die Konferenz Einbruch der Dunkelheit statt, organisiert von der Kulturstiftung des Bundes. Sie ist eines von mehreren Events, die in Berlin zum Thema Netz in nächster Zeit stattfinden. Kurator des Programms ist Krystian Woznicki. Wir befragten ihn zu den Motiven der Konferenz, und wollten wissen, welche Wirkungen sie erzielen kann.

iRights.info: Sie kuratieren „Einbruch der Dunkelheit“. Warum halten sie diese Veranstaltung jetzt für notwendig?

Krystain Woznicki ist Gründer und Herausgeber der Online-Zeitung Berliner Gazette sowie als Buch-/Autor und Veranstaltungs-Kurator tätig.

Krystain Woznicki ist Gründer und Herausgeber der Online-Zeitung Berliner Gazette sowie als Buch-/Autor und Veranstaltungs-Kurator tätig.

Krystian Woznicki: Die durch die Snowden-Enthüllungen entfachte Debatte bietet eine einmalige Chance, wichtige gesellschaftliche Themen breitenwirksam zu diskutieren. Die Konferenz sieht Überwachung in einem breiteren Kontext als die bisherigen Diskussionen. Bislang wird das Thema weitgehend auf eine staatsrechtliche und verfassungsrechtliche Perspektive reduziert. Dieser Fokus ist zu eng gesetzt.

iRights.info: Was kann man Ihrer Auffassung nach mit solchen Veranstaltungen erreichen?

Krystian Woznicki: „Einbruch der Dunkelheit“ versucht die gesellschaftliche und kulturelle Dimension von Überwachung ins Blickfeld zu rücken. Was nützen die besten Gesetze, wenn die große Mehrheit in Deutschland keinen ausgeprägten Sinn für die aktuelle Konditionen von Privatheit hat? Was nützen transparentere Geheimdienste, wenn rundum digitalisierte Selbstausleuchtung unter anderem in sozialen Netzwerken zu einer neuen gesellschaftlichen Norm wird? Die Konferenz, die ich gemeinsam mit dem Berliner Gazette-Team kuratiert habe, versucht erforderliche Gesetzes- und Lifestyle-Korrekturen zusammenzudenken.

iRights.info: Man könnte bei Betrachtung des Programm sagen, es hat etwas von „zu den Bekehrten predigen“ – oder weshalb könnte die Veranstaltung eine größere Öffentlichkeit erreichen?

Krystian Woznicki: Hier kommen verschiedene Sektoren und Akteursgruppen zusammen, die sonst nicht miteinander an einem Tisch und teils eher aneinander vorbei reden: digitale Welt, Academia, Kultur, Subpolitik. Dieses grenzüberschreitende Moment ermöglicht den Blick über den Tellerrand, über Insider-Kreise hinaus.

iRights.info: Es ist ein sehr umfangreiches Programm, das viele interessante Ergebnisse erwarten lässt. Werden diese weitergehend genutzt oder veröffentlich?

Krystian Woznicki: Die Konferenz wird auf Video dokumentiert: Live-Videos von den öffentlichen Programmpunkten einerseits, ausführliche Interviews mit ausgewählten Speakern andererseits – in beiden Fällen ist DCTP.TV der Partner.

iRights.info: Wie erklären Sie eigentlich den Veranstaltungstitel? Was hat „Einbruch der Dunkelheit“ zu bedeuten?

Krystian Woznicki: Überwachung wird als ein Ausleuchtungsjob betrieben: Alles soll ins Licht gerückt, sprich: datentechnisch erfassbar gemacht werden. Dem stellt die Konferenz das vernachlässigte Gegenteil gegenüber. „Einbruch der Dunkelheit“ ist nicht zuletzt ein Was-wäre-wenn-Szenario und lädt zu einem Trockenschwimmen ein: wie könnte Selbstermächtigung in Zeiten der digitalen Kontrolle aussehen?

Lesen Sie hierzu auch das Interview mit Nikola Richter, Kuratorin der ähnlich gelagerten Veranstaltung Netzkultur – Die stumme Masse, die ebenfalls in Kürze in Berlin stattfindet.

October 10 2013

„Im Sog des Internets“: Liberale Denker und Wissenschaftler über Öffentlichkeit und Privatheit

Ein neuer Sammelband widmet sich der Privatsphäre, ihren Grenzen und deren Schutz in der digitalen Welt. In typisch wissenschaftlicher, aber nur vereinzelt schwer verdaulicher Manier geht es den Autorinnen und Autoren in acht klugen, gut aufeinander abgestimmten Texten weniger um endgültige Antworten, stattdessen um die Abwägung von Thesen und historische Entwicklungen. So bietet der Band einer breiten Leserschicht Basiswissen.

Die Veröffentlichung dieses Buches geriet mitten in die Debatten um die Abhörpraktiken von NSA, GCHQ & Co. und kommt sozusagen zum richtigen Zeitpunkt. Das zugehörige Forschungsprojekt „Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter“, angesiedelt am „John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung” der privaten SRH-Hochschule Heidelberg und dem Arbeitsbereich „Public History” der Uni Heidelberg, begann allerdings schon 2012, weit vor den jüngsten Enthüllungen.

Acht Aufsätze, viele richtige Fragen

Genau für die jetzt wichtige Diskussion über gesellschaftliche Grundsatzfragen bietet sich das vorliegende Buch an: mit wissenschaftlichen und politischen Betrachtungen wie Bewertungen von Privatheit und Öffentlichkeit im Lauf der jüngeren Geschichte und aus heutiger Sicht. Die insgesamt acht Aufsätze und verschriftlichten Vorträge stellen zum Ausgangsthema konkrete und viele richtige Fragen: Etwa, wie sich unser aller Verständnis von Privatheit und unser Umgang mit ihr in den vergangenen Jahrzehnten änderte; oder ob es jetzt neuer Spielregeln bedarf, etwa neuer Gesetze.

Privatsphäre als zu erstreitendes Recht

Zum Auftakt analysiert Max-Otto Baumann die Unterschiede in den Positionen der bis September im Bundestag vertretenen Parteien zum Datenschutz und zum Schutz der Privatsphäre in Web 2.0 und sozialen Netzwerken. Diesen Schutz betrachtet Baumann als eine Aufgabe, die nur die Politik verbindlich lösen könne. Die dazu von ihm geleitete Forschung bezieht sich zwar auf die Positionen der letzten schwarzgelben Bundesregierung und des Oppositionslagers aus SPD, Grünen und Linken. Gleichwohl sind die Analysen hilfreich und die Erkenntnisse und Schlüsse dazu noch nicht überholt. Baumann betont, dass trotz abweichender Haltungen der politischen Lager zu Datenschutz und Privatsphäre für die moderne Gesellschaft eine übergeordnete Herangehensweise erforderlich sei.

Doch solch ein Konzept, das jenseits politischer Machtkonstellation langfristig tragfähig wäre – Baumann schlägt hierfür als Trägerfrequenz die politische Idee des Liberalismus vor – würden am Ende nicht Parteien oder Fraktionen aushandeln. Vielmehr müssten es die Bürger selbst einfordern: „Historisch jedenfalls wurden die Bürgerrechte gegen den Staat erstritten und es könnte sein, dass im Zeitalter der Digitalisierung die Privatsphäre ein Recht ist, das erneut gegen den Staat und mithilfe staatlicher Normsetzung auch gegen Dritte, konkret die Wirtschaft, erstritten werden muss.“

Verschmelzung von privater und öffentlicher Sphäre im Web

Wo beginnt im Zeitalter von sozialen Netzwerken, Cloud Computing & Co. die Privatsphäre – wo hört sie auf? Oder findet bereits eine „Verschmelzung von privater und öffentlicher Sphäre im Internet“ statt, wie Göttrik Wewer seinen Text übertitelt? Ihn interessiert das Verhalten der Nutzer, die durch Mitteilsamkeit und Offenheit die Grenzlinie kontinuierlich verschieben – ohne genau das aber ausdrücklich gewollt zu haben.

So schreibt er: „Privatheit wird nicht nur von einem Staat und einer Wirtschaft bedroht, die zu viele Daten sammeln, sondern auch von vielen Menschen, die freiwillig vieles Privates ins Netz stellen.“ Nach und nach, so Wewer, scheint dadurch der gesellschaftliche Grundkonsens über ein Menschenrecht auf Privatsphäre zu bröckeln. Beim Übergang in eine durch post privacy geprägte Ära sieht er die Nutzer als Opfer und Täter zugleich.

„Wettrüsten der Skripte”

In Ergänzung zu Wewers soziopsychologischem Befund fragt Carsten Ochs, ob sich Bewertungen und Verhaltensweisen zur Privatsphäre je nach Technikkompetenz unterscheiden: „Während die Technikdistanzierten kategorisch eine ‚Privacy in Public’ einfordern, sehen die Technikaffinen das Internet grundsätzlich als öffentliche Arena. Allerdings gilt auch ihnen die minutiöse Beobachtung von Verhalten als Privatheitsverletzung.“

Für Ochs haben die Technologien einen großen Einfluss, weil jeder neue Tracking-Mechanismus, jede neue Anwendung und jede neue Nutzungsweise von Daten die Privatheit verändere. Dies sei eine unablässige Dynamik technologischer Innovationen, er spricht von einem „Wettrüsten der Skripte“, das praktisch endlos andauere. Ochs’ Fazit und Rat liegt darin, „den NutzerInnen so viel Wissen und Kompetenzen – Handlungsskripte also – wie nur irgend möglich an die Hand zu geben.“

Entdämonisierung des Computers

Die Adaption digitaler Technologien wird in Deutschland nicht zum ersten Mal breit und polarisierend diskutiert: Marcel Berlinghoff untersucht das in seinem Beitrag „‚Totalerfassung’ im ‚Computerstaat’ – Computer und Privatheit in den 1970er und 1980er Jahren“. Kulminationspunkt der damaligen Debatten war die 1983 geplante Volkszählung. Dieser – erstmals umfassend computergestützt durchgeführten – Erhebung schlug eine unerwartet breite und hohe Protestwelle entgegen.

Die aber hatte auf lange Sicht durchaus konstruktive Folgen auf mehreren Ebenen, so Berlinghoff: „Computer standen bei aller weiterhin bestehenden Kultur-, Technik- und Staatskritik in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre mehrheitlich für Zukunftschancen gegenüber der Dystopie einer totalitären Überwachungsgesellschaft. Diskurse über die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft lösten die Warnungen vor den Gefahren der Computerisierung ab und einhergehend mit dieser Entdämonisierung des Computers sank auch das Mobilisierungspotential für die Kritiker der computergestützten staatlichen Datenerhebung bei der Volkszählung 1987.“

Telekommunikationsmonopol als Mittel zum Machterhalt

Dieser Analyse stellt Philipp Aumann seine These gegenüber, dass Kommunikationstechniken „in den letzten grob 250 Jahren“ immer wieder als Motoren von Entprivatisierung und Fremdsteuerung gebraucht beziehungsweise missbraucht werden. Seinen aufschlussreichen Betrachtungen zufolge wurden immer wieder Geräte entwickelt, „die den Zugriff auf das Individuum kontinuierlich ausgeweitet, verfeinert und intensiviert haben. Die Computertechnik scheint einen Höhepunkt dieser Entwicklung darzustellen.“

Seit frühester Entwicklungszeit sei das Telekommunikationsmonopol ein zentrales Mittel des Machterhalts. Und selbst die aus geschichtlicher Erfahrung resultierenden Grundrechte werden auf Basis von „Ausnahmesituationen“ aufgeweicht, wie beispielsweise das 1968 erlassene „Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses“ zeigt. Eine damit einhergehende „Entprivatisierung des Individuums, seine ständige Sichtbarkeit“, so Aumann, bringe eine absolute Funktionalisierung des Menschen in einen von außen vorgegebenen Katalog von Verhaltensnormen und damit das Ende der „offenen Gesellschaft” (Karl Popper) mit sich.

Kontrollmechanismen der Gesellschaft

Doch gerade in Deutschland wurde dagegen aufbegehrt, so Aumann. Auch durch die Judikative, die 1983 durch den Spruch des Bundesverfassungsgerichts – das Recht auf informationelle Selbstbestimmung aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht entwickelte. Die schrittweise Entwicklung dieses international wegweisenden Spruchs eines Bundesgerichts – auch das eine weitere direkte Folge des Volkszählungsboykotts von 1983 – rekonstruiert Larry Frohman in seinem Beitrag; leider ist diese lesenswerte Sicht von außen nicht ins Deutsche übersetzt.

Laut Philipp Aumann sei auch das 2001 gesetzlich verankerte Prinzip der „Datenvermeidung und Datensparsamkeit“ letztlich eine Folge anhaltender Kritik durch engagierte Bürger. Aumann konstatiert, dass den kontrollinteressierten Machtinstanzen unterschiedliche Kontrollmechanismen aus der Gesellschaft gegenüberzustellen seien, „um die Kontrolleure wenigstens zu beobachten und zur Rede zu stellen.“ Er nennt den Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBuD), 2012 in Digitalcourage umbenannt, der jedes Jahr die Big Brother Awards verleiht. Darüber hinaus sieht Aumann die individuelle Selbstkontrolle als entscheidend an. „Jeder aufgeklärte Mensch muss sich als selbstverantwortlicher Akteur in einer Informationsgesellschaft verstehen und seine persönlichen Daten als wertvolles Gut betrachten, um die Kontrolle über sein Leben, ob in der digitalen oder der physischen Welt, zu behalten.“

Privatheit und Einsamkeit verteidigen

Hans Jörg Schmidt trägt dazu eine Art Echo bei, indem er die Haltung zur Privatheit von Facebook-Chef Mark Zuckerberg näher betrachtet. Mit erkennbarer Distanzierung attestiert er Zuckerberg die Utopie der „Historisierung des Privaten via sozialer Netzwerke, als vertrauensbasierte Plattformen digitalen Change-Managements in einem Zeitalter unbegrenzter Kommunikation“.

Der US-Wissenschaftler David Gelernter greift das in seinem Beitrag auf: Für ihn ist privacy durch eine Art Kollaboration von Technik und Kultur bedroht. Doch die Nutzer selbst könnten und sollten dagegen halten – entgegen der überaus attraktiven Macht, die ein Massenpublikum für jeden Einzelnen darstellen kann. Privatheit und Einsamkeit gelte es trotz des stärker werdenden sozialen Drucks zu verteigigen, so Gelernter: „The sooner we regain our sense of skepticism, our tradition of the challenging question versus the uncritical celebration, the greater our chance to preserve our privacy – at least the privacy we do still enjoy.“

Ein Band mit rotem Faden

Eine große Stärke des Bandes ist, die Texte an einem gedanklichen roten Faden aufzureihen. Stets scheinen die Autoren Fragen und Erkenntnisse der anderen aufzugreifen, um sie weiter zu beleuchten. Zwar versammelt der Beitrag wissenschaftliche Texte, im akademischen Duktus geschrieben und an entsprechend „geschulte“ Leser gerichtet; mehrfach verschachtelte Satz-Ungetüme verhindern dabei manchmal das schnelle Erfassen. Schade ist auch, dass in zwei Fällen keine deutsche Übersetzung vorliegt.

Hohen Nutzwert bietet der Band aber dennoch. Die Befunde der Forscher stützen sich vor allem auf vorherige wissenschaftliche Veröffentlichungen und eigene Forschungsergebnisse: Das führt zu einer immerhin 20-seitigen Foschungsbibliographie, die als Link- und Quellensammlung eine wahre Fundgrube ist. Auch deshalb eignet sich das Buch gut als Ausgangsbasis, etwa für Seminare in Hochschulen, für die Arbeit in Interessengruppen, Gesprächsrunden oder Gremien.

Inhaltlich bleibt „Im Sog des Internet“ trotz einzelner Mängel im Detail ein hervorragend gemachter Band von acht klugen Texten, die mit ihrer vertieften Auseinandersetzung eine wertvolle Diskussionsbasis und wichtige Debattenbeiträge bieten, die eine breite Leserschaft verdienen.

Im Sog des Internets – Öffentlichkeit und Privatheit im digitalen Zeitalter”, herausgegeben von Ulrike Ackermann, ist im Verlag „Humanities Online” erschienen. ISBN 978-3-941743-35-9, 200 Seiten. EUR 19,80 (Print), EUR 9,80 (PDF).

August 10 2010

June 03 2010

Interdisziplinäre Tagung zum Thema “Privatheit”

An der Uni Passau findet vom 19. – 20.November 2010 eine interdisziplinäre Tagung zum Thema “Privatheit” statt. Ziel der Tagung ist es laut der Veranstaltungsankündigung, eine Bestandsaufnahme der unterschiedlichen Formen und Funktionen von “Privatheit” aus allen relevanten Forschungsperspektiven und Disziplinen (insbesondere auch Rechtswissenschaft und Informatik) vorzunehmen. Als Ansatz ist u.a. der Themenkomplex Medien und Privatheit denkbar.

Wer einen eigenen Vortrag einbringen will, kann seinen Vorschlag bis zum 09.Juli im Rahmen des Call For Papers noch anmelden. Die Veranstaltung könnte spannend werden.

December 21 2009

02mydafsoup-01

Der noch ungeblogte Augenblick - Glaserei

... richtig, wohlweislich legte man allergrößten Wert darauf, zwischen Privatsphäre und öffentlichem Bereich eine klare Trennlinie zu ziehen.

Der noch ungeblogte Augenblick

(Gefunden bei Comically Vintage)


// .. richtig, wohlweislich legte man allergrößten Wert darauf, zwischen Privatsphäre und öffentlichem Bereich eine klare Trennlinie zu ziehen.

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