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January 28 2013

Fanfiction: 50 Shades of Copyright

Vor etwa zwei Wochen berichtete der Guardian, dass Bluemoose Books – ein kleiner Verlag aus Yorkshire – versucht hatte, auf dem Trittbrett des BDSM-Bestsellers „50 Shades of Grey“ ein paar Pfund zu verdienen. Der Plan war, eine unautorisierte Biographie des fiktionalen Millionärs Christian Grey – Frauenschwarm und Held des Romans – zu veröffentlichen und damit den Verlag zu sanieren. Als Bluemoose Books diese Neuigkeit ankündigte, wurde der Verlag mit Anfragen von weiteren Verlagen aus dem In- und Ausland überschüttet – ja sogar Hollywood soll angerufen haben, um die Rechte zu kaufen.

Nur hatte Bluemoose Books vergessen, die Rechteinhaber von „50 shades“ – die Autorin E.L. James und ihren Verlag – zu fragen, ob das okay wäre. Und als dann einige Tage später ein strenger Anruf von Random House kam, in dem von Urheberrechtsverletzung die Rede war, musste der Verleger seine Pläne aufgeben. „Eine Woche lang war ich fast Millionär“, sagte er dem Guardian.

Was ist nun daran so spannend? Nun, die Tatsache, dass die „Shades of Grey“-Trilogie selbst auf einer solchen Appropriation beruht. Und das ist nicht einmal ein Geheimnis: „50 Shades of Grey“ war ursprünglich ein sogenanntes Fanfiction und trug den Titel „Masters of the Universe“.  Snowqueen Icedragon – so nannte sich die „50 Shades“-Autorin E.L. James, als sie im Twilight-Fandom aktiv war – hatte sich die Charaktere aus der Vampir-Romanze „Twilight” (deutsch „Biss zum Morgengrauen“ usw.) genommen und ihnen ein etwas  aktiveres Sexualleben verpasst.

Fanfiction-Autoren übernehmen bekannte Figuren aus Filmen, Fernsehserien oder Büchern und schreiben mit ihnen eigene Geschichten. Das kann unterschiedliche Formen haben: Die Original-Geschichte kann etwa aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt werden oder die Fan-Autorin denkt sich einen eigenen Plot aus und behält nur Charaktere und Setting. Weiter vom Original entfernen sich sogenannte Alternative-Universe-Geschichten. Hier übernimmt die Autorin nur die Figuren mit ihren Eigenschaften und Eigenheiten und versetzt sie in ein Setting ihrer Wahl.

„Master of the Universe“ gehört zu diesem Subgenre. Der Vampir Edward wurde zu Edward, dem Millionär mit gewissen Neigungen, und Bella – blieb Bella. Zunächst jedenfalls. Fanfiction lebt davon, dass die Figuren wiedererkennbar sind und MotU – wie „Master of the Universe“ von den Fans genannt wurde – bildete keine Ausnahme.

MotU war lange im Netz kostenlos zugänglich und hatte sehr viele Anhänger, die Woche für Woche auf die Fortsetzung warteten und tausende von Kommentaren schrieben. Nach einer Weile im Netz zog E.L. James die Geschichte aus den Fan-Archiven zurück, so die Aussage ihrer Agentin, weil es Beschwerden wegen der Sex-Szenen gab. Sie änderte die Namen der Figuren (so wurde aus Bella Anastasia und aus Edward Christian) und veröffentlichte sie zuerst bei einem australischen E-Book-Verlag als eigenes Werk, bevor dann Random House darauf aufmerksam wurde. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Die Trilogie hält sich seit Monaten an der Spitze der Bestseller-Listen auf der ganzen Welt.

Wie Fanfiction urheberrechtlich zu beurteilen ist, ist eine Frage, über die sich die Juristen die Köpfe zerbrechen. In den angelsächsischen Ländern fällt Fanfiction zumeist unter die Fair-Use-Klausel. Sie erlaubt unter gewissen Bedingungen, fremde Werke zu benutzen. Eine dieser Bedingungen ist, dass man mit dem bearbeiteten Werk keinen finanziellen Gewinn macht.

Nun hat in der iRights.info-Redaktion noch niemand das Werk gelesen (jedenfalls gibt es keiner zu), aber Leser, die beide Versionen gelesen haben, sehen Gemeinsamkeiten, so etwa das Blog „Dear Author“. Auch bei Galleycat kann man einen Blick in die ursprüngliche Version von „50 Shades of Grey“ werfen.

Inzwischen gibt es natürlich auch Shades-of-Grey-Fanfiction. Und wer weiß, ergibt sich daraus der nächste Besteller. Die Verlage suchen inzwischen im Netz aktiv nach neuen Büchern,  vor allem in den USA. Viele Neuerscheinungen in diesem Jahr waren ursprünglich Geschichten, die zuvor im Netz veröffentlicht worden sind. So hat die 16-jährige Emily Baker ursprünglich „One Direction“-Fanfiction geschrieben (für die älteren Leser: One Direction ist eine britische Boyband, die gerade von überwiegend weiblichen Teenagern weltweit angehimmelt wird). Im Oktober wurde bekannt, dass sie vom Penguin-Verlag das Angebot bekommen hat, ihre Geschichte „Me, Myself, and One Direction“ als Buch zu veröffentlichen.

Letztendlich ist das eine interessante Aussage über die Produktion von Texten und Geschichten. Der Schriftsteller Jonathan Lethem schreibt in seinem Essay „The extasy of influence“ (auf Deutsch gekürzt: „Autoren aller Länder, plagiiert Euch“): „Jeder Text ist vollkommen eingesponnen in Zitate, Bezüge, Echos und kulturelle Sprachen, die ihn in ein riesiges stereophones Gewebe einarbeiten. [...] Der Kern, die Seele – sagen wir ruhig: die Substanz, der tatsächliche werthaltige Stoff – allen menschlichen Ausdrucks ist das Plagiat.“ Fanfiction-Autoren nehmen die uns umgebende Medienwirklichkeit und machen sie zu ihrer eigenen – eine Art moderner Folk-Tradition. Der Erfolg von Fanfiction ruft nun wieder die traditionellen Verlage auf den Plan, diejenigen, die eigentlich immer die Originalität und Authentizität von Literatur verteidigen.

Die geplante Biografie von Christian Grey von Bluemoose Books ist eigentlich auch nur Fanfiction. Der Unterschied war wohl, dass der Verleger sie nicht anonym im Netz veröffentlicht hat, sondern damit Geld verdienen wollte. Er überlegt nun, ob er nicht ein Buch über den Fall schreiben soll. Ein Buch über das Buch über das Buch. Dafür dürfte er eigentlich nicht verklagt werden können, glaubt er. Sicher ist er sich aber nicht.

Reposted bykrekk krekk

January 10 2013

Plagiats-Jägerin: Systematische Fehlanreize an den Unis

Während der wohl prominenteste Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg abgetaucht ist, reißen die Kopier-Skandale an den Univer

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September 29 2011

Ist Bob Dylan ein Plagiator?

Malen nach Zahlen oder Kunst: Daily Beast vergleicht Dylans Bild mit dem Originalfoto.

Vielleicht wissen nicht alle, dass Bob Dylan – legendärer Folkmusiker – sich auf seine alten Tage auch als Künstler versucht. Nicht unerfolgreich zudem, jedenfalls ist er bei der hoch angesehenen Galerie Gagosian gelandet. Ob er das auch ohne seine Pop-Credentials geschafft hätte … wer weiß.

Seine laufende Ausstellung „The Asia Series“ beschäftigt sich jedenfalls mit den Eindrücken, die Dylan während seiner Reisen in Japan, China, Vietnam und Chorea gewonnen hat. Allerdings ist einigen Betrachtern aufgefallen, dass die Gemälde einige Ähnlichkeit mit bekannten Fotografien von Henri Cartier-Bresson, Leon Busy oder Dimitri Kessel haben. Ein Flickr-User bemerkte, dass andere Bilder aus seinem Foto-Stream stammen müssen, in dem er historische Fotos aus China veröffentlicht hat.

Nun ist in der modernen Kunst „Appropriation“, also die Übernahme von fremdem Material, ein durchaus anerkanntes Verfahren (man denke nur an Andy Warhol, aber auch Jeff Koons, Richard Prince und Elaine Sturtevant, um nur ein paar Namen zu nennen). Leider hat sich die Galerie entschlossen, die Ausstellung anders zu vermarkten und betont die Authentizität und Frische des Dylan’schen Werkes: „He often draws and paints while on tour, and his motifs bear corresponding impressions of different environments and people. A keen observer, Dylan is inspired by everyday phenomena in such a way that they appear fresh, new, and mysterious.“

Daily Beast’s Blake Gopnik fasst das Dilemma gut zusammen:

Let’s not forget that Dylan, the great pop musician, has always been a master of the cover version, copying whole songs and melodies and lyrics and even vocal stylings. Why wouldn’t he grasp the equal benefits in “covering” images by others, in his art? His only fault, in fact, is in not trumpeting those benefits.

Bob Dylan selbst schweigt zu den Vorwürfen.

February 17 2010

Axolotl Roadkill – Plagiat oder nicht

Die kulturinteressierten unter unseren Lesern haben sicherlich vergangene Woche die „Plagiat oder Remix“-Debatte um Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ verfolgt. Sie flaut (zum Glück) grade etwas ab, da sie teilweise etwas hysterische Züge angenommen hatte.

Eine der wichtigen Fragen dabei ist, was ist eigentlich ein Plagiat? iRights-Autor Matthias Spielkamp hat sich schon vor einiger Zeit der Sache angekommen. Sein Text beginnt mit der Feststellung: „Die größte Schwierigkeit liegt darin zu bestimmen, was genau ein Plagiat ist.“

Die einen brandmarken die Übernahme von Formulierungen (wörtlich oder in überarbeiteteter, aber durchaus wiedererkennbarer Form) als jedenfalls ethisch verwerfliches Plagiat, vor allem weil der eigentliche Autor – der Blogger Airen – nicht genannt wurde (erst in der zweiten Auflage des Buches taucht er in der Danksagung auf).

Die anderen, die tendenziell literaturwissenschaftlich geschult sind, verteidigten das Hegemannsche Vorgehen als ein völlig legitimes literarisches Verfahren, das schon  Goethe, Büchner, Thomas Mann und unzählige andere Schriftsteller angewendet haben. Der Artikel von Hellmuth Karasek ist von 1990. Daran merkt man, dass die Plagiatsdebatte periodisch wieder auftaucht – nicht Neues unter der Sonne also!

Interessanterweise vertritt in diesem Falle das normalerweise so internetkritische deutsche Feuilleton die permissivere Position (jedenfalls mein Eindruck beim Durchgehen der Beiträge – aber ich habe nicht nachgezählt) als die netzaffine Blog-Gemeinde, die sich um einen der Ihren scharrt.

Viele stört auch einfach, dass auf der einen Seite das Feuilleton das Internet (also ob es so etwas wie “das” Internet gäbe) als Hort der Räuber und Piraten darstellt, aber wenn eine, die in den Feuilletons  wegen ihrer Papierpublikation (ob zu Recht oder zu Unrecht sei einmal dahin gestellt – ich habe das Buch noch nicht fertig gelesen) gefeiert wird, „Stellen“ aus einem Blog übernimmt, plötzlich von Intertextualität redet.

Das heißt nun nicht, dass das mit der Intertextualität eine Ausrede ist – es ist tatsächlich so, „dass ein Schriftsteller auch Texte fremder Autoren in sein Werk aufnehmen darf, soweit sie ‘Gegenstand und Gestaltungsmittel seiner eigenen künstlerischen Aussage bleiben.“ Das Zitat bezieht sich auf eine Klage der Brecht-Erben, die meinten, dass Heiner Müllers Übernahmen in seinem Stück „Germania 3 Gespenst am toten Mann“ zu weitgehend waren. 2000 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass unter bestimmten Umständen legitim wäre (Ich werde mal versuchen, dieses Urteil aufzutreiben – es ist ja interessant, dass es kaum erwähnt wurde). Der Blog-Autor Uwe Wittstock kommentiert dies folgendermaßen: „Ein Urteil, das gerade mit Blick auf die ausgeprägten Neigung postmoderner Autoren zum Zitat und ihres deshalb programmatisch laxen Umgangs mit dem geistigen Eigentum anderer, von herausragender Bedeutung ist.“ (Sein Text hat nichts mit Hegemann und dem mexikanischen Lurch zu tun – nur damit keine falschen Erwartungen geweckt werden.

Dass „Axolotl Roadkill“ ein eigenes Werk ist, stellen auch Airen und sein Verlag Sukultur nicht in Frage. Airen sagt in einem Interview mit der FAZ: „Ich habe ihren Roman gelesen, es ist genau die Art von Buch, die ich gern lese, aber es wäre auch ohne meine Stellen cool gewesen“ und auch dem Verleger gefällt es „schon ganz gut“.

Eines steht jedenfalls fest – das war nicht das letzte Mal, dass uns das Thema Plagiat beschäftigen wird. Und auch das nächste Mal wird es keine einfachen Antworten geben.

Edited to add: Frank Böhmert plaudert aus dem Nähkästchen des Schriftstellers.

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