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July 05 2013

Open-Source-Konsole OUYA: Keine Revolution, aber Trainingslager für Entwickler

Die Spielekonsole OUYA wurde per Crowdfunding ins Leben gerufen und folgt einem Open-Source-Ansatz. Jeder kann Spiele für die Plattform entwickeln. Den Games-Markt wird sie nicht revolutionieren. Dennoch könnte sie neue Impulse setzen, von denen vor allem die etablierten Entwicklerstudios profitieren dürften.

Die Idee hinter der OUYA klingt äußerst vielversprechend: Eine Open-Source-Spielkonsole auf Android-Basis, die jedem Hobby-Entwickler die Möglichkeit gibt, Spiele zu programmieren und zu veröffentlichen. Lizenzgebühren gibt es nicht – alles, was man zum Entwickeln braucht, steckt in der Konsole selbst.

Hat man ein Spiel fertig entwickelt, lädt man es hoch. Nachdem es von den OUYA-Machern begutachtet und freigegeben wurde, kommt es in den Verkauf: Zunächst in die „Sand Box“, also die Grabbelkiste. Je mehr positives Feedback das Spiel bekommt, desto prominenter erscheint es dann im zugehörigen Onlinestore. Keine Frage: Es war noch nie so leicht für einen Entwickler, ein Spiel an die Spieler zu bringen.

Auch für viele Gamer erscheint die OUYA interessant: Der „Free to play“ genannte Ansatz gibt ihnen die Möglichkeit, sämtliche Spiele erst zu testen, bevor sie sich für oder gegen den Kauf entscheiden. Dazu kommt der niedrige Kaufpreis von 99 Dollar. Im Vergleich zu den vier- bis fünfmal so teuren Modellen von Microsoft und Sony ist das ein Schnäppchen, 119 Euro werden in Europa angepeilt. Entsprechend groß waren die Unterstützerzahlen, als es darum ging, die Konsole per Crowdfunding zu finanzieren, ebenso die Absatzzahlen direkt nach dem US-Verkaufsstart Ende Juni.

Die drei Probleme der OUYA

Doch so ganz geht die Rechnung nicht auf. Spätestens mit dem Verkaufsstart sind auch die Probleme zu Tage getreten, mit denen sich die OUYA konfrontiert sieht:

Die Hardware: Zwar konnte niemand ernsthaft erwarten, dass die OUYA den Branchenriesen Sony, Microsoft und Nintendo Konkurrenz machen würde. Aber ein wenig enttäuscht das Gebotene – bei aller optischen Eleganz – dann doch: Grafikchip, Arbeitsspeicher und Controller sind anständig, aber eben nicht mehr – so auch das bisherige Presseecho, etwa im Test bei golem.de.

Die Software: Einige bekannte Namen der Indie-Game-Szene sind auf der Plattform vetreten, der Löwenanteil der Spiele aber kommt von Kleinst-Studios oder Einzelpersonen. Es kann eben jeder für die OUYA programmieren. Doch nur weil man etwas kann, heißt das noch nicht, dass man es auch kann. Es steht zu befürchten, dass für jedes wirklich gelungene Spiel fünf halbfertige Fingerübungen und noch einmal so viele generische Klone eines altbekannten Spiels erscheinen werden. Die Suche nach den – auch jetzt schon durchaus vorhandenen – Perlen wird so äußerst mühsam, zumal ein wirklich verlässliches Bewertungssystem bislang fehlt. Die großen Studios zeigen bislang ohnehin nur wenig Interesse, Spiele für die OUYA zu veröffentlichen. Für sie fehlt der Nutzen, wenn sich auch die 15- bis 20 Mal teureren Varianten für die Xbox oder Playstation bestens verkaufen.

Die Zielgruppe: Für wen die OUYA sein soll, weiß wohl niemand so richtig. Hardcore-Gamer werden jedenfalls im Moment mit der OUYA wenig Freude haben. Die etwas mehr als 200 Spiele, die momentan angeboten werden, sind mehrheitlich charmante, aber eben auch schnell erschlossene kleinen Spielchen für zwischendurch. Echte erzählerische oder spielerische Tiefe findet sich hier bislang kaum. Das könnte sich irgendwann ändern, aber eine Garantie dafür gibt es nicht. Und für den klassischen Party-Spieler fehlen bei vielen der Spiele schlicht die Schauwerte: Zu simpel und altbacken sehen die meisten aus.

Entwickler-Spielwiese und Revival-Faktor

Bleiben die Entwickler. Die können sich auf der OUYA tatsächlich austoben. Doch ob die schlichte Zahl der hoffnungsvollen Jungprogrammierer ausreicht, um OUYA auch als Marke zu etablieren, ist fraglich. Und auch die werden im Moment noch alles andere als reich mit ihren Spielen: In den OUYA-Foren wird erfrischend offen darüber diskutiert, warum bislang noch so wenige Spiele heruntergeladen, geschweige denn gekauft wurden.

Das Problem liegt womöglich ebenfalls im „Free-to-Play“-Ansatz: Spiele mit Demo-Version verkaufen sich nur etwa halb so oft wie diejenigen ohne, so zumindest Studien der großen Spieleentwickler. Und auf der OUYA ist eben jedes Spiel umsonst anspielbar. Käufe auf Verdacht fallen somit weg. Die OUYA-Verantwortlichen werden nicht umhin kommen, sich ihre Nische im großen Spielemarkt zu suchen.

Eine Chance könnte beispielsweise im „Revival-Faktor“ liegen: Da die Grafikleistung ohnehin nicht an die der aktuellen – geschweige denn der nächsten – Konsolengeneration herankommt und die meisten Spiele optisch wie spielerisch eher unambitioniert daher kommen, wäre es naheliegend, alte Klassiker zu portieren und preisgünstig anzubieten. So könnte sich die OUYA einen Ruf als Retro-Konsole aufbauen. Mit „Final Fantasy III“ von Square Enix und „The Bard’s Tale“ von Electronic Arts ist immerhin ein Anfang gemacht. Auch SEGAs rasender Igel „Sonic“ findet sich auf der OUYA. Verhandlungen mit weiteren Publishern sollen angeblich bereits laufen.


Nische Retrogames: Hier zu sehen das Projekt „8bit Ninjas” des Entwicklers Ethan Redd

Was die OUYA-Plattform durchaus werden könnte, ist ein Trainingslager für Nachwuchs-Programmierer – und letzten Endes auch deren Sprungbrett. Die etablierten Entwickler-Studios werden genau hinschauen, was sich auf dem OUYA-Markt tut: Für sie ist er das perfekte Schaufenster für neue Ideen und Talente. Davon hätten dann wiederum auch die Gamer etwas: Viele Spiele, die sonst vielleicht nie das Licht der Welt erblickt hätten, könnten so ihren Weg auf den Bildschirm finden – allerdings nicht über die OUYA, sondern am Ende doch über die Laufwerke von Playstation und Xbox.

Dem kleinen, silbern-schwarzen Würfel OUYA könnte ein höchst undankbares Los blühen: Das eines Misserfolges, von dem dennoch alle anderen profitieren.

Christoph von Guaita, Jahrgang 1973, arbeitet als Journalist zu Computer- und Videospielen und als freier Mitarbeiter für RBB, MDR, SWR, Deutschlandradio und ARD.

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