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February 18 2013

Guter Währungskrieg, schlechter Währungskrieg

Die Debatte um den Währungskrieg auf dem G 20 Gipfel ist schizophren. Die Bundesbank schreit Hände weg vom Wechselkurs, mit realer Abwertung bzw. Preisdumping durch Kürzungspakete und Lohnverzicht hat sie kein Problem. Dies zeigt: Gute Wirtschaftspolitik ist für die Bundesregierung und die Bundesbank, wenn Daimler und Siemens gewinnen und die Mehrheit verliert. Ein Kommentar von Fabio De Masi[1] anlässlich des G 20 Gipfel in Moskau.

Ein Gespenst geht um in Moskau: Es ist das Gespenst des Währungskrieges. Die Finanzminister der G 20 Staaten senden Liebesgrüße aus Moskau: Sie haben sich auf einen Waffenstillstand verständigt und die Wechselkurse nicht künstlich niedrig zu halten.

Ein anderer Konflikt wurde auf dem G 20 Gipfel hingegen vertagt: Die Bundesregierung wollte die Handelspartner nötigen ihre Staatsausgaben massiv zu reduzieren. In Toronto einigten sich neun der 20 Wirtschaftsmächte auf eine Halbierung der Staatsdefizite bis 2013. Die USA, Groß-Britannien, Kanada und Japan haben dieses Ziel verfehlt. Deutschland steht aus Washington und Paris in der Kritik mit seinem Einsatz für die radikale Senkung der Staatsausgaben die Weltwirtschaft in die Rezession zu treiben und zu wenig für die Stärkung der eigenen Binnenwirtschaft zu tun.

Währungskrieg 2.0?

Die Debatte um den Währungskrieg geht auf den brasilianischen Finanzminister Guido Mantega zurück. Er kritisierte die Politik des „billigen Geldes“ im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise. Die niedrigen Zinsen in den USA würden den Carry-Trade begünstigen. Damit ist gemeint, dass Währungsspekulanten Kredite in Niedrigzinsländern aufnehmen und dann in Schwellenländern mit höheren Zinsen anlegen. Dies führt in Letzteren zu Aufwertungsdruck und damit einer Verschlechterung der Wettbewerbsposition.

Brasilien hat daher selektive Kapitalverkehrskontrollen eingeführt und die Schweizer Notenbank hat angekündigt, dass sie auf den Devisenmärkten intervenieren würde. Allein die Ankündigung der Eidgenossen hat genügt, um den Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken erheblich zu reduzieren. Die Debatte um den Währungskrieg ist nun wieder entflammt, weil der japanische Premierminister Shinzō Abe ein aggressives Konjunkturprogramm – höhere Staatsausgaben und eine expansivere Geldpolitik – angekündigt hat, um die japanische Wirtschaft aus der dauerhaften Stagnation (seit dem Platzen der Immobilienblase) zu befreien. Darauf hin beklagte der französische Präsident François Hollande einen zu harten Euro.

In Wahrheit erleben wir seit Jahren einen „realen Währungskrieg“ innerhalb der Euro-Zone und mit den „Strukturreformen“ in Europa zunehmend auch im globalen Maßstab: Deutschland betreibt mit seiner Politik des Lohndumpings bei nicht mehr existierenden Wechselkursen eine Politik des Preisdumpings bzw. der „realen Abwertung“. Für Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bundesbankpräsident Jens Weidmann ist eine Abwertung der (nominalen) Wechselkurse Teufelszeug, eine Politik der realen Abwertung aber tugendhaft. Oder mit anderen Worten: Was China einst über den Wechselkurs machte, macht Deutschland über die Agenda 2010 und seine Billiglöhne.

Der deutsche Währungskrieg

Die deutsche Politik des Lohndumpings durch Senkung der Reallöhne seit 2000 bzw. der Drosselung der Lohnstückkosten (Löhne im Verhältnis zur Produktivität) hat dauerhafte Effekte. Steigen die Löhne nicht im Umfang der gesamtwirtschaftlichen Produktivität plus Zielinflationsrate der Zentralbank kommt es zu einer Umverteilung von Löhnen zu Gewinnen. Die Unternehmen können ihre Waren und Dienstleistungen zu niedrigen Preisen ins Ausland verkaufen. Allerdings nur wenn das Ausland seine Binnennachfrage nicht im selben Stil abwürgt. Verkauft ein Land dauerhaft mehr Waren und Dienstleistungen ins Ausland als es von dort einkauft (Exportüberschuss), müssen sich die Handelspartner – bzw. ihre privaten Haushalte und Unternehmen –zunehmend verschulden. Dies ist und war – im Unterschied zur Staatsverschuldung – eine zentrale Ursache der sogenannten Euro-Krise. Denn in Spanien oder Irland lag die Schuldenquote (Staatsverschuldung zum BIP) bis zum Ausbruch der Krise bei Traumwerten von 35 bzw. 25 Prozent.

Der Wettbewerbsvorteil günstiger Lohnstückkosten wird von Jahr zu Jahr mitgeschleppt, d.h. eine Angleichung der Wettbewerbsposition ist nur wieder möglich, wenn in den Folgejahren die Löhne in Deutschland stärker und bei den Handelspartnern schwächer steigen. Jedoch: Sofern die deutsche Exportindustrie dauerhaft höhere Produktivitätszuwächse als die Exporteure des Auslands verzeichnet, kann mitunter auch eine vernünftige Lohnpolitik Ungleichgewichte nicht verhindern[2].

Die Politik des Lohndumpings ist für eine Volkswirtschaft der Größe Deutschlands ungesund, aber für die Profite der Exportindustrie bis zur nächsten Krise wunderbar. Die deutsche Wirtschaft ist im letzten Quartal wie im Durchschnitt der Euro-Zone um 0,6 Prozent und damit stärker als in Frankreich eingebrochen. Gleichwohl: Die Entwicklung der deutschen Exporte belegt, dass die deutsche Exportindustrie äußerst krisenfest ist. Denn auch eine „erfolgreiche“ Korrektur der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Krisenstaaten durch Lohndumping bedroht ihren Wettbewerbsvorteil nicht. Es ist schließlich eine Sache die Löhne in Griechenland zu drücken, aber eine völlig andere eine wettbewerbsfähige chemische Industrie oder einen Automobilsektor zu etablieren. Zudem stünde die Bundesregierung im Krisenfall erneut bereit, um der deutschen Exportindustrie durch pragmatische Maßnahmen wie der Abwrackprämie Luft zu verschaffen. Daher juckt die Kanzlerin auch der Hinweis nicht, die Bundesregierung schade mit ihrer Euro-Politik den deutschen Exporten.

Die Kanzlerin denkt längst im Weltmaßstab: Die deutschen Exporteure profitieren vom gespaltenen Arbeitsmarkt. Die Löhne im Dienstleistungssektor (z.B. der Kantine oder dem Wachschutz bei Daimler) bleiben niedrig und die Krisenstaaten werden mittels Euro-Putsch zur verlängerten Werkbank und Lieferanten billiger Vorleistungen. Die deutsche Exportindustrie ist indes so breit aufgestellt, dass sie bisher den Einbruch des Handels in der Euro-Zone durch Exporte in die USA und die Schwellenländer kompensieren kann. Sie vermeldete daher trotz abflauender Konjunktur und Einbruch der Exporte in die Krisenstaaten kürzlich einen erneuten Export-Rekord und verzeichnete den zweitgrößte Export-Überschuss in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Rentner/innen sowie die Arbeitslosen geht die Krise indes weiter.

Warum aber löst ein Währungskrieg über Wechselkurse einen Aufschrei aus, nicht aber der Währungskrieg via Lohndumping? Aus ökonomischer Sicht gibt es dafür kein schlüssiges Argument: Denn die herrschende Meinung unter Ökonomen – auch wenn diese falsch ist – lautet Wechselkurse sind erforderlich, um dauerhafte Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen zu korrigieren. Ein Land mit Exportüberschüssen wertet aufgrund der Devisennachfrage des Auslands auf, ein Land mit Leistungsbilanzdefizite entsprechend ab. Es kommt hierüber zum Ausgleich der Leistungsbilanzen. Demnach müssten dieselben Ökonomen eine Lohnpolitik befürworten, die den Ausgleich der Leistungsbilanzen sichert. Gleichwohl: Träfe die Wechselkursstory zu hätten sich die Ungleichgewichte seit Freigabe der Wechselkurse nach dem Zusammenbruch des Bretton Woods Regimes verringert, sie haben sich jedoch dramatisch erhöht. Denn die Währungsmärkte folgen in der Realität nicht den verstaubten Modellen der Außenhandelstheorie des ökonomischen Mainstreams sondern werden durch Kapitalflüsse dominiert. Währungsspekulanten wollen nicht deutsche Autos kaufen sondern kurzfristige Gewinne – etwa über Carry Trade – realisieren.

Die Antwort auf das ökonomische Rätsel ist daher einfach: Die Bundesregierung lehnt eine Abwertung via Wechselkurs ab, weil sie befürchtet, dass hierüber der Druck zur internen Abwertung bzw. zu Kürzungspaketen und Lohnsenkung in Europa nachlässt. Die Bundesregierung glaubt Deutschland – und damit ist nicht die Bevölkerungsmehrheit gemeint – würde tatsächlich stärker aus der Krise heraus kommen, als es hineingegangen sei. Sie nutzt die Krise und den Schmerz der Rezession, um die europäische Zusammenarbeit unter deutscher Führung zu vertiefen, sofern sie hierüber Strukturreformen im Rest Europas durchsetzen und die Peripherie zur verlängerten Werkbank machen kann.

Mehr Europa, mehr Deutschland ?!

Die Hoffnung von Mitterand und auch Teilen der deutschen Linken eine stärkere europäische Integration würde Deutschlands Wirtschaftskrieg stoppen hat sich bisher nicht erfüllt: Auch die französischen Arbeitgeber wollen zudem eine Agenda 2010, trotz der unterschiedlichen Akzente und Strategien in Paris und Berlin hinsichtlich der Abfederung der „Strukturreformen“ durch Wachstum. Ex-Kanzler Gerhard Schröder versteht Paris: Er verteidigte den Verstoß der rot-grünen Bundesregierung gegen den (dummen) Stabilitäts- und Wachstumspakts (Romano Prodi) damit, er habe die Agenda 2010 nur in einem stabilen makroökonomischen Umfeld verteidigen können, um die sozialen Härten abzufedern (‚Handfeste Gründe’ 2011). Trotz der unterschiedlichen Interessen jenseits des Rhein steht daher der Deal unter europäischer Flagge Demokratie und Sozialstaat zu beerdigen.

Berlin kann derzeit wegen seiner günstigen Refinanzierungsbedingungen an den Kapitalmärkten die Politik diktieren. Hollande steht innenpolitisch unter Beschuss der Arbeitgeber. Spanien hat Probleme mit seinem Bankensektor. Ergo: Eine europäische Antwort auf die Krise – unter Beteiligung Berlins bzw. Sanierung der Banken via EZB- wird es nur gegen Strukturreformen geben. Die Bundesregierung empfiehlt den Euro-Partnern Deutschland auf dem Weltmarkt zu imitieren, statt in Europa – dem größten Binnenmarkt der Erde – für einen Aufschwung zu sorgen.

Schattenboxen um den Wechselkurs

Der Vorstoß von Hollande für einen weichen Euro löst diese Probleme daher nicht. Er versucht damit einen Weg zu finden die französische Industrie über den Weltmarkt zu stimulieren, ohne Konflikt mit Berlin. Aber Frankreichs Problem sind nicht die USA oder China sondern Deutschland. Innerhalb des europäischen Binnenmarktes dominiert immer noch der Handel zwischen EU-Staaten und dies wird schon allein aufgrund der historisch gewachsenen Arbeitsteilung und der geographischen Nähe auch weiterhin so sein. Zudem ginge Europa aus einem Währungskrieg sicher nicht als Sieger hervor. Die Federal Reserve in den USA hat aufgrund ihres Mandats viel mehr Munition. In Europa sind die Interessen zu widersprüchlich, die EZB unterliegt keiner demokratischen Kontrolle. Die Wechselkurspolitik müsste innerhalb des Rats der Europäischen Union und mit der EZB abgestimmt werden.

Ein Währungskrieg der wichtigsten Währungsräume konnte bisher verhindert werden, weil alle Zentralbanken ihre Geldpolitik simultan lockern. Weil die Zinsen bereits ultra-niedrig sind und der Interbankenmarkt ausgetrocknet ist, sind die Zentralbanken in den USA, Groß-Britannien, Japan und zeitweise auch Europa zur Politik der Quantitativen Lockerung übergegangen. Dabei werden Staatsanleihen (EZB: Outright Monetary Transactions) oder aber auch Unternehmensanleihen (EZB: Securities Market Programme) direkt auf dem Sekundärmarkt – d.h. z.B. von Banken – gekauft, um deren Kurse zu stützen und die Renditen zu drücken. Damit wird die Hoffnung verknüpft sowohl Vermögenseffekte zu erzeugen als auch die Investitionen zu beleben und den Zinskanal zu reparieren.

Die Politik des Quantitative Easing (QE) verspricht indes keinen Ausweg, wenn die Wirtschaft kastriert wird. Darauf haben international zahlreiche progressive und fähige Ökonomen (Fullwiler & Wray 2010; Hudson 2013; Keen 2012), hierunter u.a. Richard Werner (2009) – der Schöpfer des Terminus QE – sowie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (2012) verwiesen. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Geld- und produktiver Kreditschöpfung: Der Aufkauf von Staatsanleihen kann zwar vorübergehend die Renditen auf den Kapitalmärkten drücken, aber solange das wirtschaftliche Umfeld wegen der Kürzungspakte schwach bleibt, werden die Banken die zusätzliche Liquidität nicht für die Kreditvergabe nutzen. Der unregulierte Finanzsektor schafft zudem Anreize, dass Banken erneut auf den Vermögensmärkten spekulieren. Und niedrige Zinsen verschaffen auch den Staatshaushalten wenig Erleichterung, wenn gleichzeitig das Wachstum einbricht. Daher ist die bessere Alternative über direkte Notenbankkredite an Euro-Staaten und Investitionsprogramme Europa aus der Rezession zu führen.

Darüber hinaus brauchen wir koordinierte Wechselkurse, die einen Währungskrieg verhindern. Jedoch: Die entscheidende Schlacht wird nicht in Moskau oder Brüssel sondern Berlin geschlagen. Nur eine Abwicklung der Agenda 2010, der Arbeitsmarktreformen sowie der Hartz IV Gesetze kann die Gewerkschaften wieder in die Lage versetzen höhere Löhne zu erkämpfen. Höhere Löhne sind die beste Waffe gegen den deutschen Währungskrieg.

Quellen


[«1] Fabio De Masi ist Volkswirt und Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Sahra Wagenknecht

[«2] Ein Beispiel: Nehmen wir an die handelbaren Güter (Exportindustrie) und die nicht-handelbaren Güter (Binnenwirtschaft) machen jeweils 50 Prozent der Wirtschaftsleistung in Land A und Land B aus (für Deutschland mittlerweile ein realistisches Szenario). Nun steigt die Produktivität im Exportsektor von Land A um 6 Prozent und in der Binnenwirtschaft um 2 Prozent. In Land B steigt die Produktivität des Exportsektors um 4 und in der Binnenwirtschaft um 2 Prozent. Steigen die Löhne nun im Rahmen des gesamtwirtschaftlichen Durchschnitts in Land A um 4 Prozent und in Land B um 3 Prozent hat der Exportsektor von Land A einen Vorteil gegenüber der Binnenwirtschaft und dem Exportsektor von Land B bei den Lohnstückkosten – d.h. er kann die Preise senken oder macht Extra-Profite: In Land A sinken die Lohnstückkosten des Exportsektors um zwei Prozent und in Land B um ein Prozent. Dies kann im Sinne des Strukturwandels wünschenswert sein, sofern der Wettbewerbsvorteil des Exportsektors auf die Binnenwirtschaft oder die Handelspartner ausstrahlt. Kommt es jedoch nicht zu einer Erhöhung der Produktivität des Exportsektors im Land B oder zu einem stärkeren Anstieg der Löhne im Land A (z.B. die Ausrichtung der Lohnpolitik am Produktivitätszuwachs des Exportsektors gemäß law of one price) würden sich auch in diesem Idealfall Ungleichgewichte einstellen.

February 11 2013

Der deutsche Währungskrieg, Beifall aus Brüssel

Die deutschen Ausfuhren waren 2012 so hoch wie noch nie: Deutschland exportierte im Wert von 1097 Milliarden Euro. Der deutsche Exportüberschuss ist mit 188 Milliarden Euro der zweithöchste in der Geschichte der Bundesrepublik und damit fast so hoch wie vor der Krise in 2007. Von Fabio De Masi[*].

Die chronischen Exportüberschüsse Deutschlands sind eine zentrale Ursache der sogenannten Euro-Krise. Deutschland verkauft wegen der seit 2000 gesunkenen Reallöhne per Saldo permanent mehr Waren und Dienstleistungen ins Ausland als es von dort einkauft. Man nennt diese Politik des Preisdumpings angesichts des Wegfalls der Wechselkurse in der Euro-Zone eine reale Abwertung Deutschlands, Dies hat zu einem Anstieg der Verschuldung der privaten Haushalte und Unternehmen insbesondere in Südeuropa geführt. Deutsche Banken und Unternehmen investierten im Gegenzug in giftige Lehman-Zertifikate und anderen Schrott. Mit anderen Worten: Deutschland verbrannte „sein“ Vermögen im Ausland.

Die Bundesregierung feiert dies als Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik. Gleichwohl auch in Deutschland kühlt sich die Konjunktur im Zuge der Sparpakete ab. Und die deutsche Wachstumsperformance ist alles andere als beeindruckend. Bis zur Krise war Deutschland ein Schlusslicht beim Wachstum in der Euro-Zone. Seit der Krise ist Deutschlands Wachstum zwar überdurchschnittlich. Nur dies ist kein Kunststück: Die Krisenstaaten taumeln durch die Kürzungspakte in die Rezession, Deutschland hat eine breit aufgestellte Exportindustrie, die insbesondere den Bedarf der Schwellenländer nach Technologie befriedigt und von billigen Vorleistungen aus de Krisenstaaten sowie expansiven Maßnahmen außerhalb Europas profitiert. Sobald die USA, Japan und China auf die Bremse treten wird es auch in Deutschland ungemütlich.

Gleichwohl bestätigt dies die Auffassung wonach Wettbewerbsvorteile durch Lohndumping langfristig nur schwer zu korrigieren sind. Denn in den Krisenstaaten sind die Lohnkosten durch den „Euro-Putsch“ massiv gesunken. Es ist eben so: Die Vor- und Nachteile bei den Lohnstückkosten (Löhne im Verhältnis zur Produktivität) addieren sich über die Jahre. Selbst eine Ausschöpfung des verteilungsneutralen Spielraums in der Lohnpolitik (durchschnittlicher Produktivitätszuwachs plus Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank) würde nicht hinreichen, um die über viele Jahre erfolgte „reale Abwertung“ Deutschlands über Billiglöhne zu korrigieren. Zumal die Produktivität der deutschen Exportindustrie jene der Handelspartner übertrifft und sich auch mit verteilungsneutralen Lohnabschlüssen in Deutschland Wettbewerbsvorteile ergeben[**]. Zudem: Ist ein Land wie Griechenland erstmal erfolgreich deindustrialisiert, helfen auch niedrige Löhne nichts mehr. Denn was soll Griechenland exportieren? Es hat keine wettbewerbsfähige chemische Industrie oder einen etablierten Automobilsektor. Ökonomen nennen das salomonisch die „Pfadabhängigkeit“ des internationalen Handels.

Interessanter ist aber die Reaktion aus Brüssel: Eigentlich sollten nämlich im Zuge des makroökonomischen Scoreboards bzw. des Mechanismus zur Vermeidung makroökonomischer Ungleichgewichte[***] (ein Rechtsakt des sogenannten EU-Six-Pack) nicht nur Defizite in der Leistungsbilanz sondern auch chronische Exportüberschüsse sanktioniert werden. Der Referenzwert wonach der Überschuss in der Leistungsbilanz maximal 6 Prozent des BIP betragen soll wurde damals auf Deutschland maßgeschneidert und ist ein extrem liberaler Schwellenwert. Selbst diese Latte hat Deutschland nun mit 6,3 Prozent des BIP gerissen.

Die EU-Kommission bzw. Währungskommissar Olli Rehn ficht dies indes nicht an: Erstens, gelte der Referenzwert nur für einen Durchschnitt aus drei Jahren. Zweitens, habe sich der deutsche Überschuss gegenüber anderen Euro-Staaten seit 2007 massiv verringert. Gingen damals noch etwa zwei Drittel der deutschen Ausfuhren in den Euro-Raum, seine es jetzt nur noch ein Drittel. Ergo: Die EU-Kommission – sonst hart gesottene Verfechter des Binnenmarktes – finden es einen Ausweis erfolgreicher Wirtschaftspolitik, wenn der Handel in Europa wegen der Kürzungspakete kollabiert.

Kai Carstensen, der Konjunkturchef des Münchener Ifo-Instituts ging gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 9. Februar noch weiter: Der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands wird ja derzeit wegen des Zusammenbruchs des Interbankenmarktes (der Kreditvergabe der Banken untereinander) über sogenannte TARGET-Salden – das Zahlungsverkehrssystems der Zentralbanken – finanziert. Vereinfacht: Wenn Spanien eine Maschine aus Deutschland importiert erhält die Bank des Unternehmens einen Kredit der spanischen Zentralbank die sich wiederum bei der deutschen Bundesbank verschuldet. Carstensen meint die EU könne von Deutschland nicht fordern den „Kredithahn für die Krisenländer offenzuhalten“ und andererseits verurteilen, wenn mit diesen Krediten Güter made in Germany gekauft werden. Dabei wird nur andersherum ein Schuh draus: Wenn Deutschland sich weiter auf Kosten der Binnenwirtschaft und der Bevölkerungsmehrheit zu Tode exportiert, schwellen auch die TARGET-Salden an. Und hielte Deutschland den Kredithahn nicht offen hätten wir in Deutschland schon morgen einen wirtschaftlichen Kollaps.

Und was ist die Moral der Geschichte? Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland und die Bevölkerung in den Krisenstaaten sollte nicht auf Erlösung aus Brüssel hoffen. Genauso wenig wie Frankreichs Präsident Hollande glauben sollte seiner Industrie über eine Abwertung des Euros einen „Entlastungsangriff“ vom „realen Währungskrieg“ via Lohndumping mit Deutschland zu verschaffen. Höhere Löhne – so ist das nun mal in der Marktwirtschaft – müssen in Deutschland erkämpft werden. Daher hat Oskar Lafontaine Recht: Er schrieb vor einiger Zeit in der FAZ unter der Überschrift „Wartet nicht auf bessere Zeiten“: „Eine abstrakte Demokratie- und Europaliebe läuft immer Gefahr, sich in Unverbindlichkeit zu verlieren, weil man sich den konkreten Problemen vor der eigenen Haustür nicht stellen will. (…) Das demokratische Europa beginnt zu Hause und verlangt zuallererst in Deutschland eine Politik, die den Interessen der Mehrheit entspricht. Gelingt das nicht bei uns, dann wird es erst recht nicht auf europäischer Ebene gelingen.“


[«*] * Fabio De Masi ist Volkswirt und Mitarbeiter von Sahra Wagenknecht im Deutschen Bundestag.

[«**] Anmerkung JB: zum Thema „Verteilungsspielraum“ siehe hier: Tarifrunde 2012 – Medizin für eine kränkelnde Volkswirtschaft
Es wäre freilich in der Tat nicht möglich, die Lohnstückkosten anzugleichen, würden in allen Euroländer der Verteilungsspielraum eingehalten. Bei den faktisch vorhandenen Lohnkürzungen in der Peripherie ist dort jedoch auch mittel- bis langfristig mit einer Deflation zu rechnen. Würden Deutschland, Österreich, die Niederlande und Finnland auf der anderen Seite ihren Verteilungsspielraum einhalten, würde dies zu einer leicht erhöhten Inflation führen. Wenn sich dieses Szenario über viele Jahre hinstreckt, können auch die Lohnstückkosten wieder angeglichen werden. Freilich wäre auch dies für die Peripherie ein schmerzhafter und keineswegs risikofreier Prozess, aber verglichen mit den Alternativen scheint dies von vielen schlechten immer noch die beste Lösung zu sein.

[«***] Siehe dazu auch: Ungleichgewichte nach Lesart der EU

March 08 2011

Der Ölpreis als Achillesferse der Konjunktur

Deutsche Ökonomen haben ihre sehr eigene Erklärung für die konjunkturellen Folgen eines hohen Ölpreises. Getreu dem angebotstheoretischen Mantra reduziert man die Energiepreise vor allem auf deren Auswirkung auf den deutschen Export. So vertritt beispielweise Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics die Meinung, dass sich bei einem steigenden Ölpreis „die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands verbessere“, da „Schwellenländer rohstoffintensiver produzieren“. Auch Dirk Schumacher von Goldman Sachs hält die Folgen der Ölpreisentwicklung für „überschaubar, solange deutsche Firmen für den hohen Ölpreis mit einer hohen Nachfrage aus den ölproduzierenden Ländern kompensiert würden“. Als magische Grenze für diese „Überschaubarkeit“ haben diese „Experten“ ein Ölpreisniveau von 120 US$ je Barrel ausgemacht. Ab dieser Marke „wird ein längeres deutsches Wirtschaftswunder gefährdet“, so Carsten Brzeski von der ING. Dies sind erstaunliche Aussagen, wenn man bedenkt, dass kaum ein anderer Preis eine derart große Auswirkung auf das verfügbare Einkommen der Deutschen hat wie der Ölpreis. Die Gefahr eines weiter steigenden Ölpreises ist somit zuallererst eine signifikante Gefahr für die Binnenkonjunktur. Von Jens Berger

In Deutschland wurden im letzten Jahr rund 18,5 Mio. Tonnen Ottokraftstoffe, 29,9 Mio. Tonnen Dieselkraftstoff und 21 Mio. Tonnen Heizöl (jeweils der Mineralölanteil) verkauft. Setzt man als Preisbasis die Durchschnittspreise an, so haben die Deutschen im letzten Jahr stolze 75,9 Milliarden Euro für Öl an der Zapfsäule und im Heizöltank ausgeben. Die anteiligen Ölpreise, die in allen Produkten stecken und der Effekt des Ölpreises auf den Gaspreis sind hier noch nicht einmal mit einbezogen. Jedes Prozent, um das der Ölpreis steigt oder fällt, hat somit eine sehr große Auswirkung auf die Binnenkonjunktur. Jeden Euro, den der Bürger für Heizöl oder Kraftstoff ausgeben muss, kann er schließlich nicht mehr für andere Dinge ausgeben. Bei steigenden Energiepreisen sinkt dadurch die Nachfrage. Aus konjunktureller Sicht kann der Ölpreis also gar nicht gering genug sein, zumal die Preisanteile, die binnenwirtschaftlich von Bedeutung sind (Energiesteueranteil, Distribution und Vertrieb) ohnehin weitestgehend unabhängig vom Preis für Rohöl sind. Bei steigenden Endkundenpreisen profitieren vor allem die Ölmultis und die Ölexporteure.

Was treibt eigentlich den Ölpreis an? Die jüngsten Entwicklungen in Libyen werden gerne für die momentane Preisrallye an den Ölmärkten herangezogen. Schaut man sich jedoch die Fundamentaldaten an, so kommen schnell Zweifel an dieser Version: Libyen ist mit lediglich rund 2% der Weltproduktion ein vergleichsweise kleiner Produzent und die Weltenergieagentur IEA geht ferner davon aus [PDF - 274 KB], dass der reale Ausfall nur die Hälfte der üblichen Liefermenge beträgt. In normalen Zeiten könnte der Großproduzent Saudi-Arabien die Fehlmenge von rund 500.000 bis 600.000 Barrel pro Tag ohne weiteres ausgleichen. Aber die Zeiten sind nicht normal, da die globale Erdölnachfrage in den letzten Monaten erstmals seit der Finanzkrise wieder ein Niveau von mehr als 89 Mio. Barrel pro Tag erreicht hat [PDF - 160 KB]. Im Juli 2008 erreichte der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent den bisherigen Rekordstand von US$ 147,50 – heute notiert Brent nach einer sehr langen Phase moderater Preise [PDF - 769 KB] wieder bei US$ 117,22. Warum kann der teilweise Exportausfall eines eher kleinen Produzenten wie Libyen für derart gigantische Preissprünge sorgen? Die Antwort auf diese Frage ist unbequem und wird von der Politik immer noch weitestgehend ignoriert: Das Öl ist knapp und es ist unklar, ob die Förderung in den nächsten Jahren überhaupt die Nachfrage befriedigen kann.

1990 verbrauchte die Welt rund 65 Millionen Barrel Öl pro Tag, zehn Jahre später waren es bereits 75 Millionen Barrel pro Tag. Der Ölpreis war über diese Zeit hinweg jedoch durchgehend moderat, da die Ölproduzenten durch eine Ausweitung oder Verknappung der Fördermenge aktive Preispolitik betreiben konnten. Im bisherigen Nachfragepeak im Vorkrisensommer 2008 waren jedoch weltweit alle Förderhähne auf Durchfluss gestellt. Lediglich Saudi-Arabien soll damals noch über eine bescheidene Reservekapazität von 1,5 Millionen Barrel pro Tag verfügt haben. Noch nie war die Differenz zwischen realer Nachfrage und maximaler Förderkapazität so gering.

Erdöl weist eine sehr geringe Preiselastizität der Nachfrage auf – wenn die Preise stark steigen, sinkt die Abnahme nur in geringem Maße. Dies lässt sich vor allem dadurch erklären, dass die meisten Einsatzbereiche von Erdöl nur sehr schwer zu substituieren und die Substitute oft an den Ölpreis gekoppelt sind. Eine Umstellung der Heizung auf Erdgas bringt beispielsweise finanziell kaum Vorteile, da der Gaspreis sich am Ölpreis orientiert. Für die meisten Pendler ist auch das Auto auch nicht so ohne weiteres zu ersetzen, zumal die Politik in den letzten Jahrzehnten den öffentlichen Personennahverkehr immer weiter ausgedünnt hat. Dennoch ist der Gesamtverbrauch von Erdöl in den OECD-Staaten tendenziell rückläufig. Dieser Nachfragerückgang wird jedoch durch die steigende Nachfrage der Schwellenländer mehr als ausgeglichen. Zu Preissprüngen kommt es immer dann, wenn der Puffer zwischen Angebot und Nachfrage schmilzt.

Dies ist dann die Stunde der Spekulanten, die den Markt zusätzlich unter Druck setzen. Die Spekulanten alleine verantwortlich zu machen, ist jedoch zu kurz gegriffen. Die Spekulation mit „Papieröl“ ist ein klassisches Warentermingeschäft, also ein Nullsummenspiel, bei dem jedem Gewinn eines Akteurs ein ganz konkreter Verlust eines anderen Akteurs gegenüberstehen muss. Dennoch ist es absolut unverständlich, warum die Politik die Preisfindungsmechanismen eines volkswirtschaftlich derart wichtigen Gutes von Spekulanten verzerren lässt. Da zu erwarten ist, dass die Preise in Zukunft weiter ansteigen, ist die Politik hier gefordert.

Weltölproduktion

Wenn man sich die Prognosen von OECD und IEA anschaut, kann man sich nur noch verwundert die Augen reiben. Bis 2035 sagen die Experten einen – nicht eben unrealistischen – Nachfragezuwachs von rund 11 Mio. Barrel pro Tag für die Schwellenländer (vor allem China und Indien) voraus. Eine Ausweitung der Fördermenge in dieser Größe ist – nach heutigem Wissen – unmöglich. Um nicht gleich in Endzeitstimmung zu verfallen, prognostiziert man daher einen Rückgang der Nachfrage in den OECD-Staaten von über 15 Mio. Barrel pro Tag. Woher dieser sagenhafte Rückgang konkret kommen soll, der immerhin rund einem Drittel der Gesamtnachfrage entspricht, ist jedoch nicht ersichtlich. Obgleich der Politik der Ernst der Lage durchaus bewusst ist, gibt es immer noch keine ernstzunehmenden Maßnahmen, vom Öl weg zu kommen. Diese Schockstarre könnte sich bitter rächen.

Die IEA geht in ihrem aktuellen Szenario davon aus, dass die Fördermenge der momentan erschlossenen Ölfelder bis 2035 um zwei Drittel zurückgehen wird. Diese Lücke soll durch Felder geschlossen werden, die entweder noch nicht erschlossen oder sogar noch nicht einmal entdeckt wurden. Diese beiden Kategorien sollen im IEA-Szenario in 25 Jahren mehr als 60% der Gesamtförderung ausmachen – dies wiederum ist Zweckoptimismus pur. Den Rest der Fördermenge sollen Gaskondensate (NGL) und unkonventionelles Erdöl (z.B. kanadische Ölsande, Ölschiefer und extraschweres Erdöl) ausmachen, deren Förderung und Aufbereitung nicht nur sehr teuer und umweltschädlich, sondern auch sehr energieintensiv ist.

Selbst unter diesen zweckoptimistischen Vorgaben spielt Saudi-Arabien in allen Szenarien immer noch eine Schlüsselrolle. So geht die IEA beispielsweise davon aus, dass Saudi-Arabien seine Fördermenge bis 2035 sogar noch um fünf Millionen Barrel pro Tag steigern kann. Das Potential der saudischen Erdölförderung ist jedoch seit einigen Jahren Gegenstand einer kritischen Diskussion unter Fachleuten. Die jüngst veröffentlichen Cables des US-Außenministeriums bestätigen diese Kritik an den offiziellen Zahlen. Sollten die optimistischen Szenarien der Saudis nicht das halten, was sie versprechen, droht der Welt eine dramatische Verknappung des Rohstoffes Öl.

Wir haben unsere Zukunft auf Öl gebaut. Die bei den Medien beliebten Bilder von Zapfpistolen, aus denen kein Kraftstoff mehr kommt, sind dabei die falsche Illustration für künftige Szenarien. Ein Bild mit einem leeren Portemonnaie wäre passender, denn der physische Nachschub an Öl ist auch langfristig nicht in Gefahr. Sollten die optimistischen Prognosen jedoch nicht halten, was sie versprechen, könnte das Öl für viele Bürger schon bald nicht mehr bezahlbar sein. Noch haben wir Zeit, den unbedingt notwendigen technischen Paradigmenwechsel einzuläuten. Doch die Zeit wird langsam knapp.

Reposted byFreeminder23 Freeminder23

May 20 2010

Die Missachtung der Größenverhältnisse von Bankenrettung, Konjunkturprogrammen und Griechenland-Hilfe

Immer wieder wird in diesen Tagen die gewaltige Größe des Programms zur Unterstützung Griechenlands beklagt. Und immer wieder lesen wir Klagen über die Finanzierung von Konjunkturprogrammen auf Pump. Dabei werden die Relationen dieser Ausgaben im Vergleich zu den Ausgaben zur Bankenrettung in Deutschland oft außer acht gelassen – vermutlich mit Absicht. Albrecht Müller. Das EU- [...]
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