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December 10 2013

Die Unfassbarkeit der digitalen Kopie

Als britische Geheimdienstarbeiter den Chefredakteur der britischen Zeitung The Guardian dazu zwangen, das Laptop mit den Snowden-Daten zu zerstören, änderte sich die Perspektive auf Netzpolitik grundlegend.

Ein Samstagvormittag im Sommer 2013. Im Keller des Redaktionsgebäudes des Guardian zwingen britische Geheimdienstmitarbeiter den Chefredakteur der Zeitung, ein Laptop zu zerstören. Auf dem Gerät vermuten sie Daten, die ihrer Meinung nach nicht in die Öffentlichkeit gehören: Dokumente, die der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden öffentlich gemacht hatte und die seitdem weltweit für Aufsehen sorgen. Sie belegen einen weltweiten Überwachungs- und Spionage-Skandal, der die Vorstellungen von Politik in und mit dem Netz nachhaltig verändern wird. Diese Daten, so der Wunsch der Geheimdienstler, sollen geheim bleiben, privat, nicht-öffentlich, unbekannt.

Der Journalist Alan Rusbridger, ein besonnener 59-jähriger Brite, der gerade ein Buch übers Klavierspielen veröffentlicht hat, weist die Beamten darauf hin, dass diese Daten bereits kopiert sind. Dass sie sie vielleicht hier im Keller in London zerstören, nicht aber ihre Veröffentlichung verhindern können. Dennoch bestehen die Herren darauf: Das Laptop muss zerstört werden.

Es ist ein symbolischer Akt der Gewalt, Ausdruck des staatlichen Durchgriffs (dem später eindeutige Ansagen des britischen Regierungschefs folgen werden) und Beleg für die gewaltige Dimension der Snowden-Enthüllungen. Die Szene aus dem Guardian-Keller im Sommer 2013 ist aber vor allem ein Symbol für die Veränderungen, die die Digitalisierung über zahlreiche Bereiche der Gesellschaft gebracht hat. Der Guardian hat die Szene als „one of the stranger episodes in the history of digital-age journalism“ beschrieben. Das ist sie in der Tat. Mindestens.

Machtlosigkeit gegen die Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie

Der zerstörte Computer ist dabei sozusagen die umgedrehte Raubkopie. Die Gewalt gegen den Computer ist der hilflose Versuch, einen reißenden Strom mit bloßen Händen zu stoppen. Der Begriff der Raubkopie wollte dem Vorgang des Kopierens einen gewalttätigen Aspekt andichten, den das Kopieren nie hatte. Der Versuch, ein Laptop zu zerstören, um so die darauf befindlichen Daten zu stoppen, basiert genau auf dieser Gewalt, die allerdings machtlos bleibt gegen die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie. Die Daten sind eben nicht nur auf dem Rechner im Keller des Guardian, die Daten sind in Amerika und Brasilien, erklärt Rusbridger den Geheimdienstlern – und in Wahrheit sind die Daten überhaupt nicht an einem einzigen zentralen Ort, sie sind digitalisiert. Und das sicherste Versteck, das man in der neuen, der digitalen Welt für sie finden kann, ist die Öffentlichkeit.

Durch die Brille der analogen Welt sieht das auf ganz vielen Ebenen absonderlich aus: Das (Raub-)Kopieren, die Tätigkeit der Piraten, wird plötzlich zu einem Akt des Widerstands und der Pressefreiheit und gleichzeitig wird die Öffentlichkeit, der Ort der Selbstdarsteller und Mitteilungssüchtigen, zum Zufluchtsort des Whistleblowers Snowden und der Journalisten, die über ihn berichten. Öffentlich sind sie geschützt. Man könnte auch sagen: Die Grundbedingung des digitalen Zeitalters kommt auf der politischen Ebene an.

Die Veränderungen im Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit und vor allem der veränderte Umgang mit digitalisierten Daten sind seit Jahren Thema – seit diesem Samstagvormittag im Londoner Keller sind sie der ganzen Welt mit aller Deutlichkeit und aller Gewalt vor Augen geführt worden. Aus der Beschäftigung der Nerds und Hacker ist auf einmal richtige Politik geworden. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher notierte im Herbst – nicht ohne Herablassung: „Also ist es nötig, was unter dem unbrauchbaren Titel ‚Netzpolitik‘ firmiert, nicht mehr twitternden Politikern als Spielwiese zu überlassen. Weil es ums Leben geht, geht es um die Substanz künftiger Politik.“

Das Bild des zerstörten Laptops ist somit zum Symbol für digitalen Journalismus geworden, der natürlich Journalismus ist und damit Grundbedingung einer demokratisch verfassten Öffentlichkeit. Zum einen, weil es die im Wortsinn Unfassbarkeit der digitalen Kopie aufzeigt und zum zweiten, weil es einen Aspekt in den Blick rückt, von dem bisher nur die Anfänge erkennbar sind: In dem umgekehrten Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit kann das Veröffentlichen von Daten das beste Versteck sein.

Der Prozess als Bestandteil des Produkts

Dadurch dass der Journalist Glenn Greenwald und der Guardian in einem andauernden Prozess die Daten veröffentlichen, dadurch dass Greenwald auf Twitter präsent bleibt, ist er öffentlich geschützt. Nicht mehr einzig das Ergebnis seiner Recherchen steht im Mittelpunkt, auch der Entstehungs- und Entwicklungsprozess bekommt Bedeutung. Deshalb ist es keineswegs reines Marketing, dass die Snowden-Daten nicht auf einmal veröffentlicht wurden. Es ist eine Conditio des Digitalen, dass der Prozess dokumentiert und veröffentlicht wird.

Dass der Prozess im Digitalen zum Bestandteil des Produkts wird, sehen wir auf ganz anderer Ebene beim sogenannten Crowdfunding: Künstler binden ihr Publikum schon vor Veröffentlichung eines Buches, Films oder Albums in die Entstehung ein. Sie versionieren ihr Werk, zerlegen es in Teile und machen diese in Fassungen zugänglich. Auch das: eine Antwort auf die neuen Klimabedingungen des Digitalen. Unter den Vorzeichen der Snowden-Enthüllungen bekommt dieser Gedanke des öffentlich Prozesshaften eine ganz neue Bedeutung. Er steht für die zentrale Folge der Digitalisierung: Sie macht Kunst, Kultur und eben auch Journalismus zu Software – diese wird in Versionen ausgeliefert, nicht mehr in einem unveränderlichen Werkstück.

Spätestens seit dem Samstagvormittag im Keller des Guardian in London wissen wir: Auch Politik wird in der digitalen Welt zu Software. Wer sie im Sinne der Pressefreiheit und Demokratie gestalten will, muss die Bedingungen des Digitalen dafür nutzen!

Dirk von Gehlen

Foto: Daniel Hofer

Dirk von Gehlen hat 2013 das Buch „Eine neue ­Version ist verfügbar“, über die neuen Verfasstheiten digitaler Kultur geschrieben und mit Crowdfunding finanziert. Es wurde später bei ­metrolit veröffentlicht.

Dieser Text ist im Rahmen des Heftes „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ erschienen. Sie können es für 14,90 EUR bei iRights.media bestellen. „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ gibt es auch als E-Book, zum Beispiel über die Affiliate-Links bei Amazon und beim Apple iBook-Store, oder bei Beam.

September 20 2013

Pioneer Awards 2013 der EFF für Aaron Swartz, James Love, Glenn Greenwald und Laura Poitras

Im altehrwürdigen Regency Center hier in San Francisco hat gestern Abend die amerikanische Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) die Gewinner des Pioneer Award 2013 feierlich gewürdigt. Der verstorbene Aaron Swartz, der Access-to-Knowledge-Aktivist James Love und die Journalisten Glenn Greenwald und Laura Poitras sind die Preisträger in diesem Jahr.

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Alle vier Preisträger verbindet, dass sie polarisieren. Und dass alle vier ihre Arbeit für das Gemeinwohl über persönliche Nachteile gestellt haben, die ihnen drohten. Rechtsprofessor Lawrence Lessig führte in seiner Würdigung der Preisträger sehr bewegt aus, dass die Preisträger eigentlich gar keine Pioniere seien. Sie seien vielmehr normale Bürger, die als Vorbild handeln und gehandelt haben. Lessig machte in bewegenden Worten deutlich, wie schwer es ihm fällt, ein Amerika, eine Welt zu akzeptieren, in der ein Handeln ausgezeichnet werden muss, dass doch eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Zur Begründung der Auszeichnung an Glenn Greenwald und Laura Poitras, beide Schlüsselfiguren bei der Aufdeckung des Überwachungsskandals, heißt es in der Mitteilung der EFF:

Glen Greenwald and Laura Poitras brought the word clear and credible news and analysis about the massive domestic surveillance programs currently conducted by the NSA – transforming leaked documents by whistleblower Edward Snowden into riveting narrative that everyone could understand.

Beide konnten nicht persönlich in San Francisco bei der Verleihung sein, schließlich besteht die Gefahr weiter, bei Einreise in die USA verhört und verhaftet zu werden. Per Video aus Brasilien und Deutschland waren sie live zugeschaltet. Neben der Freude über die Verleihung des Awards machten beide noch einmal darauf aufmerksam, in welcher schwierigen Situation Whistleblower wie Edward Snowden und Chelsea Manning sind. Sie wünschten sich ein Amerika, in dem auf das Aufdecken von ungesetzlichem Verhalten Unterstützung folgt – und nicht jahrzehntelange Haftstrafen.

Preisträger James Love ist im wahrsten Sinne des Wortes ein digitaler Pionier und kämpft seit Jahrzehnten an vorderster Front als

one of the leading champions in the international battle for access to knowledge, defending everyone’s right to free speech, privacy, fair competition, and health across the globe for more than 20 years

so die EFF in ihrer Würdigung für den Direktor von Knowledge Ecology International. Dem ist wenig hinzuzufügen. Um keine Sekunde ungenutzt vorüberziehen zu lassen, ging Love in seiner Festrede sogleich auf die heftigen weltweiten Lobbyschlachten im Urheberrecht ein. Am WIPO-Blindenvertrag, der in diesem Sommer im marokkanischen Marrakesch nach jahrelangen Kämpfen doch noch verabschiedet wurde, wurde deutlich, wieviel langen Atem es braucht, um zumindest kleine Erfolge erreichen zu können. Diesen langen Atem hat James Love.

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Und schließlich Aaron Swartz. Bis zu seinem Tod im Alter von nur 26 Jahren hat Swartz das Internet verändert und mitgestaltet. Bereits mit 14 Jahren trat er als einer der Entwickler des RSS-Feeds in Erscheinung und begeisterte fortan nicht nur seine Alterskollegen, sondern nahezu die gesamte Internetwelt in Forschung und Lehre. Nicht zuletzt Laudator Lawrence Lessig hatte eine sehr enge Beziehung zu Swartz. Sein tragischer Tod und die Vorgeschichte haben weltweit für Entsetzen gesorgt.

In der Begründung für den Preisträger Swartz betont EFF-Rechtschefin Cindy Cohn nun wehmütig:

Aaron was nominated for a Pioneer Award regularly over the years, and we always thought we’d have a long time to give it to him – he had done amazing work so far, and we knew that over time he would continue to contribute to building a better future for the Internet and digital rights.

Im Rahmen der Verleihung des Preises, der stellvertretend von zwei Freunden entgegengenommen wurde, wurde auch ein Brief der Eltern von Aaron verlesen. Die Botschaft war eindeutig: „Wir sind tief berührt über diese Auszeichnung und wollen das Vermächtnis von Aaron auch an das Auditorium weitergeben: wissenschaftliche Texte und Informationen müssen frei verfügbar sein, jetzt und für immer. Lasst uns gemeinsam für ein freies und offenes Internet kämpfen.“

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