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December 14 2013

Sexismus: Das Internet ist das Problem und seine Lösung

Feminismus wird wieder salonfähig: Der Twitter-Hashtag #Aufschrei hat netzfeministische Themen in die klassischen Medien gebracht und dafür 2013 den Grimme Online Award erhalten.

Keine Frage, der #Aufschrei ließ das netzfeministische Jahr 2013 mit einem lauten Knall beginnen: Kleinerdrei-Chefin Anne Wizorek, auf Twitter als @marthadear unterwegs, baute mit ihrer Kritik am Alltagssexismus eine Brücke zwischen digitaler Szene und dem Rest der Welt. Eine nötige Brücke über eine Kluft, die nach der Umstrukturierung der Mädchenmannschaft – der treibenden Kraft im deutschsprachigen Netzfeminismus – im Jahre 2012 stetig zu wachsen schien. Selbst die reichweitenstarke und gut aufgestellte Initiative Digital Media Women konnte diesen Graben aufgrund ihrer branchenfokussierten Ausrichtung nicht schließen.

Im Nachhinein scheint es jedoch fast so, als habe die Spaltung der 2012 noch eng verbundenen deutschsprachigen feministischen Netzwelt entscheidend zu deren Öffnung in Richtung Mainstream beigetragen. Dank der durch #Aufschrei erhöhten Sensibilisierung für Sexismus wuchs im Internet und schließlich auch offline der Konsens darüber, dass sexuelle Belästigung im Alltag nach wie vor ein drängendes Problem darstellt. Erstmals fanden auch englischsprachige Gemeinschaftsprojekte wie das Project Unbreakable oder Everydaysexism.com, die Opfern sexueller Gewalt eine Stimme geben, in Deutschland breitere Beachtung. Seiten wie diese erreichen weit mehr als hohe Klickzahlen: Laura Bates, die Gründerin von Everydaysexism.com, brachte das Unternehmen Facebook in beispielloser Geschwindigkeit dazu, härter gegen auf der Plattform veröffentlichte frauenfeindliche Inhalte vorzugehen. Innerhalb von nur sieben Tagen war im Mai 2013 eine Abmachung bezüglich der Zensur von gewaltverherr­lichenden Bildern und Texten erreicht.

Ein Erfolg, auf den Laurie Penny sicher anstoßen würde. Als Kämpferin in Sachen Cybersexismus begeisterte sie auf der diesjährigen Republica mit einem Vortrag zum Thema, in dem sie drei Fakten gleich zu Anfang klarstellte. Erstens: Frauenfeindlichkeit im Internet ist ebenso real wie auf der Straße. Zweitens: Es gibt im Netz eine Gegenbewegung, die sich für Freiheit und Gleichheit aller einsetzt. Und drittens: Das Internet ist in puncto Frauenfeindlichkeit gleichermaßen das Problem und dessen Lösung. Mit ihren Thesen zählt Laurie Penny ebenso wie Teresa Bücker, die zur Zukunft der Arbeit aus weiblicher Sicht referierte, zu den feministischen Denkerinnen des Jahres.

Der Zuwachs von Speakerinnen und weiblichen Podiumsgästen auf den Techkonferenzen war 2013 erfreulich. Damit die von der Republica oder der „Social Media Week“ formulierten hohen Frauenquoten-Ziele künftig tatsächlich erreicht werden können, bleiben Speakerinnen-Listen, wie sie auf Netzfeminismus.org oder bei Digital Media Women erhältlich sind, unerlässlich.

Auch die Wikimedia Foundation, Trägerstiftung der Wikipedia, bemühte sich um mehr weiblichen Input für ihre männlich dominierte Online-Enzyklopädie. Das im Sommer 2013 gestartete Pilotprojekt Women Edit lädt Frauen seit einigen Wochen zu offenen Treffen und Editierpartys ein. Dass Initiativen dieser Art fruchten können, bewiesen zum Beispiel die finnischen Rails Girls. Über ein Tutorinnensystem bringen Freiwillige weltweit jungen Frauen erfolgreich programmieren bei.

Immer wieder wurde im vergangenen Jahr anhand solcher Vorbilder deutlich, wie viel Selbstbewusstsein frau zunächst im Internet gewinnen und dann im Alltag nutzen kann. Selbst so vermeintlich exotische Anliegen wie das der Bewegung fat acceptance, die sich gegen die Diskriminierung stark Übergewichtiger stellt, fanden dank progressiver Webseiten wie Mädchenmannschaft im letzten Jahr ihren Weg in die deutsche Blogosphäre.

Wie auch in den Jahren zuvor ging Feminismus im Netz 2013 einher mit einer deutlichen Haltung gegen Benachteiligung aller Art. Die gemeinschaftliche Positionierung unterschiedlicher netzfeministischer Lager gegenüber der vom literarischen Feuilleton befeuerten N-Wort-Debatte machte beispielsweise deutlich, dass ein Konsens gegen rassistische und sexistische Bezeichnungen herrscht. Kübra Gümüsay, Nadia Shehadeh, Julia Probst und Ninia Binias sind nur vier nennenswerte Bloggerinnen, die der Öffentlichkeit im vergangenen Jahr einen Dienst taten, indem sie ihren von Ausgrenzungserfahrungen durchzogenen Alltag schilderten.

Monatelang erwartet wurde der Start der deutschsprachigen Huffington Post, einem Ableger der gleichnamigen amerikanischen Online-Zeitung, die einst von Arianna Huffington gegründet und seither als Flaggschiff der weiblichen Publizistik gefeiert wurde. Anders als dem eher linksliberalen Original wird der hiesigen Ausgabe allerdings Konservatismus unterstellt; innerhalb der netzfeministischen Szene blieb die Freude über die neue Plattform entsprechend gedämpft.

Ebenfalls kritisch betrachtet wurden verschiedene Oben-ohne-Protestaktionen der in der Ukraine gegründeten Aktivistinnengruppe Femen, die in Deutschland unter anderem gegen Wladimir Putins homophobe und kritikerfeindliche Innenpolitik demonstrierten.

Auch an anderer Stelle sorgte nackte Haut 2013 für Unruhe im Netz. Miley Cyrus, eine selten voll bekleidete Popsängerin, erhielt im Oktober einen offenen Brief von ihrer doppelt so alten Kollegin Sinéad O’Connor, in dem die Musikerin den Nachwuchsstar bat, sich nicht länger „für die männlich dominierte Musikindustrie zu prostituieren“. Was auf den ersten Blick wirkte wie belangloser Klatsch, erwies sich bei näherem Hinsehen als Neuauflage eines feministischen Dauerbrenners: Wie viel freier Wille steckt in halb nackter Eigenwerbung? Oder netzpolitisch: Wie selbstbestimmt ist die gefällige Aufgabe unserer Privatsphäre? Diese Fragen werden uns Frauen im Netz in Zeiten des NSA-Skandals und sekündlicher, spitzlippiger Instagram-Selfies sicherlich auch 2014 noch beschäftigen.

Erstens: Frauenfeindlichkeit im Internet ist ebenso real wie auf der Straße. Zweitens: Es gibt im Netz eine Gegenbewegung, die sich für Freiheit und Gleichheit aller einsetzt. Und drittens: Das Internet ist in puncto Frauenfeindlichkeit gleichermaßen das Problem und dessen Lösung.

foto_annina-luzie-schmidAnnina Luzie Schmid ist Bloggerin, Social-Media-Beraterin und freie Autorin. Gründerin des „Girls can blog“-Projektes. Veröffentlicht in diversen Magazinen und Zeitungen.

 

 

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Dieser Text ist auch im Magazin „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ erschienen. Sie können das Heft für 14,90 EUR bei iRights.Media bestellen. „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ gibt es auch als E-Book, zum Beispiel bei Amazon*, beim Apple iBook-Store* (Affiliate-Link) oder bei Beam.

September 03 2013

CARTA, Feministinnen und Heldenverehrer

Auf CARTA erschien gestern ein Beitrag mit dem Titel “Äpfel, Birnen, Feministinnen” der Bloggerin Kerstin Ludwig, der in Richtung von zwei feministischen Blogs polemisiert. Dieser Beitrag hat heute eine mittelgroße und wie ich finde äußerst skurrile Diskussion in den Kommentaren bei CARTA und auf Twitter ausgelöst, was die CARTA-Redaktion zu einer nicht ganz glücklichen Stellungnahme veranlasst hat.

Mehrere Autoren wie die Blogger Antje Schrupp und Enno Park (“die ennomane“) haben in den Kommentaren erklärt, CARTA wegen des Beitrags von Ludwig bzw. der Reaktion der Redaktion keine Texte mehr zur Verfügung zu stellen.

Ich bin mir nicht sicher, was mich an dieser Diskussion mehr verstört. Der wirklich schlechte Rant von Kerstin Ludwig, der zwar einmal auf den Punkt kommt, insgesamt aber leider doch sehr stark von Vorurteilen und Klischees lebt oder doch die Kritik von Leuten wie Anatol Stefanowitsch und Antje Schrupp, die im Ergebnis nicht minder unsachlich ist, auch wenn sie versucht den Anschein der Sachlichkeit zu erwecken.

Antje Schrupp schreibt auf CARTA, dass “zwei feministische Blogs auf eine für mich inakzeptable Weise niedergemacht werden” während Stefanowitsch in einem Blogbeitrag über den von Ludwig kritisierten Text des Blogs Fuckermothers schreibt:

Bei dem sehr lesenswerten Beitrag der Fuckermothers handelt es sich, etwas vereinfacht gesagt, um einen Versuch, zu erklären, welche patriarchalischen Denk- und Gesellschaftsstrukturen dazu führen, dass Edward Snowden und (nur nebenbei erwähnt) Julian Assange von vielen Medien auf eine sehr holzschnittartige Weise zu Helden stilisiert werden. Dabei schmälert der Beitrag nicht die Relevanz der Enthüllungen, er fragt nur, warum hier eine Heldenverehrung greift, und an anderen Stellen, wo Menschen relevante Dinge tun, nicht.

Nach meiner Wahrnehmung beschäftigt sich die Berichterstattung in den größeren Medien schon längst nicht mehr mit der Person Snowdens, sondern fast nur noch mit den Inhalten seiner Enthüllungen. Die Ausgangsthese der Fuckermothers von der Heldenverehrung war jedenfalls am 25.08. längst überholt. Die teilweise anzutreffende Glorifizierung der Person Snowdens hat m.E. aber vor allen Dingen damit zu tun, dass ein Whistleblower, der über Missstände informiert hat, zu Unrecht von den USA um die ganze Welt gejagt wird. Das löst Solidarisierungseffekte aus, die denjenigen ähneln, die man beispielsweise bei Pussy Riot beobachten konnte.

Der Text der Fuckermothers zielt vorwiegend darauf ab, Netzaktivisten und die digitale Bürgerrechtsbewegung zu diskreditieren und dies ohne unmittelbaren Bezug zu einem feministischen Ansatz. Und natürlich versucht der Beitrag die Relevanz der Enthüllungen Snowdens zu schmälern. Die Sprache in dem Blog lässt insoweit wenig Interpretationsspielraum zu, was nachfolgende Textbeispiele verdeutlichen:

Die Daten-Cowboys stehen für die Forderung nach einer freien Meinungsäußerung, die alles sagen wollen darf, ohne je wirklich darum gekämpft zu haben. (…)

Zum Beispiel die selbstgerechte Art, mit der Sascha Lobo und andere die Sache skandalisieren. Diese Art erinnert an den kritischen Staatsbürger, wie er uns im Sachkundeunterricht beigebracht wurde. (…)

Die Empörung spiegelt – so meine Einschätzung – die Sehnsucht nach einem „guten Vater Staat“ oder dem „guten Regieren“ (…)

Auch fällt die aktuell herbeigeschriebene Kritik am Überwachungs-Staat oft etwas gar simpel aus. „Der Staat“ erscheint als etwas, das „den Bürger_innen“ entgegengesetzt ist und in seiner idealen Form eine Art (paternalistische) Instanz zu sein hat, die den Bürger_innen Demokratie sichert. (…)

Wirklich interessant würde es doch, wenn Leute wie Sascha Lobo einmal darüber nachdenken, welche Privilegien der (Überwachungs)Staat Menschen wie ihm bisher auch gesichert hat. (…)

Die Aussage, Leute wie Sascha Lobo würden etwas in selbstgerechter Weise skandalisieren, beinhaltet die Unterstellung, dass die Überwachungsaffäre insgesamt deutlich übertrieben wird. Und das dient ihrer Relativierung. Auch die Aussage “Die Empörung spiegelt – so meine Einschätzung – die Sehnsucht nach einem guten Vater Staat oder dem guten Regieren“ ist von der Konnotation her eindeutig und deutet zudem darauf hin, dass hier jemand ganz grundsätzlich missverstanden hat, wofür Netzaktivisten eintreten. Es geht ihnen nicht vordergründig um den guten Staat, sondern um die Freiheit des Einzelnen. Im übrigen entspricht der in dem Text von Fuckermothers kritisierte Gegensatz von Bürger und Staat exakt dem Modell unserer Grundrechte. Grundrechte sind Abwehrrechte gegenüber dem Staat. Und warum das so ist und auch so sein muss, ist selten deutlicher zu Tage getreten als derzeit.

Der Text bei den Fuckermothers folgt insgesamt einem recht simplen Strickmuster. Nach einem feministischen Einsteig nutzt man das angerissene Thema, um Netzaktivisten zu diskreditieren, allerdings dann ohne wirklich erkennbaren Bezug zu feministischen Themen. Dem Text der Fuckermothers liegt letztendlich ein äußerst konservatives und staatstragendes Weltbild zugrunde.

Während dieser Beitrag also so tut als wäre er sachlich, obwohl er es nicht ist, erhebt die Polemik von Kerstin Ludwig zumindest nicht den Anspruch der Sachlichkeit. Lesenswert sind sie im Grunde aber beide nicht.

Das eigentlich Erstaunliche sind aber nicht die Texte, sondern die daraus resultierende Diskussion, bei der ich den dringenden Wunsch verspüre, mich zwischen alle Stühle zu setzen. Ich werde meine Blogbeiträge natürlich auch weiterhin gerne CARTA zur Verfügung stellen.

P.S.
Liebe Diskutanten,
sollte jemand meinen, dieser Blogbeitrag würde die Gelegenheit für eine deftige Kritik an Feministinnen bieten, dann werde ich ausnahmsweise von der Möglichkeit Gebrauch machen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren.

January 07 2013

Frauen, Gender, Netzpolitik: Wo stehen wir 2012?

Sind Frauen und Männer im Netz gleich, wie manche (Männer) behaupten? Oder gibt es noch Baustellen?

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April 01 2010

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Helen Thomas on Feminism
dc's most experienced journalist on Feminism, mccarthyism and the White House Press Corps
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