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February 14 2014

Volker Oppmann über die geplante Online-Bücher-Plattform Log.os: „Gemeinnützigkeit kann man nicht simulieren“

Unter dem Namen Log.os entsteht eine multifunktionale und gemeinnützige Lese-Plattform, auf der Nutzer digitale Bücher finden, lesen, kommentieren, empfehlen und diskutieren können. Volker Oppmann, einen der Köpfe des Großprojekts, erzählt, was dahinter steckt.

iRights.info: Herr Oppmann, in den Beschreibungen zu Log.os ist von einer „digitalen Universalbibliothek“ die Rede. Was ist damit gemeint?

Foto: Bernd Große

Volker Oppmann, selbständiger Verleger (Onkel & Onkel), gehört zum dreiköpfigen Vorstand des Log.os-Fördervereins. 2008 bis 2013 war er für das von ihm mit initiierte E-Book-Unternehmen Textunes tätig, das 2011 von Thalia übernommen wurde und aus dem er 2013 ausschied. Foto: Bernd Große

Volker Oppmann: Eine Bibliothek definiert sich über drei Kriterien: Die Sammlung, die Erschließung sowie die Zugänglichmachung von Inhalten. Unter Erschließung versteht man, dass man die Sammlung ordnet, katalogisiert und mit Schlagworten versieht, damit man einzelne Inhalte schnell wiederfindet. Für die Zugänglichmachung zuständig waren bisher die Bibliotheken, die man besuchen konnte, um dort vor Ort zu lesen oder um die Medien auszuleihen.

Im Grunde ist die Ausleihe nur ein Teilaspekt von Bibliotheken und bei Weitem nicht der Wichtigste. Aber alle drei genannten Kriterien werden heute durch Cloud-basierte E-Book-Angebote erfüllt, und genau so verstehen wir Log.os. „Universalbibliothek“ heißt es deshalb, weil es eine umfassende Sammlung sein soll, unabhängig von Sprache, Thema oder Herkunft, in die nicht nur Werke aus regulärer Verlagsproduktion Eingang finden, sondern auch Texte von Selfpublishern sowie Freie Inhalte.

iRights.info: Also auch Werke, die unter freien Creative-Commons-Lizenzen veröffentlicht sind? Etwa die im Bildungsbereich zunehmend populären „Open Educational Ressources“ (OER)?

Volker Oppmann: Definitiv ja. Nutzer interessieren sich für konkrete Inhalte, nicht dafür, woher sie stammen. Sie interessieren sich weder für buchhändlerische Bezugswege noch dafür, ob ein Titel lieferbar, vergriffen, verwaist, rechtefrei, Open Source oder was auch immer ist. Unsere Kernaufgaben im Dienste des Kunden sind folglich, sämtliche Inhalte verfügbar zu haben, zu gewährleisten, dass sie direkt genutzt werden können, sowie sicherzustellen, dass die jeweilige Rechtekette intakt ist und sauber abgebildet werden kann, so dass jeder zu seinem Recht kommt, also auch die Urheber und Verwerter.

iRights.info: Log.os möchte die Übermacht von Amazon brechen will, heißt es. Doch es ist offenbar gar kein Online-Buchhändler. Wie soll das funktionieren?

Volker Oppmann: Wir nehmen Amazon & Co. als Buchhändler wahr, dabei haben diese Anbieter im digitalen Bereich längst aufgehört Buchhändler zu sein. Anbieter von digitalen Inhalten sind zu kommerziellen Großbibliotheken geworden, die Inhalte auf ihren Servern sammeln, diese über Kataloge, Schlagworte und Algorithmen erschließen sowie die Inhalte über diverse Apps und Endgeräte zugänglich machen. Doch der Zugang ist nur möglich, solange man sich als Kunde innerhalb der proprietären Ökosysteme ihrer digitalen Bibliothek befindet.

Sie können die Inhalte von einem Kindle nicht in ein anderes System mitnehmen, etwa auf einen Tolino, denn Sie erwerben als Nutzer kein E-Book als Objekt, sondern nur ein Nutzungsrecht an einem Inhalt, der Ihnen in Form eines E-Books zur Verfügung gestellt wird. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zum gedruckten Buch, das dem Nutzer per Kauf gehört und mit dem er machen kann, was immer er will.

Das heißt, der einzige Unterschied, ob man einen E-Book-Anbieter subjektiv als Bibliothek oder als Shop wahrnimmt, begründet sich darin, ob man ein zeitlich befristetes oder ein zeitlich unbefristetes Nutzungsrecht erwirbt. Es handelt sich lediglich um eine kleine Variation im Geschäftsmodell und in der Preisgestaltung, die Systeme dahinter sind dieselben.

iRights.info: Log.os will kein Print- oder E-Book-Geschäft sein, sondern eine Online-Lese-Plattform, die den Zugang zu und den Umgang mit kommerziellen und freien Texten bietet. Wie wird das – aus Sicht des Nutzers betrachtet – konkret aussehen?

Volker Oppmann: Log.os orientiert sich an Elementen, die aus sozialen Netzwerken bekannt sind. Auf einer zentralen Startseite sind die Inhalte nach inhaltlichen „Channeln“ sortiert. Das sind zunächst einmal Filter, die sich beispielsweise an bekannten Genre-Einteilungen orientieren wie Krimi oder Science Fiction, aber auch an persönlichen Bibliotheken oder Leselisten von Nutzern – ähnlich wie bei Spotify oder Pinterest. Die Empfehlungen von Freunden können ein Channel sein oder Listen von Nutzern, denen man folgt wie bei Twitter. Darin kann man dann Rezensionen, Empfehlungen oder andere Postings lesen.

Neben der Übersichtsseite wird es zwei weitere Hauptansichten geben: eine Profilseite für Nutzer und eine Profilseite für Werke. Auf Nutzer-Seite verwalte ich meine Kontakte, meine Bibliothek und meine Leselisten. Ich verfüge dort über einen privaten beziehungsweise für andere freigegebenen „stream of consciousness“, der das anzeigt, was ich an meinen eigenen Aktivitäten protokollieren will. So entsteht ein Logbuch meiner eigenen „Literaturgeschichte“ sowie meiner Aktivitäten, Postings und Empfehlungen.

iRights.info: Das klingt nach dem, was man heute „Social Reading“ nennt…

Volker Oppmann: Log.os soll mehrere Ebenen bieten: die klassische, also anonyme Lese-Ansicht für die private Lektüre; eine Ebene für Social Reading, auf der ich mich mit Kommentaren und Diskussionen mit anderen Nutzern über den Text austauschen kann; aber auch eine Ebene, die Autoren beziehungsweise den autorisierten Mit-Autoren vorbehalten ist und ein Editieren des Textes erlaubt.

Daneben haben die einzelnen Werke eigene Profilseiten. Hier finden sich Informationen zu den individuellen Werken inklusive einer Übersicht über die jeweiligen Werkausgaben, analog wie digital.

Über das Profil-Prinzip, nutzerseitig wie werkseitig, und die Channel-Systematik lassen sich auf der Plattform alle möglichen Rollen abbilden. Dazu sind noch Anbindungen von weiteren Buchmarktteilnehmern in Planung, wie Verlagen, Buchhändlern und anderen. Daran arbeiten wir aber noch.

iRights.info: „Social Reading“ und die Netzwerk-Optionen ähneln dem Konzept der Plattform „Sobooks“, die seit Herbst vergangenen Jahres in der öffentlichen Betaphase operiert – was macht Log.os anders?

Volker Oppmann: Social Reading wird ja nicht nur von Sobooks umgesetzt – vernetztes Lesen und Interaktion sind wichtige Schlüsselbegriffe des digitalen Lesens. Die entscheidende Frage ist, wem dieser Wissens- und Datenschatz gehört, der hier quasi nebenbei erzeugt wird? Wir sind der festen Überzeugung, dass dieser Datenschatz keinem einzelnen Unternehmen, sondern der Gesellschaft gehören sollte. Doch das kann ein normales Wirtschaftsunternehmen nicht leisten, selbst wenn es das wollte, denn Gemeinnützigkeit kann man nicht simulieren.

Wir unterscheiden uns aber nicht nur im grundlegenden Ansatz, sondern auch in den weiteren Ausbaustufen des Projekts, da wir eben nicht nur ein endkundenseitiges Angebot bauen wollen, sondern als echte „multisided platform“ Wert schöpfen, indem wir eine direkte Interaktionen zwischen einzelnen Benutzergruppen über eine gemeinsame technische Infrastruktur ermöglichen. Also beispielsweise zwischen Lesern und Autoren, oder mit Buchhändlern und Verlagen sowie öffentlichen Institutionen, etwa Schulen, Universitäten oder Bibliotheken.

iRights.info: Sie wollen mit Log.os auch „Transparenz, Datensouveränität und Privatsphäre“ unterstützen. Führen derart absolut klingende Versprechen nicht zu überhöhten Erwartungen?

Volker Oppmann: Die Gefahr besteht durchaus, insbesondere wenn man Nutzer mit einem Ansolutheitsanspruch hat. Uns geht es insbesondere um Wahlfreiheit. Lesen Sie mal bei den Großen der Branche in den Geschäftsbedingungen, Lizenz- und Nutzungsbestimmungen nach. Sie haben heutzutage meistens nur die Wahl zwischen Zustimmung und Ablehnung – häufig stimmt man auch späteren Änderungen vorab zu. Wenn ich als Nutzer zu einem späteren Zeitpunkt diesen Bedingungen widerspreche, muss ich oft den Verlust meiner gesamten Daten hinnehmen – der Zugang zu meiner kompletten Sammlung wird versperrt.

iRights.info: Heißt das, Sie wollen Ihren Kunden eine Vielfalt an Lizenz- und Nutzungsmodellen zur Auswahl bieten?

Volker Oppmann: Unsere Kunden sollen sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt entscheiden können, etwa in ein anderes Nutzungsmodell zu wechseln. Alles andere wäre Erpressung.

Transparenz müssen wir darüber herstellen, was wann wo mit welchen Daten passiert und weshalb. Das betrifft beispielsweise das synchronisierte Lesen zwischen verschiedenen Endgeräten. Hierfür muss mich meine Lese-Software zwangsläufig beobachten und mein Leseverhalten protokollieren – doch das alles muss transparent sein.

Für die angesprochene Datensouveränität muss der Nutzer jederzeit die volle Kontrolle über seine Daten haben. Er allein entscheidet, wer was mit seinen Daten machen darf. Das fängt an bei Angaben zu Person, Adresse, Kontoverbindung, Kreditkartendaten, und geht über die vom Nutzer selbst generierten Inhalte, wie Rezensionen, Postings, Notizen, Anmerkungen, bis hin zu den Daten aus dem Nutzerverhalten, welche die Software protokolliert. Wir müssen unseren Nutzern garantieren, dass ihre Privatsphäre geschützt bleibt, etwa indem sie das Tracking und diverse Social-Reading-Funktionen deaktivieren oder ganz entfernen können.

iRights.info: Log.os setzt also eher auf Zielgruppen, die wenig oder gar keine Nutzungsdaten preisgeben wollen. Sehen Sie diese Nutzungsdaten also nicht als geschäftsrelevante Währung an?

Volker Oppmann: Nutzer, die gerne anonym und privat lesen möchten, müssen sich bei uns genauso zu Hause fühlen können wie Nutzer, die bereitwillig jede Leseerfahrung mit der Öffentlichkeit teilen. Beide Nutzergruppen werden aus einer Vielzahl an Angeboten und Bezahlmodellen wählen können.

In welcher „Währung“ jemand für die Nutzung der Inhalte anderer zahlt, das sei jedem überlassen. Sei dies nun ein fixer Betrag je Content-Einheit, ein wie auch immer gestaffeltes Abo beziehungsweise eine Flatrate, sei es in Aufmerksamkeit – Stichwort: Werbung – oder in Form seiner Daten. Wir würden Nutzerdaten aber allenfalls in anonymisierter Form verwerten, etwa durch nutzerspezifische Werbe-Einblendungen oder durch den Verkauf aggregierter Trend-Daten an Verlage, nicht jedoch durch den Weiterverkauf persönlicher Daten.

January 31 2014

In eigener Sache: Was passiert, wenn wir die Kontrolle verloren haben?

Michael Seemann alias @mspro schreibt bis zum Sommer 2014 das Buch “Das neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust”. Das Thema ist spannend, will er doch neue Perspektiven zur Frage von Plattformneutralität und Strategien des gesellschaftlichen Umgangs mit dem digitalen Umbruch und seinen Folgen beleuchten. Seemann finanziert das Projekt dabei über die Crowdfunding-Plattform Startnext. Unser Verlag iRights.Media wird eine E-Book-Fassung des Werkes produzieren.

Im Untertitel zum Projekt spitzt Seemann zu:

Wir haben die Kontrolle verloren. Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren und sagen Dinge aus, auf die wir nie gekommen wären. Wir wurden in ein neues Spiel geworfen und niemand hat uns die Regeln verraten.

Und:

Der Kontrollverlust ist das Scheitern an falschen Erwartungen. Unser Handeln basiert immer noch auf der Erwartung einer Kontrolle, die es längst nicht mehr gibt. Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die wir nicht für möglich hielten und sagen Dinge aus, auf die wir nie gekommen wären. Mit anderen Worten: Wir wurden in ein neues Spiel geworfen und niemand hat uns die Regeln verraten.

Dass das Thema ankommt, zeigt die massive Unterstützung die Seemann bei seiner Crowdfunding-Kampagne erfährt. Nach wenigen Tagen war die Finanzierungsschwelle von 8.000 Euro erreicht, aktuell haben die Nutzer bereits über 17.000 Euro in das Projekt investiert. Heute endet die Frist. Seemann hat inzwischen mehrere Upgrades für das Buch versprochen. So soll es ein Hörbuch geben, geplant ist – wenn die Schwelle von 20.000 Euro erreicht wird – auch eine englischsprachige Fassung der wichtigsten Thesen des Buches. Der Erfolg lässt sich bereits in Zahlen messen: “Es ist jetzt schon das dritterfolgreichste Crowdfunding-Buchprojekt in deutscher Sprache”, so Seemann.

Hier kann man einen ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis werfen. Ein Thema liegt Seemann dabei besonders am Herzen, die Frage nach neuen Regeln für Plattformen, er nennt es “Plattformneutralität” In einem Interview mit Carta.info führt er dazu aus:

Mein Vorschlag der Plattformneutralität orientiert sich an der Idee der Netzneutralität. Als erstes muss es einen diskriminierungsfreien Zugang zu Plattformen geben, denn wenn sich dort vermehrt Gesellschaft abspielt, kann ein Ausschluss ein Ausschluss aus wichtigen gesellschaftlichen Zusammenhängen sein. Das ist gar nicht so einfach, weil Plattformen speziellen ökonomischen Gesetzen unterworfen sind, wie ich im Buch ausführen werde.
Darüber hinaus ist das Konzept der Plattformneutralität ebenso gut auf andere politische Bereiche übertragbar. Der ständig lauter werdende Ruf nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ist z.B. ein plattformneutraler Gedanke.

Wer die Entstehung dieses Buches unterstützen will, kann dies heute via Startnext noch tun. Neben verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten offeriert Seemann auch gewidmete Nudeln.

Unser Verlag iRights.Media begleitet Seemann bei diesem Projekt und wird auf jeden Fall zumindest die elektronische Fassung des Buches als E-Book produzieren und zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 2014 veröffentlichen.

January 09 2014

Post vom Anwalt, was tun?

Regelmäßig hört man über Fälle, in denen Webseitenanbieter, Forumsbetreiber oder Nachrichtendienste kostenpflichtige Post vom Anwalt bekommen. Betroffen sind auch Privatpersonen, weil sie selbst oder Angehörige des Haushalts in Tauschbörsen gegen geltendes Recht verstoßen haben sollen. Die Forderungen in den Abmahnungen sind häufig drastisch, die Fristen kurz. Wie sollte man sich in einem solchen Fall verhalten?

Abmahnungen sind Schreiben von Anwälten, die behaupten, dass man eine Rechtsverletzung begangen hat. Sie dienen eigentlich einem sinnvollen und legitimen Zweck: dazu, eine gerichtliche Auseinandersetzung zu verhindern. Statt sofort zu Gericht zu gehen, soll derjenige, dessen Rechte verletzt wurden, den Verletzer zunächst anschreiben und ihm Gelegenheit geben, die Sache außergerichtlich aus der Welt zu schaffen. Das Prinzip der Abmahnung ist ein vorwiegend deutsches Phänomen, dass es in den meisten anderen Ländern so nicht gibt.

Leider werden Abmahnungen häufig missbraucht, um Menschen einzuschüchtern und sie dazu zu bringen, Erklärungen abzugeben oder Zahlungen zu leisten, auf die eigentlich gar kein Anspruch besteht. Außerdem werden so viele davon verschickt, oft selbst für kleinste Verstöße, dass Abmahnungen sich zu einem großen Ärgernis für die Bürger entwickelt haben, wenn nicht zu einer Bedrohung. Oft wird inzwischen daher von einem „Abmahnunwesen“ gesprochen.

Wofür kann man sich eine Abmahnung einhandeln?

Man kann für alle möglichen Arten von Rechtsverletzungen abgemahnt werden. Das können Beleidigungen sein, oder Verletzungen des Persönlichkeits- oder Markenrechts. In sehr vielen Fällen lautet der Vorwurf, in Tauschbörsen das Urheberrecht verletzt zu haben.

Welche Handlungen führen am häufigsten zu Abmahnungen?

Dass die Zahl der Abmahnungen in den letzten Jahren so stark zugenommen hat, liegt daran, dass immer mehr Menschen im Internet aktiv sind. Sie bloggen, tauschen Dateien, bauen Webseiten und laden Videos hoch. All diese Handlungen spielen sich in der Öffentlichkeit ab, nämlich in einem weltweit für jedermann zugänglichen Datennetz.

Die Annahme, im Internet sei man sicher, weil anonym, ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Jeder Nutzer hinterlässt Datenspuren, wenn er Online-Medien verwendet. Mithilfe dieser Datenspuren können in sehr vielen Fällen Nutzer – oder zumindest die Inhaber von Internet-Anschlüssen – identifiziert werden.

So sind in Tauschbörsen beispielsweise die IP-Adressen der Online-Anschlüsse sichtbar, von denen aus Musik, Filme oder Games getauscht werden. Eine IP-Adresse kann wiederum zum Nutzer (oder genauer: zum Anschlussinhaber) zurückverfolgt werden, weil jede Adresse immer einem bestimmten Anschluss zugeordnet ist, solange die Internet-Verbindung besteht.

Das führt dazu, dass manche Rechteinhaber (zum Beispiel die Musik- oder die Gamesindustrie) Filesharing-Systeme wie Bittorrent oder E-Donkey systematisch danach durchsuchen, ob „ihre“ Inhalte dort angeboten werden. Wenn ja, wird die jeweilige IP-Adresse gespeichert. Zwar kann der Rechteinhaber (also zum Beispiel eine Plattenfirma) damit noch nichts anfangen. Die IP-Adresse selbst gibt keinen direkten Aufschluss über den Nutzer.

Das Urheberrechtsgesetz (UrhG) gibt ihnen jedoch die Möglichkeit, vom Internet-Provider Auskunft darüber zu bekommen, welcher Anschlussinhaber hinter der IP-Adresse steckt. Wenn ein Gericht dem zustimmt, werden Name und Adresse des Anschlussinhabers offengelegt. Mit diesen Informationen kann dann der Anwalt des Rechteinhabers die Abmahnung verschicken.

Nicht alle Rechtsverletzungen können auf diese Weise aufgedeckt werden. Und nicht in allen Fällen werden Urheberrechtsverletzungen so rigoros verfolgt wie in Tauschbörsen. Nutzer von Youtube oder Filehostern wie Rapidshare werden, soweit bekannt, kaum verfolgt.

Das kann verschiedene Gründe haben. Zum einen werden hier keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten unmittelbar sichtbar. Videoportale und Filehoster sind also schwerer zu kontrollieren und können nicht ohne weiteres automatisiert nach Informationen über die Nutzer durchkämmt werden. Zum anderen haben sie, anders als Tauschbörsen, einen Betreiber.

Tauschbörsen bestehen nur aus den teilnehmenden Nutzern, ohne dass auf einem zentralen Server (der wiederum einem Anbieter gehören würde, der ermittelt werden kann) Inhalte gespeichert werden. Ist dagegen – wie bei Videoportalen, Filehostern und ähnlichen Diensten – ein Anbieter vorhanden, ist es für die Rechteinhaber natürlich effektiver, gegen die Anbieter vorzugehen als gegen jeden einzelnen Nutzer.

Am leichtesten können die Rechtsverletzungen mit Abmahnungen geahndet werden, die unmittelbar zum Nutzer zurückverfolgt werden können. Das sind die, die in Webangeboten stattfinden, bei denen der Nutzer reale Daten angeben muss, etwa bei Ebay. Wer ein Produktfoto in seine Auktion einstellt, das er nicht selbst gemacht hat oder ein aus dem Urlaub mitgebrachtes, gefälschtes Ed-Hardy-T-Shirt verkaufen will, kann leicht abgemahnt werden.

Das gleiche gilt für „geklaute“ Fotos auf öffentlich einsehbaren Facebook- oder Myspace-Seiten, wo man sich normalerweise mit seinen richtigen Daten anmeldet, da man von anderen Nutzern gefunden werden möchte. Schließlich können auch die Inhalte auf Webseiten oft ohne weiteres zu einer bestimmten Person zurückverfolgt werden.

Kann man sich vor Abmahnungen schützen?

Am besten kann man sich vor Abmahnungen schützen, indem man nicht gegen Gesetze verstößt – vor allem nicht im Internet. So einfach, wie das klingt, ist es aber nicht.

Zum einen ist vielen Menschen häufig gar nicht klar, dass sie gegen Gesetze verstoßen, weil sie sie nicht kennen und nicht wissen, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Zum anderen bekommen gerade bei Internet-Rechtsverletzungen in vielen Fällen gar nicht diejenigen die Abmahnung, die die Gesetze gebrochen haben, sondern andere, die mit der Rechtsverletzung in irgendeiner mittelbaren Beziehung stehen.

Die Rechtsprechung lässt eine Haftung von Dritten in vielen Fällen zu, wenn diese etwas zur Rechtsverletzung beigetragen haben. Solche Dritten nennt man juristisch Störer, das Prinzip, nach dem sie zur Verantwortung gezogen werden können, Störerhaftung.

Es liegt auf der Hand, dass es schwerer ist, sich in solchen Fällen vor Abmahnungen zu schützen, weil man dafür andere davon abhalten müsste, Gesetze zu brechen. Darauf hat man jedoch häufig gar keinen Einfluss. Allerdings haftet der Störer nur eingeschränkt. Er muss zum Beispiel keinen Schadensersatz bezahlen, sondern „nur“ Anwaltskosten.

Was ist Störerhaftung?

Als Störer können nach Ansicht vieler Gerichte (einig ist die Rechtsprechung hier nicht) zum Beispiel Eltern haften, wenn ihre Kinder über den Familien-PC im Internet gegen Rechte verstoßen haben. Der Standardfall sind auch hier Tauschbörsenvergehen.

Eine Plattenfirma kann nur herausfinden, über wessen Anschluss die Rechtsverletzung begangen wurde. Häufig benutzen aber mehrere Personen denselben Internet-Anschluss, man denke etwa an den Hauscomputer einer Familie mit jüngeren Kindern oder ein WLAN, über das alle Bewohner einer Sechser-WG ins Netz gehen. Wer eine Datei verbotenerweise vom Computer anderen zugänglich gemacht hat, kann meist nicht geklärt werden. Also wird der Anschlussinhaber zur Verantwortung gezogen.

Wann haften Eltern für ihre Kinder?

Ob der Anschlussinhaber tatsächlich haftet und Abmahnkosten und Schadensersatz zahlen muss, hängt wiederum von der Situation ab. Beispielsweise war lange umstritten, ob Eltern haften, wenn ihre Kinder über den Familien-PC Tauschbörsen nutzen. Mittlerweile hat das höchste deutsche Zivilgericht, der Bundesgerichtshof (BGH), hierüber entschieden. Hiernach haften die Eltern grundsätzlich nicht für Urheberrechtsverletzungen in Tauschbörsen durch ein „normal entwickeltes“ 13-jähriges Kind.

Voraussetzung ist, dass sie ihren Sprösslingen verboten haben, Tauschbörsen zu benutzen. Solange keine Anhaltspunkte bestehen, dass sich das Kind an solche Verbote nicht hält, müssen die Eltern weder Abmahnkosten bezahlen, noch Schadensersatz. Damit sind Eltern solcher Kinder nicht verpflichtet, ständig zu überwachen, was sie am Familien-PC machen.

Es ist sicherlich ratsam, irgendwie zu dokumentieren, dass das Kind aufgeklärt und ihm die Nutzung von Tauschbörsen verboten wurde. Denn in einem etwaigen Abmahnverfahren oder gar vor Gericht müssen die Eltern glaubhaft darlegen, dass eine solche Belehrung erfolgt ist. Wann und unter welchen Umständen das geschehen ist, sollte man wissen, damit die Aussage glaubwürdig ist. Eine Art schriftliches „Familien-Protokoll“ erleichtert das Erinnern und man kann es sogar vorlegen, wenn man danach gefragt wird.

Können Kinder selbst haftbar sein?

Wenn die Eltern nicht haften (zum Beispiel weil sie das Kind aufgeklärt haben), kommt eine Haftung der Kinder in Betracht. Das hängt – abgesehen von der Frage, ob ein Kind überhaupt zahlungsfähig ist – von zwei Faktoren ab: dem Alter und der individuellen Einsichtsfähigkeit des Kindes.

Bis zur Vollendung des siebenten Lebensjahres haften Kinder für die Schäden, die sie verursacht haben, nicht. Zwischen dem siebten und dem achtzehnten Lebensjahr sind Kinder „beschränkt deliktsfähig“. Das bedeutet, dass sie haften, wenn sie nach ihrer individuellen Einsichtsfähigkeit erkennen können, dass ihre Handlung nicht erlaubt ist. Kinder unter achtzehn Jahren haften also nur, wenn sie die intellektuelle Fähigkeit haben, die Tragweite und Gefährlichkeit ihres Handelns einzuschätzen. Ob das so ist, hängt vom Einzelfall ab.

Allerdings vermutet das Gesetz, dass Kinder im Alter zwischen 7 und 17 entsprechend einsichtsfähig sind. Kommt es zu einem Rechtsstreit, muss das Kind beziehungsweise die Eltern das widerlegen. Zudem muss man prüfen, ob das Kind die Urheber- oder sonstige Rechtsverletzung schuldhaft begangen hat, denn für Urheber- und Persönlichkeitsrechtsverletzungen haftet nur, wer sie zumindest leicht fahrlässig begangen hat. Das Kind musste also zumindest wissen, dass seine Handlung rechtswidrig war.

Ob das der Fall ist, hängt von einer objektivierten Betrachtung im Einzelfall ab, also etwa davon, ob man davon ausgehen kann, dass ein durchschnittlich entwickeltes 14-jähriges Kind weiß, dass es untersagt ist, Musik in einer Tauschbörse zum Download anzubieten.

Eltern von besonders aufsässigen Kindern oder solchen, die schon früher Rechtsverletzungen im Internet begangen haben, müssen also unter Umständen weitere Maßnahmen ergreifen. Welche das genau sein können, ist bislang noch unklar, weil der BGH sich hierzu nicht im Einzelnen geäußert hat. Unter Umständen müssen die Eltern solcher Kinder technisch verhindern, dass sie (Tauschbörsen-)Programme installieren können oder Ähnliches.

Wie ist die Haftungslage, wenn mehrere den gleichen Anschluss nutzen?

Ähnlich werden die Fälle liegen, in denen sich mehrere Personen einen Internet-Anschluss teilen. In einer WG mit vier Mitbewohnern wird es meist nur einen Internet-Anschluss geben, der auf den Namen eines der Mitbewohner läuft. Begeht einer der anderen Urheberrechtsverletzungen über eine Tauschbörse oder eine andere Rechtsverletzung über das Internet, stellt sich die Frage, ob der Anschlussinhaber dafür abgemahnt werden kann.

Das gilt auch für den Fall, dass man Besuch hat und den Besuchern erlaubt, den eigenen Internet-Anschluss zu nutzen. Nutzen sie den Besuch, um sich ein paar Filme oder neue Musik zu laden, bekommt der Gastgeber unter Umständen Post vom Anwalt.

Ob der Anschlussinhaber haften muss, hängt auch hier davon ab, ob er für die Handlungen des eigentlichen Rechtsverletzers verantwortlich gemacht werden kann. Eine einheitliche Antwort gibt es hierauf nicht. In solchen Fällen hängt immer viel von der jeweiligen Situation ab. Wie alt ist der eigentliche Rechtsverletzer? Hat man ihm ausdrücklich gesagt, dass er keine Tauschbörsen nutzen darf?

Sich sicher vor Abmahnungen schützen ist nicht möglich

Kurzum: Allgemeine Handlungsanweisungen, wie man sich gegen Abmahnungen schützen kann, gibt es nicht. Möglich und sinnvoll ist es, sich selbst, so wie es eben geht, mit der Rechtslage vertraut zu machen (dazu gibt es Angebote wie iRights.info oder klicksafe).

Haben Kinder oder Jugendliche Zugriff auf einen PC, ist es sinnvoll, mit ihnen darüber zu sprechen, dass Rechtsverletzungen und daraus folgende Abmahnungen sehr teuer werden können. Soweit es die eigenen Kenntnisse zulassen, sollten sie auch über rechtliche Risiken aufgeklärt werden; gegebenenfalls gibt es auch Möglichkeiten, sich oder die Kinder hierzu schulen zu lassen. Solche Angebote sind heutzutage aber noch immer rar und ein Schulfach „Medienkunde“ gibt es in den Lehrplänen nicht.

Leider decken normale Rechtsschutzversicherungen derartige Risiken nicht ab. Noch weniger Sinn haben in diesem Zusammenhang die auf Webseiten üblichen, jedoch generell wirkungslosen Disclaimer (etwa: „Nach einem Urteil des Landgerichts Hamburg vom 12.05.1998 muss man sich von fremden, rechtsverletzenden Inhalten ausdrücklich distanzieren. Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen hier verlinkten, rechtswidrigen Inhalten.“). Sie schützen in keiner Weise davor, für Rechtsverletzungen belangt zu werden.

Wie sieht eine Abmahnung aus?

Abmahnungen sind leicht zu erkennen. Sie werden in aller Regel von Anwaltskanzleien verschickt und bestehen üblicher Weise aus Standardformulierungen. Natürlich hängt der Inhalt der Abmahnung vor allem davon ab, was für eine Rechtsverletzung beanstandet wird. Diese wird in einem solchen Schreiben meist erläutert (mehr oder weniger detailliert, je weniger, desto eher kann es sich um einen Abzockversuch handeln).

Vom Abgemahnten wird dann gefordert, dass er a) eine Erklärung abgibt, diese oder vergleichbare Rechtsverstöße nicht wieder zu begehen (so genannte Unterlassungserklärung bzw. Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung) und b) sich zu verpflichten, die Anwaltskosten und/oder Schadensersatz zu bezahlen. Weitere Forderungen kommen mitunter hinzu. Zudem werden ein oder mehrere Fristen dafür gesetzt, die geforderten Handlungen zu erfüllen.

Kann man Abzocke und Betrug erkennen?

Nicht alle Abmahnungen sind gerechtfertigt. Immer häufiger bedienen sich heute Betrüger dieser Methode oder es werden – aus juristischer Sicht – zwar im Prinzip legitime, konkret aber weit überzogene Forderungen gestellt. Vor allem letzteres als Laie zu erkennen, ist kaum möglich.

Bei Abmahnungen per E-Mail voller Rechtschreibfehler und absurder Formulierungen, die offensichtlich mit einem Übersetzungsprogramm erstellt wurden, kann man aber davon ausgehen, dass es sich um Betrüger handelt – schon allein, weil eine echte Abmahnung in der Regel in Papierform per Analogpost kommt.

Wie reagiert man auf eine Abmahnung?

In aller Regel ist man gut beraten, sich nicht auf sein Urteil zu verlassen und eine Abmahnung als vermeintlich unberechtigte Abzocke einfach zu ignorieren. Auch wenn es absurd erscheint: Selbst Forderungen, die einem „Normalbürger“ wahnwitzig erscheinen, sind mitunter rechtlich legitim und können durchgesetzt werden.

Ob das tatsächlich der Fall ist, kann letztlich nur ein Rechtsanwalt beurteilen. Daher sollte man grundsätzlich einen Anwalt einschalten, der sich mit dem jeweiligen Rechtsgebiet (zum Beispiel Urheberrecht) auch wirklich auskennt. Das muss keineswegs die Welt kosten und ein Anruf mit der Frage, ob der jeweilige Rechtsanwalt einen solchen Fall übernehmen kann und will und was eine Beratung kosten würde, kostet zunächst einmal gar nichts. Auch die Verbraucherzentralen bieten Sprechstunden an, in denen Anwälte für eine überschaubare Gebühr beraten.

Ein Jurist kann im Einzelnen beurteilen, ob der Anspruch, der geltend gemacht wird, überhaupt gegeben ist. Das ist häufig eine schwierige Frage, an der natürlich die ganze Angelegenheit hängt. Ist der Anspruch berechtigt, kann man gegen die Abmahnung im Grunde nichts machen, sondern lediglich über deren Einzelheiten diskutieren (Höhe der Anwaltsgebühren, des Schadensersatzes, Formulierung der Unterlassungserklärung). Ist er dagegen nicht gegeben, muss man der Abmahnung natürlich auch nicht Folge leisten. Hier gibt es sogar unter Umständen Gegenansprüche, die mit Gegenabmahnungen oder „negativen Feststellungsklagen“ geltend gemacht werden können.

Die Unterlassungserklärung

Ein Fachmann kann darüber hinaus beurteilen, was in der Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung stehen darf. Der Abmahnende kann zum Beispiel hierin nicht fordern, dass der Abgemahnte sich verpflichtet, die Anwaltskosten zu tragen oder Schadensersatz zu zahlen.

Die Unterlassungserklärung dient nämlich lediglich dazu, verbindlich zu versichern, diese oder ähnliche Rechtsverletzungen nicht wieder vorzunehmen. Eine Verpflichtung, Zahlungen anzuerkennen, hat hierin nichts zu suchen. Dennoch finden sich solche Sätze ganz häufig in den von den Abmahnanwälten vorformulierten Erklärungen, die die Abgemahnten unterschreiben und zurückschicken sollen. Sie können und sollten generell aus der Erklärung gestrichen werden.

Auch die Reichweite der Unterlassungserklärung ist sehr variabel. Die Erklärung dient dazu, den „Unterlassungsanspruch“ erlöschen zu lassen, der durch die Abmahnung verfolgt wird. Wird eine ordnungsgemäße, formal von den Gerichten anerkannte Unterlassungserklärung abgegeben, kann der Anspruch also nicht vor Gericht weiterverfolgt werden, und die Sache ist aus der Welt.

Ist die Unterlassungserklärung jedoch falsch – also insbesondere nicht weit gehend genug – formuliert, kann es sein, dass der Anspruch nicht erlischt und der Rechteinhaber trotzdem vor Gericht geht. Umgekehrt kann es sein, dass die Erklärung zu weit formuliert ist und der eingeschüchterte und uninformierte Empfänger sich zu Dingen verpflichtet, die er im besten Fall nicht zusagen muss und im schlimmsten Fall gar nicht versprechen kann. Auch solche Details kann ein Laie nicht beurteilen (im Übrigen auch kein Anwalt, der sich mit dem jeweiligen Rechtsgebiet nicht wirklich auskennt). Selbsthilfe kann hier zu gefährlichen Haftungsrisiken führen.

Kurzum: Der Umgang mit Abmahnungen gehört in fachkundige Hände. Wer eine Abmahnung erhält, sollte sich beraten lassen. Ist man sich unsicher, an welchen Anwalt man sich wenden sollte, kann man im Internet Informationen über Anwaltssuchmaschinen finden oder – noch besser – sich an die Verbraucherzentralen wenden, die solche Informationen in der Regel haben (wenn sie in der Sache auch meist nicht selbst tätig werden können).

Wie werden Abmahnkosten berechnet?

Beauftragt jemand einen Rechtsanwalt damit, einen Rechtsverletzer abzumahnen, entstehen Kosten in Form von Rechtsanwaltsgebühren. Diese Gebühren werden als Abmahnkosten bezeichnet. Der Rechtsverletzer oder gegebenenfalls Störer muss sie tragen (damit der Verletzte hierauf nicht „hängen bleibt“), wenn die Abmahnung berechtigt ist.

Das Besondere: Abmahnkosten basieren nicht auf einem Schadensersatzanspruch. Das bedeutet, dass es egal ist, ob die Rechtsverletzung schuldhaft begangen wurde. Bei der Frage, ob man die Abmahnkosten bezahlen muss, kommt es daher nicht darauf an, ob man für den Gesetzesverstoß „etwas konnte“ oder auch nur davon wusste.

Wie hoch die Kosten für eine Abmahnung sind, hängt immer von der Sache ab. Sie werden in Bagatellfällen meist weniger als tausend Euro betragen, können jedoch auch fünfstellige Beträge erreichen. Problem für die meisten Abgemahnten ist, dass sie nicht verstehen, warum die Kosten so hoch sind und wie sie sich berechnen. Hier sind viele Missverständnisse und Gerüchte im Umlauf.

Berechnungsgrundlage der Abmahnkosten, also der Anwaltsgebührenrechnung ist der so genannte Gegenstandswert. In der Rechnung steht dann so oder so ähnlich: „…machen wir Kosten aus einem Gegenstandswert in Höhe von 35.000 Euro wie folgt geltend: …“. Nicht selten denken die Abgemahnten zunächst, sie müssten jetzt 35.000 Euro bezahlen. Und das, weil ihre Tochter zehn Musikstücke auf dem heimischen Rechner zum Download bereitgestellt hat.

Natürlich ist das nicht so, so steht es auch nicht in der Rechnung. Die 35.000 Euro sind der Gegenstandswert (oder „Streitwert“), auf dessen Basis nach den Regelungen des Gesetzes über die Vergütung der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (RVG) dann eine gesetzlich festgelegte Gebühr errechnet wird.

Ein am Abmahnwesen (zumal bei Urheberrechts- und Persönlichkeitsrechtsverletzungen) vor allem problematischer und kritikwürdiger Punkt ist, dass zwar die Höhe der Anwaltsgebühren bei einem bestimmten Gegenstandswert gesetzlich festgelegt ist, dies aber nicht für die Frage gilt, wie hoch der Gegenstandswert ist. Der Gegenstandswert soll abbilden, welchen Geldwert die Angelegenheit für den Verletzten hat. Wenn jemand also in ein anderes Auto fährt und 1.000 Euro Schaden entsteht, beträgt der Gegenstandswert 1.000 Euro. Bei Schadensersatzansprüchen wie diesem ist die Berechnung des Gegenstandswerts also klaren Regeln unterworfen.

Ganz anders ist es jedoch bei Unterlassungsansprüchen. Denn hier errechnet sich der Gegenstandswert zum Beispiel auf Grund der Frage, was es für den Verletzten wert ist, dass fünf Musikstücke von einem privaten PC in Zukunft nicht mehr zum Download zur Verfügung gestellt werden. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Wert allenfalls vage geschätzt werden kann, da es unmöglich ist, das konkret zu berechnen.

Das Problem ist, dass der Gegenstandswert in solchen Fällen (also wenn es, wie immer bei derartigen Abmahnungen, um Unterlassungsansprüche geht) vom Verletzten geschätzt wird. Dieser Umstand öffnet Missbrauch Tür und Tor, weil die Schätzung stets mehr oder weniger fiktiv ist und die Abmahnenden meist ein Interesse haben, möglichst hohe Werte anzugeben, um möglichst hohe Kosten fordern zu können.

Zwar können die geforderten Abmahnkosten vor Gericht überprüft werden. Diesen Weg kann man gehen, indem man zwar die Unterlassungserklärung abgibt (soweit erforderlich), sich aber weigert, die Anwaltskosten zu tragen. Dadurch riskiert man aber, dass der Abmahnende vor Gericht geht, um seine Anwaltskosten einzuklagen, da er sie sonst selbst tragen muss.

Ohne konkrete Kenntnisse über Gebührenrecht sollte man ein solches Risiko nicht eingehen. Spezialisierte Anwälte können hier auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Sie wissen meist, welche Werte die Gerichte für bestimmte Arten von Fällen akzeptiert haben (soweit es sie schon gegeben hat) beziehungsweise, was nicht gezahlt werden muss. Ein Laie kann kaum beurteilen, ob die Gebührenforderung überzogen ist oder nicht.

Sonderregelung für Bagatell-Urheberrechtsverletzungen

Im Urheberrecht gibt es eine Sonderregelung für Abmahngebühren bei Bagatell-Urheberrechtsverletzungen. Sie wurde im November 2013 geändert. Für Abmahnungen, die nach dem 8. Oktober 2013 verschickt werden, gilt Folgendes: Wird ein privater Nutzer erstmals von einem bestimmten Rechteinhaber wegen einer Urheberrechtsverletzung abgemahnt, dürfen von ihm nur noch 155,30 Euro Abmahngebühren verlangt werden.

Dies soll nach der Intention des Gesetzgebers auch für Urheberrechtsverletzungen über Tauschbörsen gelten. Etwaige Schadensersatzzahlungen sind hiervon nicht betroffen, die Regelung bezieht sich nur auf die Abmahngebühren. Insgesamt kann die Summe, die man zahlen muss, höher liegen. Da die Regelung erst kürzlich in Kraft getreten ist, wird sich noch herausstellen müssen, wie sie sich bewährt.

Achtung Fristen!

Die Fristen, in denen die Abgemahnten tun müssen, was von ihnen verlangt wird, werden vom Abmahnenden vorgegeben. Sie sind meist empfindlich kurz, häufig zu kurz (auch aus rechtlicher Sicht). Dennoch ist es wenig empfehlenswert, sie einfach verstreichen zu lassen und nicht in der geforderten Zeit zu reagieren, weil man Gefahr läuft, dass der Abmahner nach Ablauf vor Gericht zieht.

Ist die Frist tatsächlich nicht einzuhalten, sollte man zumindest in der Abmahnkanzlei anrufen, begründen, warum das so ist und um eine Verlängerung bitten. Idealer Weise sollte man sich (rechtzeitig, also so schnell wie möglich nach Erhalt der Abmahnung) schon vorher einen Anwalt gesucht haben, der die Fristverlängerung fordern kann.

In aussichtsloser Situation verhandeln

Auch wenn es in der Sache aussichtslos ist, sich gegen eine Abmahnung zu wehren, lohnt es sich oft, über Kosten und andere Details zu verhandeln und möglichst eine Einigung zu erzielen. Hier können erfahrene Anwälte im Zweifel mehr herausholen, als die Abgemahnten selbst, weil sie sich mit Vergleichsverhandlungen auskennen.

Dass am Ende ein Vergleich geschlossen wird, ist selbst in Fällen, bei denen die Rechtsverletzung und der Anspruch auf Anwaltsgebühren, Schadensersatz und Unterlassungserklärungen eindeutig gegeben sind, keineswegs aussichtslos. Verhandlungen können dazu führen, dass weniger gezahlt werden muss, oder die Unterlassungserklärung weniger weitgehend formuliert wird.

Der Abmahnende selbst hat in der Regel kein Interesse, ein langwieriges Gerichtsverfahren zu führen. Auch er wird die Sache meist schnell aus der Welt schaffen wollen und im Gegenzug bereit sein, bei seinen Ansprüchen Zugeständnisse zu machen. Man wird zwar in der Regel nicht drum herumkommen, die Unterlassungserklärung abzugeben, weil sie der Kern der Abmahnung bei Urheber-, Marken- oder Persönlichkeitsrechtsverletzungen ist.

Aber Anwaltskosten und Schadensersatz sind meist in einem mehr oder weniger breiten Rahmen verhandelbar. Das gilt natürlich vor allem in den Fällen, in denen die Kosten, die in der Abmahnung geltend gemacht wurden, ohnehin überzogen waren.

Ursprüngliche Veröffentlichung: 16. Juli 2010, aktualisiert 9. Januar 2014

Dieser Text ist im Rahmen der Themenreihe „Rechtsfragen im Netz“ in Zusammenarbeit mit Klicksafe entstanden. Klicksafe ist eine Initiative im Rahmen des „Safer Internet Programme“ der Europäischen Union, getragen von der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen.

November 01 2013

NSA infiltriert Google- und Yahoo-Netzwerke, Adobe-Kopierschutz, iCloud-Schlüsselbund

In den Cloud-Links der Woche: NSA zapft interne Datenleitungen an, US-Dienste wollen E-Mail sicherer machen, neuer Kopierschutz für E‑Books von Adobe, Klage um Streaming-Einnahmen und Passwörter bei iCloud.

NSA soll auch in interne Netze von Google und Yahoo eindringen

Wie zuerst von der Washington Post berichtet, zapft die NSA in Verbindung mit dem britischen Geheimdienst GCHQ offenbar auch interne Datenleitungen von Google und Yahoo an. Im Unterschied zum bereits bekannten „PRISM” soll das „Muscular” genannte Programm ohne Kenntnis der Unternehmen und ohne gerichtliche Grundlage ablaufen. Mit welchen Methoden genau die Dienste in private Netze eindringen, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Die Washington Post stellt mögliche Szenarien in einer Infografik dar. In einer Einschätzung meint Sicherheitsforscher Bruce Schneier, dass auch Microsoft, Apple, Facebook, Dropbox und andere Clouddienste in gleicher Weise als kompromittiert gelten müssten.

US-Anbieter wollen Sicherheit bei Mails weiterentwickeln

Die US-Dienste Lavabit und Silent Circle haben sich einer Entwicklungsallianz zusammengeschlossen, die E-Mails sicherer vor Ausspähung machen will. Wie aus einem Blogpost bei Silent Circle hervorgeht, will die neugegründete „Dark Mail Alliance” wohl vorerst keinen eigenen Dienst anbieten, sondern die dem Mailverkehr zugrundeliegenden Protokolle und Verfahren weiterentwickeln und dafür unter anderem auf das bei Chat-Programmen verbreitete XMPP-Protokoll zurückgreifen. Lavabit hatte im August seinen Dienst eingestellt, statt private Schlüssel an US-Behörden zu übergeben. Kurz darauf schaltete auch das von PGP-Erfinder Phil Zimmermann gegründete Unternehmen „Silent Circle” seinen E-Mail-Dienst ab. Nun hoffen die Unternehmen darauf, größere Mailanbieter ins Boot zu holen.

Adobe plant neues Kopierschutzsystem

Wie Johannes Haupt bei lesen.net berichtet, will Adobe in den kommenden Monaten eine neue Version seines DRM-Systems für E‑Books einführen. Kopierschutz von Adobe ist bei E‑Books im Epub-Format und PDF-Dateien das am weitesten verbreitete System und wird an Verlage unterlizenziert. Adobe nennt das neue System „unknackbar”; erfahrungsgemäß ist es nur eine Zeitfrage, bis Kopierschutz-Systeme geknackt sind. Beim jetzigen von Adobe eingesetzten System ist das bereits seit einigen Jahren der Fall.

Streaming-Einnahmen: Schwedische Künstler wollen Labels verklagen

Musiker in Schweden haben angekündigt, gegen die Plattenfirmen Universal und Warner Music vor Gericht zu ziehen. Wie musikmarkt.de berichtet, will die schwedische Musikergewerkschaft einen höheren Anteil für die Künstler an den Einnahmen von Streaming-Diensten erstreiten. In Schweden machen die Dienste – an erster Stelle das dort gegründete Spotify – dem Bericht nach 70 Prozent der Umsätze im Musikmarkt aus. Die Musiker erhielten 6 bis 10 Prozent der Einnahmen, ebenso wie im klassischen Tonträgermarkt. Die Künstler dagegen fordern 50 Prozent.

Heise: Wie sicher sind Passwörter in der iCloud?

Mit Apples neuen Betriebssystemen iOS 7 und Mavericks lassen sich auch Passwörter im Clouddienst des Unternehmens sichern. Bei Heise Security untersucht Jürgen Schmidt, wie es um die Sicherheit steht. Gegen Angriffe durch Dritte sei das System „schon recht gut abgesichert”, „erschreckend schlecht” sei jedoch die Sicherheit zu bewerten, wenn man Zugriffe von oder über Apple selbst in die Betrachtung einbezieht. Für eine genaue Sicherheitsbewertung müsste Apple jedoch entweder technische Details offenlegen oder Forscher müssten weitere Analysen durchführen.

October 09 2013

Christoph Kappes über Sobooks: „Eine bessere Tiefe der Interaktion – direkt im Buch“

Heute geht Sobooks an den Start: ein neues Online-Portal für elektronische Bücher. Es will gleichzeitig Vertriebs- und Leseplattform sein, „Social Reading“ ist direkt in die Bücher integriert. Hinter Sobooks stehen die Internet-Berater und Blogger Sascha Lobo und Christoph Kappes. Kurz vor der Premiere sprachen wir mit Christoph Kappes.

iRights.info: Ist Sobooks ein Online-Buchladen oder ein E-Book-Verlag?

Christoph Kappes: Sobooks ist eine Plattform, die dem Buchvertrieb dient. Wir richten uns alle, die Inhalte anbieten. Hier unterscheiden wir erstmal nicht zwischen Autoren, kleinen oder großen Verlagen. Wir haben aber einen relativ hohen Anspruch, wollen auch schnell Umsätze erzielen und eine hohe Relevanz  im Markt erreichen. Daher sind uns die großen Verlage wichtig. Wir setzen auf bekannte Medien-Partner und prominente Figuren sowie auf populäre Inhalte, die für möglichst viele Endkunden interessant sind.

iRights.info: Dennoch sprechen Sie auch Kleinverlage oder Autoren an, die eine verlegerische Plattform suchen. Damit wäre Sobooks auch Wettbewerber der Verlage.

Christoph Kappes: Wir positionieren uns nicht gegen Verlage. Der eigene Direktverlag ist unser Spielbein, mit dem wir Innovationen voranbringen wollen, wie neue Formate und die Autoren-Leser-Kommunikation. Die „Cobooks“ sind ja so entstanden; die haben wir uns selbst ausgedacht und sind sehr gespannt, ob Autoren diese Idee aufgreifen, eine quasi „mitkaufbare“ Rezension zu schreiben. Dort legen wir dann aber auch eigene, hohe Qualitätsmaßstäbe an. Wir sind aber nicht reine Content-„Aggregatoren“ und -Distributoren, wie es sie im E-Book-Segment für Autoren mittlerweile in großer Anzahl gibt. Sowohl beim Buchvertrieb als auch in verlegerischer Hinsicht wählen wir nach Qualität und Relevanz aus.

iRights.info: Also nicht so eine Art „Soundcloud“ für Amateur-Schreiber und semi-professionelle Autoren?

Christoph Kappes: Nein, unsere Plattform ist nicht der „Literatur“-Renderer für jedermann. Das Internet ist voll von schlechtem Zeug, nur Selektion schafft da Mehrwert. Zudem ist uns das „social reading“ besonders wichtig. Zwar bietet Soundcloud auch die Interaktion direkt in jedem Song, doch die Optionen sind dort gering, so bleibt es bei einer Mikro-Interaktion. Bei uns ist das Kommentieren und Diskutieren ein zentrales Element, und wir verknüpfen es mit den sozialen Netzwerken. Damit wollen wir eine bessere Tiefe der Interaktion ermöglichen. Man stelle sich vor: Schirrmacher kommentiert David Graebers „Schulden“; und dann wird diskutiert. Da wollen wir hin

iRights.info: Websites, um online über Bücher zu diskutieren oder um Textstellen direkt zu kommentieren, sind aber nicht neu.

Christoph Kappes: Das stimmt, Social Book Reading Plattformen gibt es schon. Einzelne Bestandteile unserer Lösung finden sich woanders auch, nur in der Summe der Funktionen und Möglichkeiten hat es so noch keiner gemacht. Wir sind sozusagen Dekonstrukteure. Technologisch setzen wir konsequent auf modernstes HTML5, auf neueste Browser. Somit sind unsere Dienste auf allen entsprechenden Endgeräten verfügbar, sehen überall gleich aus und sind zudem synchronisiert. Für das Lesen eines Buches mit dem HTML-Reader heißt das beispielsweise, dass die jeweilige Leseposition erhalten bleibt. Dazu kommt die erwähnte Zuschaltung von so genanten Social Layern direkt ins Buch und Weiteres. Man wird in den nächsten Monaten sehen, wie wir auch das Konzept „Buch“ weitertreiben.

iRights.info: Man liest also die gekauften Bücher online, etwa wie einen Musik- oder Video-Stream?

Christoph Kappes: Sobooks basiert auf „Access“, also Zugang zum Netz; man benötigt einen Account und Online-Anschluss, ja. Die Bücher sind Online-Bücher, die Diskussionen finden direkt im Buch, in der Cloud statt. Das ist alles ohne Medienbrüche in einer Anwendung zu bedienen. Das heißt unter anderem, dass mir der Shop sofort anzeigt , dass ich ein Buch erworben habe und ich kann es eben überall lesen und weiterlesen und teilen; die Cloud denkt sozusagen mit. Doch für den Clou müssen Sie anders herum denken: Wenn ich als Leser eine Textstelle per Link auf Facebook oder Twitter mitteile, dann landen alle, die diesen Link anklicken, genau an dieser Stelle des Buches und können diese Passage sofort lesen. Diese Dynamik bei Leseproben ist wirklich neu, denn bisher sind Leseproben bei Amazon oder im Web meist von den Verlagen oder Portalen vorgegeben und starr.

iRights.info: Diese dynamische Leseprobe können dann alle lesen, auch Nicht-Käufer?

Christoph Kappes: Ja, es ist lediglich ein kostenfreier Sobooks-Account nötig, der via Facebook-Anmeldung einzurichten ist. Ein eigener Login kommt natürlich noch, da bleibt es nicht bei Facebook. Der Umfang beziehungsweise die Dauer des Probelesens können dann je nach Buch und Verlag variieren, aber im Durchschnitt stehen 10 Prozent frei zur Verfügung, danach bekommt man die Aufforderung zum Erwerb dieses Werks, der unter anderem unbegrenzte Lesezeit in diesem Werk bringt.

iRights.info: Man kann aber nicht einzelnen Passagen oder gar Seiten erwerben?

Christoph Kappes: Nein, es gibt kein seitenweises Kaufen, das halten wir für zu technisch gedacht. Bei Sachbüchern mag das auf Kapitel bezogen einen Sinn haben. Wir wollen aber eine Portionierung oder auch Serialisierung der Bücher ermöglichen. Etwa die Aufteilung in Episoden, die einzeln fakturierbar sind, oder auch die kontinuierliche Verlängerung eines Werkes durch Aktualisierungen oder Nachfolge-Werke.

iRights.info: Können die Käufer dann ihre Bücher auch Offline lesen?

Christoph Kappes: Man kann sich die Titel als E-Book im Epub.-Format herunterladen, ohne hartes DRM, also Kopierschutz. Wir glauben nicht an DRM, das wollen die Verbraucher nicht. Die von uns ausgelieferten E-Books können wir  personalisieren mit einer Absenderkennung, eine Art Wasserzeichen; damit ist ihre Nutzung generell nachverfolgbar. Pro erworbenem Buch dürfen drei andere Accounts auf das Werk zugreifen. Meine Vorstellung ist, dass im Laufe der Jahre immer weniger darauf Wert legen, Bücher en gros offline zu lesen. Den meisten wird der Zugang zu Online-Inhalten genügen, wie bei Musik und Filmen. Die Speicherung und der Abgleich mit weiteren oder neuen Geräten wird vielen zunehmend lästig werden, die soziale Akzeptanz von Access und Clouds wird zunehmen.

iRights.info: Was sagen die Verlage dazu?

Christoph Kappes: Erstmal sind die durchweg wohlwollend, weil wir ein Hoffnungsträger gegen das Quasi-Monopol von Amazon und Apple sind. Die Inhalteanbieter bekommen als Mehrwert die Optionen zur unmittelbaren Aktualisierung, die Diskussionen und Kommentare, die Updates und Resonanzen, dazu Auswertungen. Die derzeitigen E-Books sind kommunikativ tot, daher wollen wir sie auf vielen Ebenen auch für die Anbieter attraktiver machen und in „ lebende Bücher“ verwandeln.

iRights.info: Wieso starten Sie „hinter dem Vorhang“, mit einer sogenannten „Closed Beta“-Version?

Christoph Kappes: Wir brauchen diese geschlossene Betatestphase als „Trockenschwimmbecken“. Es gilt für uns herauszufinden, wie das Social Reading angenommen wird, übrigens auch auf Seiten der Autoren. Was passiert mit einem Essay, wenn er online steht und unmittelbar kommentiert wird, wie Zeitungsartikel oder Blog-Beiträge? Hierfür haben wir ein „Sobooks-Lab“ für Autoren und Verlage;sie sollen experimentieren und an der Entwicklung teilhaben. Geplant sind auch Autorenabonnements, so dass Autoren über die Community ihrer Abonnenten neue Ideen entwickeln oder gar unterstützen lassen können.

iRights.info: Die Autoren, die Urheber, sind Ihnen also wichtige Ansprechpartner?

Christoph Kappes: Ja, wir erwarten unter anderem durch unsere Social Reading-Optionen eine Art Aufbruchsstimmung unter Autoren, und die würden wir gerne mitnehmen. Es darf auch gerne zu den ganz großen Diskussionen kommen, etwa bei provozierenden oder überraschenden Bestsellern. Was passiert damit im Social Web, wenn es eine vergleichsweise gigantische Online-Resonanz gibt? 10.000 Leser eines Blogs, von denen ein Teil auch mal heftig debattiert, ist das eine. Aber was ist, wenn es mehrere 100.000 sind – mitten im Buch? Müssen wir dann neue Mechanismen, neue Aufteilungen, Moderationen, geschlossene Gruppen einführen? So etwas ist schwer zu simulieren, das müssen wir schrittweise entwickeln.

iRights.info: Sobooks stellt sich einem vollen, gut besetzten und hart umkämpften Markt. Wie viel Marketing ist von Ihnen zu erwarten?

Christoph Kappes: Schwierige Frage: Wir haben einen langfristigen Ansatz und wollen unsere Ressourcen in den nächsten Monaten primär für die Verbesserung des Produkts verwenden. Es muss sich zeigen, ob es schon rund ist, wie gut das Social Reading funktioniert, ob die Leseproben-Idee so richtig ist. Zudem haben wir schon jetzt hohe Aufmerksamkeit und hohen Erwartungsdruck. Mit aufwändigem Marketing würden wir diesen Druck nur noch erhöhen. Uns ist daran gelegen, Bestseller von großen Verlagen zu und das bessere Leseprodukt zu haben, das wäre die optimale Melange – und das wäre gutes Marketing in sich. Eine Marke entsteht nicht künstlich, sondern hängt in aller Regel mit der Qualität des Produkts zusammen, und das wollen wir organisch entwickeln. Vermutlich stehen uns noch zwei Jahre Optimierung bevor.

September 26 2013

Stiftung Warentest: Viele Mängel bei AGB und Datenschutz von E-Book-Portalen

Die Nutzungsbedingungen und der Umgang mit Nutzerdaten sind bei vielen E-Book-Portalen kritisch. Das geht aus einer Untersuchung der Stiftung Warentest hervor, die zehn Anbieter unter die Lupe genommen hat. Amazons Kindle-Shop kosteten die Mängel in den AGB sogar den sonst erreichten Testsieg.

Überzeugend, bis man ins Kleingedruckte sieht: Amazons Kindle-Shop hätte in der Untersuchung der Stiftung Warentest den ersten Platz belegen können, wären da nicht die AGB. Darin will Amazon luxemburgisches Recht geltend machen – unzulässig, wie die Tester monieren. Was dem Portal – im Test bei Angebot und Komfort vorne – einen Punktabzug um eine ganze Note brachte, freut nun zwei deutsche Anbieter: buecher.de (Springer/Holtzbrinck/Weltbild) und ebook.de (Libri) teilen sich den ersten Platz mit einer Note von 2,7.

Auch die Anbieter Kobo und der „Reader Store” von Sony weisen demnach „sehr deutliche” Mängel in den AGB auf, „deutliche” sind es bei Apple. Bei Kobo etwa gibt es die Nutzungsbedingungen erst gar nicht auf Deutsch, was höchstwahrscheinlich unzulässig ist. Zudem wimmele es dort vor unzulässigen Klauseln, also etwa solchen, die für Nutzer überraschend sind oder sie unangemessen benachteiligen.

Nutzerdaten: Kein Anbieter besser als „ausreichend”

Beim Umgang mit Nutzerdaten konnte gar kein Anbieter die Tester überzeugen: Über die Noten „mangelhaft” oder „ausreichend“ kommt keiner hinaus, auch die beiden Testsieger nicht. „Keiner schließt in der Datenschutzerklärung eindeutig aus, die Nutzerdaten für Werbung und andere Zwecke zu verwenden oder weiterzugeben”, heißt es im Test. Wollen Nutzer ihre Daten löschen, bleiben viele Portale Hinweise dazu schuldig.

Gesondert untersucht wurde der Datenschutz der jeweiligen Lese-Apps für Android- und iOS-Geräte, wofür die Tester den Datenstrom der Anwendungen auswerteten. Dass einige Programme unnötige Daten wie die Gerätekennung übermittelten, wurde als kritisch eingestuft. Davon betroffen sind die Apps von Buecher.de, Weltbild.de, des Pageplace-Portals der Telekom und Kobo; teilweise auch die Apps von Thalia, Amazon Kindle und Google Play.

Komfort im goldenen Käfig

Die Untersuchung macht auch deutlich, wie zweischneidig die E-Book-Welten für Nutzer derzeit sind: Bequemlichkeit und Komfort beim Einkauf und bei der Nutzung werden mit geschlossenen Plattformen, meist auch mit Kopierschutz und eingeschränkten „Nutzungsrechten” am E-Book erkauft. „Der goldene Käfig ist hier weit geräumiger als der bei Apple”, heißt es etwa über die Amazon-Kindle-Welt. Erst wer die Welten wechseln will, bekommt die Lock-in-Effekte zu spüren. In der Gesamtwertung zählten die Wertungen im Feld „Information und Verträge” jedoch geringer als Angebot, Einkauf und Bedienbarkeit.

Eine Präzisierung lässt sich zum Angebot von Apples „iBookstore” anbringen. Im Test heißt es, dort gekaufte Dateien seien nur auf Apple-Geräten lesbar. Für Epub-Dateien ohne Kopierschutz gilt das aber nicht. Diese sind auf gängigen E-Book-Readern lesbar, allerdings nicht auf dem Amazon Kindle, da dieser ein anderes Format benutzt. Zurecht kritisieren die Tester, dass die Portale ihre Kunden häufig mehr schlecht als recht darüber informieren, ob sie Dateien mit oder ohne Kopierschutz bekommen.

Die Untersuchung lässt sich im Oktober-Heft der Stiftung Warentest oder kostenpflichtig unter test.de nachlesen.

September 16 2013

Verleiten Lehrer zu „systematischen Urheberrechtsverletzungen”?

Im Feuilleton-Aufmacher der Süddeutschen schreibt Willi Winkler heute darüber, „wie Project Gutenberg das Urheberrecht unterläuft”. Kern des Anstoßes für Winkler: Die Buddenbrooks und andere Werke von Thomas Mann sind in den USA bereits gemeinfrei, in Deutschland noch nicht. Dennoch stehen sie bei gutenberg.org digitalisiert als E-Book online.

Die Lage beschreibt er so:

Dürfen die das überhaupt? Beim Fischer-Verlag reagiert man ausweichend und dann empfindlich. „Downloads von Deutschland aus sind in solchen Fällen illegal”, erklärt man dort, aber was hilft das schon? Illegal heißt noch lange nicht, dass es niemand tut. Niemand kann einen Franzosen, Kanadier oder Isländer daran hindern, im Internet zu fischen, bis er den Thomas Mann hat, den er nach deutschem Recht nicht bekommt. Das gilt, das Internet kennt da kein Vaterland, natürlich auch für die deutschen Leser, die, aus, welchen Gründen auch immer, den Weg in die nächste Buchhandlung scheuen.

Er beschreibt dann auch durchaus zutreffend die Motivation des Gutenberg.org-Gründers Michael S. Hart und von freiwilligen Helfern wie Norbert Langkau, die Werke einscannen und korrekturlesen.

Am Beginn und am Ende des Textes jedenfalls taucht ein Gymnasiallehrer auf, der seine Schüler dazu auffordert, die „Buddenbrooks” für orthografische Übungen herunterzuladen. Doch während Winkler bei Langkau noch ein echtes Bildungsinteresse erkennt, wird der erwähnte Lehrer mit allerlei Fragezeichen verdächtigt. Er sei jemand, der

den Bildungsauftrag so versteht, dass er seine Schüler aus Faulheit? aus Resignation?, aus Unwissenheit? dazu anleitet, systematisch gegen das Urheberrecht zu verstoßen.

Dabei liegt die Kernfrage so nahe: Kann ein Lehrer in Deutschland mit digitalen Materialien arbeiten, ohne „systematisch gegen das Urheberrecht zu verstoßen”, wenn er sich nicht zum Urheberrechtsexperten weiterbilden lässt? Schon die Regeln für Kopien aus Schulbüchern sind komplex und kleinteilig genug. Immerhin wurde der Schultrojaner vergangenes Jahr beerdigt, so dass Schulbuchverlage den Lehrern nicht bis auf den Computer hinterherspionieren können. An den zugrundeliegenden Verträgen aber hat sich kaum etwas geändert.

Hinzu kommen die Regelungen für Kopien aus Werken, die keine Schulbücher sind – wie etwa die „Buddenbrooks” – und nicht zuletzt die Regeln für Schutzfristen, nach denen er bestimmen müsste, ob ein Werk auch in Deutschland zweifelsfrei gemeinfrei ist. Das Projekt Europeana Connect hat diese in einem Schaubild zusammengetragen:

pd-calculator-ausschnitt

Public Domain Calculator (Ausschnitt). Ganzes Schaubild: PDF, 25 MB. CC BY Europeana Connect.

In einem Beitrag über Public-Domain-Archive schrieb ich dazu (shameless self-quote):

Trotz vereinheitlichter Regeln gibt es rechtlich nach wie vor nicht die „eine” Public Domain. Allein in der EU sind es 27 Varianten, wie Christina Angelopoulos, Informationsrechtlerin an der Uni Amsterdam, in ihrem Aufsatz „The Myth of European Term Harmonization” feststellt. „Kultureinrichtungen folgen meist den Regelungen zur Schutzdauer in ihrem Land, Rechtssicherheit für Nutzer anderswo entsteht daraus nicht”, schreibt sie. Würden die Betreiber weltweit Rechtssicherheit vorraussetzen, stünde kaum ein Werk jemals online.

Ob Willi Winkler die Konsequenz ziehen würde, die Werke gar nicht mehr in digitalen Archiven anzubieten, solange die rechtliche Situation so ist, wie sie ist, wird nicht recht deutlich. Der Artikel bleibt in der Schwebe, legt es aber nahe, wo vom „modernen Urheberrechtsmissbrauch” durch Project Gutenberg die Rede ist. Ob es noch Gebrauch oder schon Missbrauch des Urheberrechts ist, Werke mit stetig verlängerten Schutzfristen der Öffentlichkeit zu entziehen, fragt er dagegen nicht.

Michael Hart, der gegen die Urheberrechtsverlängerung mit dem Sonny Bono Extension Act kämpfte, äußerte sich dazu deutlich. In einem Interview mit Richard Poynder merkt er an, wie die Rede über Bildung zur Heuchelei wird, wenn die Werke nicht angeboten, sondern vielmehr weggeschlossen werden:

RP: You clearly see a larger agenda here. In a previous interview you said: “The Internet could be the greatest educational tool of all history, but they are trying to pass laws to keep all the great books of the last century off the Internet.”

MH: Right. Just to clarify: I meant the most recent century, not the one before. But it just seems obvious to me that they would never allow that kind of power into the hands of the public, no matter how much they hypocritically talk about “universal education.”

Vielleicht hat Willi Winklers als entweder „faul”, „unwissend” oder „resigniert” dargestellter Gymnasiallehrer seinen Bildungsauftrag gar nicht so falsch verstanden. Das Problem ist nicht, dass „Project Gutenberg das Urheberrecht unterläuft”, sondern das Urheberrecht Plattformen wie Project Gutenberg.

September 03 2013

Wie man E-Books mit Lego und Laptop von DRM befreit

Eine kreative Verteidigung der Privatkopie gegen technische Schutzmaßnahmen und Umgehungsverbote: Der Do-it-yourself-Scanner von Peter Purgathofer, Professor für interaktive Systeme an der TU Wien, befreit E-Books für den Amazon Kindle vom Kopierschutz und wandelt sie wieder in Textdateien um. Inspiriert ist er vom DIY Bookscanner.

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