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March 19 2013

Digitales Lernen: „Recherchieren ist nicht gleich googeln”

Von der reinen Material-Ablage über Online-Tests bis zum Forum: Nicht alle Uni-Dozenten nutzen die Möglichkeiten, die ihnen Lernmanagement-Systeme bieten. Die E-Learning-Expertin Anne Thillosen erläutert im Interview Probleme, Chancen und Trends der digitalen Wissensvermittlung.

Foto: Leibniz-Institut für Wissensmedien

Anne Thillosen

Anne Thillosen ist Co-Leiterin des Projekts “e-teaching.org” am Leibniz-Institut für Wissensmedien. Das Portal richtet sich vor allem an E-Learning-Akteure an Hochschulen und bietet ihnen Informationen zum Einsatz digitaler Medien. Anne Thillosen ist verantwortlich für die konzeptionelle Fortentwicklung des Projekts und betreut inhaltlich den Portalbereich „Didaktisches Design“. Sie interessiert sich besonders für Veränderungsprozesse durch neue Medien sowie neue Lernszenarien und -konzepte

iRights.info: Viele Universitäten betreiben heute sogenannte Lernmanagement-Systeme (LMS). Wo steht die deutsche Hochschullandschaft beim Einsatz der LMS?

Anne Thillosen: Sie sind an den allermeisten deutschen Universitäten Standard, eine Basistechnologie – viel verbreiteter als etwa Online-Vorlesungen. Schwer zu erheben ist, in welchem Umfang und wie genau sie genutzt werden. An einigen Universitäten werden alle Lehrveranstaltungen, die im Vorlesungsverzeichnis stehen, automatisch auch im LMS digital abgebildet. Aber in der Regel steht es den Lehrenden frei, ob sie die digitalen Möglichkeiten in die Lehre einbeziehen.

iRights.info: Was verändert der Einsatz der LMS?

Anne Thillosen: Sie schaffen parallel zu den Präsenzveranstaltungen einen virtuellen Kursraum. Hier sind Informationen abgelegt wie Sprechzeiten, Termine, Literaturhinweise und Prüfungsvoraussetzungen. Dazu kommen in der Regel Lernmaterialen wie Skripte und Powerpoint-Präsentationen. Manche Dozenten stellen auch Tests ein – zur Selbstkontrolle der Studenten, oder um zu sehen, was verstanden wurde und was nicht.

Darüber hinaus bieten die meisten LMS Möglichkeiten zur Kommunikation, etwa Mailforen, Wikis oder Chaträume. Welche Optionen genutzt werden, hängt stark vom Lehrenden ab. Häufig höre ich die Meinung: Das ist doch nur eine Materialablage. Aber das ist ja auch schon etwas. Während meines Studiums hätte ich gerne eine solche Unterstützung über ein LMS gehabt.

Neues Prinzip: Inverted Classroom

iRights.info: Veranstaltungen vor Ort könnten auch ganz durch das Online-Studium ersetzt werden. Gibt es diese Entwicklung?

Anne Thillosen: Fernuniversitäten wie die in Hagen können jetzt natürlich auf Online-Studiengänge umstellen. Das hat viele Vorteile zum traditionellen Fernstudium. Da waren die Studierenden viel eher Einzelkämpfer, wenn sie ihre Aufgaben im stillen Kämmerlein lösten und per Post einschickten. Jetzt haben sie viel mehr Möglichkeiten zur Zusammenarbeit, indem sie ihre Mitstudenten und Dozenten über das Internet kennen lernen – sich vielleicht sogar mit anderen Fernstudenten in derselben Stadt verabreden.

Die normalen Universitäten setzen die digitalen Elemente in der Regel nicht als Ersatz sondern ergänzend zu den Präsenzveranstaltungen ein. Hier bietet sich allerdings die Möglichkeit, die Abläufe umzustrukturieren, und damit sind dann oft auch neue didaktische Ansätze verbunden. An einigen Hochschulen wird zum Beispiel das Konzept des „Inverted Classroom“ erprobt, also eine Umkehrung des klassischen Konzepts: Nicht im Hörsaal wird das neue Wissen vermittelt, sondern der Wissenserwerb findet im Netz statt – etwa über Skripte und Podcasts. Die Präsenzveranstaltungen können dafür seltener stattfinden und werden dann eher für Fragen, Diskussionen und Problemlösungen genutzt.

Recherchieren lernen

iRights.info: Gibt es Nachteile, wenn der Wissenserwerb über digitale Medien erfolgt?

Anne Thillosen: Wenn viel Wissensvermittlung „nur“ im Netz stattfindet, muss schon darauf geachtet werden, dass das Wissen mit geeigneten Aufgaben vertieft wird. Es ist ein wenig, wie wenn wir einen Film sehen. Wir neigen dazu, zu denken, alles gleich verstanden zu haben. Aber wir müssen mit den Inhalten schon etwas tun, uns mit ihnen auseinandersetzen, um sie zu verankern und zu verarbeiten.

Die Studenten müssen auch lernen, dass der Einsatz dieser Medien im Studium nicht dasselbe ist wie in der Freizeit. So wie man auch das wissenschaftliche Lesen erst lernen muss, muss man auch das wissenschaftliche Recherchieren im Netz erst lernen. Es ist nicht dasselbe wie etwas privat zu googeln.

Flüchtige Seminarräume

iRights.info: Wie unterscheidet sich die Kommunikation im Seminarraum von der über ein Forum im Internet?

Anne Thillosen: Wenn Lehrende beispielsweise vor Veranstaltungen offene Fragen im LMS stellen, kann das mehr Studenten dazu bringen, eigene Ideen vorzustellen. Eine schriftliche Antwort kann auch dazu führen, dass sich die Studenten mehr Zeit nehmen und mehr Gedanken machen. Ihr Beitrag ist ja später dauerhaft zu sehen. Die schriftliche Kommunikation kann also die Qualität steigern, weil sie weniger flüchtig ist als im Seminarraum. Über Verlinkungen können auch neue Wissenspools entstehen, etwa in den Wikis.

iRights.info: Braucht die digitale Kommunikation eigentlich eigene Regeln?

Anne Thillosen: Lehrende sollten etwa ein Forum innerhalb eines LMS nicht einfach so laufen lassen. Sie müssen auch auf die Diskussionskultur achten und notfalls einzelne Teilnehmer direkt ansprechen, damit es nicht zu Streitereien oder Missverständnissen kommt. Vor allem muss es auch klare Anlässe zur Kommunikation geben. Einfach weil sie da sind, werden Foren und Wikis nicht genutzt.

iRights.info: Lassen sich über das Internet auch verbindliche Prüfungen ablegen?

Anne Thillosen: E-Prüfungen am Computer werden in Deutschland in der Regel vor Ort durchgeführt, auch aus rechtlichen Gründen. Die Studenten müssen sich etwa für eine E-Klausur persönlich identifizieren. Auch muss jemand technische Probleme regeln können.

Wie nachhaltig sind Massenkurse im Netz?

iRights.info: Schafft die Digitalisierung trotzdem mehr Möglichkeiten, auch Kurse an anderen Universitäten zu belegen als an der eigenen?

Anne Thillosen: Die Virtuelle Hochschule Bayern (VHB) bietet heute schon Kurse, an denen Studenten aus ganz Bayern online teilnehmen können. Studenten aus anderen Bundesländern können sich auch anmelden, müssen aber eine Gebühr zahlen. Was die reine Wissensvermittlung angeht, sehen wir immer mehr Angebote im Netz. So stellt etwa der Mathematik-Professor Jörn Loviscach seine Vorlesungen auf Youtube, wo sie viel abgerufen werden. Die Technische Universität Darmstadt hat eine Plattform mit frei verfügbaren Lehrmaterialien gestartet, sogenannte Open Educational Ressourses. Ein Thema, das immer stärkere Bedeutung bekommt. E-teaching.org bietet übrigens ab April einen offenen Kurs an, der sich damit beschäftigt und zu dem man sich jetzt schon anmelden kann.

Die großen amerikanischen Online-Bildungsanbieter wie Udacity und Coursera erreichen mit solchen offenen Kursangeboten, den derzeit viel diskutierten MOOCs – die Abkürzung steht für „Massive Open Online Courses“ – weltweit schon Hunderttausende Teilnehmer. Allerdings fehlen noch genaue Zahlen dazu, wie viele Personen wirklich dran bleiben, nachdem sie sich einmal angemeldet haben, und es ist noch unklar, wie sich dieser Trend auf Dauer weiterentwickeln wird.

Auf jeden Fall wird in diesem Feld zurzeit viel experimentiert. Ein interessantes Modell ist meines Erachtens auch der offene Kurs „Think Tank Cities“, den die Digital School der Leuphana Universität Lüneburg anbietet, und der offensichtlich im Vergleich mit den instruktional konzipierten, sehr großen MOOCs viel diskursiver und teamorientierter abläuft. Dafür sind die Organisation und die Betreuung aber natürlich auch viel aufwändiger.

Das LMS als Schutzraum

iRights.info: Wirbel gibt es derzeit um interne Pläne der Freien Universität Berlin, Lehrinhalte in Kooperation mit dem Unternehmen Apple online zu stellen. Ist es angebracht, bei Veröffentlichungen auf einen einzigen privaten Partner zu setzen?

Anne Thillosen: Es sind ja schon verschiedene deutsche Universitäten auf „iTunes U” vertreten. Aber so wie ich die Pressemitteilung der FU verstanden habe, sollen die Audio- und Videomaterialien nicht exklusiv nur über „iTunes U” angeboten werden, sondern das ist ein Zusatzangebot. So machen es auch andere Hochschulen, zum Beispiel die Universität Freiburg, die die eigenen Audio- und Videoangebote parallel auch auf einem Podcastportal der Uni zur Verfügung stellt.

iRights.info: Könnte es eigentlich so eine Art globales Bildungs-Facebook geben, in dem sich die Menschen anfreunden, die sich für dasselbe Thema begeistern?

Anne Thillosen: Solche weltweiten akademischen, wissenschaftsorientierten Netzwerke gibt es bereits, zum Beispiel Researchgate mit derzeit 2,6 Millionen Mitgliedern oder Scilife mit mehr als 1,8 Millionen Nutzern. Sie bieten allen interessierten Wissenschaftlern und Forschern, aber auch Studierenden die Möglichkeit, sich und ihre Interessen vorzustellen und sich zu individuell mit anderen zu vernetzen. Für die Hochschulen ist es aber erst mal interessant, ihre LMS an das Hochschul-System und die eigenen Datenbestände zu koppeln. Das eigene LMS bietet auch einen gewissen Schutzraum. Würde man die Aktivitäten auf Facebook verlagern – was einzelne Universitätskurse auch teilweise tun – dann stellen sich rechtliche Fragen. Müssen dann alle Studenten ein Facebook-Profil haben, auch wenn sie etwa Datenschutz-Bedenken haben?

iRights.info: Gibt es bei den LMS an den Universitäten neue Trends?

Anne Thillosen: Die Plattformen entwickeln sich ständig weiter, in den vergangenen Jahren wurden zum Beispiel Web 2.0-Funktionen wie Wikis integriert. Ein großes Thema sind derzeit mobile Anwendungen, viele Anbieter von Lernplattformen bieten inzwischen mobile Versionen, sodass Studierende mit mobilen Geräten wie Smartphones auf das LMS zugreifen und etwa Kursmaterialien abrufen können.

March 18 2013

Owncloud bringt Virenscanner und Volltextsuche für die eigene Datenwolke

Die Open-Source-Software Owncloud wird um neue Funktionen erweitert. Das Projekt soll eine Alternative zu den großen Cloud-Anbietern liefern. Der Nutzer organisiert und verwaltet den Speicherplatz selbst.

Die Owncloud-Software zum Betrieb einer privaten Cloud entwickelt sich. In der vergangene Woche vorgestellten Version 5 kommen eine Reihe von Funktionen hinzu. So kann der Nutzer seine Inhalte mit einer Volltext-Suche durchforsten und versehentlich gelöschte Dateien wieder herstellen. Die Benutzeroberfläche soll nun einfacher und schneller zu bedienen sein. Ein Virenscanner überprüft automatisch alle hoch geladenen Dateien.

Hinter Owncloud steht der Gedanke, dass der Nutzer  bei Cloud-Anwendungen auf eigenen Speicherplatz zurückgreift – etwa auf selbst gemietete Serverkapazitäten oder die Festplatte auf dem Heimrechner, der permanent online ist. Damit soll der Nutzer die volle Kontrolle über seine Dateien behalten, zum Beispiel über Texte, Musik, Fotos, Filme, Kalender und Adressbücher. Auch über mobile Endgeräte wie Smartphones lässt sich auf die Verzeichnisse in der eigenen Datenwolke zugreifen. Eine Weboberfläche ermöglicht das direkte  Abspielen und Darstellen von Medieninhalten. Owncloud funktioniert unabhängig vom genutzten Betriebssystem.

Die  sogenannte Community-Version der Software ist für den privaten Endanwender gratis. Ging es den Machern zunächst darum, eine freie Alternative zu kommerziellen Angeboten zu schaffen, arbeitet Owncloud inzwischen auch an Bezahl-Versionen, die sich an Unternehmen richten.

Branche arbeitet an der Datensicherheit

Indem Owncloud auf die Datenspeicher der Anwender setzt, begegnet das Unternehmen zentralen Bedenken gegen das Cloud-Computing. Die selbstgebaute Cloud soll zum Beispiel verhindern, in eine allzu große Abhängigkeit großer Anbieter zu geraten (Lock-in-Effekt).Viele Privatnutzer und Unternehmen sorgen sich zudem um die Sicherheit ihrer sensiblen Daten, wenn sie auf fremden Servern lagern. So könnten die Daten zum einen in fremde Hände geraten, zum anderen vorübergehend oder dauerhaft verloren gehen, etwa wenn Rechenzentren ausfallen.

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für sichere Informationstechnologie vom Mai 2012 attestierte allen geprüften Cloud-Speicherdiensten Mängel bei der Datensicherheit. Der eigene Speicherplatz ist hier nur ein Ansatz. Zahlreiche Unternehmen und Projekte arbeiten an Cloud-Lösungen, die das Vertrauen der Nutzer erhöhen sollen, darunter die staatlich geförderten Programme  „Trusted Cloud” und „Trustworthy Clouds”.

 

March 12 2013

Verpatzter „Sim City”-Start: Worst Case des Cloud-Gamings

Wenn ein Online-Spiel offline geht: Der Fall „Sim City“ zeigt, was beim Cloud-Computing schiefgehen kann.

Unfreiwillig hat die Spielefirma Electronic Arts die große Schwäche des Cloud-Gamings offenbart: die Server des Anbieters müssen permanent online erreichbar sein. Genau das misslang nach dem Verkaufsstart von „Sim City 5” am vergangenen Donnerstag. Als hunderttausende Spieler anfingen, online virtuelle Städte zu bauen, versagten die überlasteten Server den Dienst. Zahlreiche Nutzer machten ihrem Ärger Luft und verlangten ihr Geld zurück. Bei einem großen Online-Shop bekam das Spiel reihenweise schlechte Bewertungen.

Inzwischen erklärt Electronic Arts, man bekomme die technischen Probleme in den Griff. Das Unternehmen habe die Server-Kapazitäten für Sim City um 120 Prozent erhöht, teilte eine Sprecherin am Samstag mit. Grund für die Probleme sei gewesen, dass mehr Kunden gleichzeitig spielen wollten als erwartet. Auch von der „Intensität“ des Spielens zeigt sich das Unternehmen überrascht. Die Kunden sollen mit einem Gratis-Spiel für die Probleme entschädigt werden.„Was passiert ist, tut uns außerordentlich leid“, so die Sprecherin.

Umstrittene Account-Bindung

Viele Nutzer fragen sich, warum Sim City nur spielbar ist, wenn ein stabiler und schneller Online-Datenaustausch zu den Unternehmens-Servern gewährleistet ist. Electronic Arts argumentiert, indem Unternehmens-Server die Berechnung des Spiels übernehmen, könnten auch Nutzer mit weniger leistungsstarken Endgeräten in den Genuss einer anspruchsvollen Grafik kommen. „Wir wollten ein Spiel, das grafisch ansprechend ist, aber keinen Hochleistungscomputer voraussetzt.“

Ein weiterer Grund dürfte sein, dass der Online-Zwang als Kopierschutz wirkt. Die Nutzer müssen sich online registrieren und einloggen, wenn sie spielen wollen. Ihren persönlichen Zugang dürfen sie anderen nicht übertragen. Weil jeder Kunde über eine Seriennummer identifizierbar ist, können sich auch nicht mehrere Nutzer einen Zugang teilen und parallel spielen.

Gegen diese Form von Account-Bindung“ gehen Verbraucherschützer derzeit gerichtlich vor.  Sie führe praktisch dazu, dass Kunden ein Online-Spiel nicht weiterverkaufen können, so das Argument. Die Anbieter verweisen darauf, dass sie dem Kunden nur Nutzungslizenzen einräumen, jedoch keine Eigentumsrechte.

Sim-City-Ausfall verdeutlicht Abhängigkeiten

Der Serverausfall bei Electronic Arts macht die Abhängigkeit bewusst, in die sich Kunden von Cloud-Anbietern begeben. Sollte Electronic Arts beispielsweise einmal pleitegehen, wäre auch Sim City 5 nicht mehr spielbar. Die Tageszeitung taz malt sich diesen Fall aus und vergleicht ihn mit dem Autosektor: „Man stelle sich vor, nach Schließung des letzten Opelwerkes würden alle jemals produzierten Fahrzeuge dieser Marke nicht mehr fahren können, weil die Zündung zum Schutz vor unerlaubtem Weiterverkauf des Fahrzeugs einer Synchronisation mit einem Rüsselsheimer Server bedarf, der dann leider nicht mehr existiert.“

Der vorübergehende Ausfall eines Online-Spiels ist ärgerlich, scheint aber verkraftbar. Sollten jedoch einmal Dokumente, Kalender und Adresslisten nicht mehr verfügbar sein, weil die Server des Cloud-Anbieters streiken, könnte manches Büro nur noch beschränkt arbeitsfähig sein. Ein wenig Vorbereitung auf das Worst-Case-Szenario „Offline-Modus“ scheint also angeraten – zumal Sim City kein Einzelfall bleiben muss.

Was der Nutzer von Cloud-Games rechtlich beachten sollte, hat iRights Cloud in einer Rubrik zusammengestellt.

March 07 2013

Digitales Studieren: „Wir müssen die Chancen nutzen“

Wie verändern digitale Möglichkeiten das Lernen? Die Leuphana Universität Lüneburg testet mit „ThinkTank Cities“ die Online-Projektarbeit. Studenten aus mehr als 100 Ländern tüfteln in Teams an der Stadt der Zukunft.

Auch Cloud-Anwendungen machen es möglich: Studierende arbeiten online an gemeinsamen Texten und Modellen, greifen auf Materialsammlungen zurück und bewerten gegenseitig ihre Arbeiten. Wo auf der Erde sie am Computer sitzen, spielt dafür keine Rolle. Wie sich die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen lassen, erprobt aktuell die „Digital School“ der Leuphana Universität in Lüneburg. Im dreimonatigen Kurs „ThinkTank Cities“ haben sich Teilnehmer aus mehr als 100 Nationen eingeschrieben. Zulassungsbeschränkungen oder Studiengebühren gibt es nicht. „Die digitale Interaktion hat die privaten Kommunikationsstrukturen und Arbeitsprozesse grundlegend verändert“, sagt Holm Keller, Vizepräsident der Leuphana Universität und verantwortlich für die „Digital School“. „Sie muss auch für vollkommen neue Bildungsangebote genutzt werden.“

Im Online-Kurs „ThinkTank Cities“ entwerfen fünfköpfige Teams eine neue Stadt. Hierzu diskutieren sie existierende Planstädte wie Karlsruhe und Brasilia, entwickeln die Vision einer städtischen Gesellschaft, und bauen am Ende auch ein Architektur-Modell ihrer Idealstadt. Bekannte Experten wie der US-Architekt Daniel Libeskind und die Soziologin Saskia Sassen (Columbia University in New York) geben Video-Vorlesungen, beantworten Fragen und bewerten die Arbeiten. Die Mitstudenten sind aufgerufen, die Ergebnisse der Projekt-Teams zu kommentieren („Peer-Review“).

Soziale Interaktion statt Frontalunterricht

Die „Digital School“ will sich bewusst von anderen E-Learning-Konzepten absetzen, bei denen die soziale Interaktion zu kurz kommt. „Wir sehen bei vielen Angeboten keine echte Online-Didaktik, sondern das schlichte Abfilmen von Lehrveranstaltungen, gefolgt von Multiple-Choice-Tests“, sagt Keller. Mit einem „Social Learning“-Konzept setzt man in Lüneburg stattdessen auf Teamarbeit an einem Endprodukt. „Die Teilnehmer lernen dabei implizit auch, mit sehr unterschiedlichen Menschen gemeinsame Lösungen zu finden“, so Keller. Die Einbindung der Studenten in einen interaktiven, sozialen Prozess ermögliche bessere Lerneffekte: „Das ist online nicht anders als offline.“ Die soziale Interaktion könnte sogar ein Zusatznutzen digitaler Lehrangebote sein.

Große Nachteile der reinen Online-Kommunikation sieht Keller nicht. Im Gegenteil. Im Vergleich zur persönlichen Kommunikation könne die Online-Zusammenarbeit sogar zu weniger „egozentrischen“ Lösungen führen. Zwar fielen manche Signale in der Kommunikation weg, etwa die Mimik und der Tonfall der Gesprächspartner, doch könnten hier Online-Videokonferenzen Abhilfe schaffen. Allerdings organisieren die Teams im „ThinkTank-Cities”-Kurs die Kommunikation untereinander selbst. „Sie können die Wege selbst wählen, wir machen da keine Vorgaben“, sagt Keller.

Der Redebedarf kann groß sein. Denn die Leuphana Universität setzt die Teams mit Hilfe eines Algorithmus so zusammen, dass die Teilnehmer möglichst unterschiedliche berufliche Erfahrungen und kulturelle Hintergründe mitbringen. Auf der anderen Seite aber sollen die Ansprüche der Team-Mitglieder an das Projekt möglichst übereinstimmen – hier setzt man auf „Homogenität“. Wer etwa besonders viel diskutieren möchte, trifft auf in seiner Gruppe auf Gleichgesinnte.

Europa ebnet Online-Studium den Weg

Dem Online-Kurs sollen nach Möglichkeit ganze Online-Studiengänge an der Leuphana Universität folgen. Langfristig schweben Keller global einheitliche Bildungsplattformen vor. Die Online-Studiengänge sollen akademische Abschlüsse bieten, die allgemein anerkannt werden. Das grenzüberschreitende Online-Studium wird schon jetzt durch den „Europäischen Hochschulraum“ erleichtert, der mit dem sogenannten Bologna-Prozess entstanden ist. Die Hochschulen erkennen im europäischen Ausland erworbene Prüfungsleistungen an. Der Bologna-Prozess habe dem digitalen Lernen einen Schub gegeben, meint Keller. Bei erfolgreicher Teilnahme am „ThinkTank Cities“-Kurs können sich Studierende Leistungspunkte an ihren „Heimathochschulen“ anrechnen lassen.

Digitale Wege zum lebenslangen Lernen

Keller sieht in den ortsungebundenen Online-Studiengängen Chancen für mehr „globale Bildungsgerechtigkeit“. So könnten zum Beispiel viele Menschen in Afrika aus familiären und finanziellen Gründen nicht in eine Universitätsstadt ziehen, um dort zu studieren. Für Ausländer ergebe sich auch die Möglichkeit, einen in Europa anerkannten Universitätsabschluss zu machen, bevor sie in die EU einwandern. „Mit einem europäischen Masterabschluss haben Einwanderer formal ganz andere Möglichkeiten, hier Zugang zu Berufen zu bekommen.“ Auch das „lebenslange Lernen“, das Wirtschaft und Politik regelmäßig einfordern, sei ohne Revolution der Online-Lehre nicht umsetzbar, meint Keller. Die Menschen müssten dauerhaft neben Familie und Beruf lernen können, und nicht nur in einer bestimmten Lebensphase und an einem bestimmten Ort. „Lernen muss Teil des Lebens sein, das haben private Anbieter und die öffentliche Hand zu lange vernachlässigt.“

Harvard für alle?

Offen bleibt, welche Institutionen und Anbieter den globalen (Online-)-Bildungsmarkt künftig prägen. Studieren bald Millionen von Menschen an der Harvard-Universität, weil sie weltweit einen klangvollen Namen hat? Nein, mein Keller. „Digitale Lehre bedeutet nicht die Automatisierung von Bildung.“ Auch online könne Harvard nur eine begrenzte Zahl von Studenten betreuen. „Das Personal kann zwar in der Online-Lehre anders organisiert werden, aber die Interaktionszeit pro Student wird nicht geringer.“ Mehr Wettbewerb im Bildungsmarkt führt laut Keller nicht dazu, dass langfristig deutsche Unis an den Rand gedrückt werden. Allerdings könnten deutsche Studenten online viel internationaler arbeiten.

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