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October 13 2013

Digitale Weltbürger, Regulierung im Netz: Neue Bücher von Ethan Zuckerman, Ian Brown und Chris Marsden

Ethan Zuckerman will den „imaginären Kosmopolitismus” im Netz überwinden, Ian Brown und Christopher Marsden skizzieren eine bessere Internetregulierung: Zwei neue Bücher zur Netzpolitik mit unterschiedlichen, aber komplementären Perspektiven.

Mit dem Internet als weltumspannendem Kommunikationsnetzwerk sind wir auch zu digitalen Weltbürgern geworden – zumindest halten wir uns dafür. Denn dass wir trotz weltweiter Netze in Wahrheit weniger kosmopolitisch sind als wir glauben, ist die These von Ethan Zuckerman. „Rewire – Digital Cosmopolitans in the Age of Connection” beginnt mit der Beobachtung: Zwar können wir leichter als jemals zuvor Informationen aus aller Welt bekommen und in alle Welt verbreiten, doch das Bild, das wir uns von der Welt machen, ist meist ein kleiner Ausschnitt, der nicht viel größer ist als in Zeiten vor der digitalen Vernetzung.

Wir halten uns für digitale Kosmopoliten, so Zuckerman, doch „dieses Narrativ ist zugleich eine Marketingkampagne und eine unvermeidliche Konsequenz unserer Imagination”. Mit anderen Worten: Er konstatiert eine „unvollendete Globalisierung”: Wirtschaft und Handel sind schon lange global geworden, ausgerechnet die Bits aber hängen hinterher. Die Ursachen dafür sieht er zum einen in unseren Präferenzen und Gewohnheiten. Wer keine persönliche Beziehung dazu hat, was in Sambia passiert, wird schwerlich Blogs aus Lusaka lesen. So wie es in den Großstädten der Welt ein Viertel für diese, ein anderes für jene Minderheit gibt, so hängen wir auch im Netz immer wieder mit den gleichen Kreisen herum. Die Filterbubble von Eli Pariser lässt grüßen.

Neue Verbindungen herstellen

Zum anderen sucht Zuckerman, Direktor des Center for Civic Media am MIT und Mitgründer von Global Voices, Tripod.com und Geekcorps nach Erklärungen, die über individuelles Verhalten hinausgehen und macht dabei Station bei soziologischen Theorien: Bei Georg Simmel und seinen Triaden etwa: Wenn Jim mit Bob und Bob mit Sue befreundet ist, werden wahrscheinlich auch Jim und Sue Freunde. Das Dreieck schließt sich – mit dem Ergebnis, das existierende Verbindungen eher als andere verstärkt werden.

Vor allem interessiert sich Zuckerman für das, was die Sozialforscher Robert K. Merton und Paul Lazarsfeld Homophilie nannten: Den Effekt, nach dem wir uns eher mit ähnlichen Menschen umgeben – ethnisch, religiös, sozial, ökonomisch usw. –, ohne deswegen andere bewusst zu diskriminieren. Eine Idee, die auch den heutigen Empfehlungs-, Freundes- und Followeralgorithmen zugrundeliegt.

Zuckerman sieht darin eine Gefahr: „We can, and we must, rewire”, proklamiert er. Wer ein Bürger der Welt werden will, muss sich neu „verkabeln” – was technisch klingt, aber eher das Herstellen neuer Verbindungen meint. Drei Lösungen hat er auf dem Plan: Neben Übersetzungsarbeit wie bei Global Voices – Zuckerman erinnert daran, dass Englisch schon lange nicht mehr die herrschende Sprache im Netz ist – stellt er die Brückenfigur als Modell: Menschen, die sich zwischen verschiedenen Welten bewegen und Ideen in neue Kontexte bringen. Die CEOs multinationaler Unternehmen wie Indra Nooyi (Pepsi) oder Muhtar Kent (Coca Cola) sieht er als Pioniere einer solchen, globalen Klasse.

Global Voices

Man liegt aber wohl nicht verkehrt, wenn man bei den Brückenfiguren auch an Zuckerman selbst denkt, der lange Zeit in Ghana verbrachte, sein Blog „My heart is in Accra” nennt und dafür um die halbe Welt pendelte. In einer einprägsamen Passage beschreibt er genau das: Auf seinen regelmäßigen 20-stündigen Flügen von Massachusetts nach Accra las er den Economist, den Guardian und die New York Times. Dort angekommen, reichte er sie weiter. Auf dem Rückflug las er dann Accra Mail, African Business, Daily Graphic und New African und tat das gleiche in Massachusetts.

Zuckermans Projekt Global Voices überträgt die Idee ins Netz – Freiwillige übersetzen Blogs und Tweets aus allen Ländern. Doch den Aufmerksamkeitsfokus besonders der US-Medien zu ändern, gelang dem Projekt nicht, wie Zuckerman zugibt: Die Plattform wird zumeist erst dann konsultiert, wenn irgendwo ein Konflikt ausbricht. So berichtete Global Voices schon seit 2008 über die Entwicklungen in Tunesien – bis zur Jasminrevolution 2010 aber praktisch ohne Resonanz.

Die Filterbubble umkehren

Als dritten Ansatz schließlich denkt Zuckerman an ein Konzept names engineered serendipity. Darunter lässt sich soviel wie die technische Antwort auf die Filterbubble verstehen – Algorithmen, die nicht nur nach Ähnlichkeiten suchen und mehr als das empfehlen, was der soziale Graph nahelegt. Vorbild sind ihm hier die Stadtplanung und Konzepte wie das der Urbanistin Jane Jacobs. Durch diese werden – wenn der Ansatz gelingt – Mischungen und zufällige Begegnungen ermöglicht, statt geschlossene Bereiche abzuzirkeln. Sein Vorschlag klingt spannend, aber seine Schilderung bleibt hier noch etwas unkonkret.

So oder so: Man mag Zuckerman an einem Punkt zustimmen, am nächsten nicht. Seine Kunst aber liegt darin, wie er persönliche Erfahrungen mit Theorien verwebt, seine Argumente abwägt und man als Leser stets folgen kann, warum er sie vertritt. Seine desillusionierende Botschaft bringt ihn in die Nachbarschaft der Thesen Evgeny Morozovs, doch im Unterschied zu diesem fehlt bei Zuckerman zum Glück der denunziatorische Unterton.

Alte und neue Regulierung

Ganz anders wiederum der Ton in „Regulating Code”: Ian Brown und Christopher Marsden schreiben so auffällig distanzierte, nüchtern-akademische Texte, dass man den netzpolitischen Gehalt fast überliest. Man muss schon bereit sein, sich durch Erörterungen über ihren projektierten „vereinheitlichten Forschungsrahmen” und die allgegenwärtigen, penibel zusammengestellten Tabellen durchzuarbeiten. Dann aber bieten Brown und Marsden – der eine Informatiker und Forscher am Oxford Internet Institute, der andere Rechtsprofessor an der Uni Essex – eine Perspektive an, die viel dazu beitragen kann, Entwicklung und Irrwege in der Internetregulierung zu verstehen.

Wer beim Wort „Regulierung” schon nervös wird, sollte es übrigens nicht falsch verstehen: Auch die Selbstregulierung fassen sie darunter, gerade weil sie einen weitgehenden Verzicht auf staatliche Eingriffe darstellt. Und sie stellen sie zwei weiteren Modellen gegenüber: dem Souveränitätsansatz einerseits – sozusagen der staatlichen Holzhammermethode, besonders deutlich in Zensurbestrebungen erkennbar. Dem Koregulierungsmodell andererseits – in der Internet Governance als Multistakeholder-Ansatz bekannt, der Wirtschaft, Regierungen, Zivilgesellschaft und Forschung zusammenbringt. Für diesen lassen sie deutliche Sympathien erkennen.

Code is law, law is code

In fünf case studies untersuchen Brown und Marsden die Auseinandersetzungen über Regulierung in Datenschutz und Urheberrecht, bei Zensur, sozialen Netzwerken und Netzneutralität. Zu ihren Forschungsfragen gehört, wer die zentralen Akteure sind, welche Ergebnisse erreicht wurden, wie Menschen- und Bürgerrechte dabei eingeflossen sind, wie die Auswirkungen auf Wettbewerb und Allgemeinwohl waren.

Wie schon Lawrence Lessig („Code is law”), betonen sie die Wechselwirkungen von Code und Recht: So hat die Entwicklung und Verfügbarkeit von kryptographischen Verfahren oder von Peer-to-peer-Protokollen bis heute Auswirkungen darauf, welche Regulierungsmacht der Staat hat und wie er Informationsflüsse kontrollieren kann. Umgekehrt wirken regulatorische Maßnahmen – etwa Exportregeln oder die Durchsetzungspolitik im Urheberrecht – auf technische Entwicklungspfade und Möglichkeiten zurück.

„Regulating code”: Slides von Ian Brown und Chris Marsden
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Lobbynomics

In der Urheberrechtspolitik etwa machen sie als durchsetzungsstärkste Akteursgruppe die Rechteinhaber aus – was nicht heißt, dass sie auch die erfolgreichste wäre. Im Gegenteil, so schreiben sie: „Die großen Rechteinhaber haben fast zwei Dekaden damit verbracht, die Beschaffenheit des Internets und des Computers im Sinne von Geschäftsmodellen zu ändern, die auf der Knappheit von Kopien und der Kontrolle über sie basieren – mit wenig Erfolg”. So wurden die gerichtlichen Auseinandersetzungen um Napster – dem ersten weitverbreiteten Filesharing-System – eher zum Pyrrhussieg: spätere Systeme wurden ausgetüftelter, machten die Haftungsfrage schwieriger, die technische Entwicklung im legalen Bereich stand lange weitgehend still, damit auch die Entwicklung neuer Erlösmodelle für Urheber und Verwerter.

Weitgehend durchsetzen konnten die Rechteinhaber ihre Vorstellungen dagegen auf internationaler Ebene – etwa beim rechtlichen Schutz für Kopierschutz im Rahmen der WIPO-Verträge, später beim TRIPS-Abkommen. Zum Preis, die Zivilgesellschaft auszuschließen, die Wissenschaft weitgehend zu ignorieren und Entwicklungs- und Schwellenländer zu schikanieren, wie die Autoren festhalten. Erst mit dem Stopp von SOPA und ACTA ergab sich ein anderes Bild – ob auch eine Trendwende, lassen die Autoren offen. Am Ende zeige die Entwicklung der Urheberrechtspolitik jedenfalls, welchen Schaden eine an den lobbynomics einzelner Interessengruppen ausgerichtete Urheberrechtspolitik anrichten könne.

Ziel: Interoperabilität

Im Vergleich der jeweiligen case studies konstatieren die Autoren schließlich monopolistische Tendenzen in allen untersuchten Märkten, angetrieben durch Netzwerk- und Skaleneffekte: „Der Nutzer wird zum Gefangenen seines eigenen Tuns”. Dagegen erweise sich die Wettbewerbspolitik sowohl in den USA als auch in der EU als zu langsam und ineffektiv, etwa im Fall der Microsoft-Kartelluntersuchungen. Umso wichtiger wird für Brown und Marsden eine am Ziel der Interoperabilität ausgerichtete Regulierung, für die sie Ansätze im Interoperability Framework der EU-Kommission erkennen.

Solche Ansätze gelte es auszubauen, um offene Daten und offene Standards voran zubringen und die Meinungsfreiheit zu stärken. Statt langwieriger Kartellverfahren ziehen sie etwa in Erwägung, Must-carry-Regeln und Vorschriften zur Offenlegung von Schnittstellen auch auf Drittentwicklungen und die Protokolle von geschlossenen Plattformen auszuweiten. Die walled gardens von Amazon, Apple, Facebook und Google könnten damit geöffnet werden.

Mit ihrem Plädoyer, zivilgesellschaftliche Organisationen wie Creative Commons oder die Free Sotware Foundation etwa bei Standardisierungsfragen stärker einzubeziehen, wird ihre Advocacy-Perspektive noch deutlicher, die Brown auch in seiner Tätigkeit für die Open Rights Group und Privacy International einnimmt.

Wohin das Netz sich entwickelt

Mit „Regulating Code” setzen Brown und Marsden zugleich dort an, wo Zuckerman aufhört (oder anfängt): Dass es ein weltumspannendes, offenes Internet gibt, wird in „Rewire“ praktisch vorausgesetzt. Brown und Marsden zeigen, wie stark genau dieses weltumspannende, offene Internet ein Ergebnis regulatorischer Entwicklungen und Entscheidungen ist – wenn auch häufig gegen den erklärten Willen des Regulierers, aber als Folge des Wechselspiels von Code und Recht.

Interessant wäre es, die Perspektiven von Zuckerman, Brown und Marsden um die Auswirkungen des Überwachungs- und Spionageskandals zu erweitern (beide Bücher sind vor den Enthüllungen erschienen). Welche Folgen er auf Internet Governance und -Regulierung haben wird, lässt sich erst an Ansätzen erkennen. Ob das „Multistakeholder-Modell“ mit vagen Formeln wie „internet freedom“ noch so tragfähig ist wie bisher, muss sich erst erweisen. Auch ob Entwicklungen wie jetzt etwa in Brasilien das offene Internet erhalten oder zu einer Renationalisierung durch die Hintertür führen, scheint keineswegs ausgemacht. Jedenfalls: Sowohl Brown und Marsden als auch Zuckerman verdienen es, gelesen und weitergedacht zu werden.

Ethan Zuckerman: Rewire – Digital Cosmopolitans in the Age of Connection, Norton, 2013 , ca. EUR 18,95 (Print), EUR 17–19 (E-Book).

Ian Brown, Christopher T. Marsden: Regulating Code – Good Governance and Better Regulation in the Information Age, MIT Press 2013, ca. EUR 29,95 (Print), ca. EUR 20,72 (E-Book).

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