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February 14 2014

Volker Oppmann über die geplante Online-Bücher-Plattform Log.os: „Gemeinnützigkeit kann man nicht simulieren“

Unter dem Namen Log.os entsteht eine multifunktionale und gemeinnützige Lese-Plattform, auf der Nutzer digitale Bücher finden, lesen, kommentieren, empfehlen und diskutieren können. Volker Oppmann, einen der Köpfe des Großprojekts, erzählt, was dahinter steckt.

iRights.info: Herr Oppmann, in den Beschreibungen zu Log.os ist von einer „digitalen Universalbibliothek“ die Rede. Was ist damit gemeint?

Foto: Bernd Große

Volker Oppmann, selbständiger Verleger (Onkel & Onkel), gehört zum dreiköpfigen Vorstand des Log.os-Fördervereins. 2008 bis 2013 war er für das von ihm mit initiierte E-Book-Unternehmen Textunes tätig, das 2011 von Thalia übernommen wurde und aus dem er 2013 ausschied. Foto: Bernd Große

Volker Oppmann: Eine Bibliothek definiert sich über drei Kriterien: Die Sammlung, die Erschließung sowie die Zugänglichmachung von Inhalten. Unter Erschließung versteht man, dass man die Sammlung ordnet, katalogisiert und mit Schlagworten versieht, damit man einzelne Inhalte schnell wiederfindet. Für die Zugänglichmachung zuständig waren bisher die Bibliotheken, die man besuchen konnte, um dort vor Ort zu lesen oder um die Medien auszuleihen.

Im Grunde ist die Ausleihe nur ein Teilaspekt von Bibliotheken und bei Weitem nicht der Wichtigste. Aber alle drei genannten Kriterien werden heute durch Cloud-basierte E-Book-Angebote erfüllt, und genau so verstehen wir Log.os. „Universalbibliothek“ heißt es deshalb, weil es eine umfassende Sammlung sein soll, unabhängig von Sprache, Thema oder Herkunft, in die nicht nur Werke aus regulärer Verlagsproduktion Eingang finden, sondern auch Texte von Selfpublishern sowie Freie Inhalte.

iRights.info: Also auch Werke, die unter freien Creative-Commons-Lizenzen veröffentlicht sind? Etwa die im Bildungsbereich zunehmend populären „Open Educational Ressources“ (OER)?

Volker Oppmann: Definitiv ja. Nutzer interessieren sich für konkrete Inhalte, nicht dafür, woher sie stammen. Sie interessieren sich weder für buchhändlerische Bezugswege noch dafür, ob ein Titel lieferbar, vergriffen, verwaist, rechtefrei, Open Source oder was auch immer ist. Unsere Kernaufgaben im Dienste des Kunden sind folglich, sämtliche Inhalte verfügbar zu haben, zu gewährleisten, dass sie direkt genutzt werden können, sowie sicherzustellen, dass die jeweilige Rechtekette intakt ist und sauber abgebildet werden kann, so dass jeder zu seinem Recht kommt, also auch die Urheber und Verwerter.

iRights.info: Log.os möchte die Übermacht von Amazon brechen will, heißt es. Doch es ist offenbar gar kein Online-Buchhändler. Wie soll das funktionieren?

Volker Oppmann: Wir nehmen Amazon & Co. als Buchhändler wahr, dabei haben diese Anbieter im digitalen Bereich längst aufgehört Buchhändler zu sein. Anbieter von digitalen Inhalten sind zu kommerziellen Großbibliotheken geworden, die Inhalte auf ihren Servern sammeln, diese über Kataloge, Schlagworte und Algorithmen erschließen sowie die Inhalte über diverse Apps und Endgeräte zugänglich machen. Doch der Zugang ist nur möglich, solange man sich als Kunde innerhalb der proprietären Ökosysteme ihrer digitalen Bibliothek befindet.

Sie können die Inhalte von einem Kindle nicht in ein anderes System mitnehmen, etwa auf einen Tolino, denn Sie erwerben als Nutzer kein E-Book als Objekt, sondern nur ein Nutzungsrecht an einem Inhalt, der Ihnen in Form eines E-Books zur Verfügung gestellt wird. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zum gedruckten Buch, das dem Nutzer per Kauf gehört und mit dem er machen kann, was immer er will.

Das heißt, der einzige Unterschied, ob man einen E-Book-Anbieter subjektiv als Bibliothek oder als Shop wahrnimmt, begründet sich darin, ob man ein zeitlich befristetes oder ein zeitlich unbefristetes Nutzungsrecht erwirbt. Es handelt sich lediglich um eine kleine Variation im Geschäftsmodell und in der Preisgestaltung, die Systeme dahinter sind dieselben.

iRights.info: Log.os will kein Print- oder E-Book-Geschäft sein, sondern eine Online-Lese-Plattform, die den Zugang zu und den Umgang mit kommerziellen und freien Texten bietet. Wie wird das – aus Sicht des Nutzers betrachtet – konkret aussehen?

Volker Oppmann: Log.os orientiert sich an Elementen, die aus sozialen Netzwerken bekannt sind. Auf einer zentralen Startseite sind die Inhalte nach inhaltlichen „Channeln“ sortiert. Das sind zunächst einmal Filter, die sich beispielsweise an bekannten Genre-Einteilungen orientieren wie Krimi oder Science Fiction, aber auch an persönlichen Bibliotheken oder Leselisten von Nutzern – ähnlich wie bei Spotify oder Pinterest. Die Empfehlungen von Freunden können ein Channel sein oder Listen von Nutzern, denen man folgt wie bei Twitter. Darin kann man dann Rezensionen, Empfehlungen oder andere Postings lesen.

Neben der Übersichtsseite wird es zwei weitere Hauptansichten geben: eine Profilseite für Nutzer und eine Profilseite für Werke. Auf Nutzer-Seite verwalte ich meine Kontakte, meine Bibliothek und meine Leselisten. Ich verfüge dort über einen privaten beziehungsweise für andere freigegebenen „stream of consciousness“, der das anzeigt, was ich an meinen eigenen Aktivitäten protokollieren will. So entsteht ein Logbuch meiner eigenen „Literaturgeschichte“ sowie meiner Aktivitäten, Postings und Empfehlungen.

iRights.info: Das klingt nach dem, was man heute „Social Reading“ nennt…

Volker Oppmann: Log.os soll mehrere Ebenen bieten: die klassische, also anonyme Lese-Ansicht für die private Lektüre; eine Ebene für Social Reading, auf der ich mich mit Kommentaren und Diskussionen mit anderen Nutzern über den Text austauschen kann; aber auch eine Ebene, die Autoren beziehungsweise den autorisierten Mit-Autoren vorbehalten ist und ein Editieren des Textes erlaubt.

Daneben haben die einzelnen Werke eigene Profilseiten. Hier finden sich Informationen zu den individuellen Werken inklusive einer Übersicht über die jeweiligen Werkausgaben, analog wie digital.

Über das Profil-Prinzip, nutzerseitig wie werkseitig, und die Channel-Systematik lassen sich auf der Plattform alle möglichen Rollen abbilden. Dazu sind noch Anbindungen von weiteren Buchmarktteilnehmern in Planung, wie Verlagen, Buchhändlern und anderen. Daran arbeiten wir aber noch.

iRights.info: „Social Reading“ und die Netzwerk-Optionen ähneln dem Konzept der Plattform „Sobooks“, die seit Herbst vergangenen Jahres in der öffentlichen Betaphase operiert – was macht Log.os anders?

Volker Oppmann: Social Reading wird ja nicht nur von Sobooks umgesetzt – vernetztes Lesen und Interaktion sind wichtige Schlüsselbegriffe des digitalen Lesens. Die entscheidende Frage ist, wem dieser Wissens- und Datenschatz gehört, der hier quasi nebenbei erzeugt wird? Wir sind der festen Überzeugung, dass dieser Datenschatz keinem einzelnen Unternehmen, sondern der Gesellschaft gehören sollte. Doch das kann ein normales Wirtschaftsunternehmen nicht leisten, selbst wenn es das wollte, denn Gemeinnützigkeit kann man nicht simulieren.

Wir unterscheiden uns aber nicht nur im grundlegenden Ansatz, sondern auch in den weiteren Ausbaustufen des Projekts, da wir eben nicht nur ein endkundenseitiges Angebot bauen wollen, sondern als echte „multisided platform“ Wert schöpfen, indem wir eine direkte Interaktionen zwischen einzelnen Benutzergruppen über eine gemeinsame technische Infrastruktur ermöglichen. Also beispielsweise zwischen Lesern und Autoren, oder mit Buchhändlern und Verlagen sowie öffentlichen Institutionen, etwa Schulen, Universitäten oder Bibliotheken.

iRights.info: Sie wollen mit Log.os auch „Transparenz, Datensouveränität und Privatsphäre“ unterstützen. Führen derart absolut klingende Versprechen nicht zu überhöhten Erwartungen?

Volker Oppmann: Die Gefahr besteht durchaus, insbesondere wenn man Nutzer mit einem Ansolutheitsanspruch hat. Uns geht es insbesondere um Wahlfreiheit. Lesen Sie mal bei den Großen der Branche in den Geschäftsbedingungen, Lizenz- und Nutzungsbestimmungen nach. Sie haben heutzutage meistens nur die Wahl zwischen Zustimmung und Ablehnung – häufig stimmt man auch späteren Änderungen vorab zu. Wenn ich als Nutzer zu einem späteren Zeitpunkt diesen Bedingungen widerspreche, muss ich oft den Verlust meiner gesamten Daten hinnehmen – der Zugang zu meiner kompletten Sammlung wird versperrt.

iRights.info: Heißt das, Sie wollen Ihren Kunden eine Vielfalt an Lizenz- und Nutzungsmodellen zur Auswahl bieten?

Volker Oppmann: Unsere Kunden sollen sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt entscheiden können, etwa in ein anderes Nutzungsmodell zu wechseln. Alles andere wäre Erpressung.

Transparenz müssen wir darüber herstellen, was wann wo mit welchen Daten passiert und weshalb. Das betrifft beispielsweise das synchronisierte Lesen zwischen verschiedenen Endgeräten. Hierfür muss mich meine Lese-Software zwangsläufig beobachten und mein Leseverhalten protokollieren – doch das alles muss transparent sein.

Für die angesprochene Datensouveränität muss der Nutzer jederzeit die volle Kontrolle über seine Daten haben. Er allein entscheidet, wer was mit seinen Daten machen darf. Das fängt an bei Angaben zu Person, Adresse, Kontoverbindung, Kreditkartendaten, und geht über die vom Nutzer selbst generierten Inhalte, wie Rezensionen, Postings, Notizen, Anmerkungen, bis hin zu den Daten aus dem Nutzerverhalten, welche die Software protokolliert. Wir müssen unseren Nutzern garantieren, dass ihre Privatsphäre geschützt bleibt, etwa indem sie das Tracking und diverse Social-Reading-Funktionen deaktivieren oder ganz entfernen können.

iRights.info: Log.os setzt also eher auf Zielgruppen, die wenig oder gar keine Nutzungsdaten preisgeben wollen. Sehen Sie diese Nutzungsdaten also nicht als geschäftsrelevante Währung an?

Volker Oppmann: Nutzer, die gerne anonym und privat lesen möchten, müssen sich bei uns genauso zu Hause fühlen können wie Nutzer, die bereitwillig jede Leseerfahrung mit der Öffentlichkeit teilen. Beide Nutzergruppen werden aus einer Vielzahl an Angeboten und Bezahlmodellen wählen können.

In welcher „Währung“ jemand für die Nutzung der Inhalte anderer zahlt, das sei jedem überlassen. Sei dies nun ein fixer Betrag je Content-Einheit, ein wie auch immer gestaffeltes Abo beziehungsweise eine Flatrate, sei es in Aufmerksamkeit – Stichwort: Werbung – oder in Form seiner Daten. Wir würden Nutzerdaten aber allenfalls in anonymisierter Form verwerten, etwa durch nutzerspezifische Werbe-Einblendungen oder durch den Verkauf aggregierter Trend-Daten an Verlage, nicht jedoch durch den Weiterverkauf persönlicher Daten.

February 13 2014

LG München: Online-Buchhändler dürfen auch kleine Ausschnitte von Rezensionen nicht ohne Erlaubnis nutzen

Für die Übernahme von Ausschnitten einer Zeitungs-Rezension zur Bewerbung eines Buches auf ihrer Website müssen Online-Buchhändler bei den Zeitungsverlagen um Erlaubnis fragen. Das entschied gestern das Landgericht München im Streit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gegen den Online-Händler buch.de. Das Urteil könnte in die Buchbranche und darüber hinaus wirken.

Wirklich überraschend fiel das gestern verkündete Urteil des Landgerichts München I (PDF) nicht aus. Die meisten Beobachter erwarteten schon im Vorfeld, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Recht bekommen würde. Der Zeitungsverlag monierte mit seiner Klage, dass buch.de zahlreiche Ausschnitte von Rezensionen ungefragt und ohne Verwertungsrecht für seine Website aus FAZ-Publikationen übernahm, um diese als Werbung für die jeweiligen Bücher zu nutzen.

Der Online-Händler buch.de vertrat in seiner Verteidigung unter anderem die Auffassung, dass die verwendeten Passagen kurz und nicht individuell genug für urheberrechtlichen Schutz seien, berief sich auch auf angebliches Gewohnheitsrecht, weil Verlage und Buchhandel schon lange „branchenüblich“ solche Rezensionsausschnitte für die Werbung verwendeten, sowie auf das im Urheberrecht verankerte „Zitatrecht“.

Doch das Gericht gab dem FAZ-Verlag praktisch in allen Punkten Recht. buch.de muss die beanstandeten Rezensionsausschnitte von seiner Website entfernen und Schadensersatz in Höhe von rund 34.000 Euro bezahlen. Zudem müssen Online-Händler künftig Lizenzen für Rezensionen oder Rezensionsausschnitte erwerben.

„Auch kleinen Teilen eines Sprachwerks kommt urheberrechtlicher Schutz zu“

Für das Gericht steht außer Zweifel, dass auch der Ausschnitt und kurze Passagen einer Rezension für sich genommen urheberrechtlich geschützte Werke sind:

Die Urheberrechtsfähigeit ist auch bei bloßen Auszügen aus den betreffenden Artikeln anzunehmen, wenn sie einen gewissen Umfang erreichen und für sich gesehen selbständige persönliche Schöpfungen im Sinne des (§2 Abs. 2) Urheber-Gesetz darstellen Unter dieser Voraussetzung kann auch kleinen Teilen eines Sprachwerks urheberrechtlicher Schutz zukommen. Lediglich bei sehr kleinen Teilen – wie einzelnen Wörtern oder knappen Wortfolgen – wird ein Urheberrechtsschutz meist daran scheitern, dass diese für sich genommen nicht hinreichend individuell sind.

Bezug zum „Perlentaucher“-Verfahren

Hierbei bezieht sich das Landgericht ausdrücklich auf mehrere Urteile des Bundesgerichtshofes, etwa zum Streit um die Rezensions-Abstracts des Online-Magazins Perlentaucher (BGH NJW 2011, 761,767, Tz. 54 – Perlentaucher; BGH GRUR 2009, 1046 – Kranhäuser; EuGH 2009, 1041 – Infopaq; BGH NJW 1953 – Lied der Wildbahn I), der sich über insgesamt sechs Jahre und mehrere Instanzen hinzog und ebenfalls mit der schöpferischen Qualität einzelner Wörter und Formulierungen beschäftigte.

Nach Auffassung des Gerichts komme bei den fraglichen Rezensionen „die Individualprägung ihrer Urheber, die in feuilletonistischer Art und Weise die Originalwerke besprechen, so deutlich zum Ausdruck, dass ausreichendes individuell-schöpferisches Werkschaffem im Sinne von § 2 Abs. 2 UrhG festzustellen ist.“ Ausführlich setzt sich das Landgericht München in seiner Urteilsbegründung mit den Rezensionstexten auseinander, um anhand einzelner, auch kurzer Passagen zu erläutern, wie viel Eigenleistung der Journalisten darin stecke. Ein Beispiel:

Beispielsweise ist die Biographie Stefan Georges als ein Buch beschrieben, das so ‘frisch und frei‘ erzählt ist, das ‘bewusst in seinen Auslassungen‘ ist und sich folglich ‘atemlos‘ liest. Bereits in diesen wenigen Zeilen kommt die individuell-schöpferische Tätigkeiten des Journalisten zum Ausdruck, der sein Leseerlebnis, das durch die Klarheit des Buches geprägt ist, darstellt, wie es nur aufgrund eigenen persönlichen Erlebens möglich wird.

Weitere solcher Beispiele folgen. Zusammenfassend schreibt das Landgericht in seiner Urteilsbegründung:

Auch soweit Rezensionsauszüge enthalten sind, die eher kurz ausfallen, übernehmen diese aus den vollständigen Artikeln gerade die eigenschöpferischen, durch die Indiviualität der Journalisten geprägten Stellen, die in aller Regel gezielt Stilmittel enthalten und die persönlichen Erfahrungen bei der Lektüre des rezensierten Werkes samt der unweigerlich aufkommenden Emotionen wiederzugeben versuchen.

Online-Buchhandel zu jung, um Gewohnheitsrechte zu haben

Desweiteren geht das Urteil auch auf ein etwaiges Gewohnheitsrecht ein, das buch.de für sich geltend machen wollte. Hierzu stellt das Gericht fest, dass buch.de offenbar noch nie „Rechte zur Nutzung der streitgegenständlichen Rezensionsausschnitte erworben (habe).“ Und schreibt dazu weiter:

… die Beklagte beruft sich isoliert auf eine branchenübliche oder gewohnheitsrechtliche Übung, wonach die Rezensionsauszüge seit jeher auf Klappentexten und in sonstiger Werbung für belletretische Werke und Sachbücher verwandt worden seien, ohne einer Lizenzierung zu bedürfen. Diesbezüglich vermag sich die Kammer jedoch keine Überzeugung zu bilden, dass tatsächlich Gewohnheitsrecht entstanden ist.

Denn hierfür, so das Gericht, bedürfe es einer dauerhaften tatsächlichen Übung in der Rechtegemeinschaft, es müsse allgemein sein und auf der Rechtsüberzeugung der Rechtegemeinschaft beruhen: „Nach übereinstimmendem Vortrag der Parteien ist nämlich allenfalls seit 10 bis 15 Jahren überhaupt eine Verwendung von Rezensionsausschnitten im Online-Buchhandel zu verzeichnen, was ein für die Entstehung von Gewohnheitsrecht zu kurzer Zeitraum sein könnte.“

Diese Begründung mutet etwas kurios an, denn sie bedeutet im Klartext: Der Online-Buchhandel ist schlicht zu jung, um aus einer vom stationären Handel übernommenen und jahrelang offenbar nicht monierten Praxis auch das Recht der Online-Gewohnheit ableiten zu können.

Zitatrecht greift nicht mangels Zitatzweck

Schließlich weist das Gericht auch die Auffassung von buch.de zurück, die Rezensionsausschnitte seien durch das Zitatrecht abgedeckt. Hierfür fehle es den Rezensionsausschnitten schlicht an eigenem Text drumherum und damit einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Rezensionen als Zitatzweck. Stattdessen dienten die übernommenen Textpassagen allein der Werbung für das Buch auf der Händler-Website.

Dieses Urteil dürfte durchaus Folgen für die Buchbranche haben. Denn buch.de übernahm die Rezensionsausschnitte offenbar aus dem Vertriebs- und Vermarktungs-System des Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH (MVB), ein Tochterunternehmen des Gesamtverbands Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die MVB unterhält unter anderem das Verzeichnis Lieferbarer Bücher, kurz: VLB, an das der Großteil aller Buchhändler angeschlossen ist. Wohl aus diesem Grund traten die MVB sowie die Barsortimente Koch, Neff & Volckmar und Libri im Laufe des Verfahrens als sogenannte Streitheilfer an die Seite von buch.de.

buch.de ist nicht der einzige Abnehmer

Das heißt, offenbar sorgte und sorgt die MVB dafür, Rezensionsausschnitte in ihr VLB einzupflegen und buch.de ist nicht der einzige Abnehmer dieser Texte, für die es aber (bislang) keine Nutzungrechte gibt. Mehr noch: Nach diesem Urteil könnte sich die MVB gezwungen sehen, ihre gesamte Datenbank nach derartigen Rezensionstexten zu durchforsten – und alle angeschlossenen Buchhändler bitten, übernommene Texte von ihren Webseiten zu entfernen. Zumindest gingen entsprechende Meldungen bereits Ende letzten Jahres durch die Fachpresse, etwa im Börsenblatt des deutschen Buchhandels („VLB-Daten ohne Rezensionen“).

Allerdings hat die FAZ wohl auch schon im Vorfeld des Urteils eingelenkt, wie der Buchreport berichtete. Demnach will die FAZ eine lizenzfreie und ohne gesonderte Genehmigung  mögliche Nutzung von Auszügen aus Rezensionen gestatten, die „aus bis zu 25 aufeinanderfolgenden Wörtern“ bestünden. Das wäre eine Länge, die über den vom Landgericht München definierten Umfang hinausginge (siehe oben).

Zudem will die Zeitung es offenbar erlauben, dass diese Auszüge nicht nur auf Umschlagseiten und in Klappentexten  sondern eben auch für die Bewerbung der besprochenen Bücher im Internet verwendet werden dürfen. „Diese Praxis soll unabhängig vom Ausgang des Rechtsstreits zwischen FAZ und buch.de gelten“, zitiert das Börsenblatt ein Statement aus dem FAZ-Verlag. Im Gegenteil, so heißt es, die Frankfurter Allgemeine Zeitung freue sich über „die Wertschätzung ihrer Rezensionen durch die Buchbranche.“ In Anbetracht des gestern gesprochenen Urteils hätte dieses Einlenken etwas Höhnisches, auch gegenüber dem Münchener Landgericht.

Nicht zuletzt könnte das Urteil auch abstrahlen auf weitere Kulturbereiche. Erst im Oktober vergangenen Jahres wandten sich freischaffende Musiker, Kulturschaffende, Kulturvereine, Journalisten und Kulturfreunde an die Öffentlichkeit, um eine kostenlose Nutzung von Rezensionen auf ihren Webseiten zu erreichen. Das Münchener Urteil scheint die Durchsetzung ihres Anliegens zumindest nicht zu erleichtern.

January 31 2014

In eigener Sache: Was passiert, wenn wir die Kontrolle verloren haben?

Michael Seemann alias @mspro schreibt bis zum Sommer 2014 das Buch “Das neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust”. Das Thema ist spannend, will er doch neue Perspektiven zur Frage von Plattformneutralität und Strategien des gesellschaftlichen Umgangs mit dem digitalen Umbruch und seinen Folgen beleuchten. Seemann finanziert das Projekt dabei über die Crowdfunding-Plattform Startnext. Unser Verlag iRights.Media wird eine E-Book-Fassung des Werkes produzieren.

Im Untertitel zum Projekt spitzt Seemann zu:

Wir haben die Kontrolle verloren. Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren und sagen Dinge aus, auf die wir nie gekommen wären. Wir wurden in ein neues Spiel geworfen und niemand hat uns die Regeln verraten.

Und:

Der Kontrollverlust ist das Scheitern an falschen Erwartungen. Unser Handeln basiert immer noch auf der Erwartung einer Kontrolle, die es längst nicht mehr gibt. Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die wir nicht für möglich hielten und sagen Dinge aus, auf die wir nie gekommen wären. Mit anderen Worten: Wir wurden in ein neues Spiel geworfen und niemand hat uns die Regeln verraten.

Dass das Thema ankommt, zeigt die massive Unterstützung die Seemann bei seiner Crowdfunding-Kampagne erfährt. Nach wenigen Tagen war die Finanzierungsschwelle von 8.000 Euro erreicht, aktuell haben die Nutzer bereits über 17.000 Euro in das Projekt investiert. Heute endet die Frist. Seemann hat inzwischen mehrere Upgrades für das Buch versprochen. So soll es ein Hörbuch geben, geplant ist – wenn die Schwelle von 20.000 Euro erreicht wird – auch eine englischsprachige Fassung der wichtigsten Thesen des Buches. Der Erfolg lässt sich bereits in Zahlen messen: “Es ist jetzt schon das dritterfolgreichste Crowdfunding-Buchprojekt in deutscher Sprache”, so Seemann.

Hier kann man einen ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis werfen. Ein Thema liegt Seemann dabei besonders am Herzen, die Frage nach neuen Regeln für Plattformen, er nennt es “Plattformneutralität” In einem Interview mit Carta.info führt er dazu aus:

Mein Vorschlag der Plattformneutralität orientiert sich an der Idee der Netzneutralität. Als erstes muss es einen diskriminierungsfreien Zugang zu Plattformen geben, denn wenn sich dort vermehrt Gesellschaft abspielt, kann ein Ausschluss ein Ausschluss aus wichtigen gesellschaftlichen Zusammenhängen sein. Das ist gar nicht so einfach, weil Plattformen speziellen ökonomischen Gesetzen unterworfen sind, wie ich im Buch ausführen werde.
Darüber hinaus ist das Konzept der Plattformneutralität ebenso gut auf andere politische Bereiche übertragbar. Der ständig lauter werdende Ruf nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ist z.B. ein plattformneutraler Gedanke.

Wer die Entstehung dieses Buches unterstützen will, kann dies heute via Startnext noch tun. Neben verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten offeriert Seemann auch gewidmete Nudeln.

Unser Verlag iRights.Media begleitet Seemann bei diesem Projekt und wird auf jeden Fall zumindest die elektronische Fassung des Buches als E-Book produzieren und zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 2014 veröffentlichen.

January 07 2014

Schulbuch-o-mat: Neue Impulse für OER-Schulbücher

Das ehrgeizige Projekt Schulbuch-o-mat lenkte im August 2013 die Aufmerksamkeit auf Open Educational Resources – und steht für neue Impulse bei offenen Bildungsmedien. Zugleich löste es wegen seiner uneinheitlichen Lizenzierung Kontroversen in der Open-Source-Community aus. Die Initiatoren stellten sich der Kritik – und berücksichtigen diese für den nächsten, jüngst angekündigten Titel. 

Ein komplettes Schulbuch als freies Lernmittel oder auch Open Educational Resource (OER), das gab es bisher noch nicht in Deutschland. Diese Lücke schloss die erste Version von „Biologie 1, Klasse 7/8“, erschienen im August 2013. Es ist kostenlos als digitaler Download in einer Epub- oder PDF-Version verfügbar. Der Inhalt steht für jegliche Nutzung frei und kann weitgehend frei weiter verwendet werden.

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Hans Hellfried Wedding (links im Bild),­ Medien­produzent und Berater, und Heiko Przyhodnik, Biologie- und Sport-Lehrer, sind Gründer und Köpfe der Initiative Schulbuch-o-mat

Hinter dem Werk steht die Berliner Initiative Schulbuch-o-mat, die vom Medienproduzenten Hans Hellfried Wedenig und dem Biologie- und Sport-Lehrer Heiko Przyhodnik gegründet wurde. Ausschlaggebender Impuls dafür war laut Przyhodnik die Trägheit schulischer Bildungsmaterialien. Mit ihrer digitalen und offenen Alternative wollen sie Schülern, Eltern und Lehrern einen direkten, individuellen und kostenlosen Zugang zu Lehrmaterialien bieten. Und das sehr wohl lehrplangerecht: „Der Inhalt unseres Schulbuchs bietet hundertprozentige Deckung mit dem Berliner Lehrplan“, erzählt Hans Hellfried Wedenig.

Zur Kernidee gehört außerdem, ein freies Werk zu schaffen, das sich permanent erweitern und aktualisieren lässt. Die viel zu langen Produktionszyklen der Verlagsbranche sind in Zeiten von Wikipedia und mobilem Internetnutzung längst nicht mehr zeitgemäß.

Per Crowdfunding-Kamapagne zum Ziel

Ihr Ziel erreichten die beiden mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne  auf der Plattform Startnext. Innerhalb von vier Monaten stellten insgesamt 236 Unterstützer die projektierten 10.000 Euro zur Verfügung. Diese flossen zum Teil in die konkrete Umsetzung mit Hilfe des Lübecker Autorensystem LOOP, einer Anpassung der Open-Source-Software Mediawiki. Doch weil vielen Lehrern und potentiellen Mitwirkenden die Arbeit in einem Wiki zu komplex war, entschieden Wedenig und Przyhodnik – um den versprochenen Veröffentlichungstermin zu halten – Texte aus freien amerikanischen Biologie-E-Books zu nutzen. So floss ein Teil der Crowdfunding-Gelder in die Übersetzung des US-Content.

Doch die herausgebende Foundation CK–12 veröffentlicht ihre Texte in der freien Creative-Commons-Lizenz „Non Commercial“, kurz NC. Und das bedeutet, sie dürfen nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden. Daher stehen die Biologie-1-Texte der 1.0-Version komplett unter der Creative-Commons-Lizenz „CC BY-NC-SA“. Die Abbildungen wiederum stehen unter der Lizenz „CC BY-SA”.

Kritik an unterschiedlichen Lizenzen

Diese Einschränkung brachte den Schul­buch-o-mat-Machern einige Kritik ein – von erklärten OER-Befürwortern. Denn aufgrund der NC-Lizenz könne der Content zum großen Teil nicht in die Wikipedia übernommen werden. Zudem sei es mit NC nicht möglich, frei verfügbare Inhalte in kommerzielle Produkte zu überführen, was den oft ehrenamtlich und auf Vorleistungen beruhenden OER-Projekten wichtige Refinanzierungswege ebnet. Mithin sei das Schulbuch-o-mat-Buch mit NC-lizensierten Texten kein sortenreines OER-Projekt und könne nicht als Vorzeigeprojekt dienen. Manche betrachteten es als gescheitert, auch weil der Projektverlauf nicht hinreichend kommuniziert worden sei.

Biologie1 Version1.1

Der Schulbuch-o-mat-Titel „Biologie 1“ in Version 1.1

Die Initiatoren nahmen die Kritik an. Zugleich rieten sie, Energie nicht nur für OER-Grundsatz-Debatten aufzuwenden, sondern aktiv an den Bearbeitungen und Erweiterungen von Lehr- und Lernunterlagen mitzuwirken: „Das würde der Gesamtbewegung und den Beteiligten in ihrem täglichen Schulleben tatsächlich helfen.“

Zudem wiesen sie darauf hin, dass die Lizenzen kapitel- oder abschnittsweise definiert und austauschbar seien. Tatsächlich erschien Ende Oktober die Version 1.1, in der die Texte des sechsten Kapitels nun unter CC BY-SA lizenziert sind – ohne das einschränkende NC.

Über 5.600 Downloads nach zweieinhalb Monaten

Parallel dazu zogen die Initiatoren auf ihrer Website öffentlich eine erste Bilanz: Zweieinhalb Monate nach der Veröffentlichung sei die Version 1.0 über 5.600-mal heruntergeladen worden, davon rund 2.000 in der iPad-Version, die ein dem Projekt wohlgesinnter Lehrer aus Düsseldorf mit seinen Schülerinnen und Schülern der Klassen sieben und höher erstellte.

Neben dem zählbaren Nutzer-Interesse weckte das OER-Buch auch die Aufmerksamkeit der Bildungsbranche. So berichteten das RBB-Fernsehen und Deutschlandradio, aber auch Fachmedien wie beispielsweise Buchreport und zahlreiche Lehrer- und Bildungsmagazine. Die Bundeszentrale für politische Bildung lud die Protagonisten zu einer Podiumsrunde bei der Frankfurter Buchmesse ein.

Aufgeschlossen bis gereizt reagierten die großen Schulbuchverlage auf die digitale Konkurrenz. Generell würden sie Schulbuch-o-mat als Wettbewerber auf dem Lehrmedien-Markt begrüßen. Doch die Aufgabe, alle Bundesländer verlässlich mit qualitativ hochwertigen, rahmenplan-konformen Titeln zu beliefern, überfordere die Open-Source-Methode, gemeinschaftlich an einem Schulbuch mitzuwirken.

Das Schulbuch als kollektiver, immerwährender Prozess

Doch genau darum geht es Wedenig und Przyhodnik: die sukzessive Weiterentwicklung des Werkes als kollektiver, immerwährender Prozess. Über praxiserfahrene Lehrkräfte hinaus integrieren sie auch Schülerinnen und Schüler, damit diese sich mit den Themen auseinandersetzen und auf ihre Art und Weise zum Buch beitragen können.

So führen sie im Herbst in Berlin sogenannte Schulbuch-Hacking-Days durch, gefördert von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. In eintägigen Workshops entwickeln sie zu einzelnen Buchabschnitten mit den Schülern neue Inhalte, etwa Videos, in denen Schüler sich gegenseitig bestimmte Themen erklären, die sie zuvor erarbeitet haben. Geplant ist, die neuen Inhalte innerhalb der Workshops direkt in das aktuelle Werk hinein zu veröffentlichen.

Und auch das ist für Schulbücher etwas ganz Neues.

Update: Am 5. Januar kündigte die Initiative Schulbuch-o-mat an, im Juni 2014 den nächsten Titel der Schulbuchreihe zu veröffentlichen: „Sicherung und Weiterentwicklung der Demokratie“. Er bezieht sich auf das Fach Politik/Wirtschaft für die Sekundarstufe 1 in Realschulen und Gymnasien sowie auf den Lehrplan von Nordrhein-Westfalen. Hierin sollen alle Inhalte CC BY-SA lizenziert sein, heisst es auf der Schulbuch-o-mat-Website.

HenrySteinhauPortraet2013_1700x1350 swHenry Steinhau arbeitet als freier Medien-Journalist und Autor in Berlin und gehört zur Redaktion von iRights.info. Veröffentlichungen in iRights.info, Medium Magazin, PUBLIK, Blickpunkt:Film, Annual Multimedia und weiteren. Zudem ist er tätig als Vortrags-Referent, Live-Moderator und seit mehreren Jahren Lehrbeauftragter für Journalismus-Grundlagen und Textkompetenz an Universitäten und Hochschulen.

Dieser Text ist auch im Magazin „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ erschienen. Sie können das Heft für 14,90 EUR bei iRights.Media bestellen. „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ gibt es auch als E-Book, zum Beispiel bei Amazon*, beim Apple iBook-Store* oder bei Beam (* Affiliate-Link).

November 19 2013

Faire Entscheidung dank Fair Use

Google verletzt nicht die Rechte von Autoren und Verlagen, indem es deren Bücher einscannt und auszugsweise zugänglich macht. Das hat am Donnerstag ein New Yorker Gericht unter Berufung auf die amerikanische Fair Use Doktrin entschieden. Ein Erfolg für die Informationsfreiheit, der jedoch die Durchsetzbarkeit von Urheberrechten bei neuen Verwertungsmodellen in Frage stellt. 

Viele Internetnutzer kennen und lieben Google Books. Dort können sie eine gigantische Datenbank von mittlerweile über 20 Millionen Büchern nach Stichworten durchsuchen, und neben den Angaben zu Buchtitel, Verlag, Autor usw. auch Auszüge aus den gefundenen Werken („Snippets“) lesen. Der Service wird rege genutzt, doch nur wenige, die in dem digitalen Archiv stöbern, wissen, dass das Google Book Project (GBP) Gegenstand eines erbitterten Gerichtsverfahrens ist, das sich bereits über acht Jahre zieht.

Im Jahr 2005 gingen eine Reihe einzelner Autoren und die „Authors Gilde“ in den USA gegen Google vor, weil sie fanden, dass die Nutzung von Büchern im Rahmen des GBP ihre Urheberrechte verletze. Google habe Millionen von Büchern eingescannt, digitale Kopien an Bibliotheken weitergegeben, Bücherinformationen auf seiner Webseite gezeigt, und Textabschnitte zugänglich gemacht. All das sei ohne die Zustimmung der Rechteinhaber erfolgt. Und Google sei auch nicht bereit, Autoren und Verlage für diese Nutzung zu bezahlen.

Zähe Verhandlungen seit 2005

Drei Jahre nach Prozessbeginn schlossen die Parteien einen Vergleich, der unter anderem einen zentralen Rechte-Wahrnehmungsmechanismus vorsah. Damit wollten sie Vergütungsansprüche für Rechteinhaber schaffen, ohne dass Google für jedes einzelne Werk Nutzungsrechte erwerben oder sichern müsste. Da es sich um eine so genannte Sammelklage handelte, hätte sich der vorgeschlagene Vergleich grundsätzlich auch auf Werke ausgewirkt, deren Rechteinhaber mit der Überlassung an Google nicht einverstanden gewesen wären. Solche Rechteinhaber hätten ihre Bücher allerdings im Einzelfall vom Vergleich ausschließen können („Opt-Out“). Trotz dieser Möglichkeit des Opt-Outs war der Vergleich auf vehemente Kritik gestoßen, unter anderem von Seiten europäischer Rechteinhaber, die behaupteten, dass ihre Interessen  nicht angemessen berücksichtigt würden.

Tatsächlich brachte der Vergleich einige rechtliche Probleme mit sich. Insbesondere war fraglich, ob die Sammelklage – und damit der Vergleich – die betroffenen Personenkreise hinreichend eindeutig identifizierte (sogenannte „Class Certification“). Dies bestätigte schließlich der zuständige Richter am Federal District Court for the Southern District of New York nach Vorlage einer modifizierten Vergleichsversion von Ende 2009. Die Entscheidung wurde indes Anfang Juli 2013 vom Berufungsgericht auf Googles Einspruch hin kassiert; dem District Court wurde nun aufgegeben, zunächst zu prüfen, ob Googles Gebrauch der Bücher nicht bereits nach der amerikanischen Fair Use Doktrin gerechtfertigt sei, in welchem Fall das Problem der Class Certification und letztlich die Sammelklage sich ohnehin erledigt hätten.

Das Urteil des District Court: Google haftet nicht für Urheberrechtsverletzung

Vor diesem Hintergrund musste der District Court nun eingehend prüfen, ob die angeblichen Urheberrechtsverletzungen durch die Prinzipien des Fair Use gerechtfertigt sind. Tatsächlich berührt das GBP mehrere zum Urheberrecht gehörende Rechte, namentlich die Rechte zur Vervielfältigung, zur Verbreitung und zur öffentlichen Darstellung („Public Display“). Fair Use stellt eine sogenannte “affirmative defense” dar: Wenn eine Handlung, die die genannten Rechte eigentlich verletzt, als Fair Use angesehen wird, gilt sie als rechtmäßig, und die Inhaber der Rechte an den betroffenen Werken können weder Unterlassung noch einen finanziellen Ausgleich verlangen.

Generell ist Fair Use eine im US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz verankerte, offen ausgestaltete Ausnahmeregelung, deren Anwendbarkeit vom Einzelfall abhängt. Ob eine Handlung Fair Use ist, wird mittels einer Abwägung von vier Faktoren beurteilt. Maßstäbe für die Bewertung der Nutzung sind: der Zweck und die Art der Nutzung – wobei es maßgeblich darauf ankommt, ob diese „transformative“ (also umgestaltend) ist -, die Art des geschützten Werkes, das Ausmaß der Nutzung im Vergleich zu dem gesamten Werk, und die Auswirkung der Nutzung auf potenzielle Märkte und Verwertungsmöglichkeiten oder auf den kommerziellen Wert des Werkes.

Zunächst schilderte der District Court ausführlich die Vorteile des GBP für Wissenschaftler, Bibliotheken, Menschen mit Lesebehinderungen und für die Allgemeinheit. Die vier Fair Use-Faktoren würden alle in eine für Google günstige Richtung weisen: Die Nutzung sei „highly transformative“, weil die Indexierung von Bücher und Texten diese für Leser und Wissenschaftler auffindbar gemacht habe. Zudem seien die Bücher durch die Digitalisierung zu elektronisch nutzbaren und nützlichen Quellen für Textanalyse oder Data Mining geworden. Darüber hinaus könne das Anzeigen von Snippets das Lesen des vollständigen Buches nicht ersetzen.

Kommerzielle Motive nicht maßgeblich

Die Tatsache, dass Google profitgetrieben sei, sei im Ergebnis nicht maßgeblich. Fair Use setze eine nicht-kommerzielle Nutzung nicht zwingend voraus. Jedenfalls habe Google die digitalen Scans nicht verkauft, und auf den Google Books-Seiten sei keine Werbung geschaltet. Die Nutzung sei also bloß indirekt kommerziell. Google habe zwar gesamte Bücher eingescannt und verwertet, aber auch dies schließe Fair Use nicht von vornherein aus. Schließlich habe das GBP keine negativen Auswirkungen auf das Verwertungspotenzial geschützter Werke, da bestehende Märkte für Bücher nicht beeinträchtigt würden. Vielmehr habe Google den Verkauf von Büchern sogar gefördert, weil eventuelle Käufer zuweilen erst durch Google Books davon erfahren würden, dass bestimmte Werke überhaupt existieren.

Google hafte auch nicht für die Überlassung von digitalen Kopien an Bibliotheken. Die Bücher seien ohnehin im Besitz der Bibliotheken, und Google habe den Bibliotheken die Scans lediglich zur Verfügung gestellt, damit diese sie zu Zwecken verwenden könnten, die ihrerseits Fair Use darstellten – also zum Beispiel zur elektronischen Indexierung ihrer Bestände. Im Ergebnis hat das Gericht nach Anwendung aller Fair Use-Maßstäbe zu Gunsten von Google entschieden und die Nutzung im Rahmen des GBP ohne Einschränkung als Fair Use anerkannt.

Wie ein roter Faden ziehen sich durch das gesamte Urteil Verweise auf die Vorteile des GBP für die Wissenschaft und die Informationsgesellschaft insgesamt. Der Zweck des Urheberrechts, wie er bereits in der Verfassung der Vereinigten Staaten verankert ist, sei die Förderung des kreativen Schaffens, wovon die Allgemeinheit schließlich profitieren solle. Das Gericht hat das GBP als technologisches Instrument betrachtet, das genau diesem Zweck diene, und daher nicht durch Verbotsrechte gehemmt werden sollte.

Für Google hätte das Verfahren nicht besser ausgehen können. Seit Anfang des Rechtsstreits hatte das Unternehmen mit Nachdruck versucht, gemeinsam mit Rechteinhabern ein Vergütungsmodell zu erarbeiten, wohlwissend, dass die Fair Use-Verteidigung allein möglicherweise nicht ausreichen würde. Nach Scheitern der Vergleichsverhandlungen und mit dem nun ergangenen Urteil hat Google kaum noch Gründe, Autoren für die Nutzung ihrer Werke zu kompensieren.

Technologieentwickler schaffen innovative Nutzungsarten für Werke und damit neue Verwertungsmöglichkeiten. Die Botschaft des District Courts ist klar: Von dem neuen Geldtopf profitieren zunächst diejenigen technologisch kompetenten Unternehmen, die solche Nutzungsarten entwickeln und auf den Markt bringen. Im Fair Use-Jargon sind zum Beispiel Nutzungen wie die Anzeige von Snippets oder verkleinerten Versionen von Bildern (Thumbnails) in den Suchergebnissen einer Suchmaschine hochgradig umgestaltend und deshalb legitim.

Gesetzgeberische Lösung und internationale Kooperation sind erwünscht

Vor diesem Hintergrund ist der Frust der Rechteinhaber nachvollziehbar. Schließlich genießen sie kraft Gesetzes Rechte an den Werken, die Gegenstand all dieser neuen Nutzungsarten sind. In einer Pressemitteilung hat die Autorengilde bereits angekündigt, in Berufung gehen zu wollen. Viel mehr können Autoren und Verlage augenblicklich nicht tun, selbst wenn sie sich in Teilen der Erde befinden, wo es einen Rechtsbegriff wie Fair Use überhaupt nicht gibt.

An den Vorteilen des GBP für Forscher und Leser kann nicht gezweifelt werden. Dessen Potenzial ist aber noch viel größer: Technisch betrachtet kann Google mit einem Knopfdruck diesen ganzen Wissensschatz nicht nur auszugsweise, sondern sogar im Volltext für alle Internetnutzer zugänglich machen. Dies würde allerdings den Rahmen des Fair Use sprengen, weshalb die Vision einer globalen Online-Bibliothek weiterhin utopisch scheint.

Der Weg bis zur Verwirklichung des Gesamtpotenzials der Bücherdigitalisierung ist noch lang. Massengerichtsverfahren und privatrechtliche Vereinbarungen scheinen der falsche Weg zu sein. Vielmehr sollte es eine gesetzgeberische Lösung geben, in der auch den Ansprüchen der Rechteinhaber Rechnung getragen wird. In Anbetracht der grenzübergreifenden Auswirkungen einer solchen Lösung, und hinsichtlich der erwünschten Beteiligung von möglichst zahlreichen Autoren am Projekt, werden dabei eine internationale Zusammenarbeit und wahrscheinlich auch völkerrechtliche Lösungsansätze unentbehrlich sein.

Zohar Efroni ist in New York zugelassener Rechtsanwalt und forscht zu Immaterialgütern und Internetrecht. Er ist Lehrbeauftragter an der juristischen Fakultät der Humboldt Universität in Berlin und an der Dualen Hochschule Baden Württemberg in Stuttgart.

November 06 2013

Die zynischsten, räuberischsten, raffgierigsten Copyright-Regelungen des Universums

Im Interview erzählt Science-Fiction-Autor und Listen.com-Gründer Rob Reid, wie er auf die Idee kam, einen Roman über Copyright und Aliens zu schreiben. Was ist das Problem mit den Urheberrechten auf der Erde, und wie können Kreative Geld verdienen? 

Rob Reids Roman „Galaxy Tunes“ ist letztes Jahr in den USA unter dem Titel „Year Zero“ erschienen, in diesem Herbst jetzt auf Deutsch. Es geht um Aliens, die die Erde zerstören wollen – soweit nicht außergewöhnlich für einen Science-Fiction-Roman. Und es geht um Urheberrechte, Anwälte und Musik. Der Roman befindet sich in der Tradition von Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ und ist ein wilder Ritt durch Alien-Kulturen, die auf Reality-TV und Popmusik stehen. iRights.info hat ein E-Mail-Interview mit dem Autor geführt.

Rob Reid

Rob Reid ist Autor, Unternehmer und „Urheberrechtsmathematiker”. Seine Firma listen.com baute den Streamingdienst Rhapsody mit auf. Als Autor schreibt er unter anderem für Wired und veröffentlichte die Bücher „Architects of the Web” und „Year One”. Foto: (c) Jeff Lorch

iRights.info: Was war der Ausgangspunkt für das Buch? Wie kamen Sie darauf über Copyright und Lizenzen zu schreiben? Das ist nicht unbedingt ein naheliegendes Thema für einen Roman.

Rob Reid: Ich habe einen etwas ungewöhnlichen Hintergrund für einen Science-Fiction-Autor. In meiner Freizeit bin ich High-Tech-Unternehmer. Im Laufe der Jahre gründete ich eine Reihe von High-Tech-Firmen, in andere investierte ich Geld. Eine davon war Listen.com. Die habe ich 1999 in San Francisco gegründet und einige Jahre geleitet.

Wir brachten damals einen Dienst namens Rhapsody an den Start. Das war der erste Online-Service, der den gesamten Musikkatalog der großen Labels lizenziert hatte – zusätzlich zu hunderten von Independent-Labeln. In den USA ist Rhapsody neben Spotify einer der größeren Anbieter. Wir haben zehn Jahre vor Spotify angefangen – Spotify ist aber inzwischen mehr als zehn Mal so groß.

Durch meine Arbeit bei Listen.com kam ich in Kontakt mit der Welt der Plattenfirmen, und dadurch zum Thema Copyright und Lizenzen, und dem ganzen wahnsinnigen Lobbyismus, der auf den unterschiedlichen Regierungsebenen passiert.

iRights.info: Wieso haben Sie entschieden über dieses Thema einen Science-Fiction-Roman zu schreiben und nicht zum Beispiel eine Reihe von journalistischen Essays?

Rob Reid: Ich war als Kind ein großer Science-Fiction-Fan, und wie die meisten Kinder fand ich Außerirdische ziemlich cool. Aber in jeder Geschichte, die ich las, waren die Außerirdischen uns Menschen technisch und moralisch unendlich überlegen – sie benahmen sich uns gegenüber geringschätzig und waren nicht besonders an unserer Kultur interessiert. Entweder machten sie uns Vorhaltungen, wie grässlich zurückgeblieben wir waren oder sie kamen, um ihre schleimigen Tentakel auf unsere Bodenschätze oder ähnliches zu legen.

Ich dachte immer, wäre es nicht toll, wenn die Außerirdischen auch mal uns großartig finden würden? Aber womit könnten wir die Außerirdischen beeindrucken? Technik fällt aus, weil sie ja das Universum überquert hätten, um uns zu besuchen, während wir kaum über den Mond hinauskommen. Mode könnte es auch nicht sein – schauen Sie sich an, wie wir uns anziehen.

Schließlich – so vor zehn Jahren – kam es mir: Vernunftbegabte Außerirdische müssten unsere Musik lieben. Aber wozu Außerirdische in einem Roman auftauchen lassen, wenn sie nicht die Erde zerstören wollen? Ich war in einem Dilemma: Auf der einen Seite Außerirdische, die unsere Musik liebten, aber auf der anderen Seite über irgendetwas so sauer waren, dass sie unsere Zivilisation vernichten wollten.

Irgendwann fiel es mir ein: Unsere Urheberrechtsgesetze! Genauer gesagt, ich ließ die Außerirdischen beschließen, dass wir die „zynischsten, räuberischsten, raffgierigsten Copyright-Regelungen, die je eine Gesellschaft sich gegeben hatte, im ganzen Universum seit Beginn unserer Zeit“ besaßen. Wenn Sie sich das so überlegen, ist es eigentlich schwer zu glauben, dass es nicht mehr Science-Fiction-Geschichten über die Copyright-Gesetze gibt, oder?

iRights.info: Copyright ist im Augenblick eine ziemlich umkämpfte Angelegenheit. Zugespitzt gibt es ja zwei Lager: Auf der einen Seite die Rechteinhaber, die alles urheberrechtlich schützen wollen, und auf der anderen Seite eine Netzcommunity, die alles frei im Netz zugänglich haben wollen. Auf welcher Seite stehen Sie?

Rob Reid: Ich wurde von Leuten auf beiden Seiten der Debatte als irre bezeichnet, was ein ziemlich gutes Zeichen dafür ist, dass ich zu den Gemäßigten gehöre. Ich glaube daran, dass Kreative für ihre Arbeit bezahlt werden sollten, und dass Künstler – egal in welchem Genre – Musik, Theater, bildende Kunst und so weiter – in eine wirtschaftliche Beziehung mit ihrem Publikum treten sollten, damit sie ihr Leben der kreativen Arbeit widmen können.

Aber ich glaube auch, dass die Rechteinhaber den Gesetzgebungsprozess in einem nicht mehr vertretbaren Ausmaß übernommen haben, was zu unhaltbaren gesetzlichen Regelungen und Urteilen geführt hat. Zum Beispiel: in den USA kann man, wenn man eine einzige Kopie eines Songs illegal ins Internet stellt, haftbar gemacht werden und zwar mit bis zu 150.000 US-Dollar. Das entsprechende Gesetz wurde vom US-Kongress einstimmig angenommen. Zum Vergleich: Im Bundesstaat Kalifornien, wo ich lebe, ist die Höchststrafe für Autofahren unter Alkoholeinfluss 1.000 Dollar. Das steht in keinem Verhältnis.

iRights.info: Viele Künstler sind – zu Recht, schaut man sich die Statistiken an – besorgt, wie sie in der digitalen Welt noch Geld verdienen können. Was würden Sie ihnen raten?

Rob Reid: Der beste Weg, um mit illegalen Angeboten zu konkurrieren, ist es ein tolles Produkt zu einem fairen Preis anzubieten und es in einer Umgebung anzubieten, die illegalen Angeboten überlegen ist. Das war unser Vorgehen bei Rhapsody. Wir geben Dir alle Musik der Welt, wann Du willst und wo du willst, für 10 Dollar im Monat. Man muss schon komplett pleite sein oder aus ideologischen Gründen illegal downloaden wollen, um unlizenzierte MP3 einzeln im offenen Internet zusammenklauben zu wollen.

Ich glaube, E-Book-Shops bieten einen ähnlichen Nutzwert an. Es ist unglaublich einfach, ein E-Book zu kaufen und auf einen Kindle, ein iPad oder ein anderes Gerät herunterzuladen. Der Preis beträgt normalerweise nur einen Bruchteil des physischen Buchs. Die meisten Leute haben gar keine Zeit und Lust, unautorisierte Dateien im Netz zu suchen und dann mit der schrecklichen Formatierung klar zu kommen. Was diejenigen angeht, die es sich wirklich nicht leisten können, E-Books zu kaufen oder Streaming-Dienste wie Rhapsody zu abonnieren – sie würden diese Inhalte auch sonst nicht kaufen. Das heißt, wenn sie weiterhin illegal downloaden, hat das meiner Meinung nach keinerlei Auswirkungen auf den Umsatz.

iRights.info: Die Musikindustrie war als erste von den Veränderungen der Digitalisierung betroffen. Können die anderen Kreativindustrien – also etwa Verlagswesen oder Filmindustrie – etwas von ihr lernen?

Rob Reid: Auf jeden Fall – und in vielen Fällen ist das auch passiert. Der größte Fehler, den die Musikindustrie gemacht hat, war dass sich die Labels geweigert haben, ihre Musik überhaupt online zu lizenzieren – nachdem es schon jahrelang illegale Angebote gab. Das heißt, dass die Leute, die die Vorteile digitaler Musik nutzen wollten, gar keine Alternative zu Raubkopien hatten. Fast vier Jahre lang haben Millionen von Nutzern gelernt, wie man schnell und einfach Raubkopien machen kann – und im Laufe dieser vier Jahre hat sich auch das schlechte Gewissen verflüchtigt. Man gewöhnt sich leichter dran, das Gesetz zu brechen, wenn das Produkt legal nicht erhältlich ist – und genau diese Situation hat die Musikindustrie selbst erzeugt.

Die Buchverlage und die Fernseh- und Filmindustrie haben daraus eine wichtige Lektion gelernt. Als die digitale Infrastruktur robust genug wurde, um E-Books und Video-on-Demand zu erlauben, sind sie auf den Markt gegangen – mit guten Produkten und zu fairen Preisen. In den meisten Fällen sind die Nutzungsumgebungen der legalen Shops sehr viel angenehmer als die illegalen Alternativen, so dass anspruchsvolle Kunden raubkopierte Angebote größtenteils ignorieren.

iRights.info: Was sind Ihre nächsten Pläne? Was wird das Thema Ihres nächsten Romans? Ein Spionagethriller über Abhörskandale vielleicht?

Galaxy Tunes von Rob ReidRob Reid: Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe vor kurzem einen Filmvertrag für „Galaxy Tunes“ unterzeichnet. Ich erwarte, dass das die nächsten Monate meines Lebens dominieren wird. Ich kann noch keine Einzelheiten erzählen, außer dass ich am Drehbuch mitschreiben werde, worüber ich mich sehr freue.

Rob Reid, Galaxy Tunes ist bei Random House/Heyne erschienen. Aus dem Englischen von Bernhard Kempen. Taschenbuch: 9,99 Euro, E-Book: 8,99 Euro.

October 10 2013

„Im Sog des Internets“: Liberale Denker und Wissenschaftler über Öffentlichkeit und Privatheit

Ein neuer Sammelband widmet sich der Privatsphäre, ihren Grenzen und deren Schutz in der digitalen Welt. In typisch wissenschaftlicher, aber nur vereinzelt schwer verdaulicher Manier geht es den Autorinnen und Autoren in acht klugen, gut aufeinander abgestimmten Texten weniger um endgültige Antworten, stattdessen um die Abwägung von Thesen und historische Entwicklungen. So bietet der Band einer breiten Leserschicht Basiswissen.

Die Veröffentlichung dieses Buches geriet mitten in die Debatten um die Abhörpraktiken von NSA, GCHQ & Co. und kommt sozusagen zum richtigen Zeitpunkt. Das zugehörige Forschungsprojekt „Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter“, angesiedelt am „John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung” der privaten SRH-Hochschule Heidelberg und dem Arbeitsbereich „Public History” der Uni Heidelberg, begann allerdings schon 2012, weit vor den jüngsten Enthüllungen.

Acht Aufsätze, viele richtige Fragen

Genau für die jetzt wichtige Diskussion über gesellschaftliche Grundsatzfragen bietet sich das vorliegende Buch an: mit wissenschaftlichen und politischen Betrachtungen wie Bewertungen von Privatheit und Öffentlichkeit im Lauf der jüngeren Geschichte und aus heutiger Sicht. Die insgesamt acht Aufsätze und verschriftlichten Vorträge stellen zum Ausgangsthema konkrete und viele richtige Fragen: Etwa, wie sich unser aller Verständnis von Privatheit und unser Umgang mit ihr in den vergangenen Jahrzehnten änderte; oder ob es jetzt neuer Spielregeln bedarf, etwa neuer Gesetze.

Privatsphäre als zu erstreitendes Recht

Zum Auftakt analysiert Max-Otto Baumann die Unterschiede in den Positionen der bis September im Bundestag vertretenen Parteien zum Datenschutz und zum Schutz der Privatsphäre in Web 2.0 und sozialen Netzwerken. Diesen Schutz betrachtet Baumann als eine Aufgabe, die nur die Politik verbindlich lösen könne. Die dazu von ihm geleitete Forschung bezieht sich zwar auf die Positionen der letzten schwarzgelben Bundesregierung und des Oppositionslagers aus SPD, Grünen und Linken. Gleichwohl sind die Analysen hilfreich und die Erkenntnisse und Schlüsse dazu noch nicht überholt. Baumann betont, dass trotz abweichender Haltungen der politischen Lager zu Datenschutz und Privatsphäre für die moderne Gesellschaft eine übergeordnete Herangehensweise erforderlich sei.

Doch solch ein Konzept, das jenseits politischer Machtkonstellation langfristig tragfähig wäre – Baumann schlägt hierfür als Trägerfrequenz die politische Idee des Liberalismus vor – würden am Ende nicht Parteien oder Fraktionen aushandeln. Vielmehr müssten es die Bürger selbst einfordern: „Historisch jedenfalls wurden die Bürgerrechte gegen den Staat erstritten und es könnte sein, dass im Zeitalter der Digitalisierung die Privatsphäre ein Recht ist, das erneut gegen den Staat und mithilfe staatlicher Normsetzung auch gegen Dritte, konkret die Wirtschaft, erstritten werden muss.“

Verschmelzung von privater und öffentlicher Sphäre im Web

Wo beginnt im Zeitalter von sozialen Netzwerken, Cloud Computing & Co. die Privatsphäre – wo hört sie auf? Oder findet bereits eine „Verschmelzung von privater und öffentlicher Sphäre im Internet“ statt, wie Göttrik Wewer seinen Text übertitelt? Ihn interessiert das Verhalten der Nutzer, die durch Mitteilsamkeit und Offenheit die Grenzlinie kontinuierlich verschieben – ohne genau das aber ausdrücklich gewollt zu haben.

So schreibt er: „Privatheit wird nicht nur von einem Staat und einer Wirtschaft bedroht, die zu viele Daten sammeln, sondern auch von vielen Menschen, die freiwillig vieles Privates ins Netz stellen.“ Nach und nach, so Wewer, scheint dadurch der gesellschaftliche Grundkonsens über ein Menschenrecht auf Privatsphäre zu bröckeln. Beim Übergang in eine durch post privacy geprägte Ära sieht er die Nutzer als Opfer und Täter zugleich.

„Wettrüsten der Skripte”

In Ergänzung zu Wewers soziopsychologischem Befund fragt Carsten Ochs, ob sich Bewertungen und Verhaltensweisen zur Privatsphäre je nach Technikkompetenz unterscheiden: „Während die Technikdistanzierten kategorisch eine ‚Privacy in Public’ einfordern, sehen die Technikaffinen das Internet grundsätzlich als öffentliche Arena. Allerdings gilt auch ihnen die minutiöse Beobachtung von Verhalten als Privatheitsverletzung.“

Für Ochs haben die Technologien einen großen Einfluss, weil jeder neue Tracking-Mechanismus, jede neue Anwendung und jede neue Nutzungsweise von Daten die Privatheit verändere. Dies sei eine unablässige Dynamik technologischer Innovationen, er spricht von einem „Wettrüsten der Skripte“, das praktisch endlos andauere. Ochs’ Fazit und Rat liegt darin, „den NutzerInnen so viel Wissen und Kompetenzen – Handlungsskripte also – wie nur irgend möglich an die Hand zu geben.“

Entdämonisierung des Computers

Die Adaption digitaler Technologien wird in Deutschland nicht zum ersten Mal breit und polarisierend diskutiert: Marcel Berlinghoff untersucht das in seinem Beitrag „‚Totalerfassung’ im ‚Computerstaat’ – Computer und Privatheit in den 1970er und 1980er Jahren“. Kulminationspunkt der damaligen Debatten war die 1983 geplante Volkszählung. Dieser – erstmals umfassend computergestützt durchgeführten – Erhebung schlug eine unerwartet breite und hohe Protestwelle entgegen.

Die aber hatte auf lange Sicht durchaus konstruktive Folgen auf mehreren Ebenen, so Berlinghoff: „Computer standen bei aller weiterhin bestehenden Kultur-, Technik- und Staatskritik in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre mehrheitlich für Zukunftschancen gegenüber der Dystopie einer totalitären Überwachungsgesellschaft. Diskurse über die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft lösten die Warnungen vor den Gefahren der Computerisierung ab und einhergehend mit dieser Entdämonisierung des Computers sank auch das Mobilisierungspotential für die Kritiker der computergestützten staatlichen Datenerhebung bei der Volkszählung 1987.“

Telekommunikationsmonopol als Mittel zum Machterhalt

Dieser Analyse stellt Philipp Aumann seine These gegenüber, dass Kommunikationstechniken „in den letzten grob 250 Jahren“ immer wieder als Motoren von Entprivatisierung und Fremdsteuerung gebraucht beziehungsweise missbraucht werden. Seinen aufschlussreichen Betrachtungen zufolge wurden immer wieder Geräte entwickelt, „die den Zugriff auf das Individuum kontinuierlich ausgeweitet, verfeinert und intensiviert haben. Die Computertechnik scheint einen Höhepunkt dieser Entwicklung darzustellen.“

Seit frühester Entwicklungszeit sei das Telekommunikationsmonopol ein zentrales Mittel des Machterhalts. Und selbst die aus geschichtlicher Erfahrung resultierenden Grundrechte werden auf Basis von „Ausnahmesituationen“ aufgeweicht, wie beispielsweise das 1968 erlassene „Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses“ zeigt. Eine damit einhergehende „Entprivatisierung des Individuums, seine ständige Sichtbarkeit“, so Aumann, bringe eine absolute Funktionalisierung des Menschen in einen von außen vorgegebenen Katalog von Verhaltensnormen und damit das Ende der „offenen Gesellschaft” (Karl Popper) mit sich.

Kontrollmechanismen der Gesellschaft

Doch gerade in Deutschland wurde dagegen aufbegehrt, so Aumann. Auch durch die Judikative, die 1983 durch den Spruch des Bundesverfassungsgerichts – das Recht auf informationelle Selbstbestimmung aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht entwickelte. Die schrittweise Entwicklung dieses international wegweisenden Spruchs eines Bundesgerichts – auch das eine weitere direkte Folge des Volkszählungsboykotts von 1983 – rekonstruiert Larry Frohman in seinem Beitrag; leider ist diese lesenswerte Sicht von außen nicht ins Deutsche übersetzt.

Laut Philipp Aumann sei auch das 2001 gesetzlich verankerte Prinzip der „Datenvermeidung und Datensparsamkeit“ letztlich eine Folge anhaltender Kritik durch engagierte Bürger. Aumann konstatiert, dass den kontrollinteressierten Machtinstanzen unterschiedliche Kontrollmechanismen aus der Gesellschaft gegenüberzustellen seien, „um die Kontrolleure wenigstens zu beobachten und zur Rede zu stellen.“ Er nennt den Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBuD), 2012 in Digitalcourage umbenannt, der jedes Jahr die Big Brother Awards verleiht. Darüber hinaus sieht Aumann die individuelle Selbstkontrolle als entscheidend an. „Jeder aufgeklärte Mensch muss sich als selbstverantwortlicher Akteur in einer Informationsgesellschaft verstehen und seine persönlichen Daten als wertvolles Gut betrachten, um die Kontrolle über sein Leben, ob in der digitalen oder der physischen Welt, zu behalten.“

Privatheit und Einsamkeit verteidigen

Hans Jörg Schmidt trägt dazu eine Art Echo bei, indem er die Haltung zur Privatheit von Facebook-Chef Mark Zuckerberg näher betrachtet. Mit erkennbarer Distanzierung attestiert er Zuckerberg die Utopie der „Historisierung des Privaten via sozialer Netzwerke, als vertrauensbasierte Plattformen digitalen Change-Managements in einem Zeitalter unbegrenzter Kommunikation“.

Der US-Wissenschaftler David Gelernter greift das in seinem Beitrag auf: Für ihn ist privacy durch eine Art Kollaboration von Technik und Kultur bedroht. Doch die Nutzer selbst könnten und sollten dagegen halten – entgegen der überaus attraktiven Macht, die ein Massenpublikum für jeden Einzelnen darstellen kann. Privatheit und Einsamkeit gelte es trotz des stärker werdenden sozialen Drucks zu verteigigen, so Gelernter: „The sooner we regain our sense of skepticism, our tradition of the challenging question versus the uncritical celebration, the greater our chance to preserve our privacy – at least the privacy we do still enjoy.“

Ein Band mit rotem Faden

Eine große Stärke des Bandes ist, die Texte an einem gedanklichen roten Faden aufzureihen. Stets scheinen die Autoren Fragen und Erkenntnisse der anderen aufzugreifen, um sie weiter zu beleuchten. Zwar versammelt der Beitrag wissenschaftliche Texte, im akademischen Duktus geschrieben und an entsprechend „geschulte“ Leser gerichtet; mehrfach verschachtelte Satz-Ungetüme verhindern dabei manchmal das schnelle Erfassen. Schade ist auch, dass in zwei Fällen keine deutsche Übersetzung vorliegt.

Hohen Nutzwert bietet der Band aber dennoch. Die Befunde der Forscher stützen sich vor allem auf vorherige wissenschaftliche Veröffentlichungen und eigene Forschungsergebnisse: Das führt zu einer immerhin 20-seitigen Foschungsbibliographie, die als Link- und Quellensammlung eine wahre Fundgrube ist. Auch deshalb eignet sich das Buch gut als Ausgangsbasis, etwa für Seminare in Hochschulen, für die Arbeit in Interessengruppen, Gesprächsrunden oder Gremien.

Inhaltlich bleibt „Im Sog des Internet“ trotz einzelner Mängel im Detail ein hervorragend gemachter Band von acht klugen Texten, die mit ihrer vertieften Auseinandersetzung eine wertvolle Diskussionsbasis und wichtige Debattenbeiträge bieten, die eine breite Leserschaft verdienen.

Im Sog des Internets – Öffentlichkeit und Privatheit im digitalen Zeitalter”, herausgegeben von Ulrike Ackermann, ist im Verlag „Humanities Online” erschienen. ISBN 978-3-941743-35-9, 200 Seiten. EUR 19,80 (Print), EUR 9,80 (PDF).

October 09 2013

Christoph Kappes über Sobooks: „Eine bessere Tiefe der Interaktion – direkt im Buch“

Heute geht Sobooks an den Start: ein neues Online-Portal für elektronische Bücher. Es will gleichzeitig Vertriebs- und Leseplattform sein, „Social Reading“ ist direkt in die Bücher integriert. Hinter Sobooks stehen die Internet-Berater und Blogger Sascha Lobo und Christoph Kappes. Kurz vor der Premiere sprachen wir mit Christoph Kappes.

iRights.info: Ist Sobooks ein Online-Buchladen oder ein E-Book-Verlag?

Christoph Kappes: Sobooks ist eine Plattform, die dem Buchvertrieb dient. Wir richten uns alle, die Inhalte anbieten. Hier unterscheiden wir erstmal nicht zwischen Autoren, kleinen oder großen Verlagen. Wir haben aber einen relativ hohen Anspruch, wollen auch schnell Umsätze erzielen und eine hohe Relevanz  im Markt erreichen. Daher sind uns die großen Verlage wichtig. Wir setzen auf bekannte Medien-Partner und prominente Figuren sowie auf populäre Inhalte, die für möglichst viele Endkunden interessant sind.

iRights.info: Dennoch sprechen Sie auch Kleinverlage oder Autoren an, die eine verlegerische Plattform suchen. Damit wäre Sobooks auch Wettbewerber der Verlage.

Christoph Kappes: Wir positionieren uns nicht gegen Verlage. Der eigene Direktverlag ist unser Spielbein, mit dem wir Innovationen voranbringen wollen, wie neue Formate und die Autoren-Leser-Kommunikation. Die „Cobooks“ sind ja so entstanden; die haben wir uns selbst ausgedacht und sind sehr gespannt, ob Autoren diese Idee aufgreifen, eine quasi „mitkaufbare“ Rezension zu schreiben. Dort legen wir dann aber auch eigene, hohe Qualitätsmaßstäbe an. Wir sind aber nicht reine Content-„Aggregatoren“ und -Distributoren, wie es sie im E-Book-Segment für Autoren mittlerweile in großer Anzahl gibt. Sowohl beim Buchvertrieb als auch in verlegerischer Hinsicht wählen wir nach Qualität und Relevanz aus.

iRights.info: Also nicht so eine Art „Soundcloud“ für Amateur-Schreiber und semi-professionelle Autoren?

Christoph Kappes: Nein, unsere Plattform ist nicht der „Literatur“-Renderer für jedermann. Das Internet ist voll von schlechtem Zeug, nur Selektion schafft da Mehrwert. Zudem ist uns das „social reading“ besonders wichtig. Zwar bietet Soundcloud auch die Interaktion direkt in jedem Song, doch die Optionen sind dort gering, so bleibt es bei einer Mikro-Interaktion. Bei uns ist das Kommentieren und Diskutieren ein zentrales Element, und wir verknüpfen es mit den sozialen Netzwerken. Damit wollen wir eine bessere Tiefe der Interaktion ermöglichen. Man stelle sich vor: Schirrmacher kommentiert David Graebers „Schulden“; und dann wird diskutiert. Da wollen wir hin

iRights.info: Websites, um online über Bücher zu diskutieren oder um Textstellen direkt zu kommentieren, sind aber nicht neu.

Christoph Kappes: Das stimmt, Social Book Reading Plattformen gibt es schon. Einzelne Bestandteile unserer Lösung finden sich woanders auch, nur in der Summe der Funktionen und Möglichkeiten hat es so noch keiner gemacht. Wir sind sozusagen Dekonstrukteure. Technologisch setzen wir konsequent auf modernstes HTML5, auf neueste Browser. Somit sind unsere Dienste auf allen entsprechenden Endgeräten verfügbar, sehen überall gleich aus und sind zudem synchronisiert. Für das Lesen eines Buches mit dem HTML-Reader heißt das beispielsweise, dass die jeweilige Leseposition erhalten bleibt. Dazu kommt die erwähnte Zuschaltung von so genanten Social Layern direkt ins Buch und Weiteres. Man wird in den nächsten Monaten sehen, wie wir auch das Konzept „Buch“ weitertreiben.

iRights.info: Man liest also die gekauften Bücher online, etwa wie einen Musik- oder Video-Stream?

Christoph Kappes: Sobooks basiert auf „Access“, also Zugang zum Netz; man benötigt einen Account und Online-Anschluss, ja. Die Bücher sind Online-Bücher, die Diskussionen finden direkt im Buch, in der Cloud statt. Das ist alles ohne Medienbrüche in einer Anwendung zu bedienen. Das heißt unter anderem, dass mir der Shop sofort anzeigt , dass ich ein Buch erworben habe und ich kann es eben überall lesen und weiterlesen und teilen; die Cloud denkt sozusagen mit. Doch für den Clou müssen Sie anders herum denken: Wenn ich als Leser eine Textstelle per Link auf Facebook oder Twitter mitteile, dann landen alle, die diesen Link anklicken, genau an dieser Stelle des Buches und können diese Passage sofort lesen. Diese Dynamik bei Leseproben ist wirklich neu, denn bisher sind Leseproben bei Amazon oder im Web meist von den Verlagen oder Portalen vorgegeben und starr.

iRights.info: Diese dynamische Leseprobe können dann alle lesen, auch Nicht-Käufer?

Christoph Kappes: Ja, es ist lediglich ein kostenfreier Sobooks-Account nötig, der via Facebook-Anmeldung einzurichten ist. Ein eigener Login kommt natürlich noch, da bleibt es nicht bei Facebook. Der Umfang beziehungsweise die Dauer des Probelesens können dann je nach Buch und Verlag variieren, aber im Durchschnitt stehen 10 Prozent frei zur Verfügung, danach bekommt man die Aufforderung zum Erwerb dieses Werks, der unter anderem unbegrenzte Lesezeit in diesem Werk bringt.

iRights.info: Man kann aber nicht einzelnen Passagen oder gar Seiten erwerben?

Christoph Kappes: Nein, es gibt kein seitenweises Kaufen, das halten wir für zu technisch gedacht. Bei Sachbüchern mag das auf Kapitel bezogen einen Sinn haben. Wir wollen aber eine Portionierung oder auch Serialisierung der Bücher ermöglichen. Etwa die Aufteilung in Episoden, die einzeln fakturierbar sind, oder auch die kontinuierliche Verlängerung eines Werkes durch Aktualisierungen oder Nachfolge-Werke.

iRights.info: Können die Käufer dann ihre Bücher auch Offline lesen?

Christoph Kappes: Man kann sich die Titel als E-Book im Epub.-Format herunterladen, ohne hartes DRM, also Kopierschutz. Wir glauben nicht an DRM, das wollen die Verbraucher nicht. Die von uns ausgelieferten E-Books können wir  personalisieren mit einer Absenderkennung, eine Art Wasserzeichen; damit ist ihre Nutzung generell nachverfolgbar. Pro erworbenem Buch dürfen drei andere Accounts auf das Werk zugreifen. Meine Vorstellung ist, dass im Laufe der Jahre immer weniger darauf Wert legen, Bücher en gros offline zu lesen. Den meisten wird der Zugang zu Online-Inhalten genügen, wie bei Musik und Filmen. Die Speicherung und der Abgleich mit weiteren oder neuen Geräten wird vielen zunehmend lästig werden, die soziale Akzeptanz von Access und Clouds wird zunehmen.

iRights.info: Was sagen die Verlage dazu?

Christoph Kappes: Erstmal sind die durchweg wohlwollend, weil wir ein Hoffnungsträger gegen das Quasi-Monopol von Amazon und Apple sind. Die Inhalteanbieter bekommen als Mehrwert die Optionen zur unmittelbaren Aktualisierung, die Diskussionen und Kommentare, die Updates und Resonanzen, dazu Auswertungen. Die derzeitigen E-Books sind kommunikativ tot, daher wollen wir sie auf vielen Ebenen auch für die Anbieter attraktiver machen und in „ lebende Bücher“ verwandeln.

iRights.info: Wieso starten Sie „hinter dem Vorhang“, mit einer sogenannten „Closed Beta“-Version?

Christoph Kappes: Wir brauchen diese geschlossene Betatestphase als „Trockenschwimmbecken“. Es gilt für uns herauszufinden, wie das Social Reading angenommen wird, übrigens auch auf Seiten der Autoren. Was passiert mit einem Essay, wenn er online steht und unmittelbar kommentiert wird, wie Zeitungsartikel oder Blog-Beiträge? Hierfür haben wir ein „Sobooks-Lab“ für Autoren und Verlage;sie sollen experimentieren und an der Entwicklung teilhaben. Geplant sind auch Autorenabonnements, so dass Autoren über die Community ihrer Abonnenten neue Ideen entwickeln oder gar unterstützen lassen können.

iRights.info: Die Autoren, die Urheber, sind Ihnen also wichtige Ansprechpartner?

Christoph Kappes: Ja, wir erwarten unter anderem durch unsere Social Reading-Optionen eine Art Aufbruchsstimmung unter Autoren, und die würden wir gerne mitnehmen. Es darf auch gerne zu den ganz großen Diskussionen kommen, etwa bei provozierenden oder überraschenden Bestsellern. Was passiert damit im Social Web, wenn es eine vergleichsweise gigantische Online-Resonanz gibt? 10.000 Leser eines Blogs, von denen ein Teil auch mal heftig debattiert, ist das eine. Aber was ist, wenn es mehrere 100.000 sind – mitten im Buch? Müssen wir dann neue Mechanismen, neue Aufteilungen, Moderationen, geschlossene Gruppen einführen? So etwas ist schwer zu simulieren, das müssen wir schrittweise entwickeln.

iRights.info: Sobooks stellt sich einem vollen, gut besetzten und hart umkämpften Markt. Wie viel Marketing ist von Ihnen zu erwarten?

Christoph Kappes: Schwierige Frage: Wir haben einen langfristigen Ansatz und wollen unsere Ressourcen in den nächsten Monaten primär für die Verbesserung des Produkts verwenden. Es muss sich zeigen, ob es schon rund ist, wie gut das Social Reading funktioniert, ob die Leseproben-Idee so richtig ist. Zudem haben wir schon jetzt hohe Aufmerksamkeit und hohen Erwartungsdruck. Mit aufwändigem Marketing würden wir diesen Druck nur noch erhöhen. Uns ist daran gelegen, Bestseller von großen Verlagen zu und das bessere Leseprodukt zu haben, das wäre die optimale Melange – und das wäre gutes Marketing in sich. Eine Marke entsteht nicht künstlich, sondern hängt in aller Regel mit der Qualität des Produkts zusammen, und das wollen wir organisch entwickeln. Vermutlich stehen uns noch zwei Jahre Optimierung bevor.

October 08 2013

iRights auf der Frankfurter Buchmesse

FBM Datum dt CMYK 150x150Bei der morgen beginnenden Buchmesse in Frankfurt/Main ist iRights in zwei Podiumsdiskussionen vertreten, zur Zukunft der „Deutschen Digitalen Bibliothek“ sowie zu „digitalen Vermittlungsformen für Kulturinstitutionen“.

Auf Einladung des Bibliotheken-Fachmagazins „b.i.t. online“ sowie von „Fachbuchjournal“ und „Library Essentials“ diskutieren am morgigen Mittwoch (9. Oktober) sechs Experten die Zukunft der „Deutschen Digitalen Bibliothek“. Sie fragen und besprechen, was bei diesem bundesdeutschen Kultur-Großprojekt noch geht, ob „Stillstand oder Fortschritt“ herrscht. Auf dem dafür in Halle 4.2 am Stand P 99 eingerichteten „b.i.t. Sofa“ sitzt auch Paul Klimpel, Leiter des iRights.Labs Kultur, zudem Bernhard von Becker (Beck Verlag), Frank Frischmuth (Deutsche Digitale Bibliothek“, Steffen Meier (Eugen Ulmer Verlag) Uwe Müller (Deutsche Nationalbibliothek), Moderator ist Rafael Ball, Direktor der Universitätsbibliothek Regensburg und Chefredakteur von b.i.t. online.

Die Deutsche Digitale Bibliothek wurde 2007 ins Leben gerufen und ist ein gemeinsames Vorhaben von Bund, Ländern und Gemeinden. Ziel ist, jedermann freien Zugang zum (digitalisierten) kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands zu eröffnen. Mit generellen Herausforderungen einer solchen „digitalen Gedächtniskultur“ befasst sich Paul Klimpel seit längerem intensiv. Jüngst stellte er sein Buch „Was bleibt – Nachhaltigkeit der Kultur in der digitalen Welt“ vor, das bei iRights.media als E-Book und in gedruckter Form erschienen ist.

Die Diskussion beginnt am 9.10. um 12 Uhr in Halle 4.2, Stand P 99.

Ebenfalls morgen veranstaltet die Willi Baumeister Stiftung eine Podiumsdiskussion zum Oberthema „Kunst und Digitalisierung“, an der iRights.Media-Verlagsleiter Phillip Otto teilnimmt. Für ihn und Felicitas Baumeister (Willi Baumeister Stiftung), Jens Redmer (Google) sowie Jörg Dörnemann (epubli) geht es auf dem Podium um konkrete Erfahrungen mit digitaler Kunstvermittlung, neuen Verlagslösungen und Lizenzmodellen. Moderatorin der Veranstaltung ist Julia Schmitz vom KUNST Magazin, nach der Diskussion gibt es Gelegenheit für Fragen aus dem Publikum.

Anlass der Diskussionsrunde ist die Veröffentlichung der Monografie „Willi Baumeister: Schöpfer aus dem Unbekannten“ der Kunsthistorikerin Brigitte Pedde, die vor der Podiumsrunde eine Einführung in das Werk gibt. Das Kunstbuch erscheint als digitales Werk und im „Open Access“. Das meint hier, sämtliche Abbildungen sind in hoher Auflösung frei im Internet verfügbar, auch Schulen und Universitäten können kostenlos auf Baumeisters Werk zugreifen und die Materialien für ihre Arbeit verwenden.

Die etwa einstündige Podiumsrunde findet am 9. Oktober um 18 Uhr im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse statt.

September 13 2013

E-Book und Urheberrecht: Sind die Autoren endlich aufgewacht?

Nicht wenig überrascht zeigt sich Wolfgang Tischer im Perlentaucher-Blog. In seinem Kommentar mit dem Titel E-Book und Urheberrecht: Sind die Autoren endlich aufgewacht? stellt er erfreut, aber durchaus erstaunt fest:

Es dämmert inzwischen einigen Schriftstellern, dass auch Verlage auf Dauer keinen Halt mehr bieten. [...] Fast ungläubig lese ich in der Deklaration einen Satz wie “Um E-Books zu vertreiben, ist es nicht zwingend erforderlich, sie zu verkaufen.” Wohl gemerkt, es ist ein Text von preisgekrönten Autoren wie Elfriede Jelinek und Katharina Hacker und kein Text der Piratenpartei! Zumindest ein Teil der Autoren scheint ein Jahr nach “Wie sind die Urheber!” in der Gegenwart angekommen zu sein, hat den Elfenbeinturm verlassen, plappert die Phrasen ihrer Verlage nicht mehr nach, sondern fordert Eigeninitiative und Solidarität unter den Autoren statt mit den Verlagen: “Die kommerziellen Verlage haben auf die Herausforderungen durch das digitale Zeitalter vor allem defensiv reagiert”.

Es scheint wieder Bewegung in die Diskussion zu kommen. Wer noch einmal nachvollziehen möchte, wie die Debatte ums Urheberrecht im vergangene Jahr hochkochte – und ob es wirklich eine Debatte war -, dem empfehlen wir den Text Die Urheber­rechts­debatte: Einer geht noch aus unserem Jahresrückblick 2012.

August 20 2013

Im Neuland: Die Buchverlage und Creative Commons

Bei vielen Buchverlagen herrschen noch immer Vorurteile über Creative-Commons-Lizenzen. Es raube Einnahmen, alles müsse dann verschenkt werden. Ausnahmen sind selten. Dirk von Gehlen über seine Erfahrungen mit dem neuen Buch „Eine neue Version ist verfügbar”.

Im Wiki von Creative Commons Books gibt es eine Liste von Büchern, die unter Creative-Commons-Lizenz erschienen sind. Die Liste ist nicht besonders lang, sie enthält aber große Namen wie Lawrence Lessig und Cory Doctorow. Anfang September darf ich mich auch in diese Liste eintragen, denn dann erscheint mein Buch „Eine neue Version ist verfügbar” bei Metrolit – unter CC-Lizenz. Das klingt weniger spektakulär als es in Wahrheit ist. Denn auch zehn Jahre nach den ersten Creative-Commons-Lizenzen sind diese für klassische Verlage noch immer eine fremde Welt.

Hartnäckig hält sich das erst unlängst von der GEMA verbreitete Gerücht, wer Creative-Commons-Lizenzen nutze, verzichte damit automatisch auf Vergütung. Es gibt kaum Erfahrungen mit alternativen Lizenzen und wenig Mut, diese auszuprobieren, weil – und hier dreht sich die Spirale der Bewegungslosigkeit – es kaum Erfahrungen damit gibt. Nur wenige Verlage durchbrechen diesen Kreislauf und wagen Experimente. Das ist keine leere Behauptung, sondern meine Erfahrung der vergangenen Monate.

Kultur als Software: Die Probe aufs Exempel

Nach Veröffentlichung meines Buches „Mashup” bei Suhrkamp, in dem ich die digitale Kopie lobe, war ich immer wieder gefragt worden, wie Kultur denn mit der digitalen Kopie funktionieren könne. Ich habe darauf keine Antwort, ich würde mich aber gerne auf die Suche nach einer machen. Deshalb startete ich im Herbst 2012 ein Crowdfunding-Projekt, um mein Buch „Eine neue Version ist verfügbar” gemeinsam mit meinen Lesern zu finanzieren.

Die These des Buches – Kultur wird zur Software – legte es nahe, dies nicht nur zu behaupten, sondern in die Tat umzusetzen und den Lesern Einblick in die Entstehung, also in die Versionierung, des Buches zu geben. 350 Leser nahmen das Angebot an und kauften sowohl ein Buch, von dem noch keine Zeile geschrieben war, als auch den Einblick in dessen Entstehungsprozess. Im Frühjahr dieses Jahres beobachteten sie mich dabei, wie ich ein Buch darüber schrieb, wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert. Im Mai wurde dieser Prozess mit einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing und einer fertigen Buchversion in Exklusiv-Auflage abgeschlossen.

Mythen über Creative Commons

Ich wollte aber noch mehr Leute für meine These interessieren und suchte deshalb nach einem Verlag, der mir als Partner genau dabei helfen sollte. Dazu zählte für mich auch, das Buch mit einer alternativen Lizenz zu veröffentlichen. Die Suche gestaltete sich vergleichsweise einfach, weil ich in Metrolit sehr schnell einen mutigen Partner fand, der die Thesen des Buches und die damit verbundene Haltung unterstützt.

Die Gespräche mit anderen Verlagen zeigten mir aber auch: Dieser Mut ist sehr ungewöhnlich. Der Hauptgrund dafür ist die fehlende Erfahrung im Umgang mit Creative-Commons-Lizenzen. Verlagsmanager denken, sie würden so lizenzierte Werke komplett verschenken, sie nehmen an, sie müssten sie für diese Lizenzierung in eine Liste eintragen oder Referenzausgaben an Creative Commons schicken. Und sie befürchten vor allem: Creative-Commons-Lizenzen raubten ihnen in erster Linie Einnahmen.

Die neue Realität anerkennen

Beispiele, die das Gegenteil beweisen – wie die erwähnten Lessig oder Doctorow – lassen sie meist nicht gelten. Beide sind für sie Ausnahmen, die ihre angenommene Regel nur bestätigen. Die Option, dass eine leichtere Verfügbarkeit von Werken, deren Popularität erhöhen und damit womöglich Verkäufe steigern könnten, kommt für sie also gar nicht erst in Frage. Das ist schade, denn das Netz liefert diese leichtere Verfügbarkeit völlig unabhängig davon, ob Verlagsmanager und Autoren sie gut heißen oder nicht. Sie stellt also eine Realität dar, mit der künftige Kulturproduktion konfrontiert ist.

„Eine neue Version ist verfügbar” versucht Antworten auf genau diese Realität zu finden. Deshalb ist es nur konsequent, dass das Buch unter einer CC-Lizenz erscheint – unter der BY-NC-SA-Lizenz, die für viele Menschen, die mit Creative Commons vertraut sind, als schlechte Variante gilt. In der Welt der klassischen Verlage ist sie aber ein Anfang, ein Versuch neue Wege zu gehen und vielleicht Ansporn, selber Titel zu produzieren, die man dann im CC-Wiki eintragen kann.

Dirk von Gehlens Buch „Eine neue Version ist verfügbar” erscheint Anfang September bei Metrolit.

August 16 2013

Schulbuch-o-mat: Erstes freies Schulbuch Deutschlands veröffentlicht

Seit Dienstag ist mit „Biologie 1, Klasse 7/8 Berlin“ erstmals ein komplettes, Rahmenplan-gerechtes Schulbuch als freies Werk kostenlos verfügbar. Finanziell unterstützt wurde es via Crowdfunding, entstanden ist es in einem Wiki. Durch die Integration von zwar freiem, aber nicht für kommerzielle Verwendung freigegebenem Content gilt es jedoch als nicht ganz OER-konform.

Etwa eine Woche nach Beginn des Berliner Schuljahres 2013/14 liegt die Version 1.0 eines in vieler Hinsicht neuartigen Schulbuches vor. „Biologie 1, Klasse 7/8“, so der Titel, ist das erste freie Schulbuch Deutschlands. Es ist kostenlos und nur digital verfügbar, kann frei genutzt und weitgehend frei verwendet werden – als E-Book oder in der PDF-Version, online oder selbst ausgedruckt, digital wie analog.

Das Buch orientiert sich am geltenden Rahmenplan für Berliner Schulen. „Wir haben den Lehrplan  punktgenau abgearbeitet und die Inhalte unseres Schulbuchs bieten hundertprozentige Deckung“, sagt Hans Hellfried Wedenig von der „Initiative Schulbuch-o-mat“, einer der Initiatoren und Herausgeber.

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Titelseite (CC BY-SA 3.0)

Hinter der Initiative Schulbuch-o-mat stehen der Medienproduzent Hans Hellfried Wedenig und der Biologie- und Sport-Lehrer Heiko Przyhodnik. Für Przyhodnik war die Trägheit schulischer Bildungsmaterialien ausschlaggebender Impuls.

Ein freies Werk, das permanent erweitert und aktualisiert werden kann, sollte Schülern, Eltern und Lehrern einen aktuellen, individuellen und kostenlosen Zugang zu Lehrmaterialien bieten: „Dies schafft eine bisher nicht da gewesene Transparenz des Lerngegenstandes”, ist Przyhodnik überzeugt.

Angepasstes Mediawiki als Autorensystem schreckte viele ab

Für die Realisierung richteten beide im Oktober 2012 eine Crowdfunding-Kampagne auf startnext ein und überschritten Mitte Januar diesen Jahres die Zielmarke von 10.000 Euro, die von insgesamt 236 Unterstützern kamen.

Bei der konkreten Umsetzung diente ihnen das Autorensystem LOOP, eine Entwicklung der Fachhochschule Lüneburg. LOOP ist eine Anpassung der Open-Source-Software Mediawiki, auf der auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia basiert. „Für einen Großteil der von uns angesprochenen und an der Mitwirkung interessierten Lehrer und Fachleute war die Arbeit in einem solchen Wiki jedoch abschreckend und zu komplex. Viele scheuten sich, in bestehende Artikel einzugreifen oder eigene, neue zu schreiben“, erzählt Hans Wedenig.

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Die Schulbuch-o-mat-Initiatoren Hans Hellfried Wedenig, Medienproduzent und Berater, und Heiko Przyhodnik, Biologie- und Sport-Lehrer

Diese Erfahrung hat sie überrascht – und warf ein ernstes Problem auf: Die versprochene Zielvorgabe zum Schulstart nach den Sommerferien 2013 das fertige Buch vorzulegen, wäre mit so wenig Leuten nicht zu erfüllen gewesen. Im Verlauf des Projekts einigten sie sich mit der US-amerikanischen Foundation CK-12, von ihr spezifische Text-Inhalte zu übernehmen, erklären sie in einem Abschluß-Blogeintrag bei Startnext.

CK-12 ist Anbieter freier, speziell für die Zielgruppe der 12- bis 16-Jährigen und für das Medium E-Book konzipierter Biologie-Schulbücher. So floss ein Teil der Crowdfunding-Gelder in die Übersetzung des US-Content, der nun einen gewichtigen Teil des Schulbuches ausmacht. Ob dieser Import eine gute Lösung war, muss sich wohl erst noch beweisen.

Die bei Texten geltende CC „NC“-Lizenz erregt Unmut der OER-Community

Zudem sind die Texte des US-Anbieters zwar prinzipiell frei, dürfen aber nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden. Daher stehen die Biologie 1-Texte unter der Creative-Commons-Lizenz „CC BY-NC-SA“, können also zumindest kopiert, ausgetauscht, verändert, ergänzt werden (alle Abbildungen stehen unter der Lizenz „CC BY-SA”). Die „NC“-Kennzeichnung der Texte war nicht geplant, räumen Wedenig und Przyhodnik ein. Sie weisen darauf hin, dass die Lizenzen kapitel- oder abschnittsweise definiert seien, so dass einzelne Teile in Zukunft ersetzt und unter eine freiere Lizenz gestellt werden können.

Gleichwohl erregt dieser Kompromiss momentan Unmut in der OER-Community (OER steht für „Open Educational Resources“). Sie setzt sich für komplett freie Bildungsmedien ein und sieht in der NC-Lizenz einen Fallstrick. Die Option, frei verfügbare Inhalte auch in kommerzielle Produkte überführen zu können, ebnet Refinanzierungswege für die oft ehrenamtlich und auf Vorleistungen beruhenden OER-Projekte. Solange die NC-Lizenz steht, sei der Schulbuch-o-mat-Titel kein sortenreines OER-Projekt. Und auch die bis dato vorgesehene Vorstellung des „Biologie 1“-Projekts bei der von Wikimedia veranstalteten OER-Konferenz in Berlin* wäre damit gefährdet, heisst es innerhalb der OER-Community.

Die Schulbuch-o-mat-Macher müssen also auf die nächsten Wochen und Monate und ein Engagement der Lehrer und interessierten Bildungsmedien-Fachleute hoffen: „Wir möchten den NC-Zusatz für Texte Schritt für Schritt entfernen. Bereits für die Version 1.1 ist vorgesehen, ein komplettes Kapitel so auszubauen, dass es ohne NC auskommt.“ Doch ohne neue Mitschreiber wird das nicht gelingen – allerdings fiel es bislang schon schwer, sie davon zu überzeugen, aktiv mitzumachen

Bei Schulbuch-Hacking-Days sollen Schüler das Buch erweitern

Für’s nächste setzen beide nicht nur auf die Lehrer, die für Stoffvermittlung und Themenaufbereitung aus ihrer täglichen Arbeit schöpfen könnten. Vielmehr veranstalten sie im Herbst in Berlin mehrere Schulbuch-Hacking-Days (gefördert von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, mabb). In eintägigen Workshops wollen sie hier zu einzelnen Buch-Abschnitten mit den Schülern neue Inhalte entwickeln, etwa Videos, in denen Schüler sich gegenseitig bestimmte Themen erklären, die sie sich zuvor erarbeitet haben. Zudem sollen die neuen Inhalte innerhalb der Workshops direkt in das aktuelle Werk hinein veröffentlicht werden. Auch das wäre für Schulbücher etwas ganz Neues.

*Hinweis: An der OER-Konferenz Mitte September in Berlin wirken auch Vertreter von iRights.Law als Referenten mit, mehr dazu im Programm

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