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December 20 2013

Pleiten, Pech und Pannen: Rechtsdurchsetzung im Netz

Microsoft möchte eigene Websites entfernen, auch der Wikipedia-Eintrag über „Office 2007“ landet in den Löschanfragen bei Google: Was passiert, wenn Rechteinhaber automatisch nach Urheberrechtsverletzungen fahnden lassen.

Im September dieses Jahres veröffentlichte Google einen Bericht und verkündete darin ein „bemerkenswertes Wachstum“. Doch wer dabei an Quartalszahlen denkt, liegt falsch: Es ging um Löschanfragen von Rechteinhabern. Wo Urheberrechtsverletzungen gemeldet werden, ist Google nach dem „Digital Millennium Copyright Act“ verpflichtet, die entsprechenden Links aus den Ergebnissen zu entfernen. Von solchen Löschanfragen erhalte das Unternehmen im Durchschnitt 4 Millionen pro Woche, heißt es darin – das sind mehr als im gesamten Zeitraum von 1998–2012.

Der Bericht „Wie Google Piraterie bekämpft“ ist zugleich selbst ein Werkzeug im dauernden Clinch zwischen Rechteinhabern der Musik-, Film- und Softwareindustrie, Webunternehmen, Providern und Nutzern. Er lässt sich als Antwort auf die Vorwürfe der Rechteindustrie lesen, Google unternehme zu wenig gegen Rechtsverletzungen und diene als Wegweiser auf illegale Plattformen. Google hält im Bericht dagegen: „Die Suche gehört nicht zu den wichtigen Trafficquellen für Piraterie-Seiten“.

Nach den Zahlen, die Google veröffentlicht hat, haben die Löschanfragen auch 2013 wieder neue Rekorde erreicht. 2012 waren es noch rund 57 Millionen Webadressen, die zur Löschung eingereicht wurden; das Blog Torrentfreak meldete diesen November, die 200-Millionen-Marke sei im laufenden Jahr bereits erreicht. Nach meiner Rechnung sind es zwar bislang nur 189 Millionen und 925.332 Anfragen – Google selbst veröffentlicht nur Wochenzahlen. So oder so aber lässt sich sagen: Die Löschanfragen bei der größten Suchmaschine haben sich damit mindestens verdreifacht.

Rekorde und Querschläger

Man könnte daraus schließen, dass Piraterie im Vormarsch sein müsse – was ohne weitere Erkenntnisse natürlich ein statistischer Fehlschluss wäre. Zunächst zeigen die Zahlen nur, dass die Rechteinhaber mehr Adressen gemeldet haben. Sie reichen Listen mit Adressen ein, die nach Google-Angaben in durchschnittlich unter sechs Stunden bearbeitet werden. Grund für den Anstieg ist unter anderem, dass Google am Takedown-System weiter geschraubt hat: Bestimmte Rechteinhaber können nun leichter große Mengen an Löschanfragen einreichen.

Von diesen Anfragen wiederum sollen nach verschiedenen Quellen zwischen 97,5 und 99 Prozent erfolgreich sein – Google entfernt sie also aus den Suchergebnissen. Oder umgekehrt, und hier wird es interessant: Mindestens einem Prozent der Löschanfragen kommt Google nicht nach. Rund zwei Millionen Webseiten oder mehr wurden demnach zu Unrecht gemeldet – sehr wahrscheinlich jedenfalls, Gerichte haben es nicht geprüft. Diese Seiten gerieten also versehentlich in die Schlingen der Algorithmen, die nach geschützten Werken im Netz fahnden.

Das zeigt, dass sich mit den Rekorden bei Löschanfragen auch der Geburtsfehler der Systeme verschärft hat: Querschläger, die zu fälschlich verschickten Löschanfragen führen. So verging auch 2013 kaum ein Monat, in dem solche Querschläger nicht für Aufmerksamkeit sorgten. Eine Auswahl aus den Ereignissen, die Torrentfreak regelmäßig festhält:

  • Im Februar wird bekannt, dass die vom US-Kanal HBO beauftragte Firma Dtectnet Webseiten zur Serie „Eastbound & Down“ aus dem Google-Index nehmen wollte – solche auf der Plattform hbo.com selbst.
  • Im Juli möchte die von HBO beauftragte Firma Links auf das Videoprogramm VLC Player entfernt wissen
  • Ebenfalls im Juli wird die Löschung von Links auf Seiten bei microsoft.com beantragt – im Auftrag von Microsoft
  • Im August möchte Microsoft Links auf das frei im Netz verbreitete Programm Openoffice löschen lassen
  • Im September soll der Eintrag „Microsoft Office 2007“ in der Wikipedia aus dem Google-Index gelöscht werden, zudem Diskussionen im Entwickler-Netzwerk MSDN
  • Im Oktober gehen Löschanforderungen für Einträge im Online-Filmlexikon IMDb und Rezensionen auf Nachrichtensites bei Google ein

Was so bereits seit einigen Jahren vonstatten geht – von Rechteinhabern beauftragte Subunternehmen durchwühlen weitgehend automatisiert das Web –, brachte 2013 allerdings zum ersten Mal eine Antipirateriefirma öffentlich in die Bredouille: Nachdem die Reihe peinlicher Querschläger nicht abließ, stellte Microsoft Ende September die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen LeakID ein, das im Auftrag des Unternehmens nach rechtsverletzenden Links fahndete.

Schon in den Jahren zuvor schaffte es das Unternehmen, sich den Unmut von Bloggern, Musikern und Wissenschaftlern zuzuziehen: Seine falschen Takedown-Anfragen betrafen nicht nur Google, sondern Berichten zufolge unter anderem ein E-Book, das ein Schach-Blogger umsonst im Netz vertrieb, legale Promo-Downloads auf der Plattform Bandcamp und akademische Publikationslisten.

Copyfraud: Wenig Handhabe gegen falsche Ansprüche

Dennoch wird die automatisierte Rechtsdurchsetzung auch weiter Kollateralschäden mit sich bringen. Man kann natürlich einwenden, dass diese unvermeidlich sind, wo im großen Maßstab illegale Verwertungen unterbunden werden sollen. Doch die Querschläger zeigen auch an, dass das gegenwärtige System der Haftungsregeln mit technischen Mitteln nur notdürftig am Laufen gehalten werden kann. Und während die Inhalteindustrie in vielen Ländern Lehr-, Warn- und Sperrmodelle für Nutzer durchgebracht hat, gibt es gegen fälschliche Ansprüche von Rechteinhabern nur wenig wirksame Sanktionen – zumal mit den Systemen eine Art privatisierte Vorab-Gerichtsbarkeit entstanden ist.

Diesen Systemen ist ein Bias zugunsten der Rechteinhaber eingebaut. Wo Inhalte durch Regeln wie Fair Use, dem Zitatrecht und anderen Schranken legal verwendet werden, können sie das nicht erkennen. Zwar haben die Systeme von Google ebenso wie von anderen Plattformen Mechanismen zur Konfliktlösung eingebaut, de facto aber haben die Rechteinhaber die Durchsetzung ihrer Rechte im Netz nicht nur an oftmals windige Subunternehmen ausgelagert – es ist ihnen auch gelungen, den Aufwand zur Schadensbehebung an alle anderen weiterzugeben.

Da kann man fast von Glück sprechen, dass ein ähnlicher Fall nun vor Gerichten landet: Lawrence Lessig. Ein Vortragsvideo des US-Rechtsprofessors, das kurze Sequenzen aus Remix-Videos zum Song „Lisztomania” enthielt, wurde auf Youtube zunächst per „Content ID” gesperrt, später drohte ihm die Plattenfirma Liberation Music mit Klage, wenn er seinen Widerspruch zur darauf folgenden Takedown-Anfrage nicht zurückziehe. Lessig bereitet nun mit der Electronic Frontier Foundation eine Klage vor. Es ist ein überfälliger Schritt. Gewinnt er, könnte das ein wenig Balance ins System zurückbringen.

David PachaliDavid Pachali ist Redakteur und Autor bei iRights.info, freier Journalist zu Netzpolitik, digitaler Öffentlichkeit und Urheberrecht, Mitherausgeber der Publikationen „Überwachte Gesellschaft“ (iRights.Media, 2013), „Öffentlichkeit im Wandel“ (Schriftenreihe der Heinrich-Böll-Stiftung, 2012).

Dieser Text ist auch im Magazin „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ erschienen. Sie können das Heft für 14,90 EUR bei iRights.Media bestellen. „Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ gibt es auch als E-Book, zum Beispiel bei Amazon*, beim Apple iBook-Store* oder bei Beam.
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October 24 2013

Google: Ein Werkzeug des Wissens, eine technokratische Macht

Google durchsucht und akkumuliert das Wissen der Welt für gezielte, kapillare Werbung. Das Pagerank-Verfahren gilt als elektronische Variante der direkten Demokratie, doch seine genaue Funktionsweise bleibt uns verschlossen. Das italienische Autorenkollektiv Ippolita hält die kritische Neugier der Hackerethik dagegen.

Bei der Analyse des Phänomens Google zeigt sich schnell, dass die Ökonomie der Suche nur ein Element in einem wesentlich größeren und komplexeren Bild ist. Mountain View ist dabei – und Eric Schmidt sagt es selbst – eine globale Unternehmung in der Informationstechnologie voranzutreiben, einen Hundert-Milliarden-Dollar-Betrieb, der weit über eine bloße Suchmaschinen-Firma hinausgeht.

In der Tat verkörpert Google eher ein alles durchdringendes Wissensmanagement-System, das unter anderem folgende Entwicklungen und Methoden einschließt:

  • Strategien, die aggressives Marketing und clevere Imagepflege verbinden,
  • die Verbreitung umfassend konfigurierbarer, dennoch stets wiedererkennbarer Schnittstellen,
  • Instrumente, mit denen Nutzer und Entwickler Inhalte nach Google-Standards erstellen,
  • die Übernahme von kooperativen Entwicklungsmodellen aus dem Lehrbuch der Freien- und Open-Source-Software,
  • die Nutzung neuester Datenerhebungs- und -archivierungssysteme,
  • die Verbindung von Information Retrieval mit Profiling-Techniken, und last but not least:
  • die ausgefeilte und hochentwickelte Personalisierung von Anzeigen.

Aus der wissenschaftlichen Forschung hervorgegangen, ist Google heute ebenso zum allgemeinen Werkzeug der Wissensverwaltung wie zur technologischen Macht geworden; man kann sagen: zum direkten Ausdruck von Technokratie.

Die Autorität der Maschinen

Natürlich können wir alles im Internet veröffentlichen, was wir wollen, und Google wird es indexieren. Doch wir dürfen nicht erwähnen, dass Googles Akkumulationsstrategie perfekt zum System der Marktwirtschaft passt, das auf unendlichem Wachstum basiert. Insofern ist das Pagerank-Verfahren mehr als ein Algorithmus: Es wird zu einem kulturellen Prisma, durch das Google uns die Welt wahrnehmen lässt. In einem gewissen Sinn forciert es die Ausdehnung des Peer-Review-Systems – das innerhalb der akademischen Welt seine Berechtigung hat – auf die gesamte Skala des menschlichen Wissens.

Die traditionellen religiösen und politischen Autoritäten sind mit ihrer Glaubwürdigkeit am Tiefpunkt angelangt. Nun steht ihnen die Autorität der Maschinen gegenüber. Sie zeigt sich vor allem in den Suchergebnissen, die der wohlhabenden Klasse der ‚Prosumer’ geliefert werden; gespeist von einer Datenbasis, die die Hohepriester der Technologie, die Experten, bereitgestellt haben.

Charakteristisch für solche Verfahren, die vorgeben, aus der verfügbaren und vermeintlich grenzenlosen Menge an Daten „die Wahrheit” zu extrahieren, ist eine extreme Form des Relativismus. Schon an der Vielzahl von Algorithmen und Filtern, die Google verwendet, um diese Wahrheit zu gewinnen, lässt sich das erahnen. Die eigentliche Bedeutung der passenden Antwort auf eine Suchanfrage aber liegt darin, dass sie für jeden Konsumenten ein fertiges, personalisiertes Produkt liefert.

Technikhass und Technikeuphorie

Wo uns auf diese Weise die Erzeugung, Verwaltung und Anwendung von Wissen aus den Händen genommen wird, scheinen nur zwei Optionen übrig: Entweder die Ablehnung der Wissenschaftskultur überhaupt als Wurzel allen Übels; oder – im direkten Gegensatz dazu – das blinde und enthusiastische Akzeptieren jeglicher durch Technologie hervorgebrachter Innovation.

Doch zwischen diesen beiden Extrempositionen – Technikhass hier, Technikeuphorie dort – lässt sich eine Position entwickeln, die jene Neugier befördert, die wir aus der Hackerethik kennen. Sie steht ebenso für das Teilen von Wissen, die kritische Haltung gegenüber „Wahrheiten” wie für das rigorose Prüfen von Quellen und den freien Fluss von Information.

Ein fundamental wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist Bildung, doch es fehlen die Mittel, um Wissen in großem Maßstab zu verbreiten. Die Bildungsstrukturen in Europa und in Nordamerika sind nur darauf ausgerichtet, Spezialisten zu produzieren. Und ein pädagogisches Modell, das sich am Bedürfnis nach einer Art „dilettantischem” wissenschaftlichen Zugang zu Wissen orientiert, ist im Moment nicht in Sicht.

Die Logik der Informationstechnologie

Der Aufstieg der Informationstechnologie zum Motor technischer Innovation überhaupt hat neue Szenarien eröffnet: Informationstechnologie ist nicht nur ein Verfahren, um den Umgang mit Informationen zu automatisieren. Sie besitzt eine eigene Logik, die darin besteht, kontinuierlich ihre eigene Basis zu verändern. Informationstechnologie ist gleichzeitig physikalisch-materiell und experimentelle Theorie. Sie befasst sich mit der Formalisierung der Sprache, bringt diese mit physischen Komponenten der Elektronik zur Wirkung, woraus wiederum neue Sprachen entstehen, die erneut die Theorien des Wissens beeinflussen.

Vor zehn Jahren geschriebene Software unterscheidet sich strukturell von Software für einen heutigen Computer. Wir wissen, dass das, was wir gestern für wahr hielten, morgen nicht mehr stimmen wird, wenn wir stärkere Maschinen haben und mit ihnen völlig neue Dinge tun können.

Wunder der Technologie: Von subjektiven Meinungen zur objektiven Wahrheit

In dieser gigantischen Datenwelt nun taucht der gute Riese Google auf und erklärt uns, dass wir alle Teil einer großen, bislang nicht gekannten globalen elektronischen Demokratie seien. Und so seien auch die Ergebnisse von Pagerank korrekt, entspringen sie doch der direkten Demokratie der Links, die durch Googles Algorithmen validiert werden – und uns in gewisser Weise unser Recht zurückgeben, für uns selbst zu sprechen.

Epistemologisch betrachtet kann Popularität jedoch nie als Beleg für objektive Qualität gelten. Dann würde das Konzept der Objektivität auf der unausgesprochenen Annahme beruhen, dass eine Masse subjektiver Ideen – die Meinungen, die über Links ausgedrückt werden – sich scheinbar magisch in ihr exaktes Gegenteil verwandeln kann: in die aufscheinende objektive Wahrheit in dem Moment, da sie eine bestimmte Zahl überschreiten und zur Mehrheit werden. So wird das Ranking zum Ausweis von Qualität, weil es augenscheinlich das Ergebnis informationsverarbeitender Technologien darstellt.

Algorithmen und der Schein der Objektivität

Dennoch: Wie kann Quantität zu Qualität werden? Man geht davon aus – ohne es allzu offen zuzugeben – dass die technische Vermittlung durch den Algorithmus selbst bereits eine Garantie für „Objektivität” ist und assoziiert diese Objektivität mit „gut”, „besser” und schließlich mit „wahr”. Dieser Mechanismus der Konsensbildung, den Google als Manifestation direkter Demokratie betrachtet, da er über die Voten der User funktioniert, überzeugt aber aus zwei wesentlichen Gründen nicht: Erstens unterstellt er, dass die Mehrheit immer recht hat. Zweitens impliziert er, dass Meinungen mehrheitlich und notwendig eine technologische Vermittlung durchlaufen müssen, um dem User wirklich zu nutzen. Wie das genau funktioniert, wird aber nie erläutert.

Die Dichotomie zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven und die Gegenüberstellung von Wahrheit und Meinung ist in der Welt der Netzwerke aber selbst völlig deplaziert. Bei genauerer Betrachtung hat die Wissenschaft, wenn sie Techniken erfunden und Technologien gefördert hat, immer Hybride aus Natur und Kultur erzeugt.

Die Technologie hinter den Netzwerken ist nur die gegenwärtige Anwendung der wissenschaftlichen Methode, die ‚Natur-Kultur-Hybride’ erschafft und zu unzähligen wissenschaftlichen Objekten führt, die sich – anstelle der Menschen – als brauchbarere Zeichen für die Wirklichkeit präsentieren. Der Algorithmus von Pagerank und sein Urteil gilt nunmehr als vertrauenswürdiger als die Meinung eines Individuums, selbst als die eines fachlichen Experten – und sei es, weil Pageranks Empfehlung immer nur einen Klick entfernt ist, im Gegensatz zu der des Experten.

Was ist für wen relevant?

Ein anderer möglicher Gesichtspunkt auf das Thema „Subjektivität vs. Objektivität” bezieht sich auf das Modell der Entscheidungsfindung: Wie entscheidet man, was relevant ist? In einem relativistischen Kontext kann man eher davon ausgehen, dass eine Information ‚objektiv’ ist, wenn sie von einer Website (oder einem Blog oder Google oder einer offiziellen Quelle) stammt, deren Bewertungskriterien auf klare Vorgaben, transparente Prozesse und eine begrenzte, lokale Perspektive zurückgehen.

Ein Netzwerk, das auf Vertrauen basiert – also eine Gruppe von Leuten, die untereinander Informationen, Meinungen und ganz allgemein Wissen teilen – kann problemlos seine Arbeitsweisen offenlegen, ebenso seine Hierarchie, wenn es eine hat; auch die Voraussetzungen, um Mitglied des Netzwerks oder des Projekts zu werden.

Opake Entscheidungsmechanismen

Wenn man die Antworten prüft, die von einem solchen Vertrauensnetzwerk gegeben werden, kann man diese immer als ‚objektiv’ betrachten: in dem Sinne, dass sie für und in diesem Netzwerk wahr und relevant in Bezug auf dessen Erfahrungen sind. Diese Objektivität und Relevanz ist das Ergebnis vieler verschiedener Subjektivitäten und des Austauschs zwischen den Mitgliedern dieses Netzwerks. Wenn man sich mit seiner Gemeinschaft in Übereinstimmung sieht, kann die jeweilige Information für einen von Interesse sein, oder man kann sie zugunsten anderer Netzwerke des Vertrauens verwerfen.

Folgt man diesem Ansatz, und wäre Google bereit, seine Entscheidungsmechanismen offenzulegen und damit die Internetuser in der Lage, sie nachzuvollziehen, dann könnte man das Problem „objektiv vs. subjektiv” leicht überwinden. Man würde sich nicht nur Schritt für Schritt, Suche für Suche in das jeweils bevorzugte Netzwerk hineinversetzen können, sondern wäre auch in der Lage, es direkt zu beeinflussen und es im Rahmen unserer Geschmäcker und unserer Vorlieben, unserer Ideen und Eigenheiten zu halten – oder kurz: in Übereinstimmung mit uns selbst.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus „Luci e ombre di Google/ The Dark Side of Google” von Ippolita. Ippolita versteht sich als Forschungsgruppe und „Kollektiv für geselliges Schreiben”. Zuerst auf Italienisch 2007 veröffentlicht, ist die Schrift jetzt in der Reihe „Theory on Demand” des Amsterdamer Institute of Network Cultures in neuer Fassung erschienen.

Übersetzung: Andreas Kallfelz. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.5 IT

June 25 2013

Warum ich meine Musik nicht mehr verschenke

Werke im Netz zu verschenken ist eine gute Idee, fand der Musiker Bob Ostertag. Doch es ist leichter gesagt als getan. Was heruntergeladen wird, wird deshalb noch nicht gehört. Die Netbots der Plattformen durchsuchen jeden Tonschnipsel auf Urheberrechtsverletzungen. Sie dienen wenigen Stars und behindern viele Künstler.

2006 habe ich angefangen, meine Musik zu verschenken. Ich hatte bereits zu Zeiten von Vinyl und Kassette mit dem Musik machen begonnen; auf CD und LP gab es sie bereits. Ich habe meine Musik dann komplett ins Netz gestellt und als kostenlosen Download angeboten. Heute – sieben Jahre später – weiß ich, dass es weit schwieriger ist, Musik zu verschenken, als ich dachte. Teilweise stellt es sich sogar als unmöglich heraus.

Die Gründe dafür sagen eine Menge aus: Über Kreativität, Eigentum und Macht in einer vernetzten Welt, in der digitale Gemeingüter Konzernen gehören und von Netbots und stochastischen Algorithmen kontrolliert werden.

Meine Musik ist unter einer nicht-kommerziellen Creative-Commons-Lizenz verfügbar, die es jedem erlaubt, sie herunterzuladen, zu kopieren, zu remixen, zu kürzen oder zu zerstückeln. Sie darf nicht verkauft und mit ihr Gewinn gemacht werden. Wenn jemand meine Musik in eigene Stücke einbaut, sollte dies vermerkt werden; da es meine Musik als Quellmaterial kostenlos gibt, sollte auch später kein Geld dafür verlangt werden.

Die Musikindustrie hat für die Meisten noch nie funktioniert

Aber eigentlich sind das leere Worte, denn tatsächlich habe ich keine Ressourcen, um diese Bedingungen auch durchzusetzen. Die Probleme, denen ich in diesem Zusammenhang begegnet bin, waren ganz andere: Die Entscheidung, meine Musik kostenlos weiterzugeben, war der einfache Teil, weil die Musikindustrie für mich nie funktioniert hat. Das ist soweit keine große Überraschung. Für die meisten Musiker hat die Musikindustrie noch nie funktioniert.

Überraschend ist eher, wie viele Musiker das anscheinend nicht wissen oder es vergessen haben. Die gesamte Struktur der Musikindustrie stellt Unternehmensinteressen an erste Stelle, die Interessen der Musiker waren stets zweitrangig. Nur die größten Stars werden gut umsorgt; Lady Gaga sollte keinen Grund zur Beschwerde haben. Viele Leute wären schockiert, wenn sie erfahren, wie viele Bands, deren Namen sie kennen und deren CDs sie kaufen, nie einen Cent von den Verkäufen sehen.

Für Musiker wie mich, die „nicht-kommerzielle“ Musik machen, welche sich schwer einem Genre oder einer Marketingkategorie zuordnen lässt, war die Situation von Anfang an hoffnungslos. Mein Einkommen kommt aus Konzerten, nicht aus Aufnahmen. Ich trete seit 1978 weltweit auf. Für den größten Teil meines Publikums war es vor dem Internet schwierig, meine Musik zu bekommen. Meine Konzerte wurden oft von Leuten besucht, die weite Strecken gereist waren, um die Show zu sehen – und die hofften, jene Alben kaufen zu können, von denen sie gehört hatten, die sie aber nie irgendwo finden konnten.

Ein großer Schritt für Radiohead, für mich nur ein kleiner

Auftritt Internet. Plötzlich wurde es für jedermann möglich, Audioaufnahmen zu vertreiben und dabei nur ein paar Buttons zu klicken, wo vorher noch eine Infrastruktur aus Presswerken, LKWs, Schiffen, Flugzeugen, Warenhäusern, Geschäften, Buchhaltern, Anwälten etc. pp. nötig war. Wer braucht da schon die Plattenindustrie? Was für große Namen wie Radiohead eine schwierige, zögerliche und letztendlich unmögliche Entscheidung gewesen sein mag, fiel mir einfach.

Ich schrieb einen Essay „Über den beruflichen Selbstmord eines Studiomusikers”, der viel gelesen und kommentiert wurde. Auch wurde ich eingeladen, dem Vorstand von Question Copyright anzugehören, einer NGO, die sich für ein echtes digitales Gemeingut einsetzt. Nachdem ich meine Musik also befreit hatte, haben tatsächlich viel mehr Menschen auf sie zugegriffen. „w00t” – meine erste Veröffentlichung, mit der ich um die CD-Produktion einen Bogen machte und die als freier und kostenloser Download bereitsteht, wurde etwa 40.000 Mal heruntergeladen. In der Summe sind die Downloadzahlen aller meiner Aufnahmen auf weit über 100.000 angestiegen. (Da inzwischen verschiedene Seiten meine Titel zum Download anbieten, habe ich keine genaue Statistik.)

Wenn ein virtueller Baum umfällt

Dennoch habe ich gelernt, dass Zugang haben und Musik hören zwei verschiedene Dinge sind. Kostenlose Downloads haben einen Typus des hortenden Sammlers hervorgerufen, den es nur im digitalen Zeitalter gibt. In meinen Universitätskursen frage ich Studenten nach ihren Download-Gewohnheiten. Jeder, der Musik liebt, hat herausgefunden, wie man sie kostenlos herunterladen kann; allen Anstrengungen der Musikindustrie zum Trotz. Alle haben viel mehr Musik auf ihren Laptops und iPods, als sie in ihrem gesamten Leben jemals werden hören können. Gigabyte über Gigabyte an bedeutungslosen Daten. Eben diese Studenten sagen aber, dass sie alles, was sie sich an Musik gekauft haben, gehört haben.

Wenn ein virtueller Baum in einem virtuellen Wald fällt und keiner öffnet die Datei, gibt es ein Geräusch? Schwierige Frage. Wenn wir von Gemeingütern oder Commons reden – zum Beispiel über gemeinschaftliches Eigentum an Viehweiden in England – dann reden wir über begrenzte Ressourcen, die als solche geschätzt und von der Gemeinschaft, die sie umgibt, gepflegt werden. Doch wenn wir unter Gemeingut die Serverfarmen verstehen, die ohne Grenzen skalieren, dann sprechen wir von etwas anderem. Habe ich meine Musik unter Wert verkauft, weil ich ihr aufgenommenes Artefakt nicht monetarisiere?

Für die meisten Menschen, die sich für Musik interessieren, sind iTunes, Spotify, Pandora und so weiter zu solchen Gemeingütern geworden; Webseiten, bei denen die Nutzer mit ihrer Lieblingsmusik beginnen und diese dann weiter mit als ähnlich klassifizierter Musik verknüpfen. Studenten und fanatische Sammler sitzen vielleicht bis spät in die Nacht, um herauszufinden, wie sie die Dateien kostenlos bekommen, aber für die meisten Menschen sind die oben erwähnten Dienste der Standardweg, um neue Musik zu entdecken. Und diese Seiten nehmen keine Musik an, die kostenlos ist; sie wollen Geld verdienen. Weil ich meine Musik kostenlos zur Verfügung stelle, habe ich mich offenbar selbst aus diesem „Gemeingut” ausgeschlossen.

Falscher Alarm auf Youtube

Jacques Sirot ist ein unabhängiger französischer Künstler und Filmemacher. Er hat meine Musik als Soundtrack für einen seiner letzten Filme genutzt, weil ich deutlich gesagt habe, dass er (und jeder andere auch) das darf. Um auf Nummer sicher zu gehen, vermerkte er auf Youtube, wo er den Film veröffentlicht hat: „Dieser Creative-Commons-Film nutzt das Lied „Say No More“ von Bob Ostertag, das unter CC-Lizenz steht; die Nutzung wurde zudem vom Künstler persönlich genehmigt.“

Jacques Sirot: Tsunami

Doch kurz nach Veröffentlichung wurde der Film wegen Urheberrechtsverletzungen gesperrt, mit dem Vermerk, „dass er möglicherweise Inhalte enthält, die IODA [Independent Online Distribution Alliance, B.O.] gehören oder von ihr lizenziert wurden”. Jacques widersprach so:

Dieses Video enthält Elemente, die urheberrechtlich geschützt sind, aber mit gültiger Lizenz oder schriftlicher Genehmigung durch den Rechteinhaber verwendet wurden. Bob Ostertag wurde über die Nutzung seiner Musik informiert, die er unter Creative-Commons-Lizenz vertreibt, und hat die Verwendung erlaubt.

Im besten Gewissen glaube ich, dass die Anschuldigungen nicht berechtigt sind, und dass ich aus obenstehenden Gründen die nötigen Rechte an allen Inhalten meines Videos besitze. Ich habe keine vorsätzlich falsche Erklärung abgegeben und nutze dieses Einspruchsprozedere nicht auf missbräuchliche Weise, um Rechte dritter Parteien zu unterlaufen.

Mir ist bewusst, dass das Verbreiten von betrügerischen Anfechtungen zur Sperrung meines Youtube-Accounts führen kann.“

Er erhielt folgende Antwort:

Lieber Jacques Sirot,

IODA hat Ihren Streitfall untersucht und ihre Copyright-Ansprüche zu Ihrem Video „TSUNAMI“ bestätigt. Für mehr Informationen besuchen Sie bitte Ihre Copyright Notice Seite.

Mit freundlichen Grüßen,
das YouTube Team

Tantiemen-Labyrinth

Jacques hat zusammen mit der Wissenschaftlerin Sally-Jane Norman eine beträchtliche Zeit damit verbracht, die Thematik zu untersuchen und mich dann letztendlich kontaktiert. Nachdem auch ich mich weitere Stunden damit beschäftigte, wurde mir klar, was passiert war: Jahre zuvor hatte ich einige CDs bei Seeland veröffentlicht, einem Label, das von der berühmt-berüchtigten Medienguerilla-Gruppe Negativland betrieben wurde. Negativland wurde für die Parodie eines U2-Songs verklagt, was sie zum Sinnbild der Kunstfreiheit und des Widerstands gegen absurd weitreichende Urheberrechtsansprüche machte.

Ich hatte das Label vor einigen Jahren verlassen, als ich meine Musik unter Creative-Commons-Lizenz zur Verfügung gestellt habe. Wie so oft bei kleinen, unterfinanzierten Labels gab es Auseinandersetzungen über die Abrechnung. Negativland behauptete, ich schuldete ihnen Geld für unverkaufte CDs, die von den Geschäften zurückgeschickt wurden. Das war genau der Grund, warum ich nicht mehr mit kleinen Labels arbeiten und meine Musik lieber verschenken wollte. Es stellte sich dann heraus, dass Seeland zudem noch – ohne mich zu informieren – Tantiemen auf diese Musik einbehielt, um die angeblichen Verluste wieder auszugleichen.

Durch einen labyrinthartigen Weg an Verträgen und Rechtevergaben war die Sperrung von Jacques Sirots Video auf Youtube also das Ergebnis einer Buchhaltung, die heimlich Tantiemen aus meiner Musik für ein Label sammelte, das seinen Ruf auf den Widerstand gegen überzogene Urheberrechtsansprüche gründete. Negativland war darüber genauso entsetzt wie ich und hat die Sache nach Bekanntwerden sofort geklärt.

Der Fall Kanye West vs. Etienne Noreau-Hebert

Webseiten wie Youtube, Soundcloud oder Bandcamp erlauben es, freie Musik und Videos zu teilen. Aber selbst diese sind problematisch: Sie werden durch sogenannte Netbots kontrolliert, durch Softwarealgorithmen, die das Internet permanent nach Tönen absuchen, die vermeintlich das Eigentum von jemand anderem sind. Mein Freund Etienne Noreau-Hebert hat kürzliche neue Musik auf Soundcloud hochgeladen, um sie kostenlos mit anderen zu teilen. Er hat diese Antwort erhalten:

Unser automatisches Content Schutzsystem hat festgestellt, dass dein Sound „121223-Muhamarra-v0.3” möglicherweise den folgenden urheberrechtlich geschützten Inhalt enthält: „Love Lockdown (as made famous by Kanye West)” von Future Hit Makers Of America, Eigentum von Big Eye Music. Daher wurde die Veröffentlichung auf deinem Profil gesperrt.

Kanye West ist mit extrem erfolgreichen Platten, Filmen, einer Modelinie und mehr als 30 Millionen bezahlten Downloads natürlich eine Größe im kommerziellen Hip-Hop. Etienne ist ein unbekannter Musiker, der abstrakte elektronische Musik macht, die er kostenlos mit anderen teilen möchte. Nichts an Etiennes Musik erinnert auch nur annähernd an Kanye West.

Aber ein Netbot kam zu dem Schluss, dass Etienne Kanyes Rechte verletzte, und damit wurde seine Komposition von Soundcloud verbannt. Vielleicht gibt es jemanden auf Soundcloud, mit dem Etienne die Sache klären könnte, wenn er sich tief genug durch die Website graben, Mails versenden und durch die Telefonsysteme kommen würde. Vielleicht auch nicht. Aber Etienne vertreibt seine Musik kostenlos – oder vielmehr versucht er erfolglos, seine Musik kostenlos zu vertreiben. Woher soll er die Zeit dafür nehmen?

Wem dienen Netbots?

Die Software, die Soundcloud, Youtube und andere Anbieter im Netz nutzen, begann als Dienstleistung für große Labels, mit deren Hilfe sie Musikinhalte direkt beim Presswerk analysieren konnten, um unerlaubte Vervielfältigungen zu verhindern. Dieses System wird jetzt von allen genutzt. Die großen Labels wollen lieber zu viele Urheberrechtsverletzungen aufspüren als zu wenige. Das Ergebnis ist ein System, in dem die Interessen einer Handvoll Superstars, die keinen Cent ihrer Tantiemenmillionen verlieren wollen, mehr wiegen als die Interessen einer großen Mehrheit von Musikern, die einfach nur wollen, dass ihre Musik gehört wird.

Es geht dabei weniger um „gute” und „schlechte” Musik- oder Videoplattformen; der Punkt ist vielmehr, dass es im Sperr-System der Netbots starke Anreize für falschen Alarm gibt. Bei Youtube gibt es für mutmaßliche Rechteinhaber die Wahlmöglichkeit, urheberrechtsverletzende Videos herunterzunehmen oder Werbung zu schalten. Der Anreiz für falschen Alarm ist hier noch höher. Je mehr falsch-positive Sperrbenachrichtigungen verschickt werden, desto mehr kostenloser Werbeplatz wird generiert, auch wenn ansonsten gar keine rechtliche, künstlerische oder sonstige Verbindung besteht.

Doch kleine Leute wie Etienne sind nicht die einzigen Opfer der Kontrolle durch Netbots. Der Livestream von Michelle Obamas Rede während des letzten Demokraten-Parteitags wurden mitten im Satz durch Youtubes „präventive Inhaltsfilter“ unterbrochen. Zurück blieb nur ein schwarzer Bildschirm mit der Information, dass dieses Video Inhalte von WMG, SME, Associated Press (AP), UMG, Dow Jones, New York Times Digital, The Harry Fox Agency, Inc. (HFA), Warner Chappel, UMPG Publishing und EMI Music Publishing enthalte, von denen einer oder mehrere die Inhalte aufgrund von Urheberrechtsgesetzen für bestimmte Länder gesperrt habe. Wenn man wissen will, wer im Internet das Sagen hat, sind diese Namen ein guter Ausgangspunkt.

Ein Livestream der Hugo-Awards für Science-Fiction-Schriftsteller wurde geblockt, als ein Netbot feststellte, dass der Stream urheberrechtlich geschützte Filmclips enthalte. Das stimmte zwar, aber die Hugo-Awards hatten die Erlaubnis eingeholt, sie zu nutzen. Nur wussten die Netbots davon nichts. Youtubes präventive Filter blockierten auch wiederholt Aufnahmen von der Landung des NASA-Forschungsroboters auf dem Mars, obwohl sie als amtliche Werke gemeinfrei sind.

Fast kostenlos

Mein neuestes Werk heißt „A Book of Hours“ und enthält Aufnahmen der außergewöhnlich talentierten Sänger Shelly Hirsch, Phil Minton, Theo Bleckman und der Saxofon-Legende Roscoe Mitchell. Ich habe mich entschieden, das Album nicht zu verschenken, sondern einen relativ neuen Dienst mit dem merkwürdigen Namen CD Baby zu nutzen. CD Baby wird die Dateien zum Download anbieten, man kann sie wie üblich teilen, kommentieren und so weiter. Wichtiger ist aber, dass sie die Musik auf iTunes, Pandora, Spotify & Co. platzieren. Ich muss für diesen Service bezahlen. Sie akzeptieren meine Musik nicht, wenn ich dafür kein Geld verlange. Ich habe mich für den sehr geringen Betrag von knapp zwei Dollar für fast 60 Minuten Musik entschieden. Meine bisherigen Werke werden weiter kostenlos auf meiner Website stehen.

In gewisser Weise fühlt sich das an wie ein Rückzug von meinem Standpunkt der letzten sieben Jahre, dass Musik flächendeckend frei und kostenlos sein soll. Aber ich versuche in der digitalen Sintflut nur, meinen Kopf über Wasser zu halten.

Zur Person

Bob Ostertag ist Komponist, Interpret, Historiker, Instrumentenbauer, Journalist, Aktivist, Kajak-Lehrer sowie Professor für technokulturelle Studien an der University of California in Davis.

Zuletzt veröffentlichte er das Album „A Book of Hours”, die EP „A Surgeon General” sowie die Bücher „Raising Expectations (And Raising Hell)” und „Creative Life: Music, Politics, People, and Machines”.

Dieser Artikel erschien im englischen Original bei On the Commons (Lizenz: CC BY-SA). Übersetzung: Anne-Christin Mook.

March 21 2013

Geert Lovink: „Facebook ist eine Firma ohne Eigenschaften”

Was steckt hinter der Löschung kirchenkritischer Kommentare auf Facebook? Der Internet-Forscher Geert Lovink sieht „New-Age-Menschen” am Werk, deren Löschpolitik keiner Ethik folgt. Facebook sei als Forum für öffentliche Debatten ungeeignet. 

iRights.info: Die Löschung kirchenkritischer Kommentare des WDR-Moderators Jürgen Domian auf Facebook hat in Deutschland für Wirbel gesorgt. Das Unternehmen erklärte, ein Facebook-Team müsse wöchentlich hunderttausende Inhalte prüfen, um Menschen vor Missbrauch, Hassreden und Mobbing zu schützen, und habe dabei einen Fehler gemacht. Offenbar hatte jemand die Kommentare als Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen bei Facebook gemeldet. Wie bewerten Sie diesen Vorgang?

Geert Lovink: Man muss nicht Sigmund Freud studiert haben, um die Bedeutung von Fehlern zu kennen. Aus psychoanalytischer Sicht lehren uns Fehler etwas über den Normalzustand. Und hier erstaunt mich sehr, dass Facebook im Hintergrund wöchentlich offenbar Hunderttausende dieser Meldungen bekommt. Davon bekommen wir ja sonst nichts mit. Facebook ist ein recht geheimnisvolles Unternehmen. Wenn sich die Zahl nur auf Deutschland beziehen sollte, wäre sie unglaublich hoch. Dieses Denunziantentum müsste man dann dringend untersuchen. Der Fall würde für eine Art Blockwart-Mentalität in Deutschland sprechen, die sich online fortsetzt, für echte Probleme mit der Meinungsfreiheit.

„Wichtige Debatten nicht auf privaten Plattformen führen”

iRights.info: Könnte der Lösch-Fehler dafür sprechen, dass letztlich Software die Meldungen automatisiert überprüft?

Geert Lovink: Ich weiß nicht, inwieweit Facebook hier Software, also Bots, einsetzt. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Facebook genug Mitarbeiter hat, um hunderttausende Meldungen in der Woche persönlich zu prüfen. Bots können sicherlich einzelne Wörter erkennen und sperren, aber meines Wissens komplexe Bedeutungszusammenhänge noch nicht fehlerfrei einschätzen. Es müsste Bots schwer fallen, zwischen einer Diskriminierung und einem Scherz über Diskriminierung zu unterscheiden.

iRights.info: Muss Facebook überhaupt den Zensor spielen?

Geert Lovink: Der entscheidende Punkt ist: Diese Frage hat uns gar nichts anzugehen. Facebook darf als private Firma mit den Inhalten auf den eigenen Servern machen, was es will. Der Dienst ist umsonst, und wir haben als Nutzer kein Recht darauf, dass unsere Inhalte dort bleiben. Ich bin deshalb dagegen, dass gesellschaftlich wichtige Debatten – vielleicht auch zum Papst – auf Plattformen privater Firmen ausgetragen werden. Wir sollten besser öffentliche, gemeinnützige Foren nutzen. Dann könnten die Diskussionsbeiträge auch archiviert werden und durchsuchbar sein. Das geht bei Facebook ja alles nicht.

„Es gibt keine moralischen Prinzipien”

iRights.info: Facebooks Nutzungsbedingungen schreiben unter anderem vor, dass Nutzer keine „irreführenden“ oder „bösartigen“ Handlungen durchführen. Irreführend und bösartig kann je nach Perspektive alles Mögliche sein. Ist Facebooks Löschpolitik letztlich willkürlich?

Geert Lovink: Facebooks Ziel ist die Gewinnmaximierung. Es ist ein ganz normales Unternehmen. Das bedeutet für die Zensurpolitik: Facebook wird Inhalte löschen, die Gewinne gefährden. Wenn zum Beispiel eine große Mehrheit der Nutzer dagegen ist, dass auf Facebook extremistische Inhalte sind, wird das Unternehmen sie löschen. Basta. Wenn nicht, dann nicht. Hinter dieser Zensur steckt keine Ethik, sondern nur ein marktorientiertes Kalkül. Deshalb ändert sich auch die Löschpolitik ständig und man kann die moralischen Prinzipien dahinter nicht verstehen, weil es keine gibt. Es ist eine Firma ohne Eigenschaften und in dem Sinne auch anders als Google, wo die Weltdominanz wenigstens im Zusammenhang mit Ideen steht.

„Sie beschwören das Gute und Positive”

iRights.info: Bisher zeigt sich Facebook recht prüde und löscht Nacktbilder selbst dann, wenn es sich um Kunst von 1940 handelt. Spricht das nicht gegen Ihre These der nicht vorhandenen Moral? Mit etwas mehr Freizügigkeit würde Facebook vielleicht noch eine größere Nutzungsintensität erreichen…

Geert Lovink: Das hat mit Facebooks Hintergrund als US-Firma zu tun. Die Regel „Keine Nacktheit“ haben sie bestimmt nicht ganz freiwillig formuliert, das schreiben ihnen die Anwälte in den USA vor. Auch das zeigt, wie unkreativ und langweilig diese Leute im Grunde sind.

iRights.info: Manche Nutzer in den USA konnten Kommentare gar nicht erst auf Facebook posten. Es erschien die Meldung: „Dieser Kommentar erscheint irrelevant oder unangemessen und kann nicht veröffentlicht werden. Um zu vermeiden, dass Ihre Kommentare blockiert werden, stellen Sie bitte sicher, dass sie in einer positiven Art und Weise etwas zum Beitrag beisteuern.” Die Formulierung klingt wie eine Satire auf die Internetzensur. Fehlt Facebook rein sprachlich das Feingefühl?

Geert Lovink: Nein, diese Formulierung ist ganz typisch für die großen Internetkonzerne. So denken und sprechen diese Unternehmen. Das sind New-Age-Menschen. Sie beschwören das Gute und Positive. Da ist für das Unangemessene und Negative kein Platz. Das ist die kalifornische Ideologie. In den USA kann vielleicht eine solche Meldung erscheinen. In den Niederlanden wären diese Sätze komplett lächerlich, genauso wie Facebooks pathetischer Entschuldigungstext im Fall Jürgen Domian.

„Wenn wir ein öffentliches Internet hätten…”

iRights.info: Ein privates Unternehmen reguliert nun den Kommunikationsraum von rund einer Milliarde Menschen. Müssten die Regeln für diesen Raum gesamtgesellschaftlich diskutiert werden?

Geert Lovink: Ich bin eher dafür, gemeinsam dafür zu sorgen, dass Facebook verschwindet. Wir könnten es uncool machen, und dafür sorgen, dass vor allem junge Leute es langweilig finden. Der Einfluss dieser Firma ist im Moment noch viel zu groß und führt zu allen möglichen Problemen. Es ist schade, dass das Internet so weit degeneriert ist, dass wir großen Unternehmen so viel Macht geben. Es ist allerdings dumm, sich darüber zu beschweren, wenn private Unternehmen ihre Gewinninteressen verfolgen. Wenn wir ein öffentliches Internet hätten, hätten wir diese Probleme nicht. Die Infrastruktur darf nicht einer privaten Firma gehören.

iRights.info: Soll der Staat soziale Netzwerke und Suchmaschinen finanzieren?

Geert Lovink: Der Staat ist in diesen neoliberalen Zeiten ja leider selbst eine Firma. Er ist eng mit Privatinteressen verbunden und tritt nicht unbedingt für das Allgemeinwohl ein. Der Staat kümmert sich nicht um die Gestaltung und Verwaltung der – auch virtuellen – Öffentlichkeit. Das Internet ist doch das Paradebeispiel. Wir müssen uns selbst um den Aufbau der Commons kümmern, um das digitale Gemeingut.

Zur Person


Der Medienwissenschaftler und Aktivist Geert Lovink beschäftigt sich mit der Netzkultur, Gegenöffentlichkeiten im Internet und den Utopien der Internetwirtschaft. 2004 gründete Lovink mit dem Institute for Network Cultures in Amsterdam ein eigenes Institut. 2010 löschte Lovink im Zuge der Aktion „Quit Facebook Day“ seinen Facebook-Account. Foto: Privat. 
Grafik: Eric Meyer, CC BY-NC-SA.

October 04 2012

Content-ID: Youtube schraubt an Copyright-Prüfungen

Foto: Fred Seibert, CC BY-NC-ND, flic.kr/p/9p9oE2

Das Filtersystem Content-ID soll Urheberrechtsverletzungen auf der Plattform Youtube verhindern, sorgt unter anderem wegen Fehlalarmen bei Nutzern und Produzenten aber immer wieder für Ärger. Jetzt gibt es zwei Änderungen am System, wie das Youtube-Unternehmensblog am Mittwoch mitgeteilt hat.

Zum einen sollen die Nutzer bessere Widerspruchsmöglichkeiten gegenüber Rechteinhabern haben, wenn das System einen Treffer meldet: Kurz gesagt gibt es nun eine Art Berufung. Wenn ein Nutzer der Sperrung eines Videos durch mutmaßliche Rechteinhaber widerspricht, gibt es für diese nun zwei Optionen. Sie können es beim Widerspruch belassen oder eine formale Beschwerde im Rahmen der DMCA-Verfahren einleiten. Zuvor war die Möglichkeit zum Widerspruch eingeschränkt (gut erläutert ist das bisherige Verfahren in der Infografik bei fairusetube.org).

Daneben sollen Fehlalarme dadurch reduziert werden, dass unsichere Treffer des Systems einen manuellen Review-Prozess durchlaufen, die Videos also nicht gleich gesperrt werden. Auch sei der Algorithmus in den letzten Monaten verbessert worden und die Trefferquote damit erhöht, heißt es in dem Beitrag.

Erst vor kurzem hatte die – versehentliche – Sperrung des NASA-Videos von der Marslandung der „Curiosity” neue Diskussionen über das Rechtemanagement bei Youtube ausgelöst. Nach amerikanischem Urheberrecht sind NASA-Videos als amtliche Werke zwar gemeinfrei, doch sobald ein großes Fernsehstudio das Material verwendete, führte das zu Sperrungen für Dritte, weil die freien Inhalte nun in geschützten Videos enthalten waren.

Die Electronic Frontier Foundation schrieb anlässlich dessen über die Probleme des Content-ID-Systems im Vergleich zum offiziellen DMCA-Verfahren:

Unfortunately, the robots behind that copyright enforcement machine have the tendency to shoot first and ask questions later, even when it ends up silencing real — human — speech. (…)

Content ID, by contrast, is an opaque and proprietary system where the accuser can serve as the judge, jury, and executioner. There is an official dispute mechanism — and where it’s effective it can be easier than a DMCA counter-notice — but in cases where a user runs into a dead-end she has little recourse.

Die jetzt angekündigten Veränderungen wirken wie eine Reaktion genau darauf – auch wenn die NASA-Diskussion im offiziellen Statement nicht auftaucht und die Diskussion darüber schon lange geführt wird.

Die Tendenz zur algorithmischen Rechtsdurchsetzung bleibt dennoch problematisch. Systeme wie Content-ID sind vor allem für große Rechteinhaber komfortabel – wie das Beispiel des NASA-Videos zeigt, führen sie zu ihrer Bevorzugung „by default”. Das algorithmische Modell dahinter bleibt simpel, es basiert auf dem Abgleich aller Inhalte mit einem Katalog von Rechteinhabern. Für Informationen, die sich aus dem Kontext ergeben – zum Beispiel auch zulässige Nutzungen nach amerikanischem Fair Use – bleibt das System blind. Immerhin könnte die Einführung einer manuellen Kontrollschleife nun die Probleme verringern. Doch darüber hinaus hat sich mit den Erkennungs-Systemen ein privates Rechtsdurchsetzungs-Modell etabliert, das rechtsstaatlichen Verfahren zunehmend vorgelagert ist. Daran wird sich so schnell nichts ändern.

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