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July 27 2012

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Sport erzählt uns auch etwas über die Machtbalance innerhalb der vorindustriellen Gesellschaften, wo sich die sozialen Eliten nicht nur in Republiken wie der Schweiz, den Generalstaaten oder in Venedig, sondern sogar in Erbmonarchien wie Frankreich, der Toskana oder den deutschen Fürstenstaaten verpflichtet fühlten, populäre Sportarten zu sponsern und zu besuchen und – solange sie fit genug waren – aktiv mitzumachen.

„Running for election“ – wie heutige Politiker – war für die Fürsten nicht das Problem, aber sie mussten auch in Alteuropa um die Zustimmung ihrer Untertanen kämpfen. Ein von der Bevölkerung nicht anerkannter Herrscher galt gemäß der frühneuzeitlichen Politiktheorie als Tyrann. Herrschaft beruhte auf gegenseitigem Respekt. Besonders ungeschickten Potentaten nützte aber auch die Unterstützung des Sports nichts. König Karl I. von England etwa verlor wegen seiner Unfähigkeit in der Finanz- und Religionspolitik buchstäblich seinen Kopf. Jakob I. von England hatte dagegen mit der Verteidigung des Sports gegen religiöse Angriffe in seinem „Book of Sports“ große Zustimmung gewonnen.

Bereits der Schriftsteller Juvenal hat festgestellt, dass die Bevölkerung des Römischen Reiches durch „Brot und Zirkusspiele“ abgelenkt und dabei politisch entmündigt würde. Die Frage nach dem Verhältnis von Sport und Macht hat Soziologen auch in den letzten Jahrzehnten stark beschäftigt. Gelehrte im Umfeld der Frankfurter Schule – und insbesondere Theodor W. Adorno – bezogen eine Extremposition mit der Ansicht, dass Sport nur ein raffiniertes Mittel zur Unterdrückung sei. Dieses in der Bitternis des Exils formulierte Urteil bezog sich aber nicht allein auf den Sport im Nationalsozialismus, sondern gleichermaßen auf den Sport als Teil der amerikanischen Kulturindustrie.[17] Ein Echo dieses Standpunkts findet sich bei dem französischen Kulturtheoretiker Michel Foucault, der Sport als Bestandteil einer gewaltigen staatlichen Disziplinierungsmaschinerie sieht, die seit Beginn der Neuzeit versuchte, die Körper der Menschen zu dressieren.[18]

Wesentlich differenzierter ist die Sicht des Italieners Antonio Gramsci, der zwar wie Adorno die faschistischen Massenchoreographien vor Augen hatte, aber doch dem Sport ein emanzipatorisches Potential zuerkannte. Einerseits sahen er und seine Nachfolger den Sport als Bestandteil einer kulturellen Hegemonie der bürgerlichen, kapitalistischen Klasse, die das Volk mit „Zirkusspielen“ zumal in ­einer Periode zunehmender Freizeit ablenkt und besonders die immer unruhige männliche Jugend in das System einbindet, andererseits setzte Sport als Quelle der Freude potentiell auch positive Energien frei.[19]

Ohne Bezug auf Gramsci verfolgte Pierre Bourdieu, der sich als einer von wenigen Klassikern der Soziologie früh zu Fragen des Sports geäußert hat, einen ähnlichen Pfad, indem er die Klassenbedingtheit der Sportarten untersucht.[20] Seinem Befund nach haben Angehörige der Arbeiterklasse eine höhere Wertschätzung für physische Stärke und ein stark gegenwartsorientiertes Interesse an Kampfsportarten wie Ringen, Boxen, Karate, Gewichtheben oder Bodybuilding, an Mannschaftssportarten mit hohem Körpereinsatz wie Fußball, Rugby oder American Football und an Wettkämpfen, die mit Gefahr und ganzem Körpereinsatz verbunden sind wie Autorennen oder Geräteturnen. Dagegen sähen die Angehörigen der mittleren und höheren Klassen Sport eher zukunftsorientiert im Zusammenhang mit Gesundheit und Sozialprestige. Dies betreffe fitnessorientierte Aktivitäten wie Jogging, Walking etc. sowie Sportarten mit Naturbezug (Klettern, Kajakfahren, Skilanglauf), Mannschaftsspiele mit wenig Körperkontakt (Volleyball, Cricket) oder prestigeträchtige Sportarten wie Golf, Segeln, Polo oder die Jagd, die mit den entsprechenden Clubs und Accessoires zur Akkumulation von symbolischem Kapital dienten.

Die Wahl der Sportart hängt nach Bourdieu also nicht nur von materiellen Voraussetzungen ab, sondern auch von der Mentalität der unterschiedlichen Gesellschaftsklassen in Bezug auf Praktiken des Körpers. Der klassenspezifische Habitus trage entscheidend zur Erhaltung der herrschenden Machtverhältnisse bei, die quasi in die Körper eingeschrieben seien.

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Olympia 2012: Die sportifizierte Gesellschaft | Blätter für deutsche und internationale Politik 2012-07-27

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Schweinderl