Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

June 08 2011

02mydafsoup-01

Die Spanier zeigen uns einen Ausweg: Aufbruch der Vielen | taz.de - 2011-06-05


KOMMENTAR VON RAUL ZELIK

 

Demonstranten in Barcelona fordern am Samstag den Rücktritt des katalanischen Innenministers Felip Puig. Foto: dapd

Die Massenproteste von Madrid und Barcelona haben viele überrascht. Die spanische Gesellschaft hatte mit der Transición, dem Ende der 1970er-Jahre zwischen Franquisten, Königshaus und Linksparteien ausgehandelten Kompromiss zur Modernisierung des Landes, eine rasante Entpolitisierung erlebt. Und ausgerechnet diese Gesellschaft bringt heute neue Formen politischer Bewegung hervor?

Neu daran ist, dass der Widerstand gegen die Umverteilung von unten nach oben mit einer radikaldemokratischen Praxis im öffentlichen Raum verbunden wird. Man demonstriert gegen die Sparprogramme der spanischen Regierung, mit denen Spekulationsvermögen und - nicht zuletzt deutsche - Banken gerettet werden sollen. Man demonstriert aber auch gegen die real existierende Demokratie. "Wir lassen nicht länger zu, dass andere für uns sprechen. Wir wollen selber sprechen", lautet eine der zentralen Losungen der Revolte.

Anzeige

Die Demonstrierenden selbst haben ihren Protest in eine Reihe mit den arabischen Bewegungen gestellt und die Puerta del Sol als europäischen Tahrirplatz bezeichnet. Keine schlechte These: Soziale und politische Teilhabe sind auch in Europa uneingelöste Versprechen. Doch wohl noch interessanter als der Bezug zur arabischen Revolte sind die Parallelen zu den Bewegungen, die den lateinamerikanischen Kontinent in den vergangenen 20 Jahren verändert haben.

Es begann in Lateinamerika

Auch in Argentinien, Venezuela oder Kolumbien entzündete sich der gesellschaftliche Widerstand an einer Austeritätspolitik, mit der die Kosten der ökonomischen Krise nach unten abgewälzt wurden. Auch dort richtete sich die Wut gegen die Repräsentation der politischen und medialen Apparate: "Sie sollen alle abhauen", lautete das Motto in Argentinien 2001. Und in Venezuela stürmten die Bewohner der Armenviertel 1989 ganz einfach die Einkaufsmeilen, um sich jenen Wohlstand zu holen, den man ihnen immer versprochen hatte.

Und schließlich war, wie heute in Spanien, die politische Linke vor den lateinamerikanischen Revolten völlig marginalisiert gewesen. Das scheint kein Zufall zu sein: Gerade weil niemand beanspruchen konnte, die Ausgeschlossenen zu repräsentieren - weder Politik noch Gewerkschaften, Medien oder Intellektuelle -, fand die Gesellschaft, zumindest phasenweise, zum Kern der Demokratie zurück: zur Artikulation der Vielen.

Die Krise der Repräsentation hat nun offensichtlich also auch Westeuropa erreicht. Aber woran liegt das?

Der britische Politologe Colin Crouch erklärte den Legitimationsverfall der politischen Systeme in seinem vielbeachteten Essay "Postdemokratie" (2005) mit dem Erstarken der ökonomischen Lobbys, die den demokratischen Prozess gezielt unterlaufen. Das ist nicht falsch und bleibt doch an der Oberfläche. Folgt man Crouch, dann war nämlich in den Zeiten des Wohlfahrtsstaats noch alles weitgehend in Ordnung.

Zwei-Klassen-Demokratie

Das Problem aber ist grundsätzlicherer Natur. Da ist einerseits die Tatsache, dass die liberale Demokratie von einem Widerspruch durchzogen wird: Politische Gleichheit und Freiheit, wie sie die Demokratie postuliert, sind mit der real existierenden Ungleichheit im Kapitalismus nicht wirklich vereinbar. Am konkreten Beispiel wird das deutlich: Für Kapitaleigentümer hat die Presse- und Meinungsfreiheit eine reale Bedeutung; für den Hartz-IV-Empfänger hingegen handelt es sich um ein formales Recht. Denn auf politische Diskussions- und Entscheidungsprozesse kann er faktisch keinen Einfluss nehmen.

Die bürgerlich-liberale Demokratie bleibt in dieser Hinsicht gepanzert. Parteien und parlamentarische Apparate sorgen dafür, dass der Widerspruch zwischen sozialer Herrschaft und politischer Gleichheit nicht eskaliert. Die Anliegen der Mehrheit werden zwar nicht vollständig ignoriert, aber sie werden herrschaftlich gefiltert. Als Wähler der Reformparteien erleben wir das regelmäßig: Die von uns gewählten Regierungen machen jene Politik, die wir doch eigentlich abgewählt haben. Rot-Grün führte Deutschland in den Krieg und setzte Hartz IV durch, in Berlin hat der rot-rote Senat die Privatisierung des öffentlichem Eigentums forciert.

Darüber hinaus haben wir es aber auch mit einem allgemeinen Widerspruch zu tun. Der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos, der in den letzten Jahren zur führenden Stimme kritischer Theorie in Lateinamerika aufstieg, beschreibt unsere Gesellschaften als "Demokratien geringer Intensität", in denen "Inseln demokratischer Beziehungen in einem Archipel der (ökonomischen, sozialen, rassischen, sexuellen, religiösen) Tyranneien" angesiedelt sind.

Revolte gegen die Finanzmärkte

Die demokratische Revolution steht somit auch nach über 200 Jahren noch am Anfang. Aus all diesen Gründen fallen politischer Diskurs und Realität immer weiter auseinander.

Bislang hatte man den Eindruck, dass Europa auf diese Krise von Repräsentation und Politik nur mit unsolidarischen, rassistischen Reflexen zu reagieren weiß. Nur der Rechtspopulismus, der die Angst vor dem sozialen Abstieg gegen die gesellschaftlich Marginalisierten - gegen Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Migranten - richtet, hat bisher von der Krise profitiert. Die "spanische Revolution" zeigt nun einen anderen Ausweg auf. Es ist möglich, solidarisch zu handeln und mit eigener Stimme zu sprechen.

In Lateinamerika haben die Revolten der letzten zwanzig Jahre, ebenso wie jetzt in Nordafrika, zu einem Bruch des politischen Systems geführt. Ein so eindeutiger Ausgang zeichnet sich in Europa nicht ab. Tatsächlich ist völlig unklar, ob und wie es mit der "Bewegung 15-M" weitergeht.

Trotzdem hat diese Bewegung, in Spanien wie anderswo in Europa, eine klare Perspektive. Wenn der Widerstand, der sich in Spanien und Griechenland zu artikulieren begonnen hat, sich ausbreitet, kann die Umverteilungspolitik der EU, die die Finanzkrise von den Bedürftigen bezahlen lässt, zu Fall gebracht werden. Die Revolte hat das Potenzial, die Macht der Finanzmärkte brechen. Das ist mehr, als sich jede Reformregierung heute realistisch vornehmen kann.

---------------------------------------------------------

Raul Zelik ist ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Politologe. Derzeit lehrt er als Professor an der Nationaluniversität Kolumbiens in Medellín. Zuletzt erschien von ihm "Nach dem Kapitalismus. Perspektiven der Emanzipation" (VSA Verlag, 2011). Foto: Kay A. Itting

Reposted bykrekkreturn13Halobeatz
02mydafsoup-01
0515 4077

rerylikes:

Henri Cartier-Bresson. Roland Barthes, 1963

“From the Desk of Roland Barthes” by Ben Kafka:
In this essay, the author examines a brief account by the historian Jacques Le Goff of Roland Barthes’s years as an administrator in the Sixth Section of the École Pratique des Hautes Études (which eventually became the EHESS). This account provides an opportunity for a more sustained reflection on writing, paperwork, and the problem of the materiality of communication. The author argues that some recent scholarship in book history, media studies, and related fields has neglected the unconscious dimensions of communication.

(via proustitute)

------------------------------------

// oAnth

    

[...]

   

The editors had invited him to take part in a forum on how writers were taking to the portable tape recorder: did he ever dictate to the machine? He answers with a firm no:

  

I love to write, and not speak, and when I write it’s by hand, not on a typewriter. Several factors contribute to this choice. First there is a refusal: my body refuses to speak out loud to . . . nobody. Unless I’m certain that another body is listening to me, my voice gets stuck, I can’t get it out. If, in a conversation, I notice that that somebody isn’t listening to me, I stop speaking, and it is simply beyond my power to leave a message on an answering machine (I don’t think I’m alone in this). Voices are made to reach out to the other; to speak alone, with a tape recorder, strikes me as terribly frustrating. My voice is literally cut off (castrated). There is nothing to be done, it is impossible for me to be on the receiving end of my own voice, which is the only thing the tape recorder has to offer me. My writing, meanwhile, is immediately destined for everybody. Its slow pace protects me: I have the time to dangle the wrong word from the tip of my pen, the word that “spontaneity” never ceases to generate. There is a great distance between my head and my hand and I take advantage of it in order to avoid saying the first thing that comes to me. Finally, and this is probably the real reason, the challenge of tracing words on paper has a truly sculptural jouissance [une véritable jouissance plastique]. If my voice brings me pleasure, that is only out of narcissism. Writing comes from my muscles. I abandon [jouis] myself to a kind of manual labor. I combine two “arts”: the textual and the graphic.


Here, we might say, is the reductio ad minimum at its most minimalist. And yet isn’t something missing here?


[...]

June 07 2011

02mydafsoup-01
02mydafsoup-01
Play fullscreen

A video tour of the antimatter trap at CERN. This is the device that allows scientists to capture antimatter long enough to a) confirm its existence and b) study its properties, as mentioned yesterday.

It exists in the device for only minutes, but for an atomic particle that’s an eternity. Then they allow the antimatter particles to escape and record their energy release. Great video about a very complicated device and concept.

Reposted fromscience science viadatenwolf datenwolf

June 06 2011

02mydafsoup-01
Hallo ihr Lieben, auch wenn es in den letzten Tagen etwas ruhig geworden ist im Infotopf, tun sich hier in Spanien gerade neue Dimensionen auf! Im Folgenden ein kurzer Lagebericht:

Im wesentlichen gibt es 3 neue Dimensionen/Entwicklungen:

- eine Dezentralisierung der Bewegung in die Barrios die sehr erfolgreich verlaufen ist, mit allein 120 asambleas im Großraum Madrid, die zwischen 200 und 1500 TeilnehmerInnen hatten. Das bringt neue Impulse und neuen Schwung, konkretisiert die Forderungen und hat zur Folge, dass mittlerweile 81% der Bevölkerung die Bewegung unterstützten (EL Pais)

- eine neue Orientierung hin zur arbeitenden Bevölkerung: als Modell gilt hier Malaga (von den Medien beahhrlich totgeschwiegen). Dort wurde in den poligonos industriales mobilisiert, asmableas obreras abgehalten und die ArbeiterInnen eingebunden, nachdem das in der Bewegung selbst erst sehr kontrovers diskutiert wurde mit den üblichen revisionistischen Argumenten wir wären keine ArbeiterInnen, sondern Individuen, hier gibts keine Ideologie und keine Klassen, bla bla). Das Ergebnis war überwältigend: am 27.05. erlebte Malaga eine Demo mit 25.000 Leuten, die größte seit den Antikriegsdemos 2003. Jetzt wird das Modell auch nach Madrid exportiert, und verstärkt auf Basisgewerkschaften zugegangen, die Losung des unbefristeten Generalstreiks ausgegeben. Zudem fand am 4.6. die erste landesweite asamblea statt, an der 56 Städte teilnahmen und ein Sternmarsch auf Madrid, der von den großen Krisendemos am 19.06. aus starten soll, beschlossen.

- damit zum dritten Punkt: alle asambleas in den Barrios haben beschlossen, die landesweiten Demos am 19.06. unter dem Motto "Gemeinsam gegen Krise und Kapital" zu unterstützen. Diese bewegen sich in den Städten aus den Barrios auf die Regierungsinstitutionen zu, den Senat in Madrid, sonst auf die ayuntamientos. Ich denke, dass das ein nächster Eskalationspunkt werden wird, der die Kraft der Bewegung demonstriert. Die Mobilierungskraft der Bewegung ist jetzt schon größer als die der Gewerkschaften, der Losung eines Generalstreikes kann der 19. nur gut tun. Auch inhaltlich schärft sich der Diskurs langsam, die 8 Punkte auf der HP von democracia real wurden in der landesweiten asamblea abgesegnet und werden jetzt überall für die Mobilisierungen benützt. Zudem gibt es eine sehr starke Eigendynamik in den barrios, wo anschließend an die asambleas Spontandemos abgehalten werden oder eine Metrostation gestürmt wird, in der gerade Bullen migrantisch aussehende Personen kontrollieren.

Sehr schön das Ganze hier, es geht weiter, die Bewegung wächst und wächst sich v.a. langsam zu einer wirklichen Bedrohung für die Stabilität der Herrschaft im Land aus. Mensch darf gespannt bleiben!!! V.a. auf den 19.06 und den anschließenden Sternmarsch auf Madrid, der ein bisschen an Maos langen Marsch erinnert, mit asambleas in allen Dörfern durch die gegangen wird, klingt sehr gut organisiert und nach großen Ambitionen.
Infotopf DEMOCRACIA REAL
Reposted fromkellerabteil kellerabteil
Older posts are this way If this message doesn't go away, click anywhere on the page to continue loading posts.
Could not load more posts
Maybe Soup is currently being updated? I'll try again automatically in a few seconds...
Just a second, loading more posts...
You've reached the end.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl