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November 21 2010

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»Ein Polizist sprang auf die am Boden liegende Frau«

Bildjournalist fotografierte im Wendland Polizeibrutalität – er wurde gezwungen, die Aufnahmen zu löschen. Gespräch mit Michael Schittenhelm

Interview: Gitta Düperthal
Michael Schittenhelm ist freier Fotograf in Lindau am Bodensee

Bei den Castorprotesten im Wendland haben Sie mit einer Digitalkamera Fotos von einem gewaltsamen Polizeieinsatz gegen Blockierer geschossen. Anschließend haben Polizisten Sie gezwungen, die Fotos zu löschen. Wie kam es zu dieser Konfrontation?

Das ist mir unerklärlich. Am Freitag, 5. November, hatte ich sogar meine Akkreditierung zur Polizei geschickt – obgleich mir bekannt ist, daß Kollegen das nicht richtig finden, weil auf diese Weise der Presseausweis entwertet wird. Aber ich hatte eine weite Anreise von 770 Kilometern und wollte sicherstellen, am 7. November zu Einsatzorten vorgelassen zu werden und in Ruhe arbeiten zu können.

Ich war mit den ersten Demonstranten unterwegs, die zu Fuß durch den Wald zu den Gleisen in der Nähe von Hitzacker gingen. Die Polizei war in der Unterzahl und trat dementsprechend aggressiv auf, um zu verhindern, daß Aktivisten die in einer Art Graben gelegenen Schienen blockierten. Die haben sich jedoch von Drohgebärden nicht beeindrucken lassen. Obgleich Polizisten mit Pfefferspray und Knüppeln auf die Demonstranten losgingen, saßen später etwa 2000 Leute auf den Gleisen. Dann hieß es: »Keiner darf mehr runter!« Vereinzelt haben Polizisten an Demonstranten ihren Unmut ausgelassen; vor allem jüngere hatten Freude daran, den starken Mann zu spielen.

Und dabei wollte die Polizei sich nicht fotografieren lassen?

Richtig. Ich hatte diese Szenen aufgenommen und Polizisten per Teleobjektiv porträtiert, im Hintergrund den Damm und Demonstranten. Dann traten zwei oder drei Polizisten der Bundespolizei sehr nah an mich heran: »So, jetzt haben wir ein Problem mit Ihnen, ein großes sogar.« Eine unangenehme Situation! Man behauptete, ich hätte gegen ein Gesetz verstoßen, Polizisten im Dienst dürfe man nicht fotografieren.

Ich fragte, was denn mit der Pressefreiheit sei. Er wies auf meine Kamera: »Löschen, sofort!«. Ich protestierte: »Das ist Zensur«, begriff aber, daß die Hemmschwelle bei den Polizisten niedrig war und jedes weitere Wort bedeuten könnte, daß sie gewalttätig würden. Im nachhinein ärgere ich mich, daß ich nachgegeben habe. Einer hat mir gedroht: »Mit den Herren der Bundespolizei wird nicht diskutiert.« Ich habe aktuelle Bilder gelöscht, aber ein Foto genau dieses Polizisten hatte ich zuvor geschossen, ich besitze es noch.

Ihr Job besteht hauptsächlich darin, Hochzeiten, Immobilien und Stilleben zu fotografieren. Was hat Sie veranlaßt, nach Wendland zu fahren?

Ich arbeite gelegentlich als freier Journalist für Zeitungen und das Fernsehen. Für lokale Blätter in Bayern oder Bild berichte ich über Verkehrsdelikte oder Hausbrände. Ins Wendland bin ich gefahren, weil mir ein Bekannter erzählt hatte, daß Medien stets berichteten, bei den Protesten gegen den Castor gehe es relativ gewaltfrei zu – was seiner Beobachtung nach nicht stimme. Ich wollte aber selbst erleben, wie es da zugeht.

Welchen Eindruck hinterläßt dieses Vorgehen der Polizei bei Ihnen?

Ihre Aufgabe ist es, Demonstranten von den Gleisen zu »räumen«, damit der Castor störungsfrei nach Dannenberg und Gorleben kommt. Dafür habe ich Verständnis, aber das muß in angemessener Form passieren. Es darf nicht sein, daß Mütter mit ihren Kindern friedlich demonstrieren und die Polizei dann ohne Vorwarnung mit Schlagstock und Pfefferspray auf sie losgeht. Eine Demonstrantin ist derart verprügelt worden, daß sie nicht mehr aufstehen konnte. Ein Polizist sprang auf die am Boden liegende Frau. Da möchte man als Fotograf die Kamera zur Seite legen und sich zu den Demonstranten setzen.

Gab es weitere Angriffe auf die Pressefreiheit?

Der Ermittlungsausschuß hat berichtet, daß zwei beim Schottern anwesende Kollegen verletzt wurden, obgleich sie Westen mit der Aufschrift »Presse« trugen. Was ich zudem höchst bedenklich finde: Aktivisten von Greenpeace wollten die radioaktive Strahlung des Castors von einem Privatgrundstück aus messen, und sie wurden von der Polizei daran gehindert. Auf diese Weise wird versucht, der Bevölkerung wichtige Informationen vorzuenthalten.
18.11.2010: »Ein Polizist sprang auf die am Boden liegende Frau« (Tageszeitung junge Welt)
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