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Von der Kirche bis zum Internet

„Das Internet ist kaputt”, schrieb Johnny Haeusler im Sommer, als die ersten Enthüllungen zur Überwachungs- und Spionageaffäre bekannt wurden. Bei iRights.info antworteten Jürgen Geuter und Lorenz Matzat. In der FAS hat Sascha Lobo die Diskussion mit seinem Beitrag über die digitale Kränkung des Menschen wieder entfacht.

Don Dahlmann meint: Es braucht sehr viel Zeit, die Überwachung einzuschränken und Bürger- und Freiheitsrechte zu stärken. Der folgende Beitrag erschien zuerst auf Irgendwas ist ja immer und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND. – Anm. d. Red.

Miniatur: Étienne Collaut, PD

Miniatur: Étienne Collaut, PD

Von der Kirche bis zum Internet

Ich kann den Frust von Sascha Lobo verstehen. Ich habe das ähnlich empfunden, als mir im Sommer klar wurde, dass die Überwachung des Netzes derartig weit fortgeschritten ist. Man fühlt sich etwas ratlos, stumpf und hilflos, zumal die Überwachung ja nicht spürbar ist. Aber sie nistet sich wie ein unsichtbarer Nebel im Kopf ein und der innere Zensor springt vielleicht hier und da schon früher an, als es vor Snowden der Fall war. Aber ich stimme nicht mit Sascha überein, wenn es um die Frage geht, ob das Internet „kaputt“ ist.

Als Johannes Gutenberg um 1450 die beweglichen Lettern und damit den modernen Buchdruck erfand, gab es eine Menge Leute, die echt sauer waren. Vor allem innerhalb der katholischen Kirche. Aber nicht sofort. Zunächst war man recht angetan von der Sache, diente das neue Druckverfahren doch auch dazu, dass man die Bibel schneller und kosteneffizienter verbreiten konnte. Denn zuvor waren ganze Klöster monatelang damit beschäftigt, auch nur ein Exemplar handschriftlich zu erstellen. Die Mühe konnte man sich jetzt sparen.

Womit die Kirche aber nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, dass nicht nur jeder mit ein bisschen Geschick drucken konnte, sondern auch dass jeder den Inhalt der Bibel verändern konnte. Prominentestes Beispiel war dann später Luther, der seine Fassung der Bibel dank der Druckwerkzeuge unters Volk bringen konnte. Doch bevor Luther überhaupt auf seine Ideen kam, hatte die Kirche mit anderen Problemen zu kämpfen. Denn plötzlich neigten Hinz und Kunz dazu, sich eine Variante der Bibel drucken zu lassen, die gerade ihnen in Kram passte. Oder mit der man viel Geld verdienen konnte. Im Grunde ein früher Urheberrechtsstreit zwischen Rechteinhaber und Kopierern.

Man löste das Problem elegant, in dem man sich europaweit bemühte, Druck auf Staaten, Stadtstaaten, Bürgermeister und so weiter auszuüben und man führte ein Lizenzsystem ein. Nur wer „die echte“ Bibel drucken wollte, der bekam auch eine Lizenz zum Buchdruck. Teilweise wurde pro Stadt nur eine Lizenz vergeben, die praktischerweise bei der Kirche landete. Alle Druckereien wurden überwacht und stichprobenartig überprüft. Hat es deswegen das Buch kaputt gemacht? Eher nicht. Und auch, als die Kirche sich mit allen Mitteln gegen die Verbreitung der Luther-Bibel wehrte, änderte das nichts. Weder konnte die Überwachung der Druckereien, noch konnten Strafen die Verbreitung verhindern. Mitte des 17. Jahrhunderts stand die Luther-Bibel in 40 Prozent aller deutschsprachigen Haushalte.

Im Grunde war durch den vehementen Kontrolleingriff der Kirche der Buchdruck zunächst einmal so gut wie tot. In manchen Gegenden durften die Druckereien gar nichts anderes als die von der Kirche sanktionierte Bibel mehr drucken. Manche Staatsfürsten verboten den Buchdruck gleich ganz. Geholfen hat es am Ende nichts.

Denn gewisse Dinge lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Ideen und Technologien gehören dazu, wenn sie denn einmal eine gewisse Verbreitung erlangt haben. Man kann sie temporär eingrenzen, verbieten, aber nicht aus der Welt schaffen. Im Fall des Buchdrucks wanderten die Druckereien einfach in die Keller der Wohnhäuser, oder man druckte in den deutlich schwerer zu kontrollierenden ländlichen Gebieten. Am Ende war das Buch der große Befreier der Menschen, denn ein Buch verbreitet Gedanken, Ideen, Träume, Möglichkeiten und schafft Hilfe.

Auf jede Aktion erfolgt eine Reaktion. Dieser physikalische Grundsatz gilt auch für disruptive Technologien, die eine Bedrohung für den Status quo darstellen. Nach einem Jahrzehnt des fast unkontrollierten Wachstums des Netzes erleben wir seit Anfang der 2000er Jahre nach und nach stärkere Kontrollen durch die Industrie und staatliche Organisationen. Die Unterhaltungsindustrie überwacht sämtliche Torrentnetzwerke, die NSA den ganzen Rest. Aber die Technologien und die Möglichkeiten des Internets haben sich durch die Überwachung nicht verändert. Auch die mit dem Netz verbundenen, immer noch etwas diffusen Utopien in Sachen Mitbestimmung usw. sind deswegen nicht verloren, noch fallen sie auf einen Status quo ante zurück.

Veränderungen benötigen Zeit. Von Guttenberg bis Luther waren es knapp 100 Jahre. Von Luther bis zur Französischen Revolution noch mal weitere 250 Jahre. Das Internet als neues Medium, das alle bisherigen Medienkanäle vereint und die Demokratisierung der medialen Produktion und der Kommunikation in den Bereich der Anarchie getrieben hat, ist gerade mal 20 Jahre alt. Das ist ein so kleiner Zeitraum, dass man ihn historisch kaum messen kann. Was wir gerade erleben, ist der Versuch, die Büchse der Pandora zu schließen. Was man auch teilweise verstehen kann, wenn man über Bedrohungsszenarien nachdenkt. Aber zum einen bekommt man diese Büchse nicht mehr zu, zum anderen lag auf dem Boden der Büchse noch was anderes als Schmerz und Leid: Hoffnung.

Und ich habe die Hoffnung, dass sich die Gewichte im Laufe der Zeit wieder neu verteilen werden. Dass digitale Bürger- und Freiheitsrechte akzeptiert werden, dass die Überwachung und die Speicherung privater wie wirtschaftlicher Daten eingeschränkt wird. Wir erleben einen solche Verschiebung der Gewichte interessanterweise vielleicht gerade in der EU in Sachen Vorratsdatenspeicherung. Das Internet ist also nicht kaputt, es durchlebt nur gerade eine Wandlung und es zerren ganz schön viele Leute an allen Seiten. Wie die Wandlung am Ende aussehen wird, bestimmen aber auch die Menschen, die die guten Seiten des Internet leben, lieben und weiter ausbauen. Die Strategien dafür sind vorhanden, es geht wie in all den Jahren zuvor darum, sie nach und nach umzusetzen. Und daran verändert die Überwachung, so wie sie sich jetzt darstellt, auch nichts.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl