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Börsenverein: Offen verstecker Streit um Open Access

Ein heftiger Streit über den Umgang von Wissenschaftsverlagen mit Open Access bewegt derzeit den Börsenverein des deutschen Buchhandels. Die als Positionspapier formulierte Anregung, mit der Wissenschafts-Community neue Wege beim freien Zugang zu gehen, sorgt für Widerspruch.

Auslöser der Kontroverse ist ein Positionspapier (PDF), das der Verleger-Ausschusses des Börsenvereins vor gut einer Woche per Pressemitteilung veröffentlichte. Deklariert als „Meinung“, plädieren darin die Verfasser für einen „Neuanfang“ bezüglich der Rolle der Verlage beim „Zugang zu wissenschaftlichen Informationen“. Viele Verlage seien bereits in der Realität angekommen, würden Open Access als Publikationsmodell nutzen, heißt es in dem Papier, das zugleich fünf Herausforderungen an die Branche formuliert, etwa betreffend Qualitätssicherung und Referenzierbarkeit, Open Access in den Geisteswissenschaften und sinnvoller Finanzierungsmodelle.

Von diesen Formulierungen wie auch von der Veröffentlichung des Papiers selbst – es erschien anlässlich des zehnten Jahres der Berliner Erklärung zu Open Access  – zeigten sich einzelne Börsenvereinsmitglieder überrascht bis überrumpelt. Sie erklärten die Position als nicht abgestimmte Einzelmeinung, monierten eigenmächtiges Vorgehen. Das berichtete die FAZ am vergangenen Freitag (allerdings nur in der Druckausgabe). Mehr noch: Der Hamburger Verleger Manfred Meiner forderte wegen des vermeintlich isolierten Vorgehens des Verleger-Ausschuss-Vorsitzenden Matthias Ulmer öffentlich dessen Rücktritt.

Putschversuch und drohende Spaltung?

Dies veranlasste die FAZ dazu, von einem Putschversuch und drohender Spaltung des Börsenvereins zu schreiben. Seitdem sind der Börsenverein und seine Publikationsplattform Börsenblatt darum bemüht, den Streit auf der formalen Ebene zu lösen und die Diskussion intensiver inhaltlich zu führen. In mehreren Beiträgen und Kommentaren auf der Börsenblatt-Website  meldeten sich Beteiligte und Mitglieder zu Wort. So vermutet beispielsweise Meiner, dass der Verleger-Ausschuss dafür eintrete, Open Access solle künftig ohne Alternative bleiben. Dies wäre eindeutig eine „Kehrtwende in der Sache“, so Meiner.

Von einer solchen Verordnung zu Open Access oder auch Gleichschaltung sei überhaupt nicht die Rede, entgegnet dem der Geschäftsführer des De-Gruyter-Verlages, Sven Fund, in einem Interview mit dem Börsenblatt:

„Für mich ist die entscheidende Frage, welche Grundhaltung Verleger einnehmen: bestandswahrend oder kundenorientiert. Denn es ist die Nachfrage der Kunden – also beispielsweise der Bibliotheken –, die Open-Access-Publikationen wünschen.“

Seiner Auffassung nach sei Open Access auch keineswegs von der Verlagsgröße abhängig:

„Auch kleinere Verlage entscheiden sich für diesen Weg, weil sie sehen, wie sich die Marktbedingungen verändern. Auch sie fragen sich, wie man am besten mit der Wissenschaftler-Community und den Wissenschaftsorganisationen zusammenarbeitet. Open Access ist weltweit eine Realität der Wissenschaftskommunikation, je nach Disziplin wichtiger oder weniger wichtig. Von ihrem Verband können die Verleger Offenheit für Kundenbedürfnisse und die Innovationsfähigkeit ihrer Branche erwarten. Genau das hat der Verlegerausschuss in seiner ,Opinion‘ zum Ausdruck gebracht.“

Doch auch diese Stellungnahme des De-Gruyter-Chefs blieb nicht ohne Widerspruch. Kommentatoren werfen Fund ein aggressives Vorgehen in der Wissenschafts-Community vor. Er versorge sich durch Verlagszukäufe mit Erstveröffentlichungslizenzen zu Projekten, die maßgeblich durch Forschungsgelder finanziert seien – zum Nachsehen kleiner Verlage. Gleichwohl sind wieder andere Kommentatoren der Überzeugung, auch kleine Verlage müssten Open Access praktizieren, weil sie sonst mehr und mehr von der Wissenschaftsgemeinde ignoriert würden

Meinungsbildungsprozess in Verband und Öffentlichkeit führen

Mit einem weiteren Versuch, diese Wogen zu glätten, meldete sich vor drei Tagen der erst kürzlich ins Amt gewählte Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, per Pressemitteilung zu Wort. Dort verteidigt er zwar das Papier des Verleger-Ausschusses als eine „der Zukunft zugewandte Positionierung“. Doch er will die Veröffentlichung offenbar nicht als eine Art Dekret verstanden wissen, sondern als Anregung zur Diskussion über neue Wege, die Verlage gehen sollten:

 „Der Verband muss bei der Formulierung dieses neuen Weges den unterschiedlichen Wissenschaftsfakultäten mit ihren spezifischen Interessen Rechnung tragen. Diesem Anspruch sind wir beim Thema Open Access bisher nicht vollständig gerecht geworden. Jetzt kommt es darauf an, dass wir den Meinungsbildungsprozess in großer Offenheit und Sachlichkeit im Verband und der Öffentlichkeit weiter führen“, so Riethmüller.

Allerdings: öffentlich findet die Diskussion bisher nur auf der Website des Börsenvereins beziehungsweise des Börsenblatts statt. Anfragen von iRights.info an die Protagonisten des Streits blieben bisher alle unbeantwortet. Die Pressesprecherin des Börsenvereins, Claudia Paul, teilte uns mit, dass sich der Börsenverein zu Open Access in einem internen Diskussionsprozess befinde und es deshalb dazu öffentlich nichts zu sagen gebe.

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Schweinderl