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Lizzy Jongma: Das digitale Publikum ist für Museen wichtig

Lizzy Jongma ist Datenmanagerin am Rijksmuseum in Amsterdam. Sie rät Kultureinrichtungen zur Öffnung digitalisierter Bestände auch für kommerzielle Nutzung, weist der Mediathek Europeana eine wichtige Rolle zu, auch für Open Data, und setzt auf langfristige Effekte, die das digitale Publikum den Museen und Sammlungen bringt.

Anlässlich der Konferenz „Zugang gestalten“* befragt iRights.info die Expertin für die Online-Präsentation von kulturellem Erbe zu den Herausforderungen der Digitalisierung.

iRights.info: Das staatliche Rijksmuseum hat Teile seiner Bestände digitalisiert und zur freien, auch kommerziellen Nutzung bereitgestellt. Welche Hürden mussten dafür genommen werden?

Lizzy JongmaLizzy Jongma: Die erste große Herausforderung betraf uns selbst: Wir mussten uns von unseren gewohnten Denkweisen verabschieden und auch von unseren Geschäftsmodellen, die auf dem Bilderverkauf beruhten. Die zweite Herausforderung waren all die rechtlichen Fragen, die wir zu berücksichtigen hatten. Das heißt, wir mussten buchstäblich alle Gesetze lesen, die für Museen maßgeblich sind, und wir mussten unseren kompletten Bestand durchgehen. Wir können ja nur das copyright-freie Material benutzen. Zurzeit haben wir zahlreiche Debatten mit Entleihern. Sie haben zwar keine rechtliche Handhabe, doch einige wollen keine Kunstwerke mehr ausleihen, wenn wir von diesen hochaufgelöste Bilder online stellen.

iRights.info: Wie reagieren die Politiker, die für Museen zuständig sind?

Lizzy Jongma: Mit den Politikern ist es schwierig. Einerseits loben sie uns für die Öffnung unserer Bestände ins Digitale und preisen unser Vorgehen gerne an. Andererseits ändern sie die Urheberrechtsgesetze nicht. Bei Kunstwerken geht es ohnehin schon sehr streng zu, was die Prüfung der Rechtslage betrifft. Für uns bedeutet die jetzige Situation, dass wir zwar die großen Kunstwerke des goldenen Zeitalters zeigen können, doch unsere Sammlungen des 20. Jahrhunderts bleiben fürs Digitale praktisch gesperrt und damit unsichtbar. Ich befürchte, zukünftige Generationen erfahren niemals etwas über die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts, weil sie im Internet nichts dazu finden werden.

iRights.info: Mit der Beteiligung an der digitalen Mediathek Europeana sind Sie auf europäischer Ebene aktiv – wie beurteilen Sie dieses Projekt?

Lizzy Jongma: Europeana hat uns beim Implementieren der öffentlichen Lizenzen (CC Zero) und bei vielen rechtlichen Diskussionen enorm geholfen. Wir wollten unsere Bestände öffnen und sie unterstützten uns bei der Wahl der Lizenzen. Sie berieten uns auch bezüglich der Wahrung unserer Rechte. Zudem nutzt Europeana zahlreiche Bilder von uns für ihre Facebook- und Pinterest-Auftritte und das sorgt für sehr viele Besuche auf unsere Website. Insofern ist die Europeana ein wichtiger Partner für das Rijksmuseum.

iRights.info: Hat die Europeana das Potenzial, noch mehr für Open Access zu leisten?

Lizzy Jongma: Ja, die Europeana hat großes Potenzial, Open Access voranzubringen. Die europäischen Kultureinrichtungen sollten sich ihr mehr zuwenden, denn sie hat großartige Pläne. Die Botschaft der Europeana ist, dass die alten Geschäftsmodelle des Bilderverkaufs im digitalen Zeitalter nicht mehr funktionieren und wir uns öffnen müssen, um von zukünftigen Generationen gesehen zu werden. Doch diese Botschaft muss noch tiefer ins Bewusstsein der Kulturinstitutionen eindringen.

iRights.info: Erfährt die Europeana europaweit genügend Aufmerksamkeit und Unterstützung?

Lizzy Jongma: So betrachtet muss ich sagen: nein. Allerdings kümmern sie sich dort auch um zu viele Projekte gleichzeitig.

iRights.info: In Deutschland erklärten vor kurzem fünf bedeutende Kultureinrichtungen, ihre Sammlungen für Open Access zu öffnen – allerdings erlauben sie kommerzielle Nutzung nur gegen Entgelt. Auf diese Weise wollen sie ihre Aufwände für die Digitalisierung refinanzieren. Was halten Sie davon?

Lizzy Jongma: Damit schließt man sich von Anbietern wie Wikipedia, Facebook, Pinterest, Twitter und so weiter aus. Wir hingegen wollen, dass man unsere Sammlungen auch auf diesen kommerziellen Plattformen sieht und benutzt. Dafür mussten wir auf unser alleiniges Recht zur kommerziellen Nutzung verzichten. So büßen wir zwar Umsatz ein, weil wir die Bilder nicht mehr verkaufen. Doch Einbußen hatten wir zuvor auch schon, durch Piraterie. Wenn man beispielsweise nach Johannes Vermeers’ „Dienstmagd mit Milchkrug“ (Het Melkmeisje) googelt, stößt man auf tausende Webshops, die das Werk auf Leinwand oder in anderer Form anbieten. Doch für uns zählen die langfristigen Effekte. Gerade weil unsere Sammlungen offen zugänglich sind, kommen die Leute von überall auf der Welt, um unser Museum zu besuchen. Und weil wir die digitalisierten Werke frei anbieten, melden sich viele, die uns fördern und bei der Digitalisierung finanziell unterstützen wollen.

iRights.info: Was sind aus Ihrer Sicht die drei dringlichsten nächsten Schritte, um den Zugang zu den digitalen Archiven der Gedächtnisorganisationen zu verbessern und zu erweitern?

Lizzy Jongma: Wir brauchen mehr solche Entwicklungen wie im Rijksmuseum. So können andere Einrichtungen sehen, dass man durch die Freigabe digitaler Sammlungen relevant ist und gewinnen kann. Zudem ist mehr Aufklärung darüber erforderlich, wie wichtig das digitale Publikum für Museen ist. Es gilt, Sammlungen nicht hinter komplizierten Suchwerkzeugen zu verstecken und keine niedrig aufgelösten Bilder auf die Website zu stellen. Die jeweiligen Kultureinrichtungen müssen technisch kompetenter werden, etwa bezüglich der Darstellungsqualitäten digitaler Bilder und der beschreibenden Meta-Informationen über ihre Sammlungen. Auch sollte sich die Zusammenarbeit zwischen Institutionen und Politik verbessern. Wir alle können so viel voneinander lernen, etwa von erfolgreichen Praxisbeispielen. Nicht zuletzt ist mehr Geld für das Digitalisieren notwendig, wobei dieses wiederum Hand in Hand mit den zuvor genannten Entwicklungen gehen muss.

iRights.info: Angenommen, es gibt 2015 und 2020 weitere „Zugang gestalten“-Konferenzen, wo werden wir europaweit Ihrer Meinung nach stehen?

Lizzy Jongma: Das ist sehr schwer zu sagen. In drei Jahren wird die digitale Welt wohl komplett anders aussehen als heute. Es ist zu hoffen, dass noch mehr Einrichtungen offenen und freien Zugang bieten und dass wir dann noch viel mehr über die Qualität der digitalen Sammlungen reden. Denn momentan sind wir zwar alle dabei, unsere Bestände zu öffnen, doch wir denken zu wenig über die Qualität und die Brauchbarkeit der offen zugänglichen Daten nach. Ein großer Teil der verfügbaren Werke ist technisch und visuell unzulänglich und enthält kaum verwertbare Beschreibungsdaten. Darüber hinaus interessiere ich mich sehr für semantische Verknüpfungen. Denn bisher ist das Freigeben eine sehr isolierte Angelegenheit: Man öffnet seine Sammlung und das war’s. Viel interessanter finde ich die zusätzlichen Informationen und die Beziehungen, die sich in den digitalen Räumen herstellen lassen. Ich hoffe also, dass wir schon bald unsere Sammlungen noch besser miteinander vernetzen.

* Die Konferenz „Zugang gestalten. Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“  findet am 28. und 29. November in Berlin statt. iRights.Lab gehört zu den Veranstaltern. Als eine der zahlreichen Referenten geht Lizzy Jongma näher auf die Open Data-Strategie und die offene Datenbank-Schnittstelle (API) ein, die sie – neben vielen weiteren Projekten und der Website – für das Rijksmuseum in Amsterdam betreut.

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