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AOL vs. „People Plus”: Wie frei sind Schnittstellen?

Weil sie falschen Gebrauch von einer Schnittstelle gemacht hätten, hat AOL die Macher des Programms „People Plus” abgemahnt. „People Plus” greift auf die Datenbank „Crunchbase” zu. Die aber ist unter Creative Commons lizenziert.

„People Plus“ ist eine App, auf die man wahrscheinlich nur in Kalifornien kommen kann. Wer auf Anlässen in der Tech-Welt nicht weiß, mit wem er gerade warum redet, dem zeigt sie auf der Datenbrille an: Das ist Venturekapitalist Tim Chang vom Mayfield Fund – zum Beispiel. Zusätzlich gibt es Funktionen wie „Find investors nearby“ („Investoren in der Nähe finden“). Wenn man so will: Das Modell Linkedin plus Augmented Reality, was im Reklamevideo so aussieht:

Um Antworten auf die Fragen „Who am I talking to? Why are we talking?“ zu finden, durchsucht das Programm unter anderem Check-Ins bei Veranstaltungen, aber auch Unternehmensdatenbanken wie Crunchbase, einem Seitenprojekt von Techcrunch, das wie das Blog selbst seit 2010 zu AOL gehört. Über die Nutzung der Datenbank gibt es jetzt einen Lizenzstreit: Zwar hat Crunchbase seine nach dem Wikipedia-Prinzip aufgebaute Datenbank unter Creative Commons gestellt, People Plus darf sie also gemäß den Bedingungen der Lizenz (Namensnennung) ohne Rückfrage verwenden.

Nutzungsbedinungen vs. Creative-Commons-Lizenz

Die API – also die technische Schnittstelle – zur Datenbank aber hat Crunchbase mit Nutzungsbedingungen versehen, die die Freiheiten der Creative-Commons-Lizenz de facto wieder aufheben. Crunchbase behält sich darin vor, Nutzungen zu überprüfen, die „mehr konkurrierend als komplementär” sind („CrunchBase reserves the right to continually review and evaluate all uses of the API, including those that appear more competitive than complementary in nature.”)

So hat People Plus Anfang November Anwaltspost von AOL bekommen und soll die Nutzung der Crunchbase unterlassen. Doch soweit es um Nutzungsrechte geht, sagen die Creative-Commons-Lizenzen in der Langfassung: Zusätzliche Beschränkungen über die Lizenz hinaus sind ungültig – nur im Einzelfall können Änderungen per „schriftlicher Vereinbarung“ getroffen werden:

This License constitutes the entire agreement between the parties with respect to the Work licensed here. (…) Licensor shall not be bound by any additional provisions that may appear in any communication from You. This License may not be modified without the mutual written agreement of the Licensor and You.

Folgt man dem Beitrag eines Entwicklers bei Hackernews, war die API zunächst für alle Nutzer offen – eine Registrierung mit zusätzlichen Vereinbarungen sei erst später eingeführt worden.

CC bleibt CC

In einem Statement gegenüber „Wired” räumt Creative-Commons-Chefjuristin Diane Peters ein, dass Unternehmen zwar Nutzungsbedinungen für APIs festlegen können, sie weist aber darauf hin, dass bereits veröffentlichte Inhalte dennoch nicht zurückgezogen werden können. Was draußen ist, ist draußen – so lässt sich der Grundsatz umschreiben, dass ein per Creative Commons erteiltes Nutzungsrecht nicht nachträglich zurückgezogen werden kann. AOL könnte jetzt zwar die Lizenz ändern, aber Daten, die schon freigegeben wurden, blieben trotzdem frei.

Landet der Streit vor Gericht, könnte eine der Fragen lauten: Lässt sich die Nutzung von Datenbanken von der Nutzung der Schnittstellen abgrenzen, über die eben diese Datenbanken ausgelesen werden? Im Moment sieht es allerdings so aus, als wollten sich AOL und die People-Plus-Macher ohne Gerichte einig werden. People Plus hat die Nutzung der API vorerst eingestellt, ohne aber die alten Daten aus seinem Dienst zu entfernen. Techcrunch und dem Crunchbase-Projekt wiederum stünde es wohl schlecht zu Gesicht, sich gerichtliche Scharmützel mit Startups zu liefern.

Deutlich macht der Streit vor allem, dass der Eigentümer AOL augenscheinlich Nutzungen der Datenbank verbieten will, um einen potenziellen Konkurrenten auszubremsen, der die Daten auf neue Weise verwendet – während das Unternehmen sich unter dem Motto „Disrupt AOL!” zugleich für seine „Open Philosophy” rühmt. Zu versuchen, „Disruption” von außen mit Zusatzvereinbarungen zur Creative-Commons-Lizenz zu verhindern, ist aber wenig Erfolg versprechend – die Lizenz soll neue Nutzungen schließlich gerade ermöglichen.

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Schweinderl