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Unikate oder Reproduktionen? Künstler lässt zwei Roboter in Echtzeit mitzeichnen

Wenn am morgigen Donnerstag um 11 Uhr der Wiener Künstler Alex Kiessling den Stift für das Projekt „Long Distance Art“  in die Hand nimmt, dann ist er dabei nicht allein. Und er zeichnet auch nicht allein.

Bei der Schöpfung seines Kunstwerks werden Kiessling Zuschauer in der Ovalhalle des Wiener Museumsquartiers Live beobachten. Zudem übertragen zwei Livestreams seine Arbeit nach London an den Trafalgar Square und nach Berlin an den Breitscheidplatz (wo die Gedächtniskirche steht) jeweils von 10 Uhr bis 18 Uhr. Auf diesen beiden zentralen und belebten Plätzen stehen auf eigens dafür aufgebauten Bühnen nicht nur große Monitore, sondern ebenfalls jeweils ein ausgewachsener Industrieroboter und eine Leinwand. Denn die Roboter zeichnen in Echtzeit und via Satelit mit, was Kiessling in Wien entwirft, Strich für Strich und millimetergenau. Auf diese Weise soll „Long Distance Art“ entstehen, so der Titel des Projekts, veranstaltet vom offiziellen Wiener Tourismusverband „Wien-Tourismus“.

Für „Long Distance Art“ erfassen zahlreiche Sensoren alle Bewegungen des Künstlers. Die in Echtzeit „getrackten“ Daten werden via Computer und Satellit an die 2,8 Meter großen und 435 Kilo schweren Roboter in London und Berlin übertragen. Die Roboter des Herstellers ABB heißen offiziell „IRB 4600“ und erledigen im Industriealltag eher unkreative Tätigkeiten, wie Paletten stapeln oder Schweißarbeiten.

Doch bei diesem Auftrag darf IRB 4600 einen Zeichenstift führen, weil er, laut Pressemitteilung zum Projekt, zu den akkuratesten seiner Klasse gehöre und trotz seiner starken Beschleunigungsleistung sowie der hohen Maximalgeschwindigkeiten zu äußerst präzisem Arbeiten im Stande sei. Das befähigt ihn offenbar dazu, als eine Art robotischer Avatar nun auch Kunst zu schaffen. Wobei was genau machen die Roboter – produzieren oder reproduzieren?

Ein Künstler, zwei Roboter, drei Unikate?

„Da die Proportionen und Materialien modifizierbar sind, entstehen am Beispiel von zwei Robotern gleichzeitig drei Originale vom selben Urheber“, meint Alex Kiessling. Es entstünden also nicht etwa zwei identische Kopien einer Zeichnung, sondern drei Unikate. Doch könnten die vom IRB 4600 geschaffenen Werke nicht dennoch, etwa urheberrechtlich, Duplikate sein, nur eben in Echtzeit geschaffen? Eine Art Äquivalent zum Live-Mitschnitt eines Konzerts oder einer Theater-Aufführung? Ist der Datensatz, der während des Zeichnens übertragen wird, technologisch gesehen eine Aufzeichnung, die nur schneller als der Schall und wenig verzögert zum Ereignis wiedergegeben wird?

Und was, wenn sich bei der Datenübertragung Störungen einschleichen und zu Artefakten bei den robotischen Unikaten führen, die der Künstler weder wollte noch künstlerisch gutheißt? Alex Kiessling hat sich darauf gefasst gemacht: „Spannend sind für mich die Abweichungen, die durch die minimale Unterschiedlichkeit der Roboter zu erwarten sind.“ Doch wie weit spielt er wirklich mit, wenn Übertragungsfehler seine Kunst verzerren oder die Roboter, warum auch immer, irgendwas anderes fabrizieren. Distanziert er sich davon, lässt er das Werk zerstören oder überlässt er dem Londoner IRB 4600 das Urheberrecht? Der wüsste damit wohl nichts anzufangen und möchte lieber wieder schweißen.

Schon Kraftwerk träumten von Telepräsenzkunst

Stanisław Lem hätte an diesem Projekt vermutlich seine Freude gehabt.Von Robotern als ferngesteuerten, telepräsenten Stellvertretern schreiben Science-Fiction-Autoren schon länger. Die Band Kraftwerk näherte sich dem Thema mit dem Konzeptalbum „Man Machine“, später mit 3D-Animationen auf der Leinwand und armwedelnden Torso-Robotern auf der Bühne. Sie hatte schon in den 1980er Jahren den Traum, irgendwann einmal Konzerte in mehreren Städten der Erde gleichzeitig zu spielen: An einem Ort die Band selbst und auf den anderen Bühnen vertreten durch echtzeitgesteuerte Technoide.

Nicht ferngesteuert, aber doch ganz und gar Roboter, trat im Mai dieses Jahres der Android „Sim Gishel“ vor Dieter Bohlen in einer Casting Show auf. Zwar noch etwas bewegungsarm, aber durchaus musikalisch.

Es wird sich also morgen zeigen, ob die „Long Distance Art“-Aktion nur als Experiment und teures Werbe-Vergnügen des Wiener Tourismusverbandes in die Kunst-Technik-Geschichte eingeht oder als Meilenstein des neuen Genres „Telepräsenzkunst”. Kann sie für Künstler und Kunstvermarktung neue Perspektiven in der Unikatisierung und Verkäuflichkeit von technisch (re-)produzierten Werken eröffnen oder die Kunst-Epoche der Robotik einläuten? Auf jeden Fall stellt sie urheberrechtliche Fragen neu – jedenfalls aus der Perspektive von IRB 4600.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl