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Im Dickicht der Daten: Was der „Tatort” lehrt

Die Cloud hat Einzug im „Tatort” gehalten. Zwischen Funkzellenabfrage, Handy-Bildern im Laptop-Backup und Überwachungskameras zapften die Ermittler am Sonntagabend im Ersten alle denkbaren Datenquellen an. Des Rätsels Lösung lag nicht darin.

Kaum etwas macht ein Thema so zur gesellschaftlichen Realität wie der „Tatort”. Ob Zwangs-Prostitution, assistierte Selbsttötung oder schlichtweg das Wort „Scheiße“: Der Sonntagabend-Krimi etabliert gesellschaftliche Realität in deutschen Wohnzimmern. Dass sich die Berliner Tatort-Ermittler diesmal ganz auf Datenberge und die Cloud konzentrierten, setzt zumindest neue Maßstäbe in der Welt der deutschen Polizei-Serien.

Der eigentliche Fall ist schnell erzählt und passt zu den Boulevardschlagzeilen der letzten Jahre: Betrunkene Jugendliche pöbeln in der U-Bahn, greifen Passanten an und erschlagen am Ende einen Mann im U-Bahnhof, während die Passanten wegsehen. Als die Täter schließlich ermittelt werden, stehen die Ermittler vor der Frage: Wer von ihnen ist der Mörder?

Eins zu Null für Fahndung 1.0

Damit die digitalen Spuren so richtig zur Geltung kamen, konstruierte Autor und Regisseur Stephan Wagner den Fall sehr sorgfältig um die klassischen Ermittlungsansätze herum: So war der U-Bahnhof vor Eintreffen der Spurensicherung gereinigt worden, Fingerabdrücke oder Blutspuren vernichtet. Um die Täter zu finden, werteten die Berliner Ermittler zuerst die Kameras an der U-Bahn-Station aus, um schließlich über eine Funkzellenabfrage Täter und Zeugen zu identifizieren. Ohne Erfolg: Der Haupttäter stellte sich selbst, als ein unscharfes Bild von ihm in der Presse veröffentlicht wurde. Eins zu Null für die Fahndung 1.0.

Im Verlauf der anderthalb Stunden machten die Ermittler eine um die andere Datenquelle aus: Die Smartphones von betrunkenen Touristinnen in Partystimmung, die Kamera eines entgegenlaufenden Zuges. Dann die GPS-Ortung des Smartphones des Opfers; schließlich sogar die Fotos, die das Opfer in der Cloud abgelegt hatte. Schritt für Schritt wird dem Publikum präsentiert, wo wir überall Daten hinterlassen und wie jeder Schritt digital nachvollzogen werden kann, wenn man nur genug Datenquellen abgreift. Sekundengenau.

Wo die Ermittler gar zwei Datenquellen – wie Handydaten und Personalausweis-Register – abgleichen, lassen sich Zeugen recht zuverlässig identifizieren. Selbst wenn die staatlichen Datenbanken versagen, gibt es genug private Daten – man muss nur nach ihnen suchen. Das alles hielten die Tatort-Macher auf laientauglichem Niveau, angefangen mit der Frage: „Cloud-fähig – was war das nochmal?“

Im Wald vor lauter Daten

Die Tatort-Macher wollten sich klar nach allen Seiten absichern. Um nicht in unkritische Cloud-Begeisterung zu verfallen, zeigten sie Polizisten, die beim Auswerten der Bilder feiernder Asiatinnen in hysterisches Kichern verfallen; ein Sondereinsatzkommando stürmt dann versehentlich die falsche Wohnung.

Auch juristisch hatte Wagner den Fall abgesichert: Die Kommissare erzählen so oft vom Richtervorbehalt bei der Abfrage der Daten, dass die Dialoge an Anfang geradezu hölzern wirkten. Nicht einmal der Tatort-Watch-Account der Grünen hatte große Einwände. Spannung hingegen kam kaum auf, ein Motiv blieb das Drehbuch achselzuckend schuldig.

Lehrreich scheint vor allem die Verwirrung der Beamten, die sich in den digitalen Daten schlichtweg verfangen und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Denn die Lösung des Falls lag weder in den Daten aus der Cloud noch in Überwachungskameras – der Anrufbeantworter der Geliebten des Toten hatte die Tat aufgezeichnet. Das aber hätte er schon im analogen Zeitalter gekonnt.

Reposted bykrekkpharts

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