Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

Zwei Klassen von Kreativen: Die schwierige Solidarität

Kreative Arbeit ist für viele von miesen Honoraren und prekären Perspektiven geprägt. Einige wollen dafür die „Gratiskultur” und die Verteidiger offener und freier Inhalte verantwortlich machen. Ein Irrweg, kommentiert Magdalena Reiter.

In ganz Europa, aber speziell in kreativen Ballungszentren wie Berlin ist eine größer werdende Kluft zwischen zwei Gruppen von Kreativschaffenden zu beobachten. Während auf der einen Seite wenige, bekannt gewordene und gut entlohnte Künstlerinnen und Künstler, Kreativmanagerinnen oder -verwerter stehen, versuchen auf der anderen Seite viele schlecht entlohnte, aber enthusiastisch gebliebene Menschen den Kopf über Wasser zu halten.

Das Phänomen ist natürlich besonders stark in den marktfremderen Disziplinen, die sich nicht gerne ökonomisieren lassen. Gleichzeitig bricht aber auch in angewandten Bereichen der Kreativwirtschaft die Mittelschicht kontinuierlich weg, während die Branche weiter wächst. „Parallel zur wirtschaftlichen Expansion und zur marktlichen Radikalisierung sind die Gesamteinkommen geschrumpft, während der Anteil der Alleinunternehmer beständig wächst“, stellt die Soziologin Alexandra Manske fest.

Falsch verstandene Solidarität

Mittlerweile werden nun Stimmen Kreativer laut, die sich empören und Solidarität fordern. So hat beispielsweise die Facebook-Seite von „art but fairmehr als 11.000 Fans gefunden. Sie entstand als spontane Aktion des deutschen Musical-Produzenten Johannes Maria Schatz. „Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse“ werden hier gesammelt und mit anderen geteilt. Protestiert wird nicht nur gegen die geringe Wertschätzung der Arbeit von Kunst- und Kulturschaffenden, sondern ebenso gegen die (Selbst-)Ausbeutung. Wo sich viele Kreative tummeln, werden auch die Preise gedrückt. Darum ist es ein wichtiger Schritt, den solche Aktionen gehen.

Fatalerweise aber möchten viele dieser Stimmen den Hebel dort ansetzen, wo er die Kreativen ein weiteres Mal entzweit: Sie verlangen Solidarität von jenen, die anderen wirtschaftlichen Spielregeln folgen. Solidarisch sollen jene sein, die ihre Dienstleitungen und Produkte für wenig hergeben müssen, oder dies übers Internet sogar selbstverständlich gratis machen, weil sie freie und offene Inhalte unterstützen und auf andere Weise als mit den im 20. Jahrhundert üblichen Modellen zu monetarisieren versuchen.

Das beruht auf zwei Trugschlüssen: Erstens wird damit denjenigen Kreativschaffenden die Verantwortung zugeschoben, die durch unfaire Entlohnung bereits benachteiligt sind. Zweitens werden neu entstandene Modelle, die digitale Güter im Netz zur Verfügung stellen, in den gleichen Topf geworfen und als „Gratiskultur” abgestempelt. „Die Digital-Köpfe des Silicon Valley erzählten uns, alles solle irgendwie frei sein”, schreibt etwa Suzanne Moore im Guardian.

Alte vs. neue Modelle

Die Digitalisierung hat unsere Wirtschaft in Umbruch gebracht. Zugleich ist sie ein wirksames Werkzeug, um Chancengleichheit herzustellen: Indem ein freier und offener Zugang zu Wissen und Bildung erleichtert wird, indem Transparenz geschaffen wird, um Verteilungsungleichheiten als gesellschaftliches Problem zu erkennen. Es greift zu kurz, kollaborative Produktionsweisen über das Netz nur als „kostenlos” abzustempeln. Mit ihnen geht auch eine Umverteilung von Macht einher.

Damit sich Solidarität in der Kreativwirtschaft entwickeln kann, dürfen tradierte und neue Wirtschaftsmodelle nicht aufeinander gehetzt werden. Wir wissen bereits, wie einfach, effizient und kostengünstig – nicht unbedingt kostenlos – digitale Inhalte geteilt werden können. Nach welchen Kriterien wir begrenzte, reelle Güter fair verteilen können, haben wir dagegen noch nicht gelernt.

Die schlecht bezahlten homines precarii gegeneinander auszuspielen, wird nicht weiterhelfen. Es gibt nur eine Solidarität – und zwar die, in der Kreative, das Kreativmanagement, Fördergeberinnen, Produzenten und Nutzerinnen in gleicher Weise verwoben sind.

Magdalena Reiter hat Design in Linz und Maastricht studiert. Sie befasst sich mit den Bedingungen für reale oder virtuelle Partizipation und hat dazu das Blog Make Design Open gegründet. 2013 veröffentlichte sie die Publikation „Open Design – Wirtschaften mit freien Produkten” (PDF).

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl