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Der „Demokratielehrer“ will selbst lernen

In seiner kurzen Dankesrede nach der Wahl zum Bundespräsidenten sagte Joachim Gauck, dass er sich „neu auf Themen, Probleme und Personen einlassen werde, auf eine Auseinandersetzung auch mit Fragen, die uns heute in Europa und in der Welt bewegen“.
Als Kritiker an seinen bisher geäußerten Positionen freuen wir uns natürlich darüber, dass der selbsternannte „Demokratielehrer“ verspricht, in seinem neuen Amt dazulernen zu wollen. Dazu würden wir gerne ein paar Lernanstöße geben. Von Wolfgang Lieb.

Schon bei seiner ersten Rede nach seiner Vereidigung am kommenden Freitag müsste er als unser aller künftiger Repräsentant lernen, nicht mehr – wie bei seiner gestrigen kurzen Ansprache – nur in der „Ich“-Form zu sprechen. In nahezu jedem Satz sprach er von sich. Künftig müsste er wissen, dass es nicht mehr nur um seine Person geht, sondern dass er das höchste Staatsamt zu vertreten hat.

Gauck müsste lernen, dass die ständige Wiederholung und Umschreibung dessen, was er unter „Freiheit“ und „Verantwortung“ versteht, nicht eine Amtszeit von fünf Jahren tragen wird. Zumindest kommt z.B. er gar nicht umhin, konkreter zu sagen, was er damit meint.

Zum Beispiel auf wie viel „Freiheit“ wir im Kampf gegen den Terrorismus verzichten sollen.

Er müsste etwa weiter seinen Mitbürgern in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern erklären, „zu was“ und „für was“ die „Verheißung“ der „Freiheit“ für die dort 120.000 Arbeitslosen und für die knapp 12.000 Jugendlichen gut ist.

Joachim Gauck dürfte nicht mehr nur über das „Glück der Mitgestaltung“ reden, er müsste auch nach den Chancen zur Mitgestaltung fragen, angesichts der Tatsache dass z.B. in manchen Bundesländern die Chancen von Kindern aus den unteren sozialen Schichten auf einen Gymnasialbesuch um über das 6-Fache schlechter sind als wenn deren Eltern zu den oberen sozialen Schichten gehören. (Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung [PDF - 4.3 MB]) Kinder haben jedenfalls nicht die von Gauck jedem Einzelnen zugesprochene „Ermächtigung“ ihr Schicksal selbst zu gestalten.

Wenn Joachim Gauck etwa Arbeitnehmern das „Glück der Mitwirkung“ vermitteln will, dann müsste er ihnen auch sagen, wie diese Mitwirkung in den Betrieben aussehen könnte.

Um das Begriffspaar „Freiheit“ und „Verantwortung“ zu erweitern, könnte der neue Bundespräsident ja z.B. vielleicht einen Bildungsrat einberufen, der Vorschläge machen könnte, wie die „Freiheit in Bezogenheit“ auf die junge Generation erweitert werden sollte.

Der „Demokratielehrer“ Gauck hat auch die „Pflicht“, sich damit auseinanderzusetzen, wie die Demokratie sich wieder aus den Zwängen der Finanzwirtschaft und dem Einfluss des Lobbyismus be“freien“ könnte.

Vielleicht könnte ja der neue Bundespräsident seine erste Auslandsreise nicht nach Frankreich oder Polen sondern nach Griechenland unternehmen und den Griechen lehren, wie sie ihre „Freiheit“ und ihre Demokratie gegenüber der Troika aus EU, EZB und IWF wieder zurückgewinnen könnten. Bei dieser Gelegenheit könnte er ja auch noch die Ortschaft Distomo besuchen und der Massaker der SS gedenken. Ein Gedenken, das jenseits seiner Erfahrung einer „56-jährigen Herrschaft der Diktatoren“ auch noch zur Geschichte deutscher Diktaturen gehört.

„Derjenige der gestaltet wie derjenige, der abseits steht – beide haben sie Kinder. Ihnen werden wir dieses Land übergeben. Es ist der Mühe wert, es unseren Kindern so anzuvertrauen, dass auch sie zu diesem Land ‘unser Land’ sagen können“, sagte Joachim Gauck gestern. Da kann man ihm nur zustimmen. Man darf deshalb gespannt sein, was der neue Bundespräsident zur zunehmenden sozialen Spaltung in „unserem Land“ sagen wird, was er angesichts von Umweltzerstörung unseren Kindern für eine Welt hinterlassen möchte.

„Die Praxis der Verantwortung“, der sich Joachim Gauck verpflichtet fühlt, wird auf vielen Feldern des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens erst jetzt vor eine ernsthafte Bewährungsprobe gestellt.

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Schweinderl